Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Sechzehnte Szene
Agathe. Oh, mein Gott, das will ich nicht hören. Oh Gott, oh Gott, das
Unglück, daß sich unser Herr Graf mit dem Grafen Hechingen befreundet hat.
Meiner Frau Gräfin bleibt wirklich nichts erspart.
Hans Karl (geht nervös ein paar Schritte von ihr weg). Ja, ahnen denn die Frauen so
wenig, was ein Mann ist?! Und wer sie wirklich lieb hat!
Agathe. Oh, nur das nicht. Wir lassen uns ja von Euer Erlaucht alles einreden,
aber das nicht, das ist zu viel!
Hans Karl (auf und ab). Also nicht. Nicht helfen können! Nicht so viel! (Pause.)
Agathe (schüchtern und an ihn herantretend). Oder versuchen Sie's doch. Aber nicht
durch mich: für eine solche Botschaft bin ich zu ungebildet. Da hätte ich nicht
die richtigen Ausdrücke. Und auch nicht brieflich. Das gibt nur
Mißverständnisse. Aber Aug' in Aug': ja, gewiß! Da werden Sie schon was
ausrichten! Was sollen Sie bei meiner Frau Gräfin nicht ausrichten! Nicht
vielleicht beim erstenmal. Aber wiederholt — wenn Sie ihr recht eindringlich ins
Gewissen reden — wie sollte sie Ihnen denn da widerstehen können? (Das Telephon
läutet wieder.)
Hans Karl (geht ans Telephon und spricht hinein). Ja, ich bin es selbst. Hier. Ja, ich bin
am Apparat. Ich bleibe. Graf Bühl. Ja, selbst.
Agathe. Ich küss' die Hand. (Geht schnell ab, durch die Mitteltür.)
Hans Karl (am Telephon). Hechingen, guten Abend! Ja, ich hab's mir überlegt.
Ich habe zugesagt. Ich werde Gelegenheit nehmen. Gewiß. Ja, das hat mich
bewogen, hinzugehen. Gerade auf einer Soiree, da ich nicht Bridge spiele und
deine Frau, wie ich glaube, auch nicht. Kein Anlaß. Auch dazu ist kein Anlaß.
Zu deinem Pessimismus. Zu deinem Pessimismus! Du verstehst nicht? Zu deiner
Traurigkeit ist kein Anlaß. Absolut bekämpfen! Allein? Also die berühmte
Flasche Champagner. Ich bringe bestimmt das Resultat vor Mitternacht.
Übertriebene Hoffnungen natürlich auch nicht. Du weißt, daß ich das Mögliche
versuchen werde. Es entspricht doch auch meiner Empfindung. Es entspricht
meiner Empfindung! Wie? Gestört? Ich habe gesagt: Es entspricht meiner
Empfindung. Empfindung! Eine ganz gleichgültige Phrase! Keine Frage, eine
Phrase! Ich habe eine gleichgültige Phrase gesagt! Welche? Es entspricht meiner
Empfindung. Nein, ich nenne es nur eine gleichgültige Phrase, weil du es so
lange nicht verstanden hast. Ja. Ja. Ja! Adieu. Schluß! (Läutet.) Es gibt Menschen,
mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so ein exzellenter Kerl!
S e c h z e h n t e S z e n e
Stani (aufs neue in der Mitteltür). Ist es sehr unbescheiden, Onkel Kari?
Hans Karl. Aber bitte, ich bin zur Verfügung.
Stani (vorne bei ihm). Ich muß dir melden, Onkel Kari, daß ich inzwischen eine
Konversation mit der Mamu gehabt habe und zu einem Resultat gekommen bin.
Hans Karl (sieht ihn an).
Stani. Ich werde mich mit der Helen Altenwyl verloben.
Hans Karl. Du wirst dich ...
Stani. Ja, ich bin entschlossen, die Helen zu heiraten. Nicht heute und nicht
morgen, aber in der allernächsten Zeit. Ich habe alles durchgedacht. Auf der
Stiege von hier bis in den zweiten Stock hinauf. Wie ich zur Mamu in den
zweiten Stock gekommen bin, war alles fix und fertig. Weißt du, die Idee ist mir
plötzlich gekommen, wie ich bemerkt hab', du interessierst dich nicht für die
Helen.
Hans Karl. Aha.
Stani. Begreifst du? Es war so eine Idee von der Mamu. Sie behauptet, man
weiß nie, woran man mit dir ist — am Ende hättest du doch daran gedacht, die
Helen zu nehmen — und du bist doch für die Mamu immer der Familienchef, ihr
Herz ist halt ganz Bühlisch.
Hans Karl (halb abgewandt). Die gute Crescence!
Stani. Aber ich hab' immer widersprochen. Ich verstehe ja jede Nuance von
dir. Ich hab' von jeher gefühlt, daß von einem Interesse für die Helen bei dir
nicht die Idee sein kann.
Hans Karl (dreht sich plötzlich zu ihm um). Und deine Mutter?
Stani. Die Mamu?
Hans Karl. Ja, wie hat sie es aufgefaßt?
Stani. Feuer und Flamme natürlich. Sie hat ein ganz rotes Gesicht bekommen
vor Freude. Wundert dich das, Onkel Kari?
Hans Karl. Nur ein bißl, nur eine Idee — ich hab' immer den Eindruck gehabt,
daß deine Mutter einen bestimmten Gedanken hat in bezug auf die Helen.
Stani. Eine Aversion?
Hans Karl. Gar nicht. Nur eine Ansicht. Eine Vermutung.
Stani. Früher, die früheren Jahre?
Hans Karl. Nein, vor einer halben Stunde.
Stani. In welcher Richtung? Aber die Mamu ist ja so eine Windfahn'! Das
vergißt sie ja im Moment. Vor einem Entschluß von mir, da ist sie sofort auf den
Knien. Da spürt sie den Mann. Sie adoriert das fait accompli.
Hans Karl. Also, du hast dich entschlossen? —
Stani. Ja, ich bin entschlossen.
Hans Karl. So auf eins, zwei!
Stani. Das ist doch genau das, worauf es ankommt. Das imponiert ja den
Frauen so enorm an mir. Dadurch eben behalte ich immer die Führung in der
Hand.
Hans Karl (raucht).
Stani. Siehst du, du hast vielleicht früher auch einmal daran gedacht, die
Helen zu heiraten ...
Hans Karl. Gott, vor Jahren vielleicht. In irgendeinem Moment, wie man an
tausend Sachen denkt.
Stani. Begreifst du? Ich hab' nie daran gedacht! Aber im Augenblick, wo ich
es denke, bring' ich es auch zu Ende. — Du bist verstimmt?
Hans Karl. Ich habe ganz unwillkürlich einen Moment an die Antoinette
denken müssen.
Stani. Aber jede Sache auf der Welt muß doch ihr Ende haben.
Hans Karl. Natürlich. Und das beschäftigt dich gar nicht, ob die Helen frei
ist? Sie scheint doch zum Beispiel diesem Neuhoff Hoffnungen gegeben zu
haben.
Stani. Das ist ja genau mein Kalkul. Über Hoffnungen, die sich der Herr v.
Neuhoff macht, gehe ich einfach hinweg. Und daß für die Helen ein Theophil
Neuhoff überhaupt in Frage kommen kann, das beweist doch gerade, daß eine
ernste Okkupation bei ihr nicht vorhanden ist. Solche Komplikationen statuier
ich nicht. Das sind Launen, oder sagen wir das Wort: Verirrungen.
Hans Karl. Sie ist schwer zu kennen.
Stani. Aber ich kenn' doch ihr Genre. In letzter Linie kann die sich für keinen
Typ von Männern interessieren als für den unsrigen; alles andere ist eine
Verirrung. Du bist so still, hast du dein Kopfweh?
Hans Karl. Aber gar nicht. Ich bewundere deinen Mut.
Stani. Du und Mut und bewundern?
Hans Karl. Das ist eine andere Art von Mut als der im Graben.
Stani. Ja, ich versteh' dich ja so gut, Onkel Kari. Du denkst an die Chancen,
die ich sonst noch im Leben gehabt hätte. Du hast das Gefühl, daß ich mich
vielleicht zu billig weggeb'. Aber siehst du, da bin ich wieder ganz anders: ich
liebe das Vernünftige und Definitive. Du, Onkel Kari, bist au fond, verzeih', daß
ich es heraussage, ein Idealist: deine Gedanken gehen auf das Absolute, auf das
Vollkommene. Das ist ja sehr elegant gedacht, aber unrealisierbar. Au fond bist
du da wie die Mamu; der ist nichts gut genug für mich. Ich habe die Sache durchgedacht, wie sie ist. Die Helen ist ein Jahr jünger wie ich.