Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 15 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Den ganzen Rest des Tages über befand…

Den ganzen Rest des Tages über befand sich Törleß in einem bewegten

Zustande.

Der Umstand, daß er Kant in der Hand gehabt hatte, – dieser ganz zufällige

Umstand, dem er im Augenblicke wenig Beachtung geschenkt hatte, – wirkte

mächtig in ihm nach. Der Name Kants war ihm vom Hörensagen wohl bekannt

und hatte für ihn den Kurswert, den er allgemein in der sich mit den

Geisteswissenschaften nur von ferne befassenden Gesellschaft hat – als letztes

Wort der Philosophie. Und diese Autorität war sogar mit ein Grund gewesen,

daß sich Törleß bisher so wenig mit ernsten Büchern beschäftigt hatte. Sehr

junge Menschen pflegen sich ja, wenn einmal die Periode überwunden ist, in der

sie Kutscher, Gärtner oder Zuckerbäcker werden wollten, mit der Phantasie das

Gebiet ihrer Lebensaufgaben zunächst dort abzustecken, wo sich ihrem Ehrgeize

die meiste Möglichkeit, Auszeichnendes zu leisten, darzubieten scheint. Wenn

sie sagen, sie wollen Arzt werden, so haben sie sicher einmal irgendwo ein

hübsches und gefülltes Wartezimmer gesehen, oder einen Glasschrank mit

unheimlichen chirurgischen Instrumenten, oder ähnliches; sprechen sie von der

diplomatischen Laufbahn, so denken sie an den Glanz und die Vornehmheit

internationaler Salons, kurz sie wählen ihren Beruf nach dem Milieu, in dem sie

sich am liebsten sehen möchten, und nach der Pose, in der sie sich am besten

gefallen.

Nun war vor Törleß der Name Kant nie anders als gelegentlich und mit einer

Miene ausgesprochen worden, wie der eines unheimlichen Heiligen. Und Törleß

konnte gar nichts anderes denken, als daß von Kant die Probleme der

Philosophie endgültig gelöst seien, und diese seither eine zwecklose

Beschäftigung bleibe, wie er ja auch glaubte, daß es sich nach Schiller und

Goethe nicht mehr lohne zu dichten.

Zu Hause standen diese Bücher in dem Schranke mit den grünen Scheiben in

Papas Arbeitszimmer und Törleß wußte, daß dieser nie geöffnet wurde, außer

um ihn einem Besuch zu zeigen. Er war wie das Heiligtum einer Gottheit, der

man nicht gerne naht, und die man nur verehrt, weil man froh ist, daß man sich

dank ihrer Existenz um gewisse Dinge nicht mehr zu kümmern braucht.

Dieses schiefe Verhältnis zu Philosophie und Literatur hatte später auf

Törleß' weitere Entwicklung jenen unglücklichen Einfluß ausgeübt, dem er

manche traurige Stunde zu danken hatte. Denn sein Ehrgeiz wurde hiedurch von

seinen eigentlichen Gegenständen abgedrängt und geriet, während er, seines

Zieles beraubt, nach einem neuen suchte, – unter den brutalen und

entschlossenen Einfluß seiner Gefährten. Seine Neigungen kehrten nur noch

gelegentlich und verschämt zurück und hinterließen jedesmal das Bewußtsein,

etwas Unnützes und Lächerliches getan zu haben. Sie waren aber doch so stark,

daß es ihm nicht gelang, sich ihrer ganz zu entledigen, und dieser beständige

Kampf war es, der sein Wesen der festen Linien und des aufrechten Ganges

beraubte.

Mit dem heutigen Tage schien jedoch dieses Verhältnis in eine neue Phase

getreten zu sein. Die Gedanken, um derentwillen er heute vergeblich Aufklärung

gesucht hatte, waren nicht mehr die wurzellosen Verkettungen einer spielenden

Einbildungskraft, vielmehr wühlten sie ihn auf, ließen ihn nicht los, und mit

seinem ganzen Körper fühlte er, daß hinter ihnen ein Stück seines Lebens poche.

Dies war für Törleß etwas ganz Neues. In seinem Inneren war eine

Bestimmtheit, die er sonst nicht an sich gekannt hatte. Es war beinahe

träumerisch, geheimnisvoll. Das mußte sich wohl unter den Einflüssen der

letzten Zeit in aller Stille entwickelt haben und pochte nun plötzlich mit

gebieterischem Finger an. Ihm war zumute wie einer Mutter, die zum ersten

Male die herrischen Bewegungen ihrer Leibesfrucht fühlt.

Es wurde ein wundervoll genußreicher Nachmittag.

Törleß holte aus seiner Lade alle seine poetischen Versuche hervor, die er

dort verwahrt hatte. Er setzte sich mit ihnen zum Ofen und blieb ganz allein und

ungesehen hinter dem mächtigen Schirme. Ein Heft nach dem anderen blätterte

er durch, dann zerriß er es ganz langsam in lauter kleine Stücke und warf diese

einzeln, immer wieder die feine Rührung des Abschieds verkostend, ins Feuer.

Er wollte damit alles Gepäck von früher hinter sich werfen, gleich als gelte

es jetzt – von nichts beschwert – alle Aufmerksamkeit auf die Schritte zu richten,

die nach vorwärts zu tun seien.

Endlich stand er auf und trat unter die anderen. Er fühlte sich frei von allen

ängstlichen Seitenblicken. Was er getan hatte, war eigentlich nur ganz instinktiv

geschehen; nichts bot ihm eine Sicherheit, daß er wirklich von nun an ein Neuer

werde sein können, als das bloße Dasein jenes Impulses. »Morgen,« sagte er

sich, »morgen werde ich alles sorgfältig revidieren und ich werde schon Klarheit

gewinnen.«

Er ging im Saale umher, zwischen den einzelnen Bänken, sah in die geöffneten Hefte, auf die in dem grellen Weiß beim Schreiben geschäftig hin und

her hastenden Finger, deren jeder seinen kleinen, braunen Schatten hinter sich

herzog, – er sah dem zu wie einer, der plötzlich aufgewacht ist, mit Augen,

denen alles von ernsterer Bedeutung zu sein schien.