Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 6 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Sechste Szene

Hans Karl. Gut. Ich habe sagen lassen, ich bin da. Haben Sie zum Grafen

Altenwyl telephoniert?

Lukas. Ich bitte Erlaucht untertänigst um Vergebung. Ich habe bemerkt,

Erlaucht wünschen nicht, daß telephoniert wird, wünschen aber auch nicht, der

Frau Gräfin zu widersprechen — so habe ich vorläufig nichts telephoniert.

Hans Karl (lächelnd). Gut, Lukas.

Lukas (geht bis an die Tür).

Hans Karl. Lukas, wie finden Sie den neuen Diener?

Lukas (zögernd). Man wird vielleicht sehen, wie er sich macht.

Hans Karl. Unmöglicher Mann. Auszahlen. Wegexpedieren!

Lukas. Sehr wohl, Euer Erlaucht. So hab' ich mir gedacht.

Hans Karl. Heute abend nichts erwähnen.

 

S e c h s t e S z e n e

 

Vinzenz (führt Agathe herein. Beide Diener ab).

Hans Karl. Guten Abend, Agathe.

Agathe. Daß ich Sie sehe, Euer Gnaden Erlaucht! Ich zittre ja.

Hans Karl. Wollen Sie sich nicht setzen?

Agathe (stehend). Oh, Euer Gnaden, seien nur nicht ungehalten darüber, daß ich

gekommen bin, statt dem Brandstätter.

Hans Karl. Aber liebe Agathe, wir sind ja doch alte Bekannte. Was bringt Sie

denn zu mir?

Agathe. Mein Gott, das wissen doch Erlaucht. Ich komm' wegen der Briefe.

Hans Karl (ist betroffen).

Agathe. Oh Verzeihung, oh Gott, es ist ja nicht zum Ausdenken, wie mir

meine Frau Gräfin eingeschärft hat, durch mein Betragen nichts zu verderben.

Hans Karl (zögernd). Die Frau Gräfin hat mir allerdings geschrieben, daß

gewisse in meiner Hand befindliche, ihr gehörige Briefe, würden von einem

Herrn Brandstätter am Fünfzehnten abgeholt werden. Heute ist der Zwölfte, aber

ich kann natürlich die Briefe auch Ihnen übergeben. Sofort, wenn es der Wunsch

der Frau Gräfin ist. Ich weiß ja, Sie sind der Frau Gräfin sehr ergeben.

Agathe. Gewisse Briefe — wie Sie das sagen, Erlaucht. Ich weiß ja doch, was

das für Briefe sind.

Hans Karl (kühl). Ich werde sofort den Auftrag geben.

Agathe. Wenn sie uns so beisammen sehen könnte, meine Frau Gräfin. Das wäre ihr eine Beruhigung, eine kleine Linderung.

Hans Karl (fängt an, in der Lade zu suchen).

Agathe. Nach diesen entsetzlichen sieben Wochen, seitdem wir wissen, daß

unser Herr Graf aus dem Felde zurück ist und wir kein Lebenszeichen von ihm

haben ...

Hans Karl (sieht auf). Sie haben vom Grafen Hechingen kein Lebenszeichen?

Agathe. Von dem! Wenn ich sage, »unser Herr Graf«, das heißt in unserer

Sprache Sie Erlaucht! Vom Grafen Hechingen sagen wir nicht »unser Herr

Graf!«

Hans Karl (sehr geniert). Ah, pardon, das konnte ich nicht wissen.

Agathe (schüchtern). Bis heute nachmittag haben wir ja geglaubt, daß heute bei

der gräflich Altenwylschen Soiree das Wiedersehen sein wird. Da telephoniert

mir die Jungfrau von der Komtesse Altenwyl: Er hat abgesagt!

Hans Karl (steht auf).

Agathe. Er hat abgesagt, Agathe, ruft die Frau Gräfin, abgesagt, weil er gehört

hat, daß ich hinkomme! Dann ist doch alles vorbei und dabei schaut sie mich an

mit einem Blick, der einen Stein erweichen könnte.

Hans Karl (sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen). Ich fürchte, ich habe

die gewünschten Briefe nicht hier in meinem Schreibtisch, ich werde gleich

meinen Sekretär rufen.

Agathe. Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das dürfte

meine Frau Gräfin nie erfahren!

Hans Karl. Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.

Agathe. Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?

Hans Karl (spricht ins Telephon). Lieber Neugebauer, wenn Sie für einen

Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei — aber ohne die

Akten — es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich? Nein, rechnen Sie

nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.

Agathe. Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!

Hans Karl. Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.

Agathe. Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf einmal

vorbei ist.

Hans Karl (im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt die Stirn). Liebe Agathe, da

Sie ja von allem informiert sind — ich verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der

Frau Gräfin aus dem Feldspital einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.

Agathe. Ja, den abscheulichen Brief.

Hans Karl. Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher Brief.

Agathe. Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir ihn gelesen

haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!

Hans Karl. Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!

Agathe (sieht ihn an). Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen so

herausgestrichen haben — und gesagt haben, auf die Letzt ist ein Mann wie der

andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden genommen werden.

Hans Karl. Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren

doch niemals meine Gedanken!

Agathe. Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und oft

gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das Resultat der

Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief, wo er mir mit

dünnen Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere Liebe war nur eine

Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen —

Hans Karl. Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief gestanden.

Agathe. Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir gut

herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden

Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist eine

perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da klagt er die

Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.

Hans Karl (schweigt).

Agathe (einen Schritt näher tretend). Ich habe gekämpft für unsern Herrn Grafen, wie

meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es sehen, er will die Komtesse

Altenwyl heiraten, und nur darum will er meine Ehe wieder zusammenleimen.

Hans Karl. Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?

Agathe. Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt hat.

Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen, hat sie

dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht — denn die lauft ihm nach;

und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon verloren, und sie

verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.

Hans Karl (richtet etwas). Wenn ich Sie überzeugen könnte —

Agathe. Aber dann wieder plötzlich die Angst —

Hans Karl. Wie fern mir das alles liegt —

Agathe. Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das bedeutungsvoll

sein sollte —

Hans Karl. Wie fern mir das alles liegt!

Agathe. Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt —

Hans Karl. Wie kann nur die Frau Gräfin —