Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Reiting kennt nur das außen, ich folge…
Reiting kennt nur das außen, ich folge dem zweiten Faden. Jetzt hat er in den
Augen aller einen Vorsprung, denn mein Weg ist langsamer und unsicherer. Aber
mit einem Schlage kann ich ihn wie einen Wurm überholen. Siehst du, man
behauptet, die Welt bestünde aus mechanischen Gesetzen, an denen sich nicht
rütteln lasse. Das ist ganz falsch, das steht nur in den Schulbüchern! Die
Außenwelt ist wohl hartnäckig, und ihre sogenannten Gesetze lassen sich bis zu
einem gewissen Grade nicht beeinflussen, aber es hat doch Menschen gegeben,
denen das gelang. Das steht in heiligen, vielgeprüften Büchern, von denen die
meisten nur nichts wissen. Von dorther weiß ich, daß es Menschen gegeben hat,
die Steine und Luft und Wasser durch eine bloße Regung ihres Willens bewegen
konnten und vor derem Gebete keine Kraft der Erde fest genug war. Aber auch
das sind erst die äußerlichen Triumphe des Geistes. Denn, wem es ganz gelingt,
seine Seele zu schauen, für den löst sich sein körperliches Leben, das nur ein
zufälliges ist; es steht in den Büchern, daß solche direkt in ein höheres Reich der
Seelen eingingen.«
Beineberg sprach völlig ernsthaft, mit verhaltener Erregung. Törleß hielt
noch immer fast ununterbrochen die Augen geschlossen; er fühlte Beinebergs
Atem zu sich herüberdringen und sog ihn wie ein beklemmendes
Betäubungsmittel ein. Indessen beendete Beineberg seine Rede:
»Du kannst also sehen, worum es sich mir handelt. Was mir einredet, Basini
laufen zu lassen, ist von niederer, äußerlicher Herkunft. Du magst dem folgen.
Für mich ist es ein Vorurteil, von dem ich los muß, wie von allem, das von dem
Wege zu meinem Innersten ablenkt.
Gerade daß es mir schwer fällt, Basini zu quälen – ich meine, ihn zu
demütigen, herabzudrücken, von mir zu entfernen – ist gut. Es erfordert ein
Opfer. Es wird reinigend wirken. Ich bin mir schuldig, täglich an ihm zu lernen,
daß das bloße Menschsein gar nichts bedeutet – eine bloße äffende, äußerliche
Ähnlichkeit.«
Törleß verstand nicht alles. Er hatte nur wieder die Vorstellung, daß sich eine
unsichtbare Schlinge plötzlich zu einem greifbaren, tödlichen Knoten
zusammengezogen habe. Beinebergs letzte Worte klangen in ihm nach: »eine
bloße äußerliche, äffende Ähnlichkeit,« wiederholte er sich. Das schien auch auf
sein Verhältnis zu Basini zu passen. Bestand nicht der sonderbare Reiz, den
dieser auf ihn ausübte, in solchen Gesichten? Einfach darin, daß er sich nicht in
ihn hineindenken konnte, und ihn daher stets wie in unbestimmten Bildern
empfand? War nicht, als er sich vorhin Basini vorgestellt hatte, hinter dessen
Gesichte ein zweites, verschwimmendes gestanden? Von einer greifbaren
Ähnlichkeit, die sich doch an nichts anknüpfen ließ?
So kam es, daß Törleß, anstatt daß er über die ganz sonderbaren Absichten
Beinebergs nachgedacht hätte, von den neuen, ungewöhnlichen Eindrücken halb
betäubt, versuchte, über sich selbst klar zu werden. Er erinnerte sich an den
Nachmittag, bevor er von Basinis Vergehen erfahren hatte. Da waren diese
Gesichte eigentlich auch schon dagewesen. Es hatte sich immer etwas gefunden,
womit seine Gedanken nicht fertig werden konnten. Etwas, das so einfach und so
fremd erschien. Er hatte Bilder gesehen, die doch keine Bilder waren. Vor jenen
Hütten, ja selbst als er mit Beineberg in der Konditorei saß.
Es waren Ähnlichkeiten und unüberbrückbare Unähnlichkeiten zugleich.
Und dieses Spiel, diese geheime, ganz persönliche Perspektive hatte ihn erregt.
Und nun riß ein Mensch dies an sich. All das war nun in einem Menschen
verkörpert, wirklich geworden. Dadurch ging die ganze Sonderbarkeit auf diesen
Menschen über. Dadurch rückte sie aus der Phantasie ins Leben und wurde
bedrohlich ...
Die Aufregungen hatten Törleß ermüdet, seine Gedanken ketteten sich nur
mehr lose aneinander.
Ihm blieb nur die Erinnerung, daß er diesen Basini nicht loslassen dürfe, daß
dieser bestimmt sei, auch für ihn eine wichtige und bereits unklar erkannte Rolle
zu spielen.
Dazwischen schüttelte er verwundert den Kopf, wenn er an Beinebergs
Worte dachte. Auch der ...?
Er kann doch nicht dasselbe suchen, wie ich, und doch fand gerade er die
richtige Bezeichnung dafür ...
Törleß träumte mehr als er dachte. Er war nicht mehr imstande, sein
psychologisches Problem von Beinebergs Phantastereien zu unterscheiden. Er
hatte schließlich nur das eine Gefühl, daß sich die riesige Schlinge immer fester
um alles zusammenziehe.
Das Gespräch fand keine Fortsetzung. Sie löschten das Licht aus und
schlichen vorsichtig in ihren Schlafsaal zurück.