Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 31 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Sechste Szene

Antoinette (dem Weinen nah). Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut, aber meine

Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.

Hechingen. Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese Augenblicke für

mich unendlich kostbar sind.

Antoinette. Bitte, hab' die Güte — (sie taumelt).

Hechingen. Ich versteh'. Ein Auto?

Antoinette. Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.

Hechingen. Sofort. (Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem Mantel. Indem er ihr

hilft.) Ist das alles, was ich für dich tun kann?

Antoinette. Ja, alles.

Kammerdiener (an der Glastür, meldet). Das Auto für die Frau Gräfin.

Antoinette (geht sehr schnell ab).

Hechingen (will ihr nach, hält sich).

 

S e c h s t e S z e n e

 

Stani (von rückwärts aus dem Wintergarten. Er scheint jemand zu suchen). Ah, du bist's, hast

du meine Mutter nicht gesehen?

Hechingen. Nein, ich war nicht in den Salons. Ich hab' soeben meine Frau an

ihr Auto begleitet. Es war eine Situation ohne Beispiel.

Stani (mit seiner eigenen Sache beschäftigt). Ich begreif' nicht. Die Mamu bestellt mich

zuerst in den Wintergarten, dann läßt sie mir sagen, hier an der Stiege auf sie zu

warten —

Hechingen. Ich muß mich jetzt unbedingt mit dem Kari aussprechen.

Stani. Da mußt du halt fortgehen und ihn suchen.

Hechingen. Mein Instinkt sagt mir, er ist nur fortgegangen, um mich im Klub

aufzusuchen und wird wiederkommen. (Geht nach oben.)

Stani. Ja, wenn man so einen Instinkt hat, der einem alles sagt! Ah, da ist ja

die Mamu!

 

S i e b e n t e S z e n e

 

Crescence (kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus). Ich komm' über die

Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als Mißverständnisse. Zuerst sagt er

mir, du bittest mich, in den Wintergarten zu kommen, dann sagt er in der Galerie

—

Stani. Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt nicht

herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es nicht wegen

ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine Dusche zu nehmen und

mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber eine schiefe Situation, das ist mir

etwas so Odioses, das zerrt direkt an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten,

mich doch jetzt au courant zu setzen.

Crescence. Ja, ich begreif' doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat weggehen

können, ohne mir auch nur einen Wink zu geben. Das ist eine von seinen

Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.

Stani. Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur in großen

Linien zu sagen, was vorgefallen ist.

Crescence. Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst hat

der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch geführt —

Stani. Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war eben zu

kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen!

Crescence. Was soll ich ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt an mir

vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der Onkel Kari mit der

Helen —

Stani. Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem

Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari —

Crescence. Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an die

Tür — die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft weg, ganz

verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und zitier' dich her!

Stani. Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir aufzuklären, was denn

hier vorgegangen ist!

Crescence. Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find' ihn

nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich gespielt hab'.

Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel' Karo, dazwischen bet' ich

die ganze Zeit zu die vierzehn Nothelfer. Gleich darauf mach' ich Renonce in

Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht!

Ich geh' durch die finstern Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin

weinen. Ich klopf' an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich

schleich' mich wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir

schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wär. —

Stani. Ich versteh' alles.

Crescence. Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.

Stani. Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.