Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 18 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Zweite Szene

Hans Karl. Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese

Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.

Helene (mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen). Oh, Gräfin Helene! Sie sagen

»Gräfin Helene« zu mir?

Huberta (erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene mit einem kurzen, aber

indiskreten Blick).

Hans Karl (ohne Huberta zu bemerken). Nein, im Ernst, ich muß Sie um fünf

Minuten Konversation bitten — dann später, irgendwann — wir spielen ja beide

nicht.

Helene (etwas unruhig, aber sehr beherrscht). Sie machen mir Angst. Was können Sie

mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.

Hans Karl. Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!

Huberta (ist verschwunden).

Helene (nach einer kleinen Pause) . Wann Sie wollen, aber später. Ich seh' die

Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen. (Steht auf.)

Hans Karl. Sie sind so delizios artig. (Ist auch aufgestanden.)

Helene. Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen guten

Abend sagen. (Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch stehen.) Ich bin nicht artig: ich

spür' nur, was in den Leuten vorgeht, und das belästigt mich — und da reagier'

ich dagegen mit égards, die ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine

Art von Nervosität, mir die Leut' vom Hals zu halten. (Sie geht.)

Hans Karl (geht langsam ihr nach).

 

Z w e i t e S z e n e

 

Neuhoff (und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links erschienen).

Der berühmte Mann (in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür rechts blickend). Dort

in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die Dame, um deren Namen ich Sie

fragen wollte.

Neuhoff. Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.

Der berühmte Mann. Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in Schwarz.

Neuhoff. Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder darf ich

—

Der berühmte Mann. Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber wir

wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten —

Neuhoff (mit kaum merklicher Ironie). Ganz wie Sie befehlen.

Der berühmte Mann. Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung, meinen Rang

in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft klarzulegen — so würde

ich mich dann sofort nachher durch den Grafen Altenwyl ihr vorstellen lassen.

Neuhoff. Aber mit dem größten Vergnügen.

Der berühmte Mann. Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges nicht

darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der richtigen Weise

gekannt und aufgenommen zu werden.

Neuhoff. Ohne jeden Zweifel. Hier kommt die Gräfin Merenberg, die sich

besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich —

Edine (kommt). Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges bitte ich nicht

mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu präsentieren.

Der berühmte Mann (verneigt sich). Ich bin sehr glücklich, Frau Gräfin.

Edine. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß

ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre. Ich bin jedesmal

hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser immensen Bildung und

diesem schönen Prosastil.

Der berühmte Mann. Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine

leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein Publikum von

Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher Verinnerlichung

voraus.

Edine. Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher lesen,

damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich früh und spät der

Toinette Hechingen.

Der berühmte Mann. Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den Vorzug

gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?

Edine. Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller

Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft man

da heraus —

Der berühmte Mann (eisig). Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem viel

geredet wird.

Edine. Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das müßte

jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.

Der berühmte Mann. Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine

zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.

Edine. Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das

Grandioseste —

Der berühmte Mann. Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst ist das Buch

allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich entschließen, den

Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.

Edine. Wie? Sie sind nicht der Verfasser?

Der berühmte Mann. Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation ist

mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale

Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.

Edine. Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so ähnliche

Namen haben.

Der berühmte Mann. Das ist allerdings bedauerlich, besonders für mich. Herr

Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er ist Philologe, ich würde

sagen, Salonphilologe, oder noch besser: philologischer Feuilletonist.

Edine. Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe. Aber

ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr Professor.

Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt hab' ich gerad' ein sehr

interessantes Buch über den »Semipelagianismus« und eins über die »Seele des

Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich einmal in der Heugasse besuchen —

Der berühmte Mann (kühl). Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin. Allerdings

bin ich sehr in Anspruch genommen.

Edine (wollte gehen, bleibt nochmals stehen). Aber das tut mir ewig leid, daß Sie nicht

der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine Frage nicht vorlegen! Und

ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der Einzige sind, der sie so

beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung fände.

Neuhoff. Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?

Edine. Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der

andere Herr. (Zu Neuhoff.) Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer viel an der

Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.

Der berühmte Mann. Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?

Edine (sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann schnell). Wie stellen Sie sich

das Nirwana vor?

Der berühmte Mann. Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten,

dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein. (Eine kleine Pause.)

Edine. Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf Wiedersehen,

Herr Professor. (Ab.)

Der berühmte Mann (sichtlich verstimmt). Hm. —

Neuhoff. Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.

Der berühmte Mann (kalt). Es ist nicht das erstemal, daß ich im Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit davon, zu glauben, daß

dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf dergleichen hinarbeitet. Sie können

kaum ermessen, welche peinliche Erinnerung eine groteske und schiefe

Situation, wie die, in der wir uns soeben befunden haben, in meinem Innern

hinterläßt. Das erbärmliche Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer

bübischen Presse begleitet, auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu

sehen — sich mit dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen

Schweigen der Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte —

Neuhoff. Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis in die

kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in seinem Besten,

früh und spät — das ist das Schicksal —

Der berühmte Mann. In seinem Besten.

Neuhoff. Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt —

Der berühmte Mann. Sein Lebenswerk mit einem journalistischen —

Neuhoff. Das ist das Schicksal —

Der berühmte Mann. Die in einer bübischen Presse —

Neuhoff. — des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen

Menschheit ausliefert, den Frauen, die im Grunde zwischen einer leeren Larve

und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!

Der berühmte Mann. Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den

Salon zu begegnen —

Neuhoff. Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges — Nichts,

was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur entfernt an Sie

heran.

Der berühmte Mann. Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und

allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich habe die

Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das geistige Leben

anlangt.

Neuhoff. Geist und diese Menschen! Das Leben — und diese Menschen! Alle

diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in Wirklichkeit gar nicht

mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten. Niemand, der sich in diesen Salons

bewegt, gehört zu der wirklichen Welt, in der die geistigen Krisen des

Jahrhunderts sich entscheiden. Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie

die Figur dort im nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend

in der Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität — von Frauen und Mädchen

umlagert — Kari Bühl.

Der berühmte Mann. Ist das Graf Bühl?