Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 32 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Achte Szene

Crescence. Ja, wie sieht er denn das?

Stani. Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen

Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß

ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total

ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen

Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen

Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz

brechen sollte.

Crescence. Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!

Stani. Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich

sofort aus dem Staub gemacht.

Crescence. Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was

sagst du denn da?

Stani. Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein

Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was

man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.

Crescence. Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine Haltung, aber

deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!

Stani. Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.

Crescence. Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe

Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und

dreiviertel zehn passiert ist.

Stani. Ich bitt' inständig —

Crescence. Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich ihn wollt

einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber

anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem

Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte.

Also tu' er mir den Gefallen und bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus,

er sieht doch, wie ich agitiert bin. (Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)

 

A c h t e S z e n e

 

Helene (ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel wie zum Fortgehen. Sie wartet,

bis Crescence und Stani sie nicht mehr sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar

geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat Karl gesehen, bevor er sie erblickt

hat. Ihr Gesicht verändert sich in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den

Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt sie Karl entgegen.)

Hans Karl (betroffen). Helen, Sie sind noch hier?

Helene (hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung und in einem leichten, fast

überlegenen Ton). Ich bin hier zu Haus.

Hans Karl. Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!

Helene. Ja, es ist etwas geschehen.

Hans Karl. Wann, so plötzlich?

Helene. Vor einer Stunde, glaub' ich.

Hans Karl (unsicher). Etwas Unangenehmes?

Helene. Wie?

Hans Karl. Etwas Aufregendes?

Helene. Ah ja, das schon.

Hans Karl. Etwas Irreparables?

Helene. Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.

Hans Karl. Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.

Helene. Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.

Hans Karl. Ausgehen?

Helene. Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber zuerst

werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist keine ganz

gewöhnliche Manier.

Hans Karl (zögernd). Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn man

mich so direkt was fragt.

Helene. Ja, ich frag' Sie direkt.

Hans Karl. Ich kann's gar nicht leicht explizieren.

Helene. Wir können uns setzen. (Sie setzen sich.)

Hans Karl. Ich hab' früher in unserer Konversation — da oben, in dem kleinen

Salon —

Helene. Ah, da oben in dem kleinen Salon.

Hans Karl (unsicher durch ihren Ton). Ja, freilich, in dem kleinen Salon. Ich hab' da

einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.

Helene. Ah?

Hans Karl. Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.

Helene. Etwas Vergangenes?

Hans Karl. Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir

vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital. Rein

persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge, die absolut

nicht dazu gehört haben.

Helene. Ja, ich versteh' Sie. Und?

Hans Karl. Da hab' ich Unrecht getan.

Helene. Inwiefern?

Hans Karl. Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen

vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das

Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht,

einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine Gedanken darüber sind mir

ganz klar.

Helene. Das hoff' ich.

Hans Karl. Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung, sobald

ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so wenig in der Hand

hab' — und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre volle Freiheit, pardon, das

Wort ist mir ganz ungeschickt über die Lippen gekommen — um Ihnen Ihre

volle Unbefangenheit zurückzugeben.

Helene. Meine Unbefangenheit — mir wiedergeben?

Hans Karl (unsicher, will aufstehen).

Helene (bleibt sitzen). Also das haben Sie mir sagen wollen — über Ihr Fortgehen

früher?

Hans Karl. Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein

Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

Helene. Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen, warum Sie

wiedergekommen sind.

Hans Karl. Sie mir?

Helene (mit einem vollen Blick auf ihn). Sie sind wiedergekommen, weil ... ja! es gibt

das! gelobt sei Gott im Himmel! (Sie lacht.) Aber es ist vielleicht schade, daß Sie

wiedergekommen sind. Denn hier ist vielleicht nicht der rechte Ort, das zu

sagen, was gesagt werden muß — vielleicht hätte das — aber jetzt muß es halt

hier gesagt werden.

Hans Karl. Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es heraus!

Helene. Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie fortgetrieben hat, und

was Sie wieder zurückgebracht hat.

Hans Karl. Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

Helene. Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie hier

hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem eigenen Selbst

— sind Sie bös?

Hans Karl. Vor meinem Selbst?

Helene. Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem, der führt

einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher zurückgeführt.

Hans Karl. Ich versteh' Sie nicht, Helen!

Helene (ohne ihn anzusehen). Hart sind nicht solche Abschiede für Sie, aber hart ist

manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit sich allein sind.

Hans Karl. Sie wissen das alles?

Helene. Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt und hätte

für Sie das Unmögliche getan.

Hans Karl. Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

Helene. Ich wär' Ihnen nachgegangen.

Hans Karl. Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

Helene. Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch meinen

Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

Hans Karl. Sie wären mir — ? Ja, wohin?

Helene. Ins Kasino oder anderswo — was weiß ich, bis ich Sie halt gefunden

hätte.

Hans Karl. Sie wären mir, Helen — ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu

denken, ob — ?

Helene. Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach — Ich

will, daß du mich —

Hans Karl (mit unsicherer Stimme). Sie, du, du willst? (Für sich.) Da sind wieder diese

unmöglichen Tränen! (Zu ihr.) Ich hör' Sie schlecht. Sie sprechen so leise.

Helene. Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen — aber die helfen

mir sogar eher, um das zu sagen —

Hans Karl. Du — Sie haben etwas gesagt?

Helene. Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht, wie du

allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt —

Hans Karl. Jetzt?

Helene. Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben kannst —

aber ich bin in dich verliebt, und ich will — aber das ist doch eine Enormität,

daß Sie mich das sagen lassen!

Hans Karl (zitternd). Sie wollen von mir —

Helene (mit keinem festeren Ton als er). Von deinem Leben, von deiner Seele, von

allem — meinen Teil! (Eine kleine Pause.)

Hans Karl. Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der maßlosesten

Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie irren sich in bezug

auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

Helene. Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

Hans Karl. Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

Helene (schüttelt den Kopf).

Hans Karl. Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem

Gewissen hat.

Helene (lächelnd). Ja, das scheint.

Hans Karl. Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

Helene. Die Liebe ist nicht süßlich.

Hans Karl. Ich bin ein maßloser Egoist.

Helene. Ja? Ich glaub nicht.

Hans Karl. Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

Helene. Ja, Sie können — wie sagt man das? — verführt werden und

verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich lassen.

Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch beide.

Hans Karl. Wie?

Helene. Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das — oder das — sondern von

einem Wesen: alles — für immer! Es hätte eine die Kraft haben müssen, Sie zu

zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr begehrt hätten. Bei der wären

Sie dann geblieben.

Hans Karl. Wie du mich kennst!

Helene. Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig, und du

hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft für keine: das

war mein Trost.

Hans Karl. Wie du alles weißt!

Helene. Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

Hans Karl. Da muß ich mich ja vor dir schämen.

Helene. Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins

lebendige Fleisch.

Hans Karl. Alles hast du gewußt und ertragen —

Helene. Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche Frau von dir

wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

Hans Karl. Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie die andern

Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

Helene. Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für dich hab'.

Dazu wird eine lange Zeit nötig sein — wenn du mir die geben kannst.

Hans Karl. Wie du das sagst!

Helene. Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder. Komm

morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der Papa soll's

schnell wissen. — Der Papa soll's wissen — der schon! Oder nicht, wie?

Hans Karl (verlegen). Es ist das — mein guter Freund Poldo Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch — den er mir oktroyieren will: er