Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Zweite Szene
Hans Karl. Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese
Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.
Helene (mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen). Oh, Gräfin Helene! Sie sagen
»Gräfin Helene« zu mir?
Huberta (erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene mit einem kurzen, aber
indiskreten Blick).
Hans Karl (ohne Huberta zu bemerken). Nein, im Ernst, ich muß Sie um fünf
Minuten Konversation bitten — dann später, irgendwann — wir spielen ja beide
nicht.
Helene (etwas unruhig, aber sehr beherrscht). Sie machen mir Angst. Was können Sie
mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.
Hans Karl. Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!
Huberta (ist verschwunden).
Helene (nach einer kleinen Pause) . Wann Sie wollen, aber später. Ich seh' die
Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen. (Steht auf.)
Hans Karl. Sie sind so delizios artig. (Ist auch aufgestanden.)
Helene. Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen guten
Abend sagen. (Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch stehen.) Ich bin nicht artig: ich
spür' nur, was in den Leuten vorgeht, und das belästigt mich — und da reagier'
ich dagegen mit égards, die ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine
Art von Nervosität, mir die Leut' vom Hals zu halten. (Sie geht.)
Hans Karl (geht langsam ihr nach).
Z w e i t e S z e n e
Neuhoff (und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links erschienen).
Der berühmte Mann (in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür rechts blickend). Dort
in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die Dame, um deren Namen ich Sie
fragen wollte.
Neuhoff. Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.
Der berühmte Mann. Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in Schwarz.
Neuhoff. Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder darf ich
—
Der berühmte Mann. Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber wir
wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten —
Neuhoff (mit kaum merklicher Ironie). Ganz wie Sie befehlen.
Der berühmte Mann. Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung, meinen Rang
in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft klarzulegen — so würde
ich mich dann sofort nachher durch den Grafen Altenwyl ihr vorstellen lassen.
Neuhoff. Aber mit dem größten Vergnügen.
Der berühmte Mann. Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges nicht
darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der richtigen Weise
gekannt und aufgenommen zu werden.
Neuhoff. Ohne jeden Zweifel. Hier kommt die Gräfin Merenberg, die sich
besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich —
Edine (kommt). Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges bitte ich nicht
mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu präsentieren.
Der berühmte Mann (verneigt sich). Ich bin sehr glücklich, Frau Gräfin.
Edine. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß
ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre. Ich bin jedesmal
hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser immensen Bildung und
diesem schönen Prosastil.
Der berühmte Mann. Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine
leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein Publikum von
Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher Verinnerlichung
voraus.
Edine. Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher lesen,
damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich früh und spät der
Toinette Hechingen.
Der berühmte Mann. Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den Vorzug
gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?
Edine. Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller
Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft man
da heraus —
Der berühmte Mann (eisig). Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem viel
geredet wird.
Edine. Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das müßte
jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.
Der berühmte Mann. Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine
zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.
Edine. Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das
Grandioseste —
Der berühmte Mann. Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst ist das Buch
allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich entschließen, den
Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.
Edine. Wie? Sie sind nicht der Verfasser?
Der berühmte Mann. Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation ist
mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale
Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.
Edine. Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so ähnliche
Namen haben.
Der berühmte Mann. Das ist allerdings bedauerlich, besonders für mich. Herr
Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er ist Philologe, ich würde
sagen, Salonphilologe, oder noch besser: philologischer Feuilletonist.
Edine. Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe. Aber
ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr Professor.
Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt hab' ich gerad' ein sehr
interessantes Buch über den »Semipelagianismus« und eins über die »Seele des
Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich einmal in der Heugasse besuchen —
Der berühmte Mann (kühl). Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin. Allerdings
bin ich sehr in Anspruch genommen.
Edine (wollte gehen, bleibt nochmals stehen). Aber das tut mir ewig leid, daß Sie nicht
der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine Frage nicht vorlegen! Und
ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der Einzige sind, der sie so
beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung fände.
Neuhoff. Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?
Edine. Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der
andere Herr. (Zu Neuhoff.) Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer viel an der
Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.
Der berühmte Mann. Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?
Edine (sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann schnell). Wie stellen Sie sich
das Nirwana vor?
Der berühmte Mann. Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten,
dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein. (Eine kleine Pause.)
Edine. Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf Wiedersehen,
Herr Professor. (Ab.)
Der berühmte Mann (sichtlich verstimmt). Hm. —
Neuhoff. Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.
Der berühmte Mann (kalt). Es ist nicht das erstemal, daß ich im Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit davon, zu glauben, daß
dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf dergleichen hinarbeitet. Sie können
kaum ermessen, welche peinliche Erinnerung eine groteske und schiefe
Situation, wie die, in der wir uns soeben befunden haben, in meinem Innern
hinterläßt. Das erbärmliche Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer
bübischen Presse begleitet, auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu
sehen — sich mit dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen
Schweigen der Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte —
Neuhoff. Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis in die
kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in seinem Besten,
früh und spät — das ist das Schicksal —
Der berühmte Mann. In seinem Besten.
Neuhoff. Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt —
Der berühmte Mann. Sein Lebenswerk mit einem journalistischen —
Neuhoff. Das ist das Schicksal —
Der berühmte Mann. Die in einer bübischen Presse —
Neuhoff. — des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen
Menschheit ausliefert, den Frauen, die im Grunde zwischen einer leeren Larve
und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!
Der berühmte Mann. Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den
Salon zu begegnen —
Neuhoff. Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges — Nichts,
was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur entfernt an Sie
heran.
Der berühmte Mann. Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und
allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich habe die
Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das geistige Leben
anlangt.
Neuhoff. Geist und diese Menschen! Das Leben — und diese Menschen! Alle
diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in Wirklichkeit gar nicht
mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten. Niemand, der sich in diesen Salons
bewegt, gehört zu der wirklichen Welt, in der die geistigen Krisen des
Jahrhunderts sich entscheiden. Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie
die Figur dort im nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend
in der Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität — von Frauen und Mädchen
umlagert — Kari Bühl.
Der berühmte Mann. Ist das Graf Bühl?