Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 12 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Um dreiviertel elf Uhr sah Törleß, daß…

Um dreiviertel elf Uhr sah Törleß, daß Beineberg und Reiting aus ihren

Betten schlüpften und zog sich gleichfalls an.

»Pst! – so warte doch. Das fällt ja auf, wenn wir alle drei zugleich

weggehen.«

Törleß versteckte sich wieder unter seiner Decke.

Auf dem Gange vereinigten sie sich dann und stiegen mit der gewohnten

Vorsicht den Bodenaufgang hinan.

»Wo ist Basini?« fragte Törleß.

»Er kommt von der anderen Seite; Reiting hat ihm den Schlüssel dazu

gegeben.«

Sie blieben die ganze Zeit über im Dunkeln. Erst oben, vor der großen,

eisernen Türe, zündete Beineberg seine kleine Blendlaterne an.

Das Schloß leistete Widerstand. Es saß durch eine jahrelange Ruhe fest und

wollte dem Nachschlüssel nicht gehorchen. Endlich schlug es mit einem harten

Laut zurück; der schwere Flügel rieb widerstrebend im Roste der Angeln und

gab zögernd nach.

Aus dem Bodenraume schlug eine warme, abgestandene Luft heraus, wie die

kleiner Treibhäuser.

Beineberg schloß die Türe wieder zu.

Sie stiegen die kleine hölzerne Treppe hinab und kauerten sich neben einem

mächtigen Querbalken nieder.

Zu ihrer Seite standen riesige Wasserbottiche, welche bei dem Ausbruche

eines Brandes den Löscharbeiten dienen sollten. Das Wasser darin war offenbar

schon lange nicht erneuert worden und verbreitete einen süßlichen Geruch.

Überhaupt war die ganze Umgebung äußerst beklemmend: Die Hitze unter

dem Dach, die schlechte Luft und das Gewirre der mächtigen Balken, die teils

nach oben zu sich im Dunkel verloren, teils in einem gespenstigen Netzwerk am

Boden hinkrochen.

Beineberg blendete die Laterne ab und sie saßen, ohne ein Wort zu reden,

regungslos in der Finsternis – durch lange Minuten.

Da knarrte am entgegengesetzten Ende im Dunkeln die Tür. Leise und

zögernd. Das war ein Geräusch, welches das Herz bis zum Halse hinauf klopfen

machte, wie der erste Laut der sich nähernden Beute.

Es folgten einige unsichere Schritte; das Anschlagen eines Fußes gegen

erdröhnendes Holz; ein mattes Geräusch, wie von dem Aufschlagen eines

Körpers ... Stille ... Dann wieder zaghafte Schritte ... Warten ... Ein leiser

menschlicher Laut ... »Reiting?«

Da zog Beineberg die Kappe von der Blendlaterne und warf einen breiten

Strahl gegen den Ort, woher die Stimme kam.

Einige mächtige Balken leuchteten mit scharfen Schatten auf, weiterhin sah

man nichts als einen Kegel tanzenden Staubes.

Aber die Schritte wurden bestimmter und kamen näher.

Da schlug – ganz nahe – wieder ein Fuß gegen das Holz und im nächsten

Augenblicke tauchte in der breiten Basis des Lichtkegels das – in der

zweifelhaften Beleuchtung aschfahle – Gesicht Basinis auf.

 

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Basini lächelte. Lieblich, süßlich. Starr festgehalten, wie das Lächeln eines

Bildes, hob es sich aus dem Rahmen des Lichtes heraus.

Törleß saß an seinen Balken gepreßt und fühlte das Zittern seiner

Augenmuskeln.

Nun zählte Beineberg die Schandtaten Basinis auf; gleichmäßig, mit heiseren

Worten.

Dann die Frage: »Du schämst dich also gar nicht?« Dann ein Blick auf

Reiting, der zu sagen schien: »Nun ist es wohl schon an der Zeit, daß du mir

hilfst.« Und in dem Augenblicke gab ihm Reiting einen Faustschlag ins Gesicht,

so daß er nach rückwärts taumelte, über einen Balken stolperte, stürzte.

Beineberg und Reiting sprangen ihm nach.

Die Laterne war umgekippt und ihr Licht floß verständnislos und träge zu

Törleß' Füßen über den Boden hin ...

Törleß unterschied aus den Geräuschen, daß sie Basini die Kleider vom

Leibe zogen und ihn mit etwas Dünnem, Geschmeidigem peitschten. Sie hatten

dies alles offenbar schon vorbereitet gehabt. Er hörte das Wimmern und die

halblauten Klagerufe Basinis, der unausgesetzt um Schonung flehte; schließlich

vernahm er nur noch ein Stöhnen, wie ein unterdrücktes Geheul, und dazwischen

halblaute Schimpfworte und die heißen leidenschaftlichen Atemstöße Beinebergs.

Er hatte sich nicht vom Platze gerührt. Gleich anfangs hatte ihn wohl eine

viehische Lust mit hinzuspringen und zuzuschlagen gepackt, aber das Gefühl,

daß er zu spät kommen und überflüssig sein würde, hielt ihn zurück. Über seinen

Gliedern lag mit schwerer Hand eine Lähmung.

Scheinbar gleichgültig sah er vor sich hin zu Boden. Er spannte sein Gehör

nicht an, um den Geräuschen zu folgen, und er fühlte sein Herz nicht rascher

schlagen als sonst. Mit den Augen folgte er dem Lichte, das sich zu seinen

Füßen in einer Lache ergoß. Staubflocken leuchteten auf und ein kleines

häßliches Spinnengewebe. Weiterhin sickerte der Schein in die Fugen zwischen

den Balken und erstickte in einem staubigen, schmutzigen Dämmern.

Törleß wäre auch eine Stunde lang so sitzen geblieben, ohne es zu fühlen. Er

dachte an nichts und war doch innerlich vollauf beschäftigt. Dabei beobachtete

er sich selbst. Aber so, als ob er eigentlich ins Leere sähe und sich selbst nur wie

in einem undeutlichen Schimmer von der Seite her erfaßte. Nun rückte aus

diesem Unklaren – von der Seite her – langsam, aber immer sichtlicher ein

Verlangen ins deutliche Bewußtsein.

Irgend etwas ließ Törleß darüber lächeln. Dann war wieder das Verlangen

stärker. Es zog ihn von seinem Sitze hinunter – auf die Knie; auf den Boden. Es

trieb ihn, seinen Leib gegen die Dielen zu pressen; er fühlte, wie seine Augen

groß werden würden wie die eines Fisches, er fühlte durch den nackten Leib

hindurch sein Herz gegen das Holz schlagen.

Nun war wirklich eine mächtige Aufregung in Törleß und er mußte sich an

seinem Balken festhalten, um sich gegen den Schwindel zu sichern, der ihn

hinabzog.

Auf seiner Stirne standen Schweißperlen und er fragte sich ängstlich, was

dies alles zu bedeuten habe?

Aus seiner Gleichgültigkeit aufgeschreckt, horchte er nun auch wieder durch

das Dunkel zu den dreien hinüber.

Es war dort still geworden; nur Basini klagte leise vor sich hin, während er

nach seinen Kleidern tastete.

Törleß fühlte sich durch diese klagenden Laute angenehm berührt. Wie mit

Spinnenfüßen lief ihm ein Schauer den Rücken hinauf und hinunter; dann saß es

zwischen den Schulterblättern fest und zog mit feinen Krallen seine Kopfhaut

nach hinten. Zu seinem Befremden erkannte Törleß, daß er sich in einem

Zustande geschlechtlicher Erregung befand. Er dachte zurück und ohne sich zu

erinnern, wann dieser eingetreten sei, wußte er doch, daß er schon das

eigentümliche Verlangen sich gegen den Boden zu drücken begleitet hatte. Er schämte sich dessen; aber es hatte ihm wie eine mächtige Blutwelle daherflutend

den Kopf benommen.

Beineberg und Reiting kamen zurückgetastet und setzten sich schweigend

neben ihn. Beineberg blickte auf die Lampe.

In diesem Augenblicke zog es Törleß wieder hinunter. Es ging von den

Augen aus – das fühlte er nun – von den Augen aus wie eine hypnotische Starre

zum Gehirn. Es war eine Frage, ja eine ... nein, eine Verzweiflung ... o es war

ihm ja bekannt ... die Mauer, jener Gastgarten, die niederen Hütten, jene

Kindheitserinnerung ... dasselbe! dasselbe! Er sah auf Beineberg. »Fühlt denn

der nichts?« dachte er. Aber Beineberg bückte sich und wollte die Lampe

aufheben. Törleß hielt seinen Arm zurück. »Ist das nicht wie ein Auge?« sagte er

und wies auf den über den Boden fließenden Lichtschein.

»Willst du vielleicht jetzt poetisch werden?«

»Nein. Aber sagst du nicht selbst, daß es mit den Augen eine eigene

Bewandtnis hat? Aus ihnen wirkt – denk doch nur an deine hypnotischen

Lieblingsideen – mitunter eine Kraft, die in keinem Physikunterricht ihren Platz

hat; – sicher ist auch, daß man einen Menschen oft weit besser aus seinen Augen

errät, als aus seinen Worten....«

»Nun – und?«

»Mir ist dieses Licht wie ein Auge. Zu einer fremden Welt. Mir ist, als sollte

ich etwas erraten. Aber ich kann nicht. Ich möchte es in mich hinein trinken....«

»Nun – du fängst doch an poetisch zu werden.«

»Nein, es ist mir ernst. Ich bin ganz verzweifelt. So sieh doch nur hin und du

wirst es auch fühlen. Ein Bedürfnis, sich in dieser Lache zu wälzen, – auf allen

vieren, ganz nah in die staubigen Winkel zu kriechen, als ob man es so erraten

könnte....«

»Mein Lieber, das sind Spielereien, Empfindeleien. Laß jetzt gefälligst

solche Sachen.«

Beineberg bückte sich vollends und stellte die Lampe wieder auf ihren Platz.

Törleß empfand aber Schadenfreude. Er fühlte, daß er diese Ereignisse mit

einem Sinne mehr in sich aufnahm als seine Gefährten.

Er wartete nun auf das Wiedererscheinen Basinis und fühlte mit einem

heimlichen Schauer, daß sich seine Kopfhaut abermals unter den feinen Krallen

anspannte.

Er wußte es ja schon ganz genau, daß für ihn etwas aufgespart war, das

immer wieder und in immer kürzeren Zwischenräumen ihn mahnte; eine

Empfindung, die für die anderen unverständlich war, für sein Leben aber

offenbar große Wichtigkeit haben mußte.

Nur was diese Sinnlichkeit dabei zu bedeuten hatte, wußte er nicht, aber er

erinnerte sich, daß sie eigentlich schon jedesmal dabei gewesen war, wenn die

Ereignisse angefangen hatten, nur ihm sonderbar zu erscheinen, und ihn quälten,

weil er hiefür keinen Grund wußte.

Und er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit ernstlich hierüber

nachzudenken. Einstweilen gab er sich ganz dem aufregenden Schauer hin, der

Basinis Wiedererscheinen voranging.

Beineberg hatte die Lampe aufgerichtet und wieder schnitten die Strahlen

einen Kreis in das Dunkel, wie einen leeren Rahmen.

Und mit einem Male war Basinis Antlitz wieder darinnen; genau so wie zum

ersten Male; mit demselben starr festgehaltenen, süßlichen Lächeln; als ob in der

Zwischenzeit nichts geschehen wäre; nur über Oberlippe, Mund und Kinn

zeichneten langsame Blutstropfen einen roten, wie ein Wurm sich windenden

Weg.

 

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»Dort setze dich nieder!« Reiting wies auf den mächtigen Balken. Basini

gehorchte. Reiting hub zu sprechen an: »Du hast wahrscheinlich schon geglaubt,

daß du fein heraus bist; was? Du hast wohl geglaubt, ich werde dir helfen? Nun,

da hast du dich getäuscht. Was ich mit dir tat, war nur, um zu sehen, wie weit

deine Niedrigkeit geht.«

Basini machte eine abwehrende Bewegung. Reiting drohte wieder, auf ihn zu

springen. Da sagte Basini: »Aber ich bitte euch um Gottes willen, ich konnte

nicht anders.«

»Schweig!« schrie Reiting, »deine Ausreden haben wir satt. Wir wissen nun

ein für allemal, wie wir mit dir daran sind und werden uns danach richten ...«

Es trat ein kurzes Schweigen ein. Da sagte plötzlich Törleß leise, fast

freundlich: »Sag doch, ich bin ein Dieb.«

Basini machte große, fast erschrockene Augen; Beineberg lachte beifällig.

Aber Basini schwieg. Da gab ihm Beineberg einen Stoß in die Rippen und

schrie ihn an:

»Hörst du nicht, du sollst sagen, daß du ein Dieb bist! Sofort wirst du es

sagen!«

Abermals trat eine kurze, kaum wägbare Stille ein; dann sagte Basini leise, in

einem Atem und mit möglichst harmloser Betonung: »Ich bin ein Dieb.«

Beineberg und Reiting lachten vergnügt zu Törleß hinüber: »Das war ein guter Einfall von dir, Kleiner,« und zu Basini: »Und jetzt wirst du sofort noch

sagen: ›Ich bin ein Tier ein diebisches Tier, euer diebisches, schweinisches

Tier!‹«

Und Basini sagte es, ohne auszusetzen und mit geschlossenen Augen.

Aber Törleß hatte sich schon wieder ins Dunkel zurückgelehnt. Ihm ekelte

vor der Szene und er schämte sich, daß er seinen Einfall den anderen

preisgegeben hatte.