Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Die Verwirrungen
des Zöglings Törleß
Wiener Verlag
Wien und Leipzig
1906
Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Rußland führt.
Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen
dem gelben Kies des breiten Fahrdammes; neben jedem wie ein schmutziger
Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden gebrannte Strich.
Hinter dem niederen, ölgestrichenen Stationsgebäude führte eine breite,
ausgefahrene Straße zur Bahnhofsrampe herauf. Ihre Ränder verloren sich in
dem ringsum zertretenen Boden und waren nur an zwei Reihen Akazienbäumen
kenntlich, die traurig mit verdursteten, von Staub und Ruß erdrosselten Blättern
zu beiden Seiten standen.
Machten es diese traurigen Farben, machte es das bleiche, kraftlose, durch
den Dunst ermüdete Licht der Nachmittagssonne: Gegenstände und Menschen
hatten etwas Gleichgültiges, Lebloses, Mechanisches an sich, als seien sie aus
der Szene eines Puppentheaters genommen. Von Zeit zu Zeit, in gleichen
Intervallen, trat der Bahnhofsvorstand aus seinem Amtszimmer heraus, sah mit
der gleichen Wendung des Kopfes die weite Strecke hinauf nach den Signalen
der Wächterhäuschen, die immer noch nicht das Nahen des Eilzuges anzeigen
wollten, der an der Grenze große Verspätung erlitten hatte; mit ein und derselben
Bewegung des Armes zog er sodann seine Taschenuhr hervor, schüttelte den
Kopf und verschwand wieder; so wie die Figuren kommen und gehen, die aus
alten Turmuhren treten, wenn die Stunde voll ist.
Auf dem breiten, festgestampften Streifen zwischen Schienenstrang und
Gebäude promenierte eine heitere Gesellschaft junger Leute, links und rechts
eines älteren Ehepaares schreitend, das den Mittelpunkt der etwas lauten
Unterhaltung bildete. Aber auch die Fröhlichkeit dieser Gruppe war keine
rechte; der Lärm des lustigen Lachens schien schon auf wenige Schritte zu
verstummen, gleichsam an einem zähen, unsichtbaren Widerstande zu Boden zu
sinken.
Frau Hofrat Törleß, dies war die Dame von vielleicht vierzig Jahren, verbarg
hinter ihrem dichten Schleier traurige, vom Weinen ein wenig gerötete Augen.
Es galt Abschied zu nehmen. Und es fiel ihr schwer, ihr einziges Kind nun
wieder auf so lange Zeit unter fremden Leuten lassen zu müssen, ohne
Möglichkeit, selbst schützend über ihren Liebling zu wachen.
Denn die kleine Stadt lag weitab von der Residenz, im Osten des Reiches, in
spärlich besiedeltem, trockenem Ackerland.
Der Grund, dessentwegen Frau Törleß es dulden mußte, ihren Jungen in so
ferner, unwirtlicher Fremde zu wissen, war, daß sich in dieser Stadt ein
berühmtes Konvikt befand, welches man schon seit dem vorigen Jahrhunderte,
wo es auf dem Boden einer frommen Stiftung errichtet worden war, hier heraußen beließ, wohl um die aufwachsende Jugend vor den verderblichen
Einflüssen einer Großstadt zu bewahren.
Denn hier erhielten die Söhne der besten Familien des Landes ihre
Ausbildung, um nach Verlassen des Institutes die Hochschule zu beziehen oder
in den Militär- oder Staatsdienst einzutreten und in allen diesen Fällen, sowie für
den Verkehr in den Kreisen der guten Gesellschaft galt es als besondere
Empfehlung, im Konvikte zu W. aufgewachsen zu sein.
Vor vier Jahren hatte dies das Elternpaar Törleß bewogen, dem ehrgeizigen
Drängen seines Knaben nachzugeben und seine Aufnahme in das Institut zu
erwirken.
Dieser Entschluß hatte später viele Tränen gekostet. Denn fast seit dem
Augenblicke, da sich das Tor des Institutes unwiderruflich hinter ihm
geschlossen hatte, litt der kleine Törleß an fürchterlichem, leidenschaftlichem
Heimweh. Weder die Unterrichtsstunden noch die Spiele auf den großen üppigen
Wiesen des Parkes noch die anderen Zerstreuungen, die das Konvikt seinen
Zöglingen bot, vermochten ihn zu fesseln; er beteiligte sich kaum an ihnen. Er
sah alles nur wie durch einen Schleier hindurch und hatte selbst untertags häufig
Mühe, ein hartnäckiges Schluchzen hinabzuwürgen; des Abends schlief er aber
stets unter Tränen ein.
Er schrieb Briefe nach Hause, beinahe täglich, und er lebte nur in diesen
Briefen; alles andere, was er tat, schien ihm nur ein schattenhaftes,
bedeutungsloses Geschehen zu sein, gleichgültige Stationen, wie die
Stundenziffern eines Uhrblattes. Wenn er aber schrieb, fühlte er etwas
Auszeichnendes, Exklusives in sich; wie eine Insel voll wunderbarer Sonnen und
Farben hob sich etwas in ihm aus dem Meere grauer Empfindungen heraus, das
ihn Tag um Tag kalt und gleichgültig umdrängte. Und wenn er untertags, bei den
Spielen oder im Unterrichte, daran dachte, daß er abends seinen Brief schreiben
werde, so war ihm, als trüge er an unsichtbarer Kette einen goldenen Schlüssel
verborgen, mit dem er, wenn es niemand sieht, das Tor von wunderbaren Gärten
öffnen werde.
Das Merkwürdige daran war, daß diese jähe, verzehrende Hinneigung zu
seinen Eltern für ihn selbst etwas Neues und Befremdendes hatte. Er hatte sie
vorher nicht geahnt, er war gern und freiwillig ins Institut gegangen, ja er hatte
gelacht, als sich seine Mutter beim ersten Abschied vor Tränen nicht fassen
konnte, und dann erst, nachdem er schon einige Tage allein gewesen war und
sich verhältnismäßig wohl befunden hatte, brach es plötzlich und elementar in
ihm empor.
Er hielt es für Heimweh, für Verlangen nach seinen Eltern. In Wirklichkeit war es aber etwas viel Unbestimmteres und Zusammengesetzteres. Denn der
»Gegenstand dieser Sehnsucht«, das Bild seiner Eltern, war darin eigentlich gar
nicht mehr enthalten. Ich meine diese gewisse plastische, nicht bloß
gedächtnismäßige, sondern körperliche Erinnerung an eine geliebte Person, die
zu allen Sinnen spricht und in allen Sinnen bewahrt wird, so daß man nichts tun
kann, ohne schweigend und unsichtbar den anderen zur Seite zu fühlen. Diese
verklang bald wie eine Resonanz, die nur noch eine Weile fortgezittert hatte.
Törleß konnte sich damals beispielsweise nicht mehr das Bild seiner »lieben,
lieben Eltern«, – dermaßen sprach er es meist vor sich hin – vor Augen zaubern.
Versuchte er es, so kam an dessen Stelle der grenzenlose Schmerz in ihm empor,
dessen Sehnsucht ihn züchtigte und ihn doch eigenwillig festhielt, weil ihre
heißen Flammen ihn zugleich schmerzten und entzückten. Der Gedanke an seine
Eltern wurde ihm hiebei mehr und mehr zu einer bloßen Gelegenheitsursache,
dieses egoistische Leiden in sich zu erzeugen, das ihn in seinen wollüstigen
Stolz einschloß wie in die Abgeschiedenheit einer Kapelle, in der von hundert
flammenden Kerzen und von hundert Augen heiliger Bilder Weihrauch zwischen
die Schmerzen der sich selbst Geißelnden gestreut wird. – – –
Als dann sein »Heimweh« weniger heftig wurde und sich allgemach verlor,
zeigte sich diese seine Art auch ziemlich deutlich. Sein Verschwinden führte
nicht eine endliche Zufriedenheit nach sich, sondern ließ in der Seele des jungen
Törleß eine Leere zurück. Und an diesem Nichts, an diesem Unausgefüllten in
sich erkannte er, daß es nicht eine bloße Sehnsucht gewesen war, die ihm
abhanden kam, sondern etwas Positives, eine seelische Kraft, etwas, das sich in
ihm unter dem Vorwand des Schmerzes ausgeblüht hatte.
Nun aber war es vorbei, und diese Quelle einer ersten höheren Seligkeit hatte
sich ihm erst durch ihr Versiegen fühlbar gemacht.
Zu dieser Zeit verloren sich die leidenschaftlichen Spuren der im Erwachen
gewesenen Seele wieder aus seinen Briefen und an ihre Stelle traten ausführliche
Beschreibungen des Lebens im Institute und der neugewonnenen Freunde.
Er selbst fühlte sich dabei verarmt und kahl, wie ein Bäumchen, das nach der
noch fruchtlosen Blüte den ersten Winter erlebt.
Seine Eltern aber waren es zufrieden. Sie liebten ihn mit einer starken,
gedankenlosen, tierischen Zärtlichkeit. Jedesmal, wenn er vom Konvikte Ferien
bekommen hatte, erschien der Hofrätin nachher ihr Haus von neuem leer und
ausgestorben, und noch einige Tage nach jedem solchen Besuche ging sie mit
Tränen in den Augen durch die Zimmer, da und dort einen Gegenstand
liebkosend berührend, auf dem das Auge des Knaben geruht oder den seine
Finger gehalten hatten. Und beide hätten sie sich für ihn in Stücke reißen lassen.
Die unbeholfene Rührung und leidenschaftliche, trotzige Trauer seiner Briefe
beschäftigte sie schmerzlich und versetzte sie in einen Zustand hochgespannter
Empfindsamkeit, der heitere, zufriedene Leichtsinn, der darauf folgte, machte
auch sie wieder froh und in dem Gefühle, daß hiedurch eine Krise überwunden
worden sei, unterstützten sie ihn nach Kräften.
Weder in dem einen noch in dem andern erkannten sie das Symptom einer
bestimmten seelischen Entwicklung, vielmehr hatten sie Schmerz und
Beruhigung gleichermaßen als eine natürliche Folge der gegebenen Verhältnisse
hingenommen. Daß es der erste, mißglückte Versuch des jungen, auf sich selbst
gestellten Menschen gewesen war, die Kräfte des Inneren zu entfalten entging
ihnen.
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Törleß fühlte sich nun sehr unzufrieden und tastete da und dort vergeblich
nach etwas Neuem, das ihm als Stütze hätte dienen können.
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Eine Episode dieser Zeit war für das charakteristisch, was sich damals in
Törleß zu späterer Entwicklung vorbereitete.
Eines Tages war nämlich der junge Fürst H. ins Institut eingetreten, der aus
einem der einflußreichsten ältesten, und konservativsten Adelsgeschlechter des
Reiches stammte.
Alle anderen fanden seine sanften Augen fad und affektiert; die Art und
Weise, wie er im Stehen die eine Hüfte herausdrückte und beim Sprechen
langsam mit den Fingern spielte, verlachten sie als weibisch. Besonders aber
spotteten sie darüber, daß er nicht von seinen Eltern ins Konvikt gebracht
worden war, sondern von seinem bisherigen Erzieher, einem doctor theologiae
und Ordensgeistlichen.
Törleß aber hatte vom ersten Augenblicke an einen starken Eindruck
empfangen. Vielleicht wirkte dabei der Umstand mit, daß es ein hoffähiger Prinz
war, jedenfalls war es aber auch eine andere Art Mensch, die er da kennen lernte.
Das Schweigen eines alten Landedelschlosses und frommer Übungen schien
irgendwie noch an ihm zu haften. Wenn er ging, so geschah es mit weichen,
geschmeidigen Bewegungen, mit diesem etwas schüchternen
Sichzusammenziehen und Schmalmachen, das der Gewohnheit eigen ist, aufrecht durch die Flucht leerer Säle zu schreiten, wo ein anderer an hundert
unsichtbaren Ecken des leeren Raumes schwer anzurennen scheint.
Der Umgang mit dem Prinzen wurde so zur Quelle eines feinen
psychologischen Genusses für Törleß. Er bahnte in ihm jene Art
Menschenkenntnis an, die es lehrt, einen anderen nach dem Falle der Stimme,
nach der Art, wie er etwas in die Hand nimmt, ja selbst nach dem timbre seines
Schweigens und dem Ausdruck der körperlichen Haltung, mit der er sich in
einen Raum fügt, kurz nach dieser beweglichen, kaum greifbaren und doch erst
eigentlichen, vollen Art, etwas Seelisch-Menschliches zu sein, die um den Kern,
das Greif- und Besprechbare, wie um ein bloßes Skelett herumgelagert ist, so zu
erkennen und zu genießen, daß man die geistige Persönlichkeit dabei
vorwegnimmt.
Törleß lebte während dieser kurzen Zeit wie in einer Idylle. Er stieß sich
nicht an der Religiosität seines neuen Freundes, die ihm, der aus einem
bürgerlich freidenkenden Hause stammte, eigentlich etwas ganz Fremdes war. Er
nahm sie vielmehr ohne alles Bedenken hin, ja sie bildete in seinen Augen sogar
einen besonderen Vorzug des Prinzen, denn sie potenzierte gewissermaßen das
Wesen dieses Menschen, das er dem seinen völlig unähnlich, aber auch ganz
unvergleichlich fühlte.
In der Gesellschaft dieses Prinzen fühlte er sich etwa wie in einer abseits des
Weges liegenden Kapelle, so daß der Gedanke, daß er eigentlich nicht dorthin
gehöre, ganz gegen den Genuß verschwand, das Tageslicht einmal durch
Kirchenfenster anzusehen und das Auge so lange über den nutzlosen vergoldeten
Zierat gleiten zu lassen, der in der Seele dieses Menschen aufgehäuft war, bis er
von dieser selbst ein undeutliches Bild empfing, so als ob er, ohne sich
Gedanken darüber machen zu können, mit dem Finger eine schöne, aber nach
seltsamen Gesetzen verschlungene Arabeske nachzöge.
Dann kam es plötzlich zum Bruche zwischen beiden.
Wegen einer Dummheit, wie sich Törleß selbst hinterher sagen mußte.
Sie waren nämlich doch einmal ins Streiten über religiöse Dinge gekommen.
Und in diesem Augenblicke war es eigentlich schon um alles geschehen. Denn
wie von Törleß unabhängig schlug nun der Verstand in ihm unaufhaltsam auf
den zarten Prinzen los. Er überschüttete ihn mit dem Spotte des Vernünftigen,
zerstörte barbarisch das filigrane Gebäude, in dem dessen Seele heimisch war,
und sie gingen im Zorne auseinander.
Seit der Zeit hatten sie auch kein Wort wieder zueinander gesprochen. Törleß
war sich wohl dunkel bewußt, daß er etwas Sinnloses getan hatte, und eine
unklare, gefühlsmäßige Einsicht sagte ihm, daß da dieser hölzerne Zollstab des Verstandes zu ganz unrechter Zeit etwas Feines und Genußreiches zerschlagen
habe. Aber dies war etwas, das ganz außer seiner Macht lag. Eine Art Sehnsucht
nach dem früheren war wohl für immer in ihm zurückgeblieben, aber er schien
in einen anderen Strom geraten zu sein, der ihn immer weiter davon entfernte.
Nach einiger Zeit trat dann auch der Prinz, der sich im Konvikte nicht wohl
befunden hatte, wieder aus.
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Nun wurde es ganz leer und langweilig um Törleß. Aber er war einstweilen
älter geworden, und die beginnende Geschlechtsreife fing an sich dunkel und
allmählich in ihm emporzuheben. In diesem Abschnitt seiner Entwicklung
schloß er einige neue, dementsprechende Freundschaften, die für ihn später von
größter Wichtigkeit wurden. So mit Beineberg und Reiting, mit Moté und
Hofmeier, eben jenen jungen Leuten, in deren Gesellschaft er heute seine Eltern
zur Bahn begleitete.
Merkwürdigerweise waren dies gerade die Übelsten seines Jahrganges, zwar
talentiert und selbstverständlich auch von guter Herkunft, aber bisweilen bis zur
Roheit wild und ungebärdig. Und daß gerade ihre Gesellschaft Törleß nun
fesselte, lag wohl an seiner eigenen Unselbständigkeit, die, seitdem es ihn von
dem Prinzen wieder fortgetrieben hatte, sehr arg war. Es lag sogar in der
geradlinigen Verlängerung dieses Abschwenkens, denn es bedeutete wie dieses
eine Angst vor allzu subtilen Empfindeleien, gegen die das Wesen der anderen
Kameraden gesund, kernig und lebensgerecht abstach.
Törleß überließ sich gänzlich ihrem Einflusse, denn seine geistige Situation
war nun ungefähr diese: In seinem Alter hat man am Gymnasium Goethe,
Schiller, Shakespeare, vielleicht sogar schon die Modernen gelesen. Das schreibt
sich dann halbverdaut aus den Fingerspitzen wieder heraus. Römertragödien
entstehen oder sensitivste Lyrik, die im Gewande seitenlanger Interpunktionen
wie in der Zartheit durchbrochener Spitzenarbeit einherschreitet: Dinge, die an
und für sich lächerlich sind, für die Sicherheit der Entwicklung aber einen
unschätzbaren Wert bedeuten. Denn diese von außen kommenden Assoziationen
und erborgten Gefühle tragen die jungen Leute über den gefährlich weichen
seelischen Boden dieser Jahre hinweg, wo man sich selbst etwas bedeuten muß
und doch noch zu unfertig ist, um wirklich etwas zu bedeuten. Ob für später bei
dem einen etwas davon zurückbleibt oder bei dem andern nichts, ist gleichgültig,
dann findet sich schon jeder mit sich ab, und die Gefahr besteht nur in dem Alter
des Überganges. Wenn man da solch einem jungen Menschen das Lächerliche seiner Person zur Einsicht bringen könnte, so würde der Boden unter ihm
einbrechen oder er würde wie ein erwachter Nachtwandler herabstürzen, der
plötzlich nichts als Leere sieht.
Diese Illusion, dieser Trick zugunsten der Entwicklung fehlte im Institute.
Denn dort waren in der Bibliothek wohl die Klassiker enthalten, aber diese
galten als langweilig, und sonst fanden sich nur sentimentale Novellenbände und
witzlose Militärhumoresken.
Der kleine Törleß hatte sie wohl alle in einer förmlichen Gier nach Büchern
durchgelesen, irgendeine banal zärtliche Vorstellung aus ein oder der anderen
Novelle wirkte manchmal auch noch eine Weile nach, allein einen Einfluß, einen
wirklichen Einfluß, nahm dies auf seinen Charakter nicht.
Es schien damals, daß er überhaupt keinen Charakter habe.
Er schrieb zum Beispiel unter dem Einflusse dieser Lektüre selbst hie und da
eine kleine Erzählung oder begann ein romantisches Epos zu dichten. In der
Erregung über die Liebesleiden seiner Helden röteten sich dann seine Wangen,
seine Pulse beschleunigten sich und seine Augen glänzten.
Wie er aber die Feder aus der Hand legte, war alles vorbei; gewissermaßen
nur in der Bewegung lebte sein Geist. Daher war es ihm auch möglich, ein
Gedicht oder eine Erzählung wann immer, auf jede Aufforderung hin,
niederzuschreiben. Er regte sich dabei auf, aber trotzdem nahm er es nie ganz
ernst und die Tätigkeit schien ihm nicht wichtig. Es ging von ihr nichts auf seine
Person über, und sie ging nicht von seiner Person aus. Er hatte nur unter irgend
einem äußeren Zwang Empfindungen, die über das Gleichgültige hinausgingen,
wie ein Schauspieler hiezu des Zwanges einer Rolle bedarf.
Es waren Reaktionen des Gehirns. Das aber, was man als Charakter oder
Seele, Linie oder Klangfarbe eines Menschen fühlt, jedenfalls dasjenige,
wogegen die Gedanken, Entschlüsse und Handlungen wenig bezeichnend,
zufällig und auswechselbar erscheinen, dasjenige, was beispielsweise Törleß an
den Prinzen jenseits alles verstandlichen Beurteilens geknüpft hatte, dieser
letzte, unbewegliche Hintergrund, war zu jener Zeit in Törleß gänzlich verloren
gegangen.
In seinen Kameraden war es die Freude am Sport, das Animalische, welches
sie eines solchen gar nicht bedürfen ließ, sowie am Gymnasium das Spiel mit der
Literatur dafür sorgt.
Törleß war aber für das eine zu geistig angelegt und dem anderen brachte er
jene scharfe Feinfühligkeit für das Lächerliche solcher erborgter sentiments
entgegen, die das Leben im Institute durch seine Nötigung steter Bereitschaft zu
Streitigkeiten und Faustkämpfen erzeugt. So erhielt sein Wesen etwas Unbestimmtes, eine innere Hilflosigkeit, die ihn nicht zu sich selbst finden ließ.
Er schloß sich seinen neuen Freunden an, weil ihm ihre Wildheit imponierte.
Da er ehrgeizig war, versuchte er hie und da, es ihnen darin sogar zuvorzutun.
Aber jedesmal blieb er wieder auf halbem Wege stehen und hatte nicht wenig
Spott deswegen zu erleiden. Dies verschüchterte ihn dann wieder. Sein ganzes
Leben bestand in dieser kritischen Periode eigentlich nur in diesem immer
erneuten Bemühen, seinen rauhen, männlicheren Freunden nachzueifern, und in
einer tief innerlichen Gleichgültigkeit gegen dieses Bestreben.
Besuchten ihn jetzt seine Eltern, so war er, solange sie allein waren, still und
scheu. Den zärtlichen Berührungen seiner Mutter entzog er sich jedesmal unter
einem anderen Vorwande. In Wahrheit hätte er ihnen gerne nachgegeben, aber er
schämte sich, als seien die Augen seiner Kameraden auf ihn gerichtet.
Seine Eltern nahmen es als die Ungelenkigkeit der Entwicklungsjahre hin.
Nachmittag kam dann die ganze laute Schar. Man spielte Karten, aß, trank,
erzählte Anekdoten über die Lehrer und rauchte die Zigaretten, die der Hofrat
aus der Residenz mitgebracht hatte.
Diese Heiterkeit erfreute und beruhigte das Ehepaar.
Daß für Törleß mitunter auch andere Stunden kamen, wußten sie nicht. Und
in der letzten Zeit immer zahlreichere. Er hatte Augenblicke, wo ihm das Leben
im Institute völlig gleichgültig wurde. Der Kitt seiner täglichen Sorgen löste sich
da und die Stunden seines Lebens fielen ohne innerlichen Zusammenhang
auseinander.
Er saß oft lange – in finsterem Nachdenken – gleichsam über sich selbst
gebeugt.
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Zwei Besuchstage waren es auch diesmal gewesen. Man hatte gespeist,
geraucht, eine Spazierfahrt unternommen, und nun sollte der Eilzug das Ehepaar
wieder in die Residenz zurückführen.
Ein leises Rollen in den Schienen kündigte sein Nahen an und die Signale
der Glocke am Dache des Stationsgebäudes klangen der Hofrätin unerbittlich ins
Ohr.
»Also nicht wahr, lieber Beineberg, Sie geben mir auf meinen Buben acht?«
wandte sich Hofrat Törleß an den jungen Baron Beineberg, einen langen,
knochigen Burschen mit mächtig abstehenden Ohren, aber ausdrucksvollen,
gescheiten Augen.
Der kleine Törleß schnitt ob dieser Bevormundung ein mißmutiges Gesicht
und Beineberg grinste geschmeichelt und ein wenig schadenfroh.
»Überhaupt«, – wandte sich der Hofrat an die übrigen, – »möchte ich Sie alle
gebeten haben, falls meinem Sohne irgend etwas sein sollte, mich gleich davon
zu verständigen.«
Dies entlockte nun doch dem jungen Törleß ein unendlich gelangweiltes:
»Aber Papa, was soll mir denn passieren?!« obwohl er schon daran gewöhnt war,
bei jedem Abschiede diese allzugroße Sorgsamkeit über sich ergehen lassen zu
müssen.
Die anderen schlugen indessen die Hacken zusammen, wobei sie die
zierlichen Degen straff an die Seite zogen, und der Hofrat fügte noch hinzu:
»Man kann nie wissen, was vorkommt, und der Gedanke, sofort von allem
verständigt zu werden, bereitet mir eine große Beruhigung: schließlich könntest
du doch auch am Schreiben behindert sein.«
Dann fuhr der Zug ein. Hofrat Törleß umarmte seinen Sohn, Frau von Törleß
drückte den Schleier fester ans Gesicht, um ihre Tränen zu verbergen, die
Freunde bedankten sich der Reihe nach, dann schloß der Schaffner die Wagentür.
Noch einmal sah das Ehepaar die hohe, kahle Rückfront des
Institutsgebäudes, – die mächtige, langgestreckte Mauer, welche den Park
umschloß, dann kamen rechts und links nur mehr graubraune Felder und
vereinzelte Obstbäume.
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Die jungen Leute hatten unterdessen den Bahnhof verlassen und gingen in
zwei Reihen hintereinander auf den beiden Rändern der Straße, – so wenigstens
dem dicksten und zähesten Staube ausweichend, – der Stadt zu, ohne viel
miteinander zu reden.
Es war fünf Uhr vorbei und über die Felder kam es ernst und kalt, wie ein
Vorbote des Abends.
Törleß wurde sehr traurig.
Vielleicht war daran die Abreise seiner Eltern schuld, vielleicht war es
jedoch nur die abweisende, stumpfe Melancholie, die jetzt auf der ganzen Natur
ringsumher lastete und schon auf wenige Schritte die Formen der Gegenstände
mit schweren glanzlosen Farben verwischte.
Dieselbe furchtbare Gleichgültigkeit, die schon den ganzen Nachmittag über
allerorts gelegen war, kroch nun über die Ebene heran, und hinter ihr her wie eine schleimige Fährte der Nebel, der über den Sturzäckern und bleigrauen
Rübenfeldern klebte.
Törleß sah nicht rechts noch links, aber er fühlte es. Schritt für Schritt trat er
in die Spuren, die soeben erst vom Fuße des Vordermanns in dem Staube
aufklafften – und so fühlte er es: als ob es so sein müßte: als einen steinernen
Zwang, der sein ganzes Leben in diese Bewegung – Schritt für Schritt – auf
dieser einen Linie, auf diesem einen schmalen Streifen, der sich durch den Staub
zog, einfing und zusammenpreßte.
Als sie an einer Kreuzung stehen blieben, wo ein zweiter Weg mit dem ihren
in einen runden, ausgetretenen Fleck zusammenfloß, und als dort ein
morschgewordener Wegweiser schief in die Luft hineinragte, wirkte diese, mit
ihrer Umgebung in Widerspruch stehende, Linie wie ein verzweifelter Schrei auf
Törleß.
Wieder gingen sie weiter. Törleß dachte an seine Eltern, an Bekannte, an das
Leben. Um diese Stunde kleidet man sich für eine Gesellschaft an oder
beschließt ins Theater zu fahren. Und nachher geht man ins Restaurant, hört eine
Kapelle, besucht das Kaffeehaus. Man macht eine interessante Bekanntschaft.
Ein galantes Abenteuer hält bis zum Morgen in Erwartung. Das Leben rollt wie
ein wunderbares Rad immer Neues, Unerwartetes aus sich heraus ...
Törleß seufzte unter diesen Gedanken und bei jedem Schritte, der ihn der
Enge des Institutes näher trug, schnürte sich etwas immer fester in ihm
zusammen.
Jetzt schon klang ihm das Glockenzeichen in den Ohren. Nichts fürchtete er
nämlich so sehr wie dieses Glockenzeichen, das unwiderruflich das Ende des
Tages bestimmte – wie ein brutaler Messerschnitt.
Er erlebte ja nichts und sein Leben dämmerte in steter Gleichgültigkeit
dahin, aber dieses Glockenzeichen fügte dem auch noch den Hohn hinzu und
ließ ihn in ohnmächtiger Wut über sich selbst, über sein Schicksal, über den
begrabenen Tag erzittern.
Nun kannst du gar nichts mehr erleben, während zwölf Stunden kannst du
nichts mehr erleben, für zwölf Stunden bist du tot ...: das war der Sinn dieses
Glockenzeichens.
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Als die Gesellschaft junger Leute zwischen die ersten niedrigen,
hüttenartigen Häuser kam, wich dieses dumpfe Brüten von Törleß. Wie von einem plötzlichen Interesse erfaßt, hob er den Kopf und blickte angestrengt in
das dunstige Innere der kleinen, schmutzigen Gebäude, an denen sie
vorübergingen.
Vor den Türen der meisten standen die Weiber, in Kitteln und groben
Hemden, mit breiten, beschmutzten Füßen und nackten, braunen Armen.
Waren sie jung und drall, so flog ihnen manches derbe slawische Scherzwort
zu. Sie stießen sich an und kicherten über die »jungen Herren«; manchmal schrie
eine auch auf, wenn im Vorübergehen allzu hart ihre Brüste gestreift wurden,
oder erwiderte mit einem lachenden Schimpfwort einen Schlag auf die Schenkel.
Manche sah auch bloß mit zornigem Ernste hinter den Eilenden drein; und der
Bauer lächelte verlegen – halb unsicher, halb gutmütig – wenn er zufällig
hinzugekommen war.
Törleß beteiligte sich nicht an dieser übermütigen, frühreifen Männlichkeit
seiner Freunde.
Der Grund hiezu lag wohl teilweise in einer gewissen Schüchternheit in
geschlechtlichen Sachen, wie sie fast allen einzigen Kindern eigentümlich ist,
zum größeren Teile jedoch in der ihm besonderen Art der sinnlichen
Veranlagung, welche verborgener, mächtiger und dunkler gefärbt war als die
seiner Freunde und sich schwerer äußerte.
Während die anderen mit den Weibern schamlos – taten, beinahe mehr um
»fesch« zu sein als aus Begierde, war die Seele des schweigsamen, kleinen
Törleß aufgewühlt und von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht.
Er blickte mit so brennenden Augen durch die kleinen Fenster und
winkligen, schmalen Torwege in das Innere der Häuser, daß es ihm beständig
wie ein feines Netz vor den Augen tanzte.
Fast nackte Kinder wälzten sich in dem Kot der Höfe, da und dort gab der
Rock eines arbeitenden Weibes die Kniekehlen frei oder drückte sich eine
schwere Brust straff in die Falten der Leinwand. Und als ob all dies selbst unter
einer ganz anderen, tierischen, drückenden Atmosphäre sich abspielte, floß aus
dem Flur der Häuser eine träge, schwere Luft, die Törleß begierig einatmete.
Er dachte an alte Malereien, die er in Museen gesehen hatte, ohne sie recht
zu verstehen. Er wartete auf irgend etwas, so wie er vor diesen Bildern immer
auf etwas gewartet hatte, das sich nie ereignete. Worauf ...?... Auf etwas
Überraschendes, noch nie Gesehenes; auf einen unerhörten Anblick, von dem er
sich nicht die geringste Vorstellung machen konnte; auf irgend etwas von
fürchterlicher, tierischer Sinnlichkeit; das ihn wie mit Krallen packe und von den
Augen aus zerreiße; auf ein Erlebnis, das in irgendeiner noch ganz unklaren
Weise mit den schmutzigen Kitteln der Weiber, mit ihren rauhen Händen, mit der Niedrigkeit ihrer Stuben, mit ... mit einer Beschmutzung an dem Kot der Höfe ...
zusammenhängen müsse.... Nein, nein; ... er fühlte jetzt nur mehr das feurige
Netz vor den Augen; die Worte sagten es nicht; so arg, wie es die Worte machen,
ist es gar nicht; es ist etwas ganz Stummes, – ein Würgen in der Kehle, ein kaum
merkbarer Gedanke und nur dann, wenn man es durchaus mit Worten sagen
wollte, käme es so heraus; aber dann ist es auch nur mehr entfernt ähnlich, wie
in einer riesigen Vergrößerung, wo man nicht nur alles deutlicher sieht, sondern
auch Dinge, die gar nicht da sind .. Dennoch war es zum Schämen.
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»Hat das Bubi Heimweh?« fragte ihn plötzlich spöttisch der lange und um
zwei Jahre ältere v. Reiting, welchem Törleß' Schweigsamkeit und die
verdunkelten Augen aufgefallen waren. Törleß lächelte gemacht und verlegen
und ihm war, als hätte der boshafte Reiting die Vorgänge in seinem Innern
belauscht.
Er gab keine Antwort. Aber sie waren mittlerweile auf den Kirchplatz des
Städtchens gelangt, der die Form eines Quadrates hatte und mit Katzenköpfen
gepflastert war, und trennten sich nun voneinander.
Törleß und Beineberg wollten noch nicht ins Institut zurück, während die
andern keine Erlaubnis zu längerem Ausbleiben hatten und nach Hause gingen.