Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 30 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Fünfte Szene

Antoinette (steht auf). Oho! Ich mag nicht! Ich mag nicht! Denn das, was da aus

Ihren Augen hervorwill und mich in seine Gewalt kriegen will, aber nur will! —

kann sein, daß das sehr männlich ist — aber ich mag's nicht. Und wenn das Euer

Bestes ist, so hat jede einzelne von uns, und wäre sie die Gewöhnlichste, etwas

in sich, das besser ist als Euer Bestes, und das gefeit ist gegen Euer Bestes durch

ein bisserl eine Angst. Aber keine solche Angst, die einen schwindlig macht,

sondern eine ganz nüchterne, ganz prosaische. (Sie geht gegen die Treppe, bleibt noch

einmal stehen.) Verstehen Sie mich? Bin ich ganz deutlich? Ich fürcht' mich vor

Ihnen, aber nicht genug, das ist Ihr Pech. Adieu, Baron Neuhoff. (Neuhoff ist schnell

nach dem Wintergarten abgegangen.)

 

F ü n f t e S z e n e

 

Hechingen (tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe herunter).

Antoinette (ist betroffen und tritt zurück).

Hechingen. Toinette!

Antoinette (unwillkürlich). Auch das noch!

Hechingen. Wie sagst du?

Antoinette. Ich bin überrascht — das mußt du doch begreifen.

Hechingen. Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke meiner

Chance, ich danke diesem Augenblick!

Antoinette. Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist anders, ich

weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?

Hechingen. Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange nicht

angeschaut haben?

Antoinette. Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.

Hechingen. Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. (Er ist ihr näher gekommen.)

Antoinette (tritt zurück).

Hechingen. Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert hat, wenn

ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.

Antoinette. Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für wen?

Hechingen. Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze Frau,

die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!

Antoinette. Ah, von mir ist die Rede!

Hechingen. Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen wie du

bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine Gedanken, wie ich

da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist unser beider Schicksal. Setz dich zu

mir! (Er hat sich gesetzt, streckt die Hand nach ihr aus.)

Antoinette. Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so alte

Bekannte ist.

Hechingen (ist wieder aufgestanden). Ich hab' dich nicht gekannt. Ich hab' erst

andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein andrer, ein

Verwandelter.

Antoinette. Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir das

angewöhnt?

Hechingen. Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst, Toinette, so wie

er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes wünscht, nichts anderes

träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu kennen.

Antoinette. Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn ich eine

Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.

Hechingen. Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt! (Will ihre

Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)

Antoinette. Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein altes Ehepaar

hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch nicht, das ist ja zum

Schwindligwerden.

Hechingen. Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts von

unserer Situation.

Antoinette. Aber das ist doch eine gegebene Situation.

Hechingen. Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und ich, und

alles fängt wieder vom Frischen an.

Antoinette. Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.

Hechingen. Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.

Antoinette. Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem alten

Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich hab' ein bissel

Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren wollen, bevor ich gewußt hab',

daß ich dich — ich hab' doch nicht wissen können!

Hechingen. Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor dich

hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer enflammierter

Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das verwirrt dich, das

macht dich taumeln. (Will ihre Hand nehmen.)

Antoinette. Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz

nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor und ich

mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.

Hechingen. Oh, Antoinette!

Antoinette. Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen, so

sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins! Sag's ganz in

deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.

Hechingen (betrübt und ernüchtert, schweigt).

Antoinette. So sag doch, was du mir hast sagen wollen.

Hechingen. Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich einerseits

zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte mich der Hoffnung

hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen haben würde, dir von

mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich zu sprechen. Ich habe mir

zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine improvisierte Aussprache zwischen uns

möglicherweise eine veränderte Situation schon vorfindet oder wenigstens

schaffen würde können. — Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir

die Gelegenheit, dir von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht

gewährt hast — ich fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette — langweil'

ich dich sehr?

Antoinette. Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch was

sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.

Hechingen. Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur mich, nur

mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit auferlegt, deren

Dauer du zu bestimmen hast.

Antoinette. Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?

Hechingen. Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette —

Antoinette. Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? (Sie greift sich an die Schläfe.)

Hechingen. — so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer und

immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen Standpunkt zu

stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines Scharmes und deiner Freiheit

sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen entgegenwirft, so werde ich

triumphierend auf das vor wenigen Minuten hier Erlebte verweisen, auf den

sprechenden Beweis, wie sehr es dir gegeben ist, die Männer, die dich begehren

und bedrängen, in ihren Schranken zu halten.

Antoinette (nervös). Was denn?

Hechingen. Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des XVIII.

Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes daran zu

erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern die Nuance. Ich

lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.