Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 24 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Dienstag abends kehrten die ersten Zöglinge zurück.…

Dienstag abends kehrten die ersten Zöglinge zurück. Ein anderer Teil kam

erst mit den Nachtzügen. Es war eine beständige Unruhe im Hause.

Törleß empfing seine Freunde unwirsch und verdrossen; er hatte nicht

vergessen. Und dann brachten sie auch etwas so Frisches und Weltmännisches

von außen mit. Das beschämte ihn, der jetzt die drückende Luft enger Stuben

liebte.

Er schämte sich jetzt überhaupt häufig. Aber nicht eigentlich deswegen,

wozu er sich hatte verführen lassen, – denn dies ist in Instituten nichts so

Seltenes, – als weil er sich nun tatsächlich einer Art Zärtlichkeit für Basini nicht

erwehren konnte und andererseits eindringlicher denn je empfand, wie verachtet

und erniedrigt dieser Mensch war.

Er hatte des öfteren heimliche Zusammenkünfte mit ihm. Er führte ihn in alle

Verstecke, die er durch Beineberg kannte, und da er selbst auf solchen

Schleichwegen nicht geschickt war, fand sich Basini bald besser zurecht als er

und wurde zum Führer.

Des Nachts aber ließ ihn eine Eifersucht, mit der er Beineberg und Reiting

bewachte, nicht zur Ruhe kommen.

Die beiden hielten sich jedoch von Basini zurück. Vielleicht langweilte er sie

bereits. Jedenfalls schien mit ihnen eine Veränderung vor sich gegangen zu sein.

Beineberg war finster und verschlossen; wenn er sprach, so handelte es sich um

geheimnisvolle Andeutungen von etwas Bevorstehendem. Reiting hatte sein

Interesse scheinbar wieder anderen Dingen zugewandt; er flocht mit gewohnter

Geschicklichkeit das Netz zu irgendeiner Intrige, indem er die einen durch kleine

Gefälligkeiten zu gewinnen suchte und die anderen dadurch schreckte, daß er

sich durch heimliche List zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machte.

Wenn sie zu dritt beisammen waren, drangen die beiden darauf, daß Basini

nächstens wieder in die Kammer oder auf den Boden befohlen werde.

Törleß suchte es durch allerhand Ausflüchte hinauszuschieben, litt dabei aber

beständig unter dieser heimlichen Anteilnahme.

Vor wenigen Wochen noch hätte er einen solchen Zustand überhaupt nicht

verstanden, denn schon von den Eltern her war er kräftig, gesund und natürlich.

Aber man darf auch wirklich nicht glauben, daß Basini in Törleß ein

richtiges und – wenn auch noch so flüchtig und verirrt – wirkliches Begehren

erregte. Es war allerdings etwas wie Leidenschaft in Törleß erwacht, aber Liebe

war ganz gewiß nur ein zufälliger, beiläufiger Name dafür, und der Mensch

Basini nicht mehr als ein stellvertretendes und vorläufiges Ziel dieses

Verlangens. Denn wenn sich Törleß auch mit ihm gemein machte, sein Begehren

sättigte sich niemals an ihm, sondern wuchs zu einem neuen, ziellosen Hunger

über Basini hinaus.

 

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Vorerst war es überhaupt nur die Nacktheit des schlanken Knabenkörpers

gewesen, die ihn geblendet hatte.

Der Eindruck war nicht anders, als wäre er den nur schönen, von allem

Geschlechtlichen noch fernen Formen eines ganz jungen Mädchens gegenüber

gestanden. Eine Überwältigung. Ein Staunen. Und die Reinheit, die

unwillkürlich von diesem Zustande ausging, war es, die den Schein einer

Neigung, – dieses neue wunderbar unruhige Gefühl in sein Verhältnis zu Basini

trug. Alles andere aber hatte damit wenig zu tun. Dieses übrige des Begehrens

war schon längst, – war schon bei Božena und noch viel früher dagewesen. Es

war die heimliche, ziellose, auf niemanden bezogene, melancholische

Sinnlichkeit des Heranreifenden, welche wie die feuchte, schwarze,

keimtragende Erde im Frühjahr ist und wie dunkle unterirdische Gewässer, die

nur eines zufälligen Anlasses bedürfen, um durch ihre Mauern zu brechen.

Der Auftritt, den Törleß erlebt hatte, war zu diesem Anlasse geworden.

Durch eine Überraschung, ein Mißverständnis, ein Verkennen des Eindruckes

wurden die verschwiegenen Verstecke, in denen sich alles Heimliche, Verbotene,

Schwüle, Ungewisse und Einsame von Törleß' Seele gesammelt hatte,

aufgestoßen und diesen dunklen Regungen die Richtung gegen Basini erteilt.

Denn da stießen sie mit einem Male auf etwas, das warm war, atmete, duftete,

Fleisch war, an dem diese unbestimmt schweifenden Träume Gestalt gewannen

und Teil seiner Schönheit, statt der ätzenden Häßlichkeit, mit der sie Božena in

der Einsamkeit gestäupt hatte. Das riß ihnen mit einem Schlage ein Tor zum

Leben auf und in dem entstehenden Zwielicht mengte sich alles, Wünsche und

Wirklichkeit, ausschweifende Phantasien und Eindrücke, die noch die warmen

Spuren des Lebens trugen, Empfindungen, die von außen einfielen und

Flammen, die ihnen von innen entgegenloderten und sie bis zur Unkenntlichkeit

einhüllten.

Aber dies alles war für Törleß selbst nicht mehr unterscheidbar und war für

ihn in einem einzigen, unklaren, ungegliederten Gefühl vereint, das er in der

ersten Überraschung wohl für Liebe nehmen mochte.

 

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Bald aber lernte er es richtiger schätzen. Eine Unruhe trieb ihn von da an

rastlos umher. Er legte jedes Ding, das er berührte, kaum ergriffen wieder weg.

Er konnte kein Gespräch mit Kameraden führen, ohne grundlos zu verstummen

oder zerstreut mehrmals den Gegenstand zu wechseln. Es kam auch vor, daß ihn

mitten im Sprechen eine Welle der Scham überflutete, so daß er rot wurde, zu

stottern begann, sich abwenden mußte ...

Er mied untertags Basini. Konnte er es nicht vermeiden ihn anzusehen, so

packte ihn fast immer eine Ernüchterung. Jede Bewegung Basinis erfüllte ihn

mit Ekel, die ungewissen Schatten seiner Illusionen machten einer kalten,

stumpfen Helle Platz, seine Seele schien zusammenzuschrumpfen, bis nichts

mehr übrig blieb als die Erinnerung an ein früheres Begehren, das ihm unsagbar

unverständig und widerwärtig vorkam. Er stieß seinen Fuß gegen die Erde und

krümmte seinen Leib zusammen, nur um sich dieser schmerzhaften Scham zu

entwinden.

Er fragte sich, was die anderen zu ihm sagen würden, wenn sie sein

Geheimnis wüßten, seine Eltern, seine Lehrer?

Mit dieser letzten Verwundung brachen seine Qualen aber regelmäßig ab.

Eine kühle Müdigkeit bemächtigte sich seiner; die heiße und erschlaffte Haut

seines Körpers spannte sich in einem wohligen Frösteln wieder an. Er ließ dann

still alle Menschen an sich vorbei. Aber eine gewisse Mißachtung erfüllte ihn

gegen alle. Im geheimen verdächtigte er jeden, mit dem er sprach, der ärgsten

Dinge.

Und überdies glaubte er, bei ihnen die Scham zu vermissen. Er glaubte nicht,

daß sie so litten, wie er es von sich wußte. Die Dornenkrone seiner

Gewissensbisse schien ihnen zu fehlen.

Er aber fühlte sich wie ein aus einer tiefen Agonie Erwachter. Wie ein von

den verschwiegenen Händen der Auflösung Gestreifter. Wie einer, der die stille

Weisheit einer langen Krankheit nicht vergessen kann.

In diesem Zustande fühlte er sich glücklich und die Augenblicke kamen

immer wieder, wo er sich nach ihm sehnte.

Sie begannen damit, daß er Basini wieder gleichgültig ansehen konnte und das Abscheuliche und Gemeine mit einem Lächeln aushielt. Dann wußte er, daß

er sich erniedrigen werde, aber er unterschob dem einen neuen Sinn. Je häßlicher

und unwürdiger das war, was ihm Basini bot, desto größer war der Gegensatz zu

dem Gefühl einer leidenden Feinheit, das sich nachher einzustellen pflegte.

Törleß zog sich in irgendeinen Winkel zurück, von dem aus er beobachten

konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Wenn er die Augen schloß, so stieg ein

ungewisses Drängen in ihm auf, und wenn er die Augen öffnete, fand er nichts,

was er damit hätte vergleichen können. Und dann wuchs plötzlich der Gedanke

an Basini und riß alles an sich. Bald verlor er dabei alles Bestimmte. Er schien

nicht mehr Törleß anzugehören und schien sich nicht mehr auf Basini zu

beziehen. Er war ganz von Gefühlen umrauscht, wie von lüsternen Frauen in

hochgeschlossenen Gewändern unter vorgebundenen Masken.

Törleß kannte kein einziges beim Namen, er wußte von keinem, was es barg;

aber gerade darin lag die berauschende Verlockung. Er kannte sich selbst nicht

mehr; und gerade daraus wuchs seine Lust zu wilder, verachtender

Ausschweifung, wie wenn bei einem galanten Feste plötzlich die Lichter

verlöschen und niemand mehr weiß, wen er zur Erde zieht und mit Küssen

bedeckt.

 

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Törleß wurde später, nachdem er die Ereignisse seiner Jugend überwunden

hatte, ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamem Geiste. Er zählte

dann zu jenen ästhetisch intellektuellen Naturen, welchen die Beobachtung der

Gesetze und wohl auch teilweise der öffentlichen Moral eine Beruhigung

gewährt, weil sie dadurch enthoben sind, über etwas Grobes, von dem feineren

seelischen Geschehen Weitabliegendes nachdenken zu müssen, die aber eine

gelangweilte Unempfindlichkeit mit dieser großen äußeren, ein wenig ironischen

Korrektheit verbinden, sobald man ein persönlicheres Interesse für deren

Gegenstände von ihnen verlangt. Denn dieses wirklich sie selbst ergreifende

Interesse sammelt sich bei ihnen einzig auf das Wachstum der Seele, des Geistes,

oder wie immer man das benennen mag, was hie und da durch einen Gedanken

zwischen den Worten eines Buches oder vor den verschlossenen Lippen eines

Bildes in uns gemehrt wird; was manchmal erwacht, wenn irgendeine einsame,

eigenwillige Melodie von uns fortgeht und – ins Ferne schreitend – mit fremden

Bewegungen an dem dünnen, roten Faden zerrt, unseres Blutes, den sie hinter

sich herzieht; das aber immer verschwunden ist, wenn wir Akten schreiben,

Maschinen bauen, in den Zirkus gehen, oder den hundert anderen ähnlichen Beschäftigungen folgen. –

Diesen Menschen sind also die Gegenstände, welche nur ihre moralische

Korrektheit herausfordern, höchst gleichgültig. Törleß bereute daher auch nie in

seinem späteren Leben das damals Geschehene. Seine Bedürfnisse waren so

einseitig schöngeistig zugeschärft, daß es, wenn man ihm etwa eine ganz

ähnliche Geschichte von den Ausschweifungen eines Wüstlings erzählt hätte,

gewiß völlig außerhalb seines Gesichtskreises gelegen wäre, seine Entrüstung

gegen das Geschehene zu richten. Er hätte einen solchen Menschen

gewissermaßen nicht deswegen verachtet, weil er ein Wüstling, sondern weil er

nichts Besseres ist; nicht wegen seiner Ausschweifungen, sondern wegen des

Seelenzustandes, der ihn diese begehen läßt; weil er dumm ist, oder weil seinem

Verstande die seelischen Gegengewichte fehlen ...: immer also nur wegen des

traurigen, beraubten, entkräfteten Anblicks, den er bietet. Und er hätte ihn

gleicherweise verachtet, ob nun sein Laster in geschlechtlichen

Ausschweifungen oder in zwanghaft entartetem Zigarettenrauchen oder

Alkoholgenuß bestünde.