Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 22 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

In der Nacht hätte Törleß beinahe Basini…

In der Nacht hätte Törleß beinahe Basini überfallen. Solch eine mörderische

Sinnlichkeit war in ihm nach der Pein des gedankenlosen, stumpfsinnigen Tages

erwacht. Zum Glück erlöste ihn noch rechtzeitig der Schlaf.

Der nächste Tag verging. Er hatte nichts als die gleiche Unfruchtbarkeit der

Stille gebracht. Das Schweigen – die Erwartung überreizten Törleß, – die

beständige Aufmerksamkeit verzehrte alle geistigen Kräfte, so daß er zu jedem

Gedanken unfähig blieb.

Zerschlagen, enttäuscht, bis zu den ärgsten Zweifeln mit sich unzufrieden,

legte er sich frühzeitig zu Bett.

Er lag schon lange in einem ruhelosen, erhitzten Halbschlafe, als er Basini

kommen hörte.

Ohne sich zu regen, folgte er mit den Augen der dunklen Gestalt, die an

seinem Bette vorbeischritt; er hörte das Geräusch, welches durch das Lösen der

Kleidung verursacht wurde; dann das Knistern der über den Körper gezogenen

Decke.

Törleß hielt den Atem an, dennoch vermochte er nichts mehr zu hören. Und

doch verließ ihn nicht das Gefühl, daß Basini nicht schlafe, sondern ebenso

angestrengt wie er durch das Dunkel horche.

So vergingen Viertelstunden – Stunden. Hie und da nur durch das leise

Geräusch der sich im Bette bewegenden Körper unterbrochen.

Törleß befand sich in einem eigentümlichen Zustande, der ihn wach erhielt.

Gestern waren es sinnliche Bilder der Einbildungskraft gewesen, in denen er

gefiebert hatte. Erst ganz zum Schlusse hatten sie eine Wendung zu Basini

genommen, gleichsam sich unter der unerbittlichen Hand des Schlafes, der sie

verlöschte, zum letzten Male aufgebäumt, und er hatte gerade daran nur eine

ganz dunkle Erinnerung. Heute aber war es von Anfang an nichts als ein

triebhafter Wunsch aufzustehen und zu Basini hinüber zu gehen. Solange er das

Gefühl gehabt hatte, daß Basini wache und zu ihm herüber horche, war es kaum

auszuhalten gewesen; und jetzt, da dieser doch wohl schon schlief, lag erst recht

ein grausamer Kitzel darin, den Schlafenden wie eine Beute zu überfallen.

Törleß spürte schon die Bewegungen des Sichaufrichtens und aus dem Bette Steigens in allen Muskeln zucken. Trotzdem vermochte er aber noch nicht seine

Reglosigkeit abzuschütteln.

»Was soll ich denn eigentlich bei ihm?« fragte er sich in seiner Angst fast

laut. Und er mußte sich gestehen, daß die Grausamkeit und Sinnlichkeit in ihm

gar kein rechtes Ziel hatte. Er wäre in Verlegenheit gekommen, wenn er sich

wirklich auf Basini gestürzt hätte. Er wollte ihn doch nicht prügeln? Gott

bewahre! Und in welcher Weise sollte sich denn seine sinnliche Erregung an ihm

befriedigen? Er empfand unwillkürlich einen Abscheu, als er an die

verschiedenen kleinen Knabenlaster dachte. Sich vor einem anderen Menschen

so bloßstellen? Nie!...

In dem Maße aber, als dieser Abscheu wuchs, wurde auch der Antrieb

stärker, zu Basini hinüber zu gehen. Schließlich war Törleß ganz von der

Unsinnigkeit eines solchen Unterfangens durchdrungen, aber ein förmlich

physischer Zwang schien ihn wie an einem Seile aus dem Bette zu ziehen. Und

während alle Bilder aus seinem Kopfe wichen und er sich unaufhörlich sagte,

daß es jetzt wohl am besten wäre, den Schlaf zu suchen, richtete er sich

mechanisch von seinem Lager auf. Ganz langsam – er fühlte ordentlich, wie

dieser seelische Zwang nur Schritt für Schritt gegen die Widerstände Boden

gewann – richtete er sich auf. Erst einen Arm ... dann stützte er den Oberkörper

auf, dann schob er ein Knie unter der Decke hervor ... dann ... doch plötzlich

eilte er mit bloßen Füßen auf den Zehen zu Basini hinüber und setzte sich auf

den Rand des Bettes.

Basini schlief.

Er sah ganz so aus, als ob er angenehm träumte.

Törleß war noch immer nicht Herr seiner Handlungen. Einen Augenblick saß

er still und starrte dem Schlafenden ins Gesicht. Jene kurzen, abgerissenen,

gleichsam nur den Situationsbefund konstatierenden Gedanken zuckten durch

sein Gehirn, die man hat, wenn man ein Gleichgewicht verliert, stürzt oder wenn

einem ein Gegenstand aus den Händen gerissen wird. Und ohne Besinnen faßte

er Basini an der Schulter und rüttelte ihn wach.

Der Schläfer reckte sich einige Male träge, dann fuhr er auf und blickte

Törleß mit schlafblöden Augen an.

Törleß erschrak; er war völlig verwirrt; seine Handlung kam ihm zum ersten

Male zur Besinnung, und er wußte nicht, was er nun weiter tun solle. Er schämte

sich furchtbar. Sein Herz klopfte hörbar. Worte der Erklärung, Ausreden

drängten sich auf seine Zunge. Er wollte Basini fragen, ob er keine

Streichhölzchen habe, ob er ihm nicht sagen könne, wie viel Uhr es sei ...

Basini glotzte ihn noch immer ohne Verständnis an.

Schon zog Törleß, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben, den Arm zurück,

schon glitt er von dem Bette herunter, um lautlos in das seine

zurückzuschleichen, – da schien Basini die Situation erfaßt zu haben und richtete

sich mit einem Rucke auf.

Törleß blieb unschlüssig am Bettende stehen. Basini sah ihn noch einmal mit

einem fragenden, prüfenden Blicke an, dann stieg er vollends aus dem Bette,

schlüpfte in Mantel und Hausschuhe und ging mit schlurfenden Schritten voran.

Törleß wurde es mit einem Schlage klar, daß dies nicht zum erstenmal

geschehe.

Im Vorbeigehen nahm er die Schlüssel zur Kammer, die er unter seinem

Kopfkissen versteckt gehabt hatte, mit. – – – – – – – –

Basini schritt geradenwegs zur Bodenkammer voraus. Er schien mit dem

Wege, den man ihm damals doch noch verheimlicht hatte, inzwischen genau

bekannt geworden zu sein. Er hielt die Kiste fest, als Törleß daraufstieg, er

räumte die Kulissen zur Seite, umsichtig, mit diskreten Bewegungen, wie ein

geschulter Lakai.

Törleß sperrte auf und sie traten ein. Er stand mit dem Rücken zu Basini und

zündete die kleine Lampe an.

Als er sich umdrehte, stand Basini nackt vor ihm.

Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Der plötzliche Anblick dieses

nackten, schneeweißen Körpers, hinter dem das Rot der Wände zu Blut wurde,

blendete und bestürzte ihn. Basini war schön gebaut; an seinem Leibe fehlte fast

jede Spur männlicher Formen, er war von einer keuschen, schlanken Magerkeit,

wie der eines jungen Mädchens. Und Törleß fühlte das Bild dieser Nacktheit wie

heiße, weiße Flammen in seinen Nerven auflodern. Er konnte sich der Macht

dieser Schönheit nicht entziehen. Er hatte vorher nicht gewußt, was Schönheit

sei. Denn was war ihm in seinem Alter Kunst, was kannte er schließlich davon?!

Ist sie doch bis zu einem gewissen Alter jedem in freier Luft aufgewachsenen

Menschen unverständlich und langweilig!

Hier aber war sie auf den Wegen der Sinnlichkeit zu ihm gekommen.

Heimlich, überfallend. Ein betörender warmer Atem strömte aus der entblößten

Haut, eine weiche, lüsterne Schmeichelei. Und doch war etwas daran, das zum

Händefalten feierlich und bezwingend war.

Aber nach der ersten Überraschung schämte sich Törleß des einen wie des

anderen. »Es ist doch ein Mann!« Der Gedanke empörte ihn, aber ihm war

zumute, als ob ein Mädchen nicht anders sein könnte.

Beschämt herrschte er Basini an: »Was fällt dir denn ein?! Gleich wirst du

wieder ..!!«

Nun schien dieser bestürzt; zögernd und ohne die Augen von Törleß zu

lassen, nahm er den Mantel vom Boden auf.

»Da, setz dich!« wies Törleß Basini an. Dieser gehorchte. Törleß lehnte mit

hinter dem Rücken gekreuzten Händen an der Wand.

»Warum hast du dich ausgezogen? Was wolltest du von mir?«

»Nun ich dachte ...«

Zögern.

»Was dachtest du?«

»Die anderen ...«

»Was die anderen?«

»Beineberg und Reiting ...«

»Was Beineberg und Reiting? Was taten sie? Du mußt mir alles erzählen! Ich

will es so; verstehst du? Obwohl ich es schon von den andern gehört habe.«

Törleß wurde bei dieser unbeholfenen Lüge rot. Basini biß sich die Lippen.

»Nun, wird's?!«

»Nein, verlange nicht, daß ich erzähle! Bitte, verlange es nicht! Ich will ja

alles tun, was du willst. Aber laß mich nicht erzählen... O, du hast solch eine

besondere Art mich zu quälen ..!« Haß, Angst und eine flehentliche Bitte

kämpften in den Augen Basinis. Törleß lenkte unwillkürlich ein.

»Ich will dich gar nicht quälen. Ich will dich nur zwingen, selbst die volle

Wahrheit zu sagen. Vielleicht in deinem Interesse.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan, was besonderen Erzählens wert wäre.«

»So? Warum aber hast du dich dann ausgezogen?«

»Sie verlangten es so.«

»Und warum hast du getan, was sie verlangten? Du bist also feig?

Erbärmlich feig?«

»Nein, ich bin nicht feig! Sag das nicht!«

»Wirst du den Mund halten! Wenn du ihre Prügel fürchtest, so könnten dir

die meinen auch nicht schlecht bekommen!«

»Ich fürchte aber gar nicht ihre Prügel.«

»So? Was denn?«

Törleß sprach wieder ruhig. Seine rohe Drohung ärgerte ihn bereits. Aber

unwillkürlich war sie ihm entschlüpft, lediglich weil ihm schien, daß sich Basini

ihm gegenüber mehr herausnehme als gegen die anderen.

»Wenn du dich, wie du sagst, nicht fürchtest, was ist dann mit dir?«

»Sie sagen, wenn ich ihnen zu Willen sei, werde mir nach einiger Zeit alles

verziehen werden.«

»Von ihnen beiden?«

»Nein, überhaupt.«

»Wie können sie das versprechen; ich bin doch auch noch da!«

»Hiefür werden schon sie sorgen, sagen sie!«

Dies gab Törleß einen Schlag. Beinebergs Worte, daß Reiting gegebenenfalls

gegen ihn gerade so handeln würde wie gegen Basini, fielen ihm ein. Und wenn

es wirklich zu einer Intrige gegen ihn käme, wie sollte er ihr begegnen? Er war

den beiden in derlei nicht gewachsen, wie weit würden sie es treiben können?

Wie mit Basini?... Alles in ihm lehnte sich gegen diesen hämischen Einfall auf.

Minuten verstrichen zwischen ihm und Basini. Er wußte, daß es ihm an

Wagemut und Ausdauer zu derlei Ränken gebrach; aber nur deswegen, weil er

sich zu wenig dafür interessierte, weil er nie seine ganze Persönlichkeit im

Spiele fühlte. Er hatte immer mehr dabei zu verlieren als zu gewinnen gehabt.

Käme dies aber einmal anders, so fühlte er, daß auch eine ganz andere Zähigkeit

und Tapferkeit in ihm sein würde. Nur wissen müßte man, wann es Zeit sei, alles

aufs Spiel zu setzen.

»Haben sie dir näheres gesagt?... wie sie sich das denken?... Das

meinetwegen?«

»Näheres? Nein. Sie sagten nur, daß sie schon sorgen würden.«

Dennoch ... eine Gefahr lag nun da ... irgendwo im Versteck ... und lauerte

auf Törleß ... jeder Schritt konnte in eine Fußangel fallen, jede Nacht konnte die

letzte vor Kämpfen sein. Eine ungeheure Unsicherheit lag in diesem Gedanken.

Das war kein lässiges Sichtreibenlassen mehr, kein Spielen mit rätselhaften

Gesichten, – das hatte harte Ecken und war fühlbare Wirklichkeit.

Das Gespräch fing wieder an.

»Und was tun sie mit dir?«

Basini schwieg.

»Wenn es dir mit deiner Besserung ernst ist, mußt du mir alles sagen.«

»Sie lassen mich auskleiden.«

»Ja, ja, das sah ich doch, ... und dann ....«

Eine kleine Weile verstrich und plötzlich sagte Basini:

»Verschiedenes.«

Er sagte es mit einer weibischen, buhlerischen Betonung.

»Du bist also ihre ... Mai...tresse?«

»O nein, ich bin ihr Freund!«

»Wie kannst du dich unterstehen, das zu sagen!«

»Sie sagen es selbst.«

»Was?...«

»Ja, Reiting.«

»So, Reiting?«

»Ja, er ist sehr freundlich zu mir. Meist muß ich mich ausziehen und ihm

etwas aus Geschichtsbüchern vorlesen; von Rom und seinen Kaisern, von den

Borgias, von Timur Chan ... na du weißt schon, lauter solch blutige, große

Sachen. Dann ist er sogar zärtlich gegen mich.

 

— — — — — — — — — — — — —

 

Nur nachher schlägt er mich meistens ...«

»Wonach?!!...... Ach so!«

»Ja. Er sagt, wenn er mich nicht schlagen würde, so müßte er glauben, ich sei

ein Mann, und dann dürfte er mir gegenüber auch nicht so weich und zärtlich

sein. So aber sei ich seine Sache und da geniere er sich nicht.«

»Und Beineberg?«

»O Beineberg ist häßlich. Findest du nicht auch, daß er aus dem Munde

riecht?«

»Schweig! Was ich finde, geht dich gar nichts an! Erzähle was Beineberg mit

dir tut!«

»Nun, auch so wie Reiting, nur .... Aber du darfst mich nicht wieder gleich

schimpfen ...«

»Vorwärts.«

»Nur ... auf einem anderen Umwege. Er hält mir erst lange Reden über

meine Seele. Ich habe sie beschmutzt, aber gewissermaßen nur den ersten Vorhof

derselben. Im Verhältnis zu dem Innersten sei dies etwas Nichtiges und

Äußerliches. Nur müsse man es abtöten; so seien schon viele aus Sündern zu

Heiligen geworden. Die Sünde sei daher in höherer Hinsicht gar nicht so

schlecht; nur müsse man sie ganz auf die Spitze treiben, damit sie abbreche. Er

läßt mich sitzen und ein geschliffenes Glas anstarren ...«

»Er hypnotisiert dich?«

»Nein, er sagt, er müsse nur alle Dinge, die an der Oberfläche meiner Seele

umherschwimmen, einschläfern und kraftlos machen. Dann erst könne er mit

meiner Seele selbst verkehren.«

»Und wie verkehrt er denn mit ihr?«

»Das ist ein Experiment, das ihm noch nie gelungen ist. Er sitzt, und ich muß

mich auf die Erde legen, so daß er die Füße auf meinen Leib stellen kann. Ich muß von dem Glas recht träge und schläfrig geworden sein. Dann auf einmal

befiehlt er mir zu bellen. Er beschreibt es mir ausführlich: – leise, mehr

winselnd, – so wie ein Hund aus dem Schlafe heraus bellt.«

»Wozu das?«

»Man weiß nicht, wozu es gut ist. Er läßt mich auch grunzen wie ein

Schwein und wiederholt mir in einem fort, ich habe etwas von diesem Tiere in

mir. Aber nicht als ob er mich schimpfen wollte; er wiederholt es mir ganz leise

und freundlich, um es – wie er sagt – fest in meine Nerven einzudrücken. Denn

er behauptet, daß möglicherweise eine meiner früheren Existenzen so gewesen

sei und daß man sie hervorlocken müsse, um sie unschädlich zu machen.«

»Und du glaubst ihm all das?«

»Gott bewahre; ich meine, er selbst glaubt nicht daran. Und dann ist er doch

auch zum Schlusse immer ganz anders. Wie soll ich auch solche Dinge

glauben?! Wer glaubt denn heute an eine Seele?! Und gar an eine solche

Seelenwanderung?! Daß ich gefehlt habe, weiß ich ganz gut; aber ich habe

immer gehofft, es wieder gut machen zu können. Da ist gar kein Hokuspokus

nötig. Ich zerbreche mir auch gar nicht den Kopf darüber, wieso ich meinen

Fehltritt begehen konnte. So etwas kommt so rasch, so von selbst; man merkt

erst nachher, daß man etwas Unkluges getan hat. Wenn es ihm aber Vergnügen

macht, etwas Übersinnliches dahinter zu suchen, so soll er meinetwegen.

Vorläufig muß ich ihm ja doch zu Willen sein. Wenn er nur lieber unterlassen

möchte, mich zu stechen ...«

»Was?«

»Ja, mit einer Nadel – nun nicht heftig, nur um zu sehen, wie ich darauf

reagiere ... ob sich nicht an irgendeiner Stelle des Körpers etwas bemerkbar

mache. Aber weh tut es doch. Er behauptet nämlich, die Ärzte verstünden nichts

davon, ich habe mir nicht gemerkt, womit er das beweisen will, ich erinnere

mich nur, daß er viel von Fakiren spricht, die, wenn sie ihre Seele schauen,

gegen körperliche Schmerzen unempfindlich sein sollen.«

»Nun ja, ich kenne diese Ideen; du sagtest aber doch selbst, daß dies nicht

alles sei.«

»Gewiß nicht; ich sagte doch auch, daß ich dies nur für einen Umweg halte.

Nachher kommen jedesmal Viertelstunden, wo er schweigt, und ich nicht weiß,

was in ihm vorgeht. Danach aber bricht er plötzlich los und verlangt Dienste von

mir – wie besessen – weit ärger als Reiting.«

»Und du tust alles, was man von dir verlangt?«

»Was bleibt mir übrig? Ich will wieder ein anständiger Mensch werden und

meine Ruhe haben.«

»Was aber inzwischen geschehen ist, wird dir ganz gleich sein?«

»Ich kann mir ja nicht dagegen helfen.«

»Gib jetzt genau acht und beantworte meine Fragen: Wieso konntest du

stehlen?«

»Wieso? Schau, ich brauchte das Geld dringend; ich hatte beim Traiteur

Schulden und er wollte sich nicht mehr vertrösten lassen. Dann glaubte ich doch

bestimmt, daß in jenen Tagen für mich Geld kommen werde. Von den

Kameraden wollte mir keiner leihen: die einen hatten selbst keins und die

Sparsamen freut es ja nur, wenn einer, der nicht so ist, gegen Monatsende in

Verlegenheit kommt. Ich wollte gewiß niemanden betrügen; ich wollte es mir

nur heimlich ausleihen ...«

»Nicht so meine ich es,« unterbrach Törleß ungeduldig diese Erzählung, die

Basini offenbar erleichterte, »ich frage: wieso – wie konntest du das tun, wie

fühltest du dich? Was ging in jenem Augenblick in dir vor?«

»Nun ja – gar nichts. Es war doch nur ein Augenblick, ich fühlte nichts, ich

überlegte nichts, es war einfach plötzlich geschehen.«

»Aber das erstemal mit Reiting? Als er zum erstenmal jene Dinge von dir

verlangte? Verstehst du ...?«

»O unangenehm war es mir schon. Weil es so auf Befehl geschehen sollte.

Denn sonst ... denk nur, wie viele tun solche Sachen freiwillig zum Vergnügen,

ohne daß die anderen davon wissen. Da ist es wohl nicht so arg.«

»Aber du hast es auf Befehl getan. Du hast dich erniedrigt. So wie wenn du

in den Kot kriechen würdest, weil es ein anderer will.«

»Das gebe ich ja zu; aber ich mußte.«

»Nein, du mußtest nicht.«

»Sie hätten mich geprügelt, angezeigt; alle Schande wäre auf mich

gekommen.«

»Nun meinetwegen, lassen wir das. Ich will etwas anderes von dir wissen.

Höre, ich weiß, daß du viel Geld bei Božena gelassen hast. Du hast vor ihr

aufgeschnitten, dich in die Brust geworfen, mit deiner Männlichkeit geprahlt. Du

willst also ein Mann sein? Nicht nur mit dem Mund und mit ... sondern mit der

ganzen Seele? Nun sieh, da verlangt auf einmal einer von dir einen so

erniedrigenden Dienst, du fühlst im selben Augenblick, daß du zu feig bist, um

nein zu sagen: ging da nicht durch dein ganzes Wesen ein Riß? Ein Schreck –

unbestimmt – als ob sich eben etwas Unsagbares in dir vollzogen hätte?«

»Gott, ich verstehe dich nicht; ich weiß nicht, was du willst; ich kann dir

nichts, gar nichts sagen.«

»So paß auf; ich werde dir jetzt befehlen, dich wieder auszukleiden.«

Basini lächelte.

»Dich platt da vor mir auf die Erde zu legen. Lach nicht! Ich befehle es dir

wirklich! Hörst du?! Wenn du nicht augenblicklich folgst, so wirst du sehen, was

dir bevorsteht, wenn Reiting zurückkommt! So. Siehst du, jetzt liegst du nackt

vor mir auf der Erde. Du zitterst sogar; es friert dich? Ich könnte jetzt auf deinen

nackten Leib speien, wenn ich wollte. Drücke nur den Kopf fest auf die Erde;

sieht der Staub am Boden nicht merkwürdig aus? Wie eine Landschaft voll

Wolken und Felsblöcken so groß wie Häuser? Ich könnte dich mit Nadeln

stechen. Da in der Nische, bei der Lampe liegen noch welche. Fühlst du sie

schon auf der Haut?... Aber ich will nicht ... Ich könnte dich bellen lassen, wie es

Beineberg getan hat, den Staub auffressen lassen wie ein Schwein, ich könnte

dich Bewegungen machen lassen – du weißt schon – und du müßtest dazu

seufzen: O meine liebe Mut ...« Doch Törleß hielt jäh in dieser Lästerung inne.

»Aber ich will nicht, will nicht, verstehst du?!«

Basini weinte. »Du quälst mich ...«

»Ja, ich quäle dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines wissen:

Wenn ich all das wie Messer in dich hineinstoße, was ist in dir? Was vollzieht

sich in dir? Zerspringt etwas in dir? Sag! Jäh wie ein Glas, das plötzlich in

tausend Splitter geht, bevor sich noch ein Sprung gezeigt hat? Das Bild, das du

dir von dir gemacht hast, verlöscht es nicht mit einem Hauche; springt nicht ein

anderes an seine Stelle, wie die Bilder der Zauberlaternen aus dem Dunkel

springen? Verstehst du mich denn gar nicht? Näher erklären kann ich's dir nicht;

du mußt mir selbst sagen!...«

Basini weinte ohne aufzuhören. Seine mädchenhaften Schultern zuckten; er

brachte immer nur dasselbe hervor. »Ich weiß nicht, was du willst; ich kann dir

nichts erklären; es geschieht im Augenblicke; es kann dann gar nicht anders

geschehen; du würdest ebenso handeln wie ich.«

Törleß schwieg. Er blieb erschöpft, reglos an der Wand lehnen und starrte

vor sich hin, geradeaus ins Leere.

»Wenn du in meiner Situation wärest, würdest du geradeso handeln«, hatte

Basini gesagt. Da war das Geschehene als eine einfache Notwendigkeit, ruhig

und ohne Verzerrung.

Törleß' Selbstbewußtsein lehnte sich in heller Verachtung selbst gegen die

bloße Zumutung auf. Und doch schien ihm diese Auflehnung seines ganzen

Wesens keine befriedigende Gewähr zu bieten. »... ja, ich würde mehr Charakter

haben als er, ich würde solche Zumutungen nicht ertragen – aber ist dies auch

von Belang? Ist es von Belang, daß ich aus Festigkeit, aus Anständigkeit, aus lauter Gründen, die mir jetzt ganz nebensächlich sind, anders handeln würde?

Nein, nicht daran liegt's, wie ich handeln würde, sondern daran, daß ich, wenn

ich einmal wirklich so handelte wie Basini, ebensowenig Außergewöhnliches

dabei empfinden würde wie er. Dies ist das eigentliche: Mein Gefühl meiner

selbst würde genau so einfach und von allem Fragwürdigen entfernt sein wie das

seine ...«

Dieser Gedanke, welcher – in abgerissenen, übereinander greifenden, immer

wieder von vorne anfangenden Sätzen gedacht – der Verachtung für Basini einen

ganz intimen, leisen, aber weit tiefer als Moral an das innerste Gleichgewicht

rührenden Schmerz hinzufügte, kam von der Erinnerung an eine kurz vorher

gehabte Empfindung, die Törleß nicht losließ. Als ihm nämlich durch Basini die

möglicherweise von Reiting und Beineberg drohende Gefahr zur Kenntnis kam,

war er einfach erschrocken. Einfach erschrocken, wie bei einem Überfall, und

hatte ohne Überlegen blitzschnell nach Paraden und Deckungen gesucht. Das

war nun im Augenblicke einer wirklichen Gefahr gewesen; und die Empfindung,

die er dabei gehabt hatte, reizte ihn. Diese raschen, gedankenlosen Impulse. Er

versuchte ganz vergebens sie wieder in sich auszulösen. Aber er wußte, daß sie

der Gefahr augenblicks alles Sonderbare und Zweideutige benommen hatten.

Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen, die er vor einigen Wochen erst an

derselben Stelle geahnt hatte. Damals, als er so eigens wegen der Kammer

erschrocken war, die wie ein vergessenes Mittelalter abseits von dem warmen

und hellen Leben der Lehrsäle lag, über Beineberg und Reiting, weil sie aus den

Menschen, die sie dort waren, plötzlich etwas anderes, Düsteres, Blutgieriges,

Personen in einem ganz anderen Leben geworden zu sein schienen. Damals war

dies eine Verwandlung, ein Sprung für Törleß, als ob das Bild seiner Umgebung

plötzlich in andere, aus hundertjährigem Schlafe erwachte Augen fiele.

Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen ... Unaufhörlich wiederholte er

sich dies. Und immer wieder versuchte er die Erinnerungen der beiden

verschiedenen Empfindungen miteinander zu vergleichen .................

Basini hatte sich mittlerweile längst aufgerichtet; er bemerkte den stieren,

geistesabwesenden Blick seines Gefährten, leise nahm er seine Kleider auf und

schlich sich davon.

Törleß sah es – wie durch einen Nebel hindurch – aber er ließ es wortlos

geschehen.

Seine Aufmerksamkeit war ganz durch das Bestreben gefesselt, jenen Punkt

in ihm wieder aufzufinden, wo plötzlich jener Wechsel in der innerlichen

Perspektive stattgefunden hatte.

Aber so oft er in dessen Nähe kam, erging es ihm wie einem, der Nahes mit Fernem vergleichen will: er erhaschte nie die Erinnerungsbilder beider Gefühle

zugleich, sondern jedesmal ging wie ein leiser Knacks zwischendurch ein

Gefühl, wie es im Körperlichen etwa den kaum merkbaren Muskelempfindungen

entspricht, die das Einstellen des Blickes begleiten. Und jedesmal beanspruchte

dies gerade im entscheidenden Momente die Aufmerksamkeit für sich, die

Tätigkeit des Vergleiches drängte sich vor den Gegenstand des Vergleiches, es

gab einen kaum fühlbaren Ruck – und alles stand still.

Und immer wieder begann Törleß von neuem.

Dieser Prozeß von mechanischer Gleichmäßigkeit schläferte ihn in einen

starren, wachen, eiskalten Schlaf, der ihn reglos an seinem Platze festhielt.

Unbestimmt lange.

Erst ein Gedanke weckte Törleß auf wie die leise Berührung einer warmen

Hand. Ein anscheinend so selbstverständlicher Gedanke, daß sich Törleß

wunderte, nicht schon längst darauf verfallen zu sein.

Ein Gedanke, der gar nichts tat, als die eben gemachte Erfahrung

registrieren: es kommt immer einfach, unverzerrt, in natürlichen, alltäglichen

Proportionen, was von ferne so groß und geheimnisvoll aussieht. So als ob eine

unsichtbare Grenze um den Menschen gezogen wäre. Was sich außerhalb

vorbereitet und von ferne herannaht, ist wie ein nebliges Meer voll riesenhafter,

wechselnder Gestalten; was an ihn herantritt, Handlung wird, an seinem Leben

sich stößt, ist klar und klein, von menschlichen Dimensionen und menschlichen

Linien. Und zwischen dem Leben, das man lebt, und dem Leben, das man fühlt,

ahnt, von ferne sieht, liegt wie ein enges Tor die unsichtbare Grenze, in dem sich

die Bilder der Ereignisse zusammendrücken müssen, um in den Menschen

einzugehen.

 

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Und doch, so sehr dies seiner Erfahrung entsprach, beugte Törleß

nachdenklich den Kopf.

»Ein sonderbarer Gedanke – – – –« fühlte er.