Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Achte Szene
Crescence. Ja, wie sieht er denn das?
Stani. Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen
Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß
ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total
ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen
Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen
Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz
brechen sollte.
Crescence. Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!
Stani. Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich
sofort aus dem Staub gemacht.
Crescence. Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was
sagst du denn da?
Stani. Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein
Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was
man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.
Crescence. Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine Haltung, aber
deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!
Stani. Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.
Crescence. Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe
Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und
dreiviertel zehn passiert ist.
Stani. Ich bitt' inständig —
Crescence. Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich ihn wollt
einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber
anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem
Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte.
Also tu' er mir den Gefallen und bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus,
er sieht doch, wie ich agitiert bin. (Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)
A c h t e S z e n e
Helene (ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel wie zum Fortgehen. Sie wartet,
bis Crescence und Stani sie nicht mehr sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar
geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat Karl gesehen, bevor er sie erblickt
hat. Ihr Gesicht verändert sich in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den
Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt sie Karl entgegen.)
Hans Karl (betroffen). Helen, Sie sind noch hier?
Helene (hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung und in einem leichten, fast
überlegenen Ton). Ich bin hier zu Haus.
Hans Karl. Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!
Helene. Ja, es ist etwas geschehen.
Hans Karl. Wann, so plötzlich?
Helene. Vor einer Stunde, glaub' ich.
Hans Karl (unsicher). Etwas Unangenehmes?
Helene. Wie?
Hans Karl. Etwas Aufregendes?
Helene. Ah ja, das schon.
Hans Karl. Etwas Irreparables?
Helene. Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.
Hans Karl. Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.
Helene. Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.
Hans Karl. Ausgehen?
Helene. Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber zuerst
werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist keine ganz
gewöhnliche Manier.
Hans Karl (zögernd). Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn man
mich so direkt was fragt.
Helene. Ja, ich frag' Sie direkt.
Hans Karl. Ich kann's gar nicht leicht explizieren.
Helene. Wir können uns setzen. (Sie setzen sich.)
Hans Karl. Ich hab' früher in unserer Konversation — da oben, in dem kleinen
Salon —
Helene. Ah, da oben in dem kleinen Salon.
Hans Karl (unsicher durch ihren Ton). Ja, freilich, in dem kleinen Salon. Ich hab' da
einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.
Helene. Ah?
Hans Karl. Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.
Helene. Etwas Vergangenes?
Hans Karl. Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir
vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital. Rein
persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge, die absolut
nicht dazu gehört haben.
Helene. Ja, ich versteh' Sie. Und?
Hans Karl. Da hab' ich Unrecht getan.
Helene. Inwiefern?
Hans Karl. Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen
vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das
Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht,
einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine Gedanken darüber sind mir
ganz klar.
Helene. Das hoff' ich.
Hans Karl. Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung, sobald
ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so wenig in der Hand
hab' — und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre volle Freiheit, pardon, das
Wort ist mir ganz ungeschickt über die Lippen gekommen — um Ihnen Ihre
volle Unbefangenheit zurückzugeben.
Helene. Meine Unbefangenheit — mir wiedergeben?
Hans Karl (unsicher, will aufstehen).
Helene (bleibt sitzen). Also das haben Sie mir sagen wollen — über Ihr Fortgehen
früher?
Hans Karl. Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein
Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.
Helene. Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen, warum Sie
wiedergekommen sind.
Hans Karl. Sie mir?
Helene (mit einem vollen Blick auf ihn). Sie sind wiedergekommen, weil ... ja! es gibt
das! gelobt sei Gott im Himmel! (Sie lacht.) Aber es ist vielleicht schade, daß Sie
wiedergekommen sind. Denn hier ist vielleicht nicht der rechte Ort, das zu
sagen, was gesagt werden muß — vielleicht hätte das — aber jetzt muß es halt
hier gesagt werden.
Hans Karl. Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es heraus!
Helene. Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie fortgetrieben hat, und
was Sie wieder zurückgebracht hat.
Hans Karl. Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.
Helene. Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie hier
hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem eigenen Selbst
— sind Sie bös?
Hans Karl. Vor meinem Selbst?
Helene. Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem, der führt
einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher zurückgeführt.
Hans Karl. Ich versteh' Sie nicht, Helen!
Helene (ohne ihn anzusehen). Hart sind nicht solche Abschiede für Sie, aber hart ist
manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit sich allein sind.
Hans Karl. Sie wissen das alles?
Helene. Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt und hätte
für Sie das Unmögliche getan.
Hans Karl. Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?
Helene. Ich wär' Ihnen nachgegangen.
Hans Karl. Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?
Helene. Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch meinen
Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.
Hans Karl. Sie wären mir — ? Ja, wohin?
Helene. Ins Kasino oder anderswo — was weiß ich, bis ich Sie halt gefunden
hätte.
Hans Karl. Sie wären mir, Helen — ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu
denken, ob — ?
Helene. Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach — Ich
will, daß du mich —
Hans Karl (mit unsicherer Stimme). Sie, du, du willst? (Für sich.) Da sind wieder diese
unmöglichen Tränen! (Zu ihr.) Ich hör' Sie schlecht. Sie sprechen so leise.
Helene. Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen — aber die helfen
mir sogar eher, um das zu sagen —
Hans Karl. Du — Sie haben etwas gesagt?
Helene. Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht, wie du
allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt —
Hans Karl. Jetzt?
Helene. Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben kannst —
aber ich bin in dich verliebt, und ich will — aber das ist doch eine Enormität,
daß Sie mich das sagen lassen!
Hans Karl (zitternd). Sie wollen von mir —
Helene (mit keinem festeren Ton als er). Von deinem Leben, von deiner Seele, von
allem — meinen Teil! (Eine kleine Pause.)
Hans Karl. Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der maßlosesten
Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie irren sich in bezug
auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.
Helene. Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.
Hans Karl. Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.
Helene (schüttelt den Kopf).
Hans Karl. Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem
Gewissen hat.
Helene (lächelnd). Ja, das scheint.
Hans Karl. Ich hab' so vielen Frauen weh getan.
Helene. Die Liebe ist nicht süßlich.
Hans Karl. Ich bin ein maßloser Egoist.
Helene. Ja? Ich glaub nicht.
Hans Karl. Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.
Helene. Ja, Sie können — wie sagt man das? — verführt werden und
verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich lassen.
Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch beide.
Hans Karl. Wie?
Helene. Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das — oder das — sondern von
einem Wesen: alles — für immer! Es hätte eine die Kraft haben müssen, Sie zu
zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr begehrt hätten. Bei der wären
Sie dann geblieben.
Hans Karl. Wie du mich kennst!
Helene. Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig, und du
hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft für keine: das
war mein Trost.
Hans Karl. Wie du alles weißt!
Helene. Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.
Hans Karl. Da muß ich mich ja vor dir schämen.
Helene. Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins
lebendige Fleisch.
Hans Karl. Alles hast du gewußt und ertragen —
Helene. Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche Frau von dir
wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.
Hans Karl. Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie die andern
Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.
Helene. Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für dich hab'.
Dazu wird eine lange Zeit nötig sein — wenn du mir die geben kannst.
Hans Karl. Wie du das sagst!
Helene. Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder. Komm
morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der Papa soll's
schnell wissen. — Der Papa soll's wissen — der schon! Oder nicht, wie?
Hans Karl (verlegen). Es ist das — mein guter Freund Poldo Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch — den er mir oktroyieren will: er