Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 14 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Noch am selben Tage hatte Törleß den…

Noch am selben Tage hatte Törleß den Lehrer der Mathematik gebeten, ihn

besuchen zu dürfen, um sich über einige Stellen des letzten Vortrages

Aufklärung zu holen.

Den nächsten Tag, während der Mittagspause, stieg er nun die Treppe zu der

kleinen Professorswohnung hinan.

Er hatte jetzt einen ganz neuen Respekt vor der Mathematik, da sie ihm nun

einmal aus einer toten Lernaufgabe unversehens etwas sehr Lebendiges

geworden zu sein schien. Und von diesem Respekte aus empfand er eine Art

Neid gegen den Professor, dem alle diese Beziehungen vertraut sein mußten und

der ihre Kenntnis stets bei sich trug, wie den Schlüssel eines versperrten Gartens.

Überdies wurde Törleß aber auch von einer, allerdings ein wenig zaghaften

Neugierde angetrieben. Er war noch nie in dem Zimmer eines erwachsenen

jungen Mannes gewesen und es kitzelte ihn zu erfahren, wie denn das Leben

eines solchen anderen, wissenden und doch ruhigen Menschen aussehe,

wenigstens so weit man aus den äußeren, umgebenden Dingen darauf schließen

kann.

Er war sonst seinen Lehrern gegenüber scheu und zurückhaltend und

glaubte, daß er sich deswegen nicht ihrer besonderen Zuneigung erfreue. Seine

Bitte erschien ihm daher, während er jetzt erregt vor der Türe innehielt, als ein

Wagnis, bei dem es sich weniger darum handelte, eine Aufklärung zu erhalten, –

denn ganz im stillen zweifelte er schon jetzt daran, – als daß er einen Blick –

gewissermaßen hinter den Professor und in dessen tägliches Konkubinat mit der

Mathematik hinein – tun könne.

Man führte ihn in das Arbeitszimmer. Es war ein länglicher einfenstriger

Raum; ein mit Tintenflecken übertropfter Schreibtisch stand in der Nähe des

Fensters und an der Wand ein Sofa, das mit einem gerippten, grünen, kratzigen

Stoffe überzogen war und Quasten hatte. Oberhalb dieses Sofas hingen eine

ausgeblichene Studentenmütze und eine Anzahl brauner, nachgedunkelter

Photographien in Visiteformat aus der Universitätszeit. Auf dem ovalen Tische

mit den X-füßen, deren graziös sein sollende Schnörkel wie eine mißglückte

Artigkeit wirkten, lag eine Pfeife und blättriger, großgeschnittener Tabak. Das ganze Zimmer hatte davon einen Geruch nach billigem Knaster.

Kaum hatte Törleß diese Eindrücke in sich aufgenommen und ein gewisses

Mißbehagen in sich konstatiert, wie bei der Berührung mit etwas

Unappetitlichem, als sein Lehrer eintrat.

Er war ein junger Mann von höchstens dreißig Jahren; blond, nervös und ein

ganz tüchtiger Mathematiker, welcher der Akademie schon einige wichtige

Abhandlungen eingereicht hatte.

Er setzte sich sofort an seinen Schreibtisch, kramte ein wenig in den

umherliegenden Papieren, (Törleß kam es später vor, daß er sich geradenwegs

dorthin gerettet hatte), putzte seinen Klemmer mit dem Taschentuche, schlug ein

Bein über das andere und sah Törleß erwartend an.

Dieser hatte nun auch ihn zu mustern begonnen. Er bemerkte ein Paar grober

weißer Wollsocken und darüber, daß die Bänder der Unterhose von der Wichse

der Zugstiefel schwarz gescheuert waren.

Dagegen sah das Taschentuch weiß und geziert hervor und die Krawatte war

zwar genäht, aber dafür prächtig buntscheckig wie eine Palette.

Törleß fühlte sich unwillkürlich durch diese kleinen Beobachtungen weiter

abgestoßen; er vermochte kaum mehr zu hoffen, daß dieser Mensch wirklich im

Besitze bedeutungsvoller Erkenntnisse sei, wenn doch offenbar an seiner Person

und ganzen Umgebung nicht das geringste davon zu merken war. Er hatte sich

im stillen das Arbeitszimmer eines Mathematikers ganz anders vorgestellt; mit

irgendwelchem Ausdrucke für die fürchterlichen Dinge, die darin gedacht

wurden. Das Gewöhnliche verletzte ihn; er übertrug es auf die Mathematik, und

sein Respekt begann einem mißtrauischen Widerstreben zu weichen.

Da nun auch der Professor ungeduldig auf seinem Platze hin und her rückte

und nicht wußte, wie er das lange Schweigen und die musternden Blicke deuten

solle, lag zwischen den beiden Menschen schon in diesem Augenblicke die

Atmosphäre eines Mißverständnisses.

»Nun wollen wir ... wollen Sie ... ich bin gerne bereit Ihnen Auskunft zu

erteilen«, begann der Professor.

Törleß trug seine Einwendungen vor und bemühte sich, deren Bedeutung für

ihn auseinanderzusetzen. Aber ihm war, als müßte er durch einen dicken, trüben

Nebel hindurch sprechen und seine besten Worte erstickten schon in der Kehle.

Der Professor lächelte, hüstelte einstweilen, sagte: »Sie gestatten« und

zündete sich eine Zigarette an, rauchte sie in hastigen Zügen; das Papier – was

Törleß alles zwischendurch bemerkte und gewöhnlich fand – lief fett an und bog

sich jedesmal knisternd ein; der Professor nahm den Klemmer von der Nase,

setzte ihn wieder auf, nickte mit dem Kopfe, .. schließlich ließ er Törleß gar nicht zu Ende kommen. »Es freut mich, ja mein lieber Törleß, es freut mich

wirklich sehr,« unterbrach er ihn, »Ihre Bedenken zeigen von Ernst, von eigenem

Nachdenken, von ... hm ... aber es ist gar nicht so leicht, Ihnen die gewünschte

Aufklärung zu geben, ... Sie dürfen mich da nicht mißverstehen.

Sehen Sie, Sie sprachen von dem Eingreifen transzendenter, hm ja ...

transzendent nennt man das, – Faktoren ...

Nun weiß ich ja allerdings nicht, wie Sie hierüber fühlen; mit dem

Übersinnlichen, jenseits der strengen Grenzen des Verstandes Liegenden, ist es

eine ganz eigene Sache. Ich bin eigentlich nicht recht befugt, da einzugreifen, es

gehört nicht zu meinem Gegenstande; man kann so und so darüber denken, und

ich möchte durchaus vermeiden, gegen irgend jemanden zu polemisieren ... Was

aber die Mathematik anlangt,« und hiebei betonte er das Wort Mathematik, als

ob er eine verhängnisvolle Tür ein für allemal zuschlagen wollte, »was also die

Mathematik anlangt, ist es ganz gewiß, daß hier auch ein natürlicher und nur

mathematischer Zusammenhang besteht.

Nur müßte ich, – um streng wissenschaftlich zu sein, – Voraussetzungen

machen, die Sie kaum noch verstehen dürften, auch fehlt uns die Zeit dazu.

Wissen Sie, ich gebe ja gerne zu, daß zum Beispiel diese imaginären, diese

gar nicht wirklich existierenden Zahlwerte, ha ha, gar keine kleine Nuß für einen

jungen Studenten sind. Sie müssen sich damit zufrieden geben, daß solche

mathematische Begriffe eben rein mathematische Denknotwendigkeiten sind.

Überlegen Sie nur: auf der elementaren Stufe des Unterrichts, auf der sie sich

noch befinden, hält es sehr schwer, für vieles, das man berühren muß, die

richtige Erklärung zu geben. Zum Glück fühlen es die wenigsten, wenn aber

einer, wie Sie heute, – doch wie gesagt, es hat mich sehr gefreut, – nun wirklich

kommt, so kann man nur sagen: Lieber Freund, du mußt einfach glauben; wenn

du einmal zehnmal soviel Mathematik können wirst als jetzt, so wirst du

verstehen, aber einstweilen: glauben!

Es geht nicht anders, lieber Törleß, die Mathematik ist eine ganze Welt für

sich und man muß reichlich lange in ihr gelebt haben, um alles zu fühlen, was in

ihr notwendig ist.«

Törleß war froh, als der Professor schwieg. Seit er die Tür zufallen gehört

hatte, war ihm, daß sich die Worte immer weiter und weiter entfernten, ... nach

der anderen, gleichgültigen Seite hin, wo alle richtigen und doch nichts

besagenden Erklärungen liegen.

Aber er war von dem Schwall der Worte und dem Mißlingen betäubt und

verstand nicht gleich, daß er nun aufstehen solle.

Da suchte der Professor, um es endgültig zu erledigen, nach einem letzten, überzeugenden Argumente.

Auf einem kleinen Tischchen lag ein Renommierband Kant. Den nahm der

Professor und zeigte ihn Törleß. »Sehen Sie dieses Buch, das ist Philosophie, es

enthält die Bestimmungsstücke unseres Handelns. Und wenn Sie dem auf den

Grund fühlen könnten, so würden Sie auf lauter solche Denknotwendigkeiten

stoßen, die eben alles bestimmen, ohne daß sie selbst so ohneweiters einzusehen

wären. Es ist ganz ähnlich wie mit dem in der Mathematik. Und dennoch

handeln wir fortwährend danach: Da haben Sie gleich den Beweis dafür, wie

wichtig solche Dinge sind. Aber«, lächelte er, als er sah, daß Törleß richtig das

Buch aufschlug und darinnen blätterte, »lassen Sie es doch jetzt noch. Ich wollte

Ihnen nur ein Beispiel geben, an das Sie sich später einmal erinnern können;

vorläufig dürfte es wohl noch zu schwer für Sie sein.«