Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 17 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Zweiter Akt

 

 

Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII. Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte.

Altenwyl mit Hans Karl eintretend von rechts. Crescence mit Helene und Neuhoff stehen links im Gespräch.

 

E r s t e S z e n e

 

Altenwyl. Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt hoch an, weil

du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen Fragmenten von

Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage in einem Salon noch

geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer nur die paar alten

Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten — die Edine Merenberg ist

ja außerordentlich unzufrieden mit dieser altmodischen Hausführung, aber weder

meine Helen noch ich goutieren das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr

Höchstes ist: wo sie beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert,

ob er an die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir

Bruderschaft getrunken hat.

Crescence. Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben an

meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette Stradonitz mir

zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von dem wir noch nie was

gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.

Altenwyl. Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große Zelebrität und

mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es außerordentlich, in einem Salon

zu sein, wo er keinen Kollegen aus der gelehrten Welt findet, sozusagen als der

einzige Vertreter des Geistes in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein

Haus diese bescheidene Annehmlichkeit bieten kann —

Crescence. Ist er verheiratet?

Altenwyl. Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu Gesicht

zu bekommen.

Crescence. Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n noch ärger.

Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für triviale

Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?

Altenwyl. Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen kennt

sie.

Crescence. Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun Zehntel

von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als Geschwätz.

Neuhoff (zu Helene). Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?

Helene. Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns vor etwas

auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie Konversation; Worte,

die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz beruhigen.

Crescence. Sag, daß du mir recht gibst, Kari!

Hans Karl. Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung darauf,

etwas Gescheites zu sagen.

Altenwyl. In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch mehr

kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem andern das

Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir kommt, mit dem

muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der

Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit

finden. — Heutzutag hat aber keiner, pardon für die Grobheit, den Verstand zum

Konversationmachen und keiner den Verstand, seinen Mund zu halten — ah,

erlaub', daß ich dich mit Baron Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.

Neuhoff. Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.

Crescence (zu Altenwyl). Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie der Edine

sagen — bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen und die

gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios: bedeutende

Menschen — es liegt so eine Präpotenz darin!

Altenwyl. Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer zwei

Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und etwas für ihre

Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.

Helene. Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme Frau,

die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte, aber dabei

immer die falschen erwischt.

Crescence. Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit nicht

mehr Konfusionen anstellt.

Altenwyl. Solche Wesen haben einen Schutzengel.

Edine (tritt dazu durch die Mitteltür). Ich seh', ihr sprechts von mir, sprechts nur

weiter, genierts euch nicht.

Crescence. Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?

Edine. Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner gegeben

haben und nicht mir. (Setzt sich zu Crescence.) Ihr habts keine Idee, wie ich mich für

ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher von die Leut'. Von diesem Brückner hab'

ich erst vor ein paar Wochen ein dickes Buch gelesen.

Neuhoff. Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der

Wissenschaften.

Edine. In Paris?

Neuhoff. Nein, hier in Wien.

Edine. Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.

Crescence. Vielleicht war das ein Druckfehler.

Edine. Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist eine

Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!

Helene. Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.

Neuhoff. Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen, sobald

er pausiert.

Edine. Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit Jahren nach

ihm fahnde.

Neuhoff (geht links ab).

Crescence. Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist ein

ziemlicher —

Edine. Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder Fürstin

und Gräfin — ich hätt' bald was g'sagt.

Crescence. Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine! (Sieht sich nach Hans

Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)

Helene (zu Hans Karl). Sie haben ihn so gern, den Furlani?

Hans Karl. Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.

Helene. Macht er so geschickte Tricks? (Sie setzt sich rechts, Hans Karl neben ihr.)

Crescence (geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich links gesetzt.)

Hans Karl. Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!

Helene. Also ein Wurstel?

Hans Karl. Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert auch nie. Er

spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der allen helfen möchte und dabei

alles in die größte Konfusion bringt. Er macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie

kugelt sich vor Lachen, und dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man

merkt, daß er sich selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt

alles durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter und

drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«

Edine (zu Altenwyl). Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr Halt! Das geht

der Antoinette zum Beispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer: sie soll ihren Geist

kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.

Altenwyl. Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die

Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik gegeben;

man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.

Edine. Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders

hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch

wohintransportiert werden!

Hans Karl (zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend). Sehen Sie, Helen, alle diese

Sachen sind ja schwer: die Tricks von den Equilibristen und Jongleurs und alles

— zu allem gehört ja ein fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich

glaub' mehr Geist, als zu den meisten Konversationen. —

Helene. Ah, das schon sicher.

Hans Karl. Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine ganze

Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von einer Absicht

leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie atmen kaum, bis sie ihre

Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr Trick. Er aber tut scheinbar nichts

mit Absicht — er geht immer nur auf die Absicht der andern ein. Er möchte alles

mittun, was die andern tun, soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von

jedem einzelnen Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen

Blumentopf auf der Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus

Höflichkeit.

Helene. Aber er wirft ihn hinunter?

Hans Karl. Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn hinunter

aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so schön balancieren

kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät, müßt's von selber gehen.

Helene (vor sich). Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus und fällt

hinunter.

Altenwyl (zu Edine). Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte, auch

zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der Unterhaltung!

Edine. Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine schöne

Art, ein Versteckenspielen —

Altenwyl. Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce mehr wert

ist als der Braten — da herrscht ja eine Direktheit!

Edine. Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu wenig

kultivieren! (Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich nach links.)

Hans Karl (zu Helene). Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem die

geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter Nonchalance

— aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das Doppelte wie zu den

andern ihrer Anspannung.

Helene. Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find' auch

alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl vulgär.