Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 14 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Sechzehnte Szene

Agathe. Oh, mein Gott, das will ich nicht hören. Oh Gott, oh Gott, das

Unglück, daß sich unser Herr Graf mit dem Grafen Hechingen befreundet hat.

Meiner Frau Gräfin bleibt wirklich nichts erspart.

Hans Karl (geht nervös ein paar Schritte von ihr weg). Ja, ahnen denn die Frauen so

wenig, was ein Mann ist?! Und wer sie wirklich lieb hat!

Agathe. Oh, nur das nicht. Wir lassen uns ja von Euer Erlaucht alles einreden,

aber das nicht, das ist zu viel!

Hans Karl (auf und ab). Also nicht. Nicht helfen können! Nicht so viel! (Pause.)

Agathe (schüchtern und an ihn herantretend). Oder versuchen Sie's doch. Aber nicht

durch mich: für eine solche Botschaft bin ich zu ungebildet. Da hätte ich nicht

die richtigen Ausdrücke. Und auch nicht brieflich. Das gibt nur

Mißverständnisse. Aber Aug' in Aug': ja, gewiß! Da werden Sie schon was

ausrichten! Was sollen Sie bei meiner Frau Gräfin nicht ausrichten! Nicht

vielleicht beim erstenmal. Aber wiederholt — wenn Sie ihr recht eindringlich ins

Gewissen reden — wie sollte sie Ihnen denn da widerstehen können? (Das Telephon

läutet wieder.)

Hans Karl (geht ans Telephon und spricht hinein). Ja, ich bin es selbst. Hier. Ja, ich bin

am Apparat. Ich bleibe. Graf Bühl. Ja, selbst.

Agathe. Ich küss' die Hand. (Geht schnell ab, durch die Mitteltür.)

Hans Karl (am Telephon). Hechingen, guten Abend! Ja, ich hab's mir überlegt.

Ich habe zugesagt. Ich werde Gelegenheit nehmen. Gewiß. Ja, das hat mich

bewogen, hinzugehen. Gerade auf einer Soiree, da ich nicht Bridge spiele und

deine Frau, wie ich glaube, auch nicht. Kein Anlaß. Auch dazu ist kein Anlaß.

Zu deinem Pessimismus. Zu deinem Pessimismus! Du verstehst nicht? Zu deiner

Traurigkeit ist kein Anlaß. Absolut bekämpfen! Allein? Also die berühmte

Flasche Champagner. Ich bringe bestimmt das Resultat vor Mitternacht.

Übertriebene Hoffnungen natürlich auch nicht. Du weißt, daß ich das Mögliche

versuchen werde. Es entspricht doch auch meiner Empfindung. Es entspricht

meiner Empfindung! Wie? Gestört? Ich habe gesagt: Es entspricht meiner

Empfindung. Empfindung! Eine ganz gleichgültige Phrase! Keine Frage, eine

Phrase! Ich habe eine gleichgültige Phrase gesagt! Welche? Es entspricht meiner

Empfindung. Nein, ich nenne es nur eine gleichgültige Phrase, weil du es so

lange nicht verstanden hast. Ja. Ja. Ja! Adieu. Schluß! (Läutet.) Es gibt Menschen,

mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so ein exzellenter Kerl!

 

S e c h z e h n t e S z e n e

Stani (aufs neue in der Mitteltür). Ist es sehr unbescheiden, Onkel Kari?

Hans Karl. Aber bitte, ich bin zur Verfügung.

Stani (vorne bei ihm). Ich muß dir melden, Onkel Kari, daß ich inzwischen eine

Konversation mit der Mamu gehabt habe und zu einem Resultat gekommen bin.

Hans Karl (sieht ihn an).

Stani. Ich werde mich mit der Helen Altenwyl verloben.

Hans Karl. Du wirst dich ...

Stani. Ja, ich bin entschlossen, die Helen zu heiraten. Nicht heute und nicht

morgen, aber in der allernächsten Zeit. Ich habe alles durchgedacht. Auf der

Stiege von hier bis in den zweiten Stock hinauf. Wie ich zur Mamu in den

zweiten Stock gekommen bin, war alles fix und fertig. Weißt du, die Idee ist mir

plötzlich gekommen, wie ich bemerkt hab', du interessierst dich nicht für die

Helen.

Hans Karl. Aha.

Stani. Begreifst du? Es war so eine Idee von der Mamu. Sie behauptet, man

weiß nie, woran man mit dir ist — am Ende hättest du doch daran gedacht, die

Helen zu nehmen — und du bist doch für die Mamu immer der Familienchef, ihr

Herz ist halt ganz Bühlisch.

Hans Karl (halb abgewandt). Die gute Crescence!

Stani. Aber ich hab' immer widersprochen. Ich verstehe ja jede Nuance von

dir. Ich hab' von jeher gefühlt, daß von einem Interesse für die Helen bei dir

nicht die Idee sein kann.

Hans Karl (dreht sich plötzlich zu ihm um). Und deine Mutter?

Stani. Die Mamu?

Hans Karl. Ja, wie hat sie es aufgefaßt?

Stani. Feuer und Flamme natürlich. Sie hat ein ganz rotes Gesicht bekommen

vor Freude. Wundert dich das, Onkel Kari?

Hans Karl. Nur ein bißl, nur eine Idee — ich hab' immer den Eindruck gehabt,

daß deine Mutter einen bestimmten Gedanken hat in bezug auf die Helen.

Stani. Eine Aversion?

Hans Karl. Gar nicht. Nur eine Ansicht. Eine Vermutung.

Stani. Früher, die früheren Jahre?

Hans Karl. Nein, vor einer halben Stunde.

Stani. In welcher Richtung? Aber die Mamu ist ja so eine Windfahn'! Das

vergißt sie ja im Moment. Vor einem Entschluß von mir, da ist sie sofort auf den

Knien. Da spürt sie den Mann. Sie adoriert das fait accompli.

Hans Karl. Also, du hast dich entschlossen? —

Stani. Ja, ich bin entschlossen.

Hans Karl. So auf eins, zwei!

Stani. Das ist doch genau das, worauf es ankommt. Das imponiert ja den

Frauen so enorm an mir. Dadurch eben behalte ich immer die Führung in der

Hand.

Hans Karl (raucht).

Stani. Siehst du, du hast vielleicht früher auch einmal daran gedacht, die

Helen zu heiraten ...

Hans Karl. Gott, vor Jahren vielleicht. In irgendeinem Moment, wie man an

tausend Sachen denkt.

Stani. Begreifst du? Ich hab' nie daran gedacht! Aber im Augenblick, wo ich

es denke, bring' ich es auch zu Ende. — Du bist verstimmt?

Hans Karl. Ich habe ganz unwillkürlich einen Moment an die Antoinette

denken müssen.

Stani. Aber jede Sache auf der Welt muß doch ihr Ende haben.

Hans Karl. Natürlich. Und das beschäftigt dich gar nicht, ob die Helen frei

ist? Sie scheint doch zum Beispiel diesem Neuhoff Hoffnungen gegeben zu

haben.

Stani. Das ist ja genau mein Kalkul. Über Hoffnungen, die sich der Herr v.

Neuhoff macht, gehe ich einfach hinweg. Und daß für die Helen ein Theophil

Neuhoff überhaupt in Frage kommen kann, das beweist doch gerade, daß eine

ernste Okkupation bei ihr nicht vorhanden ist. Solche Komplikationen statuier

ich nicht. Das sind Launen, oder sagen wir das Wort: Verirrungen.

Hans Karl. Sie ist schwer zu kennen.

Stani. Aber ich kenn' doch ihr Genre. In letzter Linie kann die sich für keinen

Typ von Männern interessieren als für den unsrigen; alles andere ist eine

Verirrung. Du bist so still, hast du dein Kopfweh?

Hans Karl. Aber gar nicht. Ich bewundere deinen Mut.

Stani. Du und Mut und bewundern?

Hans Karl. Das ist eine andere Art von Mut als der im Graben.

Stani. Ja, ich versteh' dich ja so gut, Onkel Kari. Du denkst an die Chancen,

die ich sonst noch im Leben gehabt hätte. Du hast das Gefühl, daß ich mich

vielleicht zu billig weggeb'. Aber siehst du, da bin ich wieder ganz anders: ich

liebe das Vernünftige und Definitive. Du, Onkel Kari, bist au fond, verzeih', daß

ich es heraussage, ein Idealist: deine Gedanken gehen auf das Absolute, auf das

Vollkommene. Das ist ja sehr elegant gedacht, aber unrealisierbar. Au fond bist

du da wie die Mamu; der ist nichts gut genug für mich. Ich habe die Sache durchgedacht, wie sie ist. Die Helen ist ein Jahr jünger wie ich.