Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 21 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Es kamen zwei Feiertage; da sie auf…

Es kamen zwei Feiertage; da sie auf einen Montag und Dienstag fielen, ließ

der Direktor den Zöglingen schon den Samstag frei und es gab viertägige Ferien.

Für Törleß war dies jedoch zu wenig, um die weite Reise nach Hause machen zu

können; er hatte deswegen gehofft, daß wenigstens seine Eltern ihn besuchen

würden, allein sein Vater wurde durch dringende Geschäfte im Ministerium

festgehalten und die Mutter fühlte sich unwohl, so daß sie sich nicht allein den

Anstrengungen der Reise aussetzen konnte.

Erst als Törleß den Brief erhielt, in dem ihm seine Eltern absagten und viele

zärtliche Tröstungen hinzufügten, fühlte er, daß es ihm so eigentlich ganz recht

sei. Er hätte es beinahe als eine Störung empfunden, – zumindest hätte es ihn arg

verwirrt, – wenn er seinen Eltern im jetzigen Zeitpunkte hätte gegenübertreten

müssen.

Viele Zöglinge erhielten Einladungen auf naheliegende Besitzungen. Auch

Dschjusch, dessen Eltern eine Tagreise im Wagen von der kleinen Stadt entfernt

ein schönes Gut besaßen, nahm Urlaub und Beineberg, Reiting, Hofmeier

begleiteten ihn. Auch Basini war von Dschjusch eingeladen worden, allein

Reiting hatte ihm befohlen abzulehnen. Törleß schützte vor, daß er nicht wisse,

ob seine Eltern nicht doch noch kommen würden; er fühlte sich absolut nicht zu

harmlos heiteren Festlichkeiten und Unterhaltungen gelaunt.

Samstag mittag schon lag das große Haus schweigend und nahezu verlassen

da.

Wenn Törleß durch die Gänge schritt, so widerhallte es von einem Ende zum

andern; kein Mensch bekümmerte sich um ihn, denn auch die meisten Lehrer

waren zur Jagd oder sonst irgendwohin gefahren. Nur bei den Mahlzeiten, die

jetzt in einem kleinen Zimmer neben dem verlassenen Speisesaale serviert

wurden, sahen sich die wenigen zurückgebliebenen Zöglinge; nach Tisch

zerstreuten sich ihre Schritte wieder in der weiten Flucht der Gänge und Zimmer,

das Schweigen des Hauses verschlang sie gleichsam, und sie führten in der

Zwischenzeit ein Leben, nicht mehr beachtet, als das der Spinnen und

Tausendfüßer in Keller und Boden.

Von Törleß' Klasse waren nur er und Basini zurückgeblieben, einige andere ausgenommen, welche in den Krankenzimmern lagen. Beim Abschied hatte

Törleß noch einige heimliche Worte mit Reiting gewechselt, welche sich auf

Basini bezogen. Reiting fürchtete nämlich, daß Basini die Gelegenheit benützen

könnte, um bei einem der Lehrer Schutz zu suchen, und er legte Törleß ans Herz,

ihn sorgsam zu überwachen.

Es bedurfte dessen jedoch gar nicht, um Törleß' Aufmerksamkeit auf Basini

zu sammeln.

Kaum hatte sich die Unruhe der vorfahrenden Wagen, der koffertragenden

Diener, der mit Scherzen voneinander Abschied nehmenden Zöglinge aus dem

Hause verloren, als das Bewußtsein seines Alleinseins mit Basini herrisch von

Törleß Besitz ergriff.

Das war nach dem ersten Mittagmahle. Basini saß vorne auf seinem Platze

und schrieb an einem Briefe; Törleß hatte sich in die hinterste Ecke des Zimmers

gesetzt und versuchte zu lesen.

Es war zum ersten Male wieder das gewisse Buch und Törleß hatte sich die

Situation sorgsam so ausgedacht gehabt: Vorne saß Basini, rückwärts er, mit den

Augen ihn festhaltend, sich in ihn hineinbohrend. Und so wollte er lesen. Nach

jeder Seite sich tiefer in Basini hineinsenkend. So mußte es gehen; so mußte er

die Wahrheiten finden, ohne das Leben, das lebendige, komplizierte,

fragwürdige Leben, aus den Händen zu verlieren ...

Aber es ging nicht. Wie immer, wenn er sich etwas allzu sorgfältig vorher

ausdachte. Es war zu wenig unvermittelt und die Stimmung erlahmte rasch zu

einer zähen, breiigen Langeweile, die sich eklig an jeden der viel zu absichtlich

immer wieder erneuten Versuche klebte.

Törleß warf wütend das Buch zur Erde. Basini sah sich erschreckt um, fuhr

aber gleich wieder hastig fort zu schreiben.

So krochen die Stunden der Dämmerung zu. Törleß saß ganz stumpfsinnig.

Das einzige, was sich aus einem dumpfen, surrenden, brummenden

Allgemeingefühle heraus in sein Bewußtsein hob, war das Ticken seiner

Taschenuhr. Wie ein kleines Schwänzchen wackelte es hinter dem trägen Leib

der Stunden her. Im Zimmer wurde es verschwommen ... Basini konnte doch

längst nicht mehr schreiben ... »Ah, wahrscheinlich traut er sich nicht Licht zu

machen«, dachte sich Törleß. Saß er aber überhaupt noch auf seinem Platze?

Törleß hatte in die kahle, dämmerige Landschaft hinausgesehen und mußte sein

Auge erst an das Dunkel des Zimmers gewöhnen. Doch. Dort, der unbewegliche

Schatten, das wird er wohl sein. Ach, er seufzt ja sogar – einmal, ... zweimal ...

oder schläft er am Ende?

Ein Diener kam und zündete die Lampen an. Basini fuhr auf und rieb sich die Augen. Dann nahm er ein Buch aus der Lade und schien lernen zu wollen.

Törleß brannte es auf den Lippen ihn anzusprechen, und um dem

vorzubeugen, verließ er hastig das Zimmer.