Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 26 von 35

PDF-Seiten

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Dies geschah einige Tage später, als sie…

Dies geschah einige Tage später, als sie zu dritt in der Kammer beisammen

waren. Beineberg war sehr ernst.

Reiting fing zu sprechen an: »Beineberg und ich glauben, daß es auf die

bisherige Weise mit Basini nicht mehr weiter geht. Er hat sich mit dem

Gehorsam, den er uns schuldet, abgefunden und leidet nicht mehr darunter; er ist

von einer frechen Vertraulichkeit wie ein Bedienter. Es ist also an der Zeit, mit

ihm einen Schritt weiter zu gehen. Bist du einverstanden?«

»Ich weiß doch noch gar nicht, was ihr mit ihm tun wollt.«

»Das ist auch schwer zurecht gelegt. Wir müssen ihn noch weiter demütigen

und herunterdrücken. Ich möchte sehen, wie weit das geht. Auf welche Weise,

ist freilich eine andere Frage. Ich habe allerdings auch hierüber einige nette

Einfälle. Wir könnten ihn zum Beispiel durchpeitschen und er müßte

Dankpsalmen dazu singen; den Ausdruck dieses Gesanges anzuhören wäre nicht

übel – jeder Ton gewissermaßen von einer Gänsehaut überlaufen. Wir könnten

ihn die unsaubersten Sachen apportieren lassen. Wir könnten ihn zu Božena

mitnehmen, dort die Briefe seiner Mutter vorlesen lassen, und Božena möchte

schon den nötigen Spaß dazu liefern. Doch das alles läuft uns nicht davon. Wir

können es uns ruhig ausdenken, ausfeilen und Neues dazufinden. Ohne die

entsprechenden Details ist es vorderhand noch langweilig. Vielleicht liefern wir

ihn überhaupt der Klasse aus. Das wäre das gescheiteste. Wenn von so vielen

jeder nur ein wenig beisteuert, so genügt es, um ihn in Stücke zu zerreißen.

Überhaupt habe ich diese Massenbewegungen gern. Keiner will Besonderes

dazu tun, und doch gehen die Wellen immer höher, bis sie über allen Köpfen

zusammenschlagen. Ihr werdet sehen, keiner wird sich rühren, und es wird doch

einen Riesensturm geben. So etwas in Szene zu setzen, ist für mich ein

außerordentliches Vergnügen.«

»Was wollt ihr aber zunächst tun?«

»Wie gesagt, ich möchte mir das für später aufsparen, vorderhand würde es

mir genügen, ihn soweit zu bringen – durch Drohungen oder Prügel – daß er

wieder zu allem ja sagt.«

»Wozu?« entfuhr es Törleß. Sie sahen sich fest in die Augen.

»Ach verstell dich nicht; ich weiß sehr wohl, daß du davon unterrichtet bist.«

Törleß schwieg. Hatte Reiting etwas erfahren?... Klopfte er nur auf den Strauch?

»... Doch noch von damals her; Beineberg hat dir doch gesagt, wozu sich

Basini hergibt.«

Törleß atmete erleichtert auf.

»Na, mach nur nicht so erstaunte Augen. Damals hast du sie auch so

aufgerissen, und es handelt sich doch um nichts gar so Arges. Übrigens hat mir

Beineberg gestanden, daß er dasselbe mit Basini tut.« Dabei blickte Reiting mit

einer ironischen Grimasse zu Beineberg hinüber. Das war so seine Art, einem

anderen ganz öffentlich und ungeniert ein Bein zu stellen.

Aber Beineberg erwiderte nichts; er blieb in seiner nachdenklichen Stellung

sitzen und schlug kaum die Augen auf.

»Na, möchtest du nicht mit deiner Sache herausrücken?! Er hat nämlich eine

verrückte Idee mit Basini vor und will sie durchaus ausführen, ehe wir anderes

unternehmen. Aber sie ist ganz amüsant.«

Beineberg blieb ernst; er sah Törleß mit einem nachdrücklichen Blicke an

und sagte: »Erinnerst du dich, was wir damals hinter den Mänteln sprachen?«

»Ja.«

»Ich bin niemals mehr darauf zu sprechen gekommen, denn das bloße Reden

hat ja doch keinen Zweck. Aber ich habe darüber nachgedacht – du kannst mir

glauben – oft. Auch das, was Reiting dir eben gesagt hat, ist wahr. Ich habe

dasselbe mit Basini getan wie er. Vielleicht noch einiges mehr. Deswegen, weil

ich, wie ich schon damals sagte, des Glaubens war, daß die Sinnlichkeit

vielleicht das richtige Tor sein könnte. Das war so ein Versuch. Ich wußte keinen

anderen Weg zu dem, was ich suchte. Aber dieses Planlose hat keinen Sinn.

Darüber habe ich nachgedacht – nächtelang nachgedacht – wie man etwas

Systematisches an seine Stelle setzen könnte.

Jetzt glaube ich es gefunden zu haben und wir werden den Versuch machen.

Jetzt wirst du auch sehen, wie sehr du damals im Unrecht warst. Alles ist

unsicher, was von der Welt behauptet wird, alles geht anders zu. Das lernten wir

damals gewissermaßen nur von der Kehrseite kennen, indem wir Punkte

aussuchten, bei denen diese ganze natürliche Erklärung über die eigenen Füße

stolpert, jetzt hoffe ich aber das Positive zeigen zu können – das andere!«

Reiting verteilte die Teeschalen; dabei stieß er vergnügt Törleß an. »Gib gut

acht. – Das ist sehr fesch, was er sich ausgetiftelt hat.«

Beineberg aber drehte mit einer raschen Bewegung die Lampe aus. In dem

Dunkel warf nur die Spiritusflamme des Kochers unruhige, bläuliche Lichter auf

die drei Köpfe.

»Ich löschte die Lampe aus, Törleß, weil es sich so von solchen Dingen

besser spricht. Und du, Reiting, kannst meinethalben schlafen, wenn du zu

dumm bist, um Tieferes zu begreifen.«

Reiting lachte belustigt.

»Du erinnerst dich also noch an unser Gespräch. Du selbst hattest damals

jene kleine Sonderbarkeit in der Mathematik heraus gefunden. Dieses Beispiel,

daß unser Denken keinen gleichmäßig festen, sicheren Boden hat, sondern über

Löcher hinweggeht. – Es schließt die Augen, es hört für einen Moment auf zu

sein und wird doch sicher auf die andere Seite hinübergetragen. Wir müßten

eigentlich längst verzweifelt sein, denn unser Wissen ist auf allen Gebieten von

solchen Abgründen durchzogen, nichts wie Bruchstücke, die in einem

unergründlichen Ozean treiben.

Wir verzweifeln aber nicht, wir fühlen uns dennoch so sicher wie auf festem

Boden. Wenn wir dieses sichere, gewisse Gefühl nicht hätten, würden wir uns

aus Verzweiflung über unseren armen Verstand töten. Dieses Gefühl begleitet

uns beständig, es hält uns zusammen, es nimmt unseren Verstand in jedem

zweiten Augenblick schützend in den Arm wie ein kleines Kind. So wie wir uns

dessen einmal bewußt geworden sind, können wir das Dasein einer Seele nicht

mehr leugnen. So wie wir unser geistiges Leben zergliedern und das

Unzureichende des Verstandes erkennen, fühlen wir es förmlich. Fühlen es –

verstehst du – denn wenn dieses Gefühl nicht wäre, würden wir

zusammenklappen wie leere Säcke.

Wir haben nur verlernt, auf dieses Gefühl zu achten, aber es ist eines der

ältesten. Vor Tausenden von Jahren haben schon Völker, die tausende Meilen

voneinander wohnten, darum gewußt. Wie man sich einmal damit befaßt, kann

man diese Dinge gar nicht leugnen. Doch ich will dich nicht mit Worten

überreden; ich werde dir nur das nötigste sagen, damit du nicht ganz

unvorbereitet bist. Den Beweis werden die Tatsachen erbringen.

Nimm also an, die Seele existiere, dann ist es doch ganz selbstverständlich,

daß wir kein heißeres Bestreben haben können, als den verloren gegangenen

Kontakt mit ihr wieder herzustellen, mit ihr wieder vertraut zu werden, ihre

Kräfte wieder besser ausnützen zu lernen, Teile der übersinnlichen Kräfte, die in

ihrer Tiefe schlummern, für uns zu gewinnen.

Denn das alles ist möglich, es ist schon mehr als einmal gelungen, die

Wunder, die Heiligen, die indischen Gottesschauer sind lauter Beglaubigungen

für solche Geschehnisse.«

»Hör einmal,« warf Törleß ein, »du redest dich jetzt ein wenig in diesen

Glauben hinein. Du hast dazu eigens die Lampe auslöschen müssen. Würdest du aber auch so sprechen, wenn wir jetzt unten zwischen den andern säßen, die

Geographie, Geschichte lernen, Briefe nach Hause schreiben, wo die Lampen

hell brennen und vielleicht der Präfekt um die Bänke geht? Kämen dir da nicht

doch deine Worte etwas abenteuerlich vor, etwas anmaßend, als ob wir gar nicht

zu denen gehörten, in einer anderen Welt lebten, achthundert Jahre vorher?«

»Nein, mein lieber Törleß, ich würde dasselbe behaupten. Übrigens ist es ein

Fehler von dir, daß du immer nach den andern schielst; du bist zu wenig

selbständig. Briefe nach Hause schreiben! Bei solchen Sachen denkst du an

deine Eltern! Wer sagt dir, daß sie uns hier überhaupt nur zu folgen vermögen?

Wir sind jung, eine Generation später, vielleicht sind uns Dinge vorbehalten, die

sie nie in ihrem Leben geahnt haben. Ich wenigstens fühle es in mir.

Doch wozu lange reden; ich werde es euch ja beweisen.«

Nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatten, sagte Törleß: »Wie willst du es

denn eigentlich anpacken, deiner Seele habhaft zu werden?«

»Das will ich dir jetzt nicht auseinandersetzen, da ich es ohnedies vor Basini

werde tun müssen.«

»Aber beiläufig kannst du es wenigstens sagen.«

»Nun ja. Die Geschichte lehrt, daß es hiezu nur einen Weg gibt: die

Versenkung in sich selbst. Nur ist das eben das Schwierige. Die alten Heiligen

zum Beispiel, zu der Zeit, wo die Seele sich noch in Wundern äußerte, konnten

dieses Ziel durch inbrünstiges Gebet erreichen. Zu jener Zeit war eben die Seele

von anderer Art, denn heute versagt dieser Weg. Heute wissen wir nicht, was wir

tun sollen; die Seele hat sich verändert, und es liegen leider Zeiten dazwischen,

wo man dem nicht die richtige Aufmerksamkeit gewidmet hat und der

Zusammenhang unwiederbringlich verloren ging. Einen neuen Weg können wir

nur durch sorgfältigste Überlegung finden. Hiemit habe ich mich während der

letzten Zeit intensiv beschäftigt. Am nächsten dürfte man wohl mit Hilfe der

Hypnose gelangen. Nur ist es noch nie versucht worden. Man macht da immer

nur so alltägliche Kunststückchen, weswegen die Methoden noch nicht daraufhin

erprobt sind, ob sie auch zu Höherem führen. Das letzte, was ich hierüber jetzt

schon sage, ist, daß ich Basini nicht nach dieser landläufigen Art hypnotisieren

werde, sondern nach meiner eigenen, die, wenn ich nicht irre, einer schon im

Mittelalter angewandten ähnlich ist.«

»Ist dieser Beineberg nicht kostbar?« lachte Reiting. »Nur hätte er zur Zeit

der Weltuntergangsprophezeiungen leben sollen, dann hätte er am Ende wirklich

geglaubt, daß es seine Seelenmagie gewesen sei, deretwegen die Welt bestehen

blieb.«

Als Törleß auf diesen Spott hin Beineberg ansah, bemerkte er, daß dessen Gesicht ganz starr wie in krampfhafter Aufmerksamkeit verzerrt war. Im

nächsten Augenblick fühlte er sich von eiskalten Fingern gefaßt. Törleß erschrak

über diese hochgradige Aufregung; dann löste sich die Spannung der ihn

umklammernden Hand. »O es war nichts. Nur ein Gedanke. Mir war als sollte

mir etwas Besonderes einfallen, ein Fingerzeig, wie es zu machen sei ...«

»Hörst du, du bist wirklich ein wenig angegriffen,« sagte Reiting in jovialer

Weise, »sonst warst du doch ein eiserner Kerl und betriebst so etwas nur als

Sport; jetzt aber bist du wie ein Frauenzimmer.«

»Ach was – du hast eben keine Ahnung, was das heißt, solche Dinge in der

Nähe zu wissen, jeden Tag schon vor ihrem Besitze zu stehen!«

»Streitet nicht,« sagte Törleß – er war im Laufe der wenigen Wochen weit

fester und energischer geworden – »meinetwegen kann jeder machen, was er

will; ich glaube an gar nichts. Weder deinen geriebenen Quälereien, Reiting,

noch Beinebergs Hoffnungen. Und selbst weiß ich nichts zu sagen. Ich warte ab,

was ihr herausbringt.«

»Wann also?«

Es wurde die zweitnächste Nacht bestimmt.