Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Zweiter Akt
Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII. Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte.
Altenwyl mit Hans Karl eintretend von rechts. Crescence mit Helene und Neuhoff stehen links im Gespräch.
E r s t e S z e n e
Altenwyl. Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt hoch an, weil
du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen Fragmenten von
Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage in einem Salon noch
geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer nur die paar alten
Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten — die Edine Merenberg ist
ja außerordentlich unzufrieden mit dieser altmodischen Hausführung, aber weder
meine Helen noch ich goutieren das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr
Höchstes ist: wo sie beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert,
ob er an die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir
Bruderschaft getrunken hat.
Crescence. Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben an
meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette Stradonitz mir
zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von dem wir noch nie was
gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.
Altenwyl. Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große Zelebrität und
mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es außerordentlich, in einem Salon
zu sein, wo er keinen Kollegen aus der gelehrten Welt findet, sozusagen als der
einzige Vertreter des Geistes in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein
Haus diese bescheidene Annehmlichkeit bieten kann —
Crescence. Ist er verheiratet?
Altenwyl. Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu Gesicht
zu bekommen.
Crescence. Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n noch ärger.
Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für triviale
Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?
Altenwyl. Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen kennt
sie.
Crescence. Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun Zehntel
von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als Geschwätz.
Neuhoff (zu Helene). Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?
Helene. Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns vor etwas
auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie Konversation; Worte,
die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz beruhigen.
Crescence. Sag, daß du mir recht gibst, Kari!
Hans Karl. Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung darauf,
etwas Gescheites zu sagen.
Altenwyl. In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch mehr
kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem andern das
Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir kommt, mit dem
muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der
Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit
finden. — Heutzutag hat aber keiner, pardon für die Grobheit, den Verstand zum
Konversationmachen und keiner den Verstand, seinen Mund zu halten — ah,
erlaub', daß ich dich mit Baron Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.
Neuhoff. Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.
Crescence (zu Altenwyl). Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie der Edine
sagen — bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen und die
gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios: bedeutende
Menschen — es liegt so eine Präpotenz darin!
Altenwyl. Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer zwei
Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und etwas für ihre
Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.
Helene. Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme Frau,
die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte, aber dabei
immer die falschen erwischt.
Crescence. Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit nicht
mehr Konfusionen anstellt.
Altenwyl. Solche Wesen haben einen Schutzengel.
Edine (tritt dazu durch die Mitteltür). Ich seh', ihr sprechts von mir, sprechts nur
weiter, genierts euch nicht.
Crescence. Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?
Edine. Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner gegeben
haben und nicht mir. (Setzt sich zu Crescence.) Ihr habts keine Idee, wie ich mich für
ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher von die Leut'. Von diesem Brückner hab'
ich erst vor ein paar Wochen ein dickes Buch gelesen.
Neuhoff. Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der
Wissenschaften.
Edine. In Paris?
Neuhoff. Nein, hier in Wien.
Edine. Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.
Crescence. Vielleicht war das ein Druckfehler.
Edine. Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist eine
Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!
Helene. Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.
Neuhoff. Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen, sobald
er pausiert.
Edine. Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit Jahren nach
ihm fahnde.
Neuhoff (geht links ab).
Crescence. Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist ein
ziemlicher —
Edine. Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder Fürstin
und Gräfin — ich hätt' bald was g'sagt.
Crescence. Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine! (Sieht sich nach Hans
Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)
Helene (zu Hans Karl). Sie haben ihn so gern, den Furlani?
Hans Karl. Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.
Helene. Macht er so geschickte Tricks? (Sie setzt sich rechts, Hans Karl neben ihr.)
Crescence (geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich links gesetzt.)
Hans Karl. Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!
Helene. Also ein Wurstel?
Hans Karl. Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert auch nie. Er
spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der allen helfen möchte und dabei
alles in die größte Konfusion bringt. Er macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie
kugelt sich vor Lachen, und dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man
merkt, daß er sich selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt
alles durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter und
drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«
Edine (zu Altenwyl). Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr Halt! Das geht
der Antoinette zum Beispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer: sie soll ihren Geist
kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.
Altenwyl. Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die
Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik gegeben;
man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.
Edine. Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders
hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch
wohintransportiert werden!
Hans Karl (zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend). Sehen Sie, Helen, alle diese
Sachen sind ja schwer: die Tricks von den Equilibristen und Jongleurs und alles
— zu allem gehört ja ein fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich
glaub' mehr Geist, als zu den meisten Konversationen. —
Helene. Ah, das schon sicher.
Hans Karl. Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine ganze
Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von einer Absicht
leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie atmen kaum, bis sie ihre
Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr Trick. Er aber tut scheinbar nichts
mit Absicht — er geht immer nur auf die Absicht der andern ein. Er möchte alles
mittun, was die andern tun, soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von
jedem einzelnen Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen
Blumentopf auf der Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus
Höflichkeit.
Helene. Aber er wirft ihn hinunter?
Hans Karl. Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn hinunter
aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so schön balancieren
kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät, müßt's von selber gehen.
Helene (vor sich). Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus und fällt
hinunter.
Altenwyl (zu Edine). Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte, auch
zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der Unterhaltung!
Edine. Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine schöne
Art, ein Versteckenspielen —
Altenwyl. Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce mehr wert
ist als der Braten — da herrscht ja eine Direktheit!
Edine. Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu wenig
kultivieren! (Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich nach links.)
Hans Karl (zu Helene). Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem die
geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter Nonchalance
— aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das Doppelte wie zu den
andern ihrer Anspannung.
Helene. Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find' auch
alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl vulgär.