Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 9 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Reiting kennt nur das außen, ich folge…

Reiting kennt nur das außen, ich folge dem zweiten Faden. Jetzt hat er in den

Augen aller einen Vorsprung, denn mein Weg ist langsamer und unsicherer. Aber

mit einem Schlage kann ich ihn wie einen Wurm überholen. Siehst du, man

behauptet, die Welt bestünde aus mechanischen Gesetzen, an denen sich nicht

rütteln lasse. Das ist ganz falsch, das steht nur in den Schulbüchern! Die

Außenwelt ist wohl hartnäckig, und ihre sogenannten Gesetze lassen sich bis zu

einem gewissen Grade nicht beeinflussen, aber es hat doch Menschen gegeben,

denen das gelang. Das steht in heiligen, vielgeprüften Büchern, von denen die

meisten nur nichts wissen. Von dorther weiß ich, daß es Menschen gegeben hat,

die Steine und Luft und Wasser durch eine bloße Regung ihres Willens bewegen

konnten und vor derem Gebete keine Kraft der Erde fest genug war. Aber auch

das sind erst die äußerlichen Triumphe des Geistes. Denn, wem es ganz gelingt,

seine Seele zu schauen, für den löst sich sein körperliches Leben, das nur ein

zufälliges ist; es steht in den Büchern, daß solche direkt in ein höheres Reich der

Seelen eingingen.«

Beineberg sprach völlig ernsthaft, mit verhaltener Erregung. Törleß hielt

noch immer fast ununterbrochen die Augen geschlossen; er fühlte Beinebergs

Atem zu sich herüberdringen und sog ihn wie ein beklemmendes

Betäubungsmittel ein. Indessen beendete Beineberg seine Rede:

»Du kannst also sehen, worum es sich mir handelt. Was mir einredet, Basini

laufen zu lassen, ist von niederer, äußerlicher Herkunft. Du magst dem folgen.

Für mich ist es ein Vorurteil, von dem ich los muß, wie von allem, das von dem

Wege zu meinem Innersten ablenkt.

Gerade daß es mir schwer fällt, Basini zu quälen – ich meine, ihn zu

demütigen, herabzudrücken, von mir zu entfernen – ist gut. Es erfordert ein

Opfer. Es wird reinigend wirken. Ich bin mir schuldig, täglich an ihm zu lernen,

daß das bloße Menschsein gar nichts bedeutet – eine bloße äffende, äußerliche

Ähnlichkeit.«

Törleß verstand nicht alles. Er hatte nur wieder die Vorstellung, daß sich eine

unsichtbare Schlinge plötzlich zu einem greifbaren, tödlichen Knoten

zusammengezogen habe. Beinebergs letzte Worte klangen in ihm nach: »eine

bloße äußerliche, äffende Ähnlichkeit,« wiederholte er sich. Das schien auch auf

sein Verhältnis zu Basini zu passen. Bestand nicht der sonderbare Reiz, den

dieser auf ihn ausübte, in solchen Gesichten? Einfach darin, daß er sich nicht in

ihn hineindenken konnte, und ihn daher stets wie in unbestimmten Bildern

empfand? War nicht, als er sich vorhin Basini vorgestellt hatte, hinter dessen

Gesichte ein zweites, verschwimmendes gestanden? Von einer greifbaren

Ähnlichkeit, die sich doch an nichts anknüpfen ließ?

So kam es, daß Törleß, anstatt daß er über die ganz sonderbaren Absichten

Beinebergs nachgedacht hätte, von den neuen, ungewöhnlichen Eindrücken halb

betäubt, versuchte, über sich selbst klar zu werden. Er erinnerte sich an den

Nachmittag, bevor er von Basinis Vergehen erfahren hatte. Da waren diese

Gesichte eigentlich auch schon dagewesen. Es hatte sich immer etwas gefunden,

womit seine Gedanken nicht fertig werden konnten. Etwas, das so einfach und so

fremd erschien. Er hatte Bilder gesehen, die doch keine Bilder waren. Vor jenen

Hütten, ja selbst als er mit Beineberg in der Konditorei saß.

Es waren Ähnlichkeiten und unüberbrückbare Unähnlichkeiten zugleich.

Und dieses Spiel, diese geheime, ganz persönliche Perspektive hatte ihn erregt.

Und nun riß ein Mensch dies an sich. All das war nun in einem Menschen

verkörpert, wirklich geworden. Dadurch ging die ganze Sonderbarkeit auf diesen

Menschen über. Dadurch rückte sie aus der Phantasie ins Leben und wurde

bedrohlich ...

Die Aufregungen hatten Törleß ermüdet, seine Gedanken ketteten sich nur

mehr lose aneinander.

Ihm blieb nur die Erinnerung, daß er diesen Basini nicht loslassen dürfe, daß

dieser bestimmt sei, auch für ihn eine wichtige und bereits unklar erkannte Rolle

zu spielen.

Dazwischen schüttelte er verwundert den Kopf, wenn er an Beinebergs

Worte dachte. Auch der ...?

Er kann doch nicht dasselbe suchen, wie ich, und doch fand gerade er die

richtige Bezeichnung dafür ...

Törleß träumte mehr als er dachte. Er war nicht mehr imstande, sein

psychologisches Problem von Beinebergs Phantastereien zu unterscheiden. Er

hatte schließlich nur das eine Gefühl, daß sich die riesige Schlinge immer fester

um alles zusammenziehe.

Das Gespräch fand keine Fortsetzung. Sie löschten das Licht aus und

schlichen vorsichtig in ihren Schlafsaal zurück.