Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
»Du, ich hab' ihn«, flüsterte Reiting.
»Wen?«
»Den Spielladendieb.«
Törleß war eben mit Beineberg zurückgekommen. Es war knapp vor der Zeit
des Nachtmahls und das diensthabende Aufsichtsorgan schon weggegangen.
Zwischen den grünen Tischen hatten sich plaudernde Gruppen gebildet und ein
warmes Leben summte und surrte durch den Saal.
Es war das gewöhnliche Schulzimmer mit weißgetünchten Wänden, einem
großen schwarzen Kruzifix und den Bildnissen des Herrscherpaares zu seiten der
Tafel. Neben dem großen eisernen Ofen, der noch nicht geheizt war, saßen, teils
auf dem Podium, teils auf umgelegten Stühlen, die jungen Leute, welche
nachmittags das Ehepaar Törleß zur Bahn begleitet hatten. Außer Reiting waren
es der lange Hofmeier und Dschjusch, unter welchem Spitznamen ein kleiner
polnischer Graf verstanden wurde.
Törleß war einigermaßen neugierig.
Die Spielladen standen im Hintergrunde des Zimmers und waren lange
Kästen mit vielen versperrbaren Schubfächern, in denen die Pfleglinge des
Institutes ihre Briefe, Bücher, Geld und allen möglichen kleinen Kram
aufbewahrten.
Und bereits seit geraumer Zeit klagten einzelne, daß ihnen kleinere
Geldbeträge fehlten, ohne daß sie jedoch bestimmte Vermutungen hätten
aussprechen können.
Beineberg war der erste, der mit Gewißheit sagen konnte, daß ihm – in der
Vorwoche – ein größerer Betrag gestohlen worden sei. Aber nur Reiting und
Törleß wußten darum.
Sie hatten die Diener im Verdachte.
»So erzähl doch!« bat Törleß, aber Reiting machte ihm rasch ein Zeichen:
»Pst! Später. Es weiß noch niemand davon.«
»Ein Diener?« flüsterte Törleß.
»Nein.«
»So deute doch wenigstens an, wer?«
Reiting wandte sich von den übrigen ab und sagte leise: »B.« Niemand außer
Törleß hatte etwas von diesem vorsichtig geführten Gespräche verstanden. Aber
auf diesen wirkte die Mitteilung wie ein Überfall. B.? – das konnte nur Basini
sein. Und das war doch nicht möglich! Seine Mutter war eine vermögende
Dame, sein Vormund Exzellenz. Törleß wollte es nicht glauben und dazwischen
schnitt der Gedanke an Boženas Erzählung hindurch.
Er konnte kaum den Augenblick erwarten, da die anderen zum Speisen
gingen. Beineberg und Reiting blieben zurück, indem sie vorgaben, noch vom
Nachmittage her übersättigt zu sein.
Reiting machte den Vorschlag, doch lieber vorerst »hinauf« zu gehen.
Sie traten auf den Gang hinaus, der sich endlos lang vor dem Lehrsaale
dehnte. Die flackernden Gasflammen erhellten ihn nur auf kurze Strecken und
die Schritte hallten von Nische zu Nische, wenn man auch noch so leise
auftrat ....
Vielleicht fünfzig Meter von der Türe entfernt, führte eine Stiege in das
zweite Stockwerk, in welchem sich das Naturalienkabinett, noch andere
Lehrmittelsammlungen und eine Menge leerstehender Zimmer befanden.
Von hier aus wurde die Treppe schmal und stieg in kurzen, rechtwinklig
aneinander stoßenden Absätzen zum Dachboden empor. Und – wie alte Gebäude
oft unlogisch, mit einer Verschwendung von Winkeln und unmotivierten Stufen
gebaut sind – führte sie noch um ein beträchtliches über das Niveau des Bodens
hinaus, so daß es jenseits der schweren, eisernen, versperrten Türe, durch welche
sie abgeschlossen war, eigens einer Holzstiege bedurfte, um zu ihm hinab zu
gelangen.
Diesseits aber entstand auf diese Weise ein mehrere Meter hoher verlorener
Raum, der bis zum Gebälke hinaufreichte. In diesem, der wohl niemals betreten
wurde, hatte man alte Kulissen gelagert, die von unvordenklichen
Theateraufführungen herrührten.
Das Tageslicht erstickte selbst an hellen Mittagen auf dieser Treppe in einer
Dämmerung, die von altem Staube gesättigt war, denn dieser Bodenaufgang, der
gegen den Flügel des mächtigen Gebäudes zu lag, wurde fast nie benützt.
Von dem letzten Absatze der Stiege schwang sich Beineberg über das
Geländer und ließ sich, indem er sich an dessen Gitterstäben festhielt, zwischen
die Kulissen hinunter, welchem Beispiele Reiting und Törleß folgten. Dort
konnten sie auf einer Kiste, welche eigens zu diesem Zwecke hingeschafft
worden war, festen Fuß fassen und gelangten von ihr mit einem Sprunge auf den
Fußboden.
Selbst wenn sich das Auge eines auf der Stiege Stehenden an das Dunkel
gewöhnt gehabt hätte, so wäre es ihm doch unmöglich gewesen, von dort aus
mehr als ein regelloses Durcheinander zackiger, mannigfach ineinander
geschobener Kulissen zu unterscheiden.
Als jedoch Beineberg eine von ihnen ein wenig zur Seite rückte, öffnete sich
den unten Stehenden ein schmaler schlauchartiger Durchgang.
Sie versteckten die Kiste, welche ihnen beim Abstiege gedient hatte, und
drangen zwischen die Kulissen ein.
Hier wurde es vollständig dunkel und es bedurfte einer sehr genauen
Kenntnis des Ortes, um weiterzufinden. Hie und da raschelte eine der großen
leinenen Wände, wenn sie gestreift wurde, es rieselte über den Fußboden wie
von aufgescheuchten Mäusen, und ein modriger alter-Truhen-Geruch stäubte
auf.
Die drei dieses Weges Gewohnten tasteten sich unendlich vorsichtig, Schritt
für Schritt bedacht, nicht an eine der als Fallstrick und Warnsignal über den
Boden gespannten Schnüre zu stoßen, vorwärts.
Es verging geraume Zeit, bis sie zu einer kleinen Türe gelangten, welche
rechter Hand, knapp vor der den Boden abtrennenden Mauer, angebracht war.
Als Beineberg diese öffnete, befanden sie sich in einem schmalen Raume
unterhalb des obersten Stiegenabsatzes, der bei dem Lichte einer kleinen,
flackernden Öllampe, welche Beineberg angezündet hatte, abenteuerlich genug
aussah.
Die Decke war nur in jenem Teile wagrecht, der unmittelbar unter dem
Treppenabsatze lag, und auch hier nur so hoch, daß man knapp aufrecht stehen
konnte. Nach rückwärts zu schrägte sie sich aber, dem Profile der Stiege folgend,
ab und endigte in einem spitzen Winkel. Mit der diesem gegenüberliegenden
Stirnseite stieß der kleine Raum an die dünne Zwischenmauer, welche den
Dachboden von dem Stiegenhause trennte und erhielt eine längsseitige
natürliche Begrenzung durch das Gemäuer, an dem die Stiege hinaufgeführt war.
Bloß die zweite Seitenwand, in welcher die Türe angebracht war, schien erst
eigens hinzugekommen zu sein. Sie verdankte wohl der Absicht ihr Entstehen,
hier eine kleine Kammer für Geräte zu schaffen, vielleicht auch nur einer Laune
des Baumeisters, dem beim Anblicke dieses finsteren Winkels der
mittelalterliche Einfall gekommen sein mochte, ihn zu einem Versteck
vermauern zu lassen.
Jedenfalls gab es außer den Dreien kaum einen Menschen im ganzen
Institute, der von dem Bestehen dieses Raumes wußte, geschweige denn daran
dachte, ihm irgendeine Bestimmung zu geben.
So konnten sie sich denselben ganz nach ihrem abenteuerlichen Sinne
ausstatten.
Die Wände waren vollständig mit einem blutroten Fahnenstoffe ausgekleidet,
den Reiting und Beineberg aus einem der Bodenräume entwendet hatten, und der
Fußboden war mit einer doppelten Lage dicker, wolliger Kotzen bedeckt, wie
solche im Winter in den Schlafsälen als zweite Decken dienten. In dem vorderen
Teile der Kammer standen niedere, mit Stoff überzogene Kistchen, die als Sitze
verwendet wurden; rückwärts, wo Fußboden und Decke in den spitzen Winkel
ausliefen, war eine Schlafstätte hergerichtet. Sie bot ein Lager für drei bis vier
Personen, das sich durch einen Vorhang verdunkeln und von dem vorderen Teile
der Kammer abtrennen ließ.
An der Wand hing neben der Türe ein geladener Revolver.
Törleß liebte diese Kammer nicht. Ihre Enge und dieses Alleinsein gefielen
ihm wohl, man war wie tief in dem Inneren eines Berges, und der Geruch der
alten, verstaubten Kulissen durchzog ihn mit unbestimmten Empfindungen. Aber
die Verstecktheit, diese Alarmschnüre, dieser Revolver, der eine äußerste Illusion
von Trotz und Heimlichkeit geben sollte, kamen ihm lächerlich vor. Es war, als
wollte man sich einreden, ein Räuberleben zu führen.
Törleß tat dabei eigentlich nur mit, weil er hinter den beiden anderen nicht
zurückstehen wollte. Beineberg und Reiting aber nahmen diese Dinge furchtbar
ernst. Das wußte Törleß. Er wußte, daß Beineberg zu allen Keller- und
Bodenräumen des Institutes Nachschlüssel besaß. Wußte, daß dieser oft für
mehrere Stunden von der Klasse verschwand, um irgendwo – hoch oben in den
Sparren des Dachstuhles oder unter der Erde in einem der vielen verzweigten,
verfallenden Gewölbe – zu sitzen und bei dem Scheine einer kleinen Laterne, die
er stets bei sich trug, abenteuerliche Geschichten zu lesen oder sich Gedanken
über die übernatürlichen Dinge eingeben zu lassen.
Ähnliches wußte er auch von Reiting. Dieser hatte gleichfalls seine
versteckten Winkel, in denen er geheime Tagebücher aufbewahrte; nur waren
diese mit verwogenen Plänen für die Zukunft ausgefüllt und mit genauen
Aufzeichnungen über Ursache, Inszenesetzung und Verlauf der zahlreichen
Intriguen, die er unter seinen Kameraden anstiftete. Denn Reiting kannte kein
größeres Vergnügen als Menschen gegeneinander zu hetzen, den einen mit Hilfe
des anderen unterzukriegen und sich an abgezwungenen Gefälligkeiten und
Schmeicheleien zu weiden, hinter deren Hülle er noch das Widerstreben des
Hasses fühlen konnte.
»Ich übe mich dabei«, war die einzige Entschuldigung, und er gab sie mit
liebenswürdigem Lachen. Zur Übung sollte ihm auch gereichen, daß er fast täglich an irgendeinem entlegenen Orte sei es gegen eine Wand, sei es gegen
einen Baum oder einen Tisch boxte, um seine Arme zu stärken und seine Hände
durch Schwielen abzuhärten.
Törleß wußte um all dies, aber er verstand es nur bis zu einem gewissen
Punkte. Er war einige Male sowohl Reiting als Beineberg auf ihren
eigenwilligen Wegen gefolgt. Das Ungewöhnliche daran hatte ihm ja gefallen.
Und auch das liebte er, hernach in die Tageshelle zu treten, unter alle
Kameraden, mitten in die Heiterkeit hinein, während er in sich, in seinen Augen
und Ohren, noch die Erregungen der Einsamkeit und die Halluzinationen der
Dunkelheit zittern fühlte. Wenn ihm aber Beineberg oder Reiting bei solcher
Gelegenheit, um jemanden zu haben, vor dem sie von sich sprechen konnten,
auseinandersetzten, was sie bei all dem bewegte, versagte sein Verständnis. Er
fand Reiting sogar überspannt. Dieser sprach nämlich mit Vorliebe davon, daß
sein Vater eine merkwürdig unstete, später verschollene Person gewesen sei.
Sein Name sollte überhaupt nur ein Inkognito für den eines sehr hohen
Geschlechtes sein. Er dachte, von seiner Mutter noch einmal in weitgehende
Ansprüche eingeweiht zu werden, rechnete mit Staatsstreichen und großer
Politik und wollte demzufolge Offizier werden.
Solche Absichten konnte sich Törleß ernstlich gar nicht vorstellen. Die
Jahrhunderte der Revolutionen schienen ihm ein für alle Male vorbei. Dennoch
verstand Reiting Ernst zu machen. Vorläufig freilich nur im kleinen. Er war ein
Tyrann und unnachsichtig gegen den, der sich ihm widersetzte. Sein Anhang
wechselte von Tag zu Tag, aber immer war die Majorität auf seiner Seite. Darin
bestand sein Talent. – Gegen Beineberg hatte er vor ein oder zwei Jahren einen
großen Krieg geführt, der mit dessen Niederlage endete. Beineberg war zum
Schlusse ziemlich isoliert dagestanden, obwohl er in der Beurteilung der
Personen, an Kaltblütigkeit und dem Vermögen, Antipathien gegen ihm
Mißliebige zu erregen, kaum hinter seinem Gegner zurückstand. Aber ihm fehlte
das Liebenswürdige und Gewinnende desselben. Seine Gelassenheit und seine
philosophische Salbung flößten fast allen Mißtrauen ein. Man vermutete garstige
Exzesse irgendwelcher Art am Grunde seines Wesens. Dennoch hatte er Reiting
große Schwierigkeiten bereitet und dessen Sieg war fast nur ein zufälliger
gewesen. Seit der Zeit hielten sie aus gemeinschaftlichem Interesse zusammen.
Törleß hingegen wurde von diesen Dingen gleichgültig gelassen. Er besaß
daher auch kein Geschick in ihnen. Dennoch war er mit in diese Welt
eingeschlossen und konnte täglich vor Augen sehen, was es bedeute, in einem
Staate – denn jede Klasse ist in einem solchen Institute ein kleiner Staat für sich
– die erste Rolle inne zu haben. Deswegen hatte er einen gewissen scheuen Respekt vor seinen beiden Freunden. Die Anwandlungen, die er manchmal hatte,
es ihnen gleichzutun, blieben in dilettantischen Versuchen stecken. Dadurch
geriet er, der ohnedies jünger war, in das Verhältnis eines Schülers oder
Gehülfen zu ihnen. Er genoß ihren Schutz, sie aber hörten gerne seinen Rat.
Denn Törleß' Geist war der beweglichste. Einmal auf eine Fährte gesetzt, war er
im Ausdenken der winkelzügigsten Kombinationen überaus fruchtbar. Es
vermochte auch keiner so genau wie er die verschiedenen, von dem Verhalten
eines Menschen in einer gegebenen Lage zu erwartenden Möglichkeiten
vorauszusagen. Nur wo es sich darum handelte, einen Entschluß zu fassen, von
den vorhandenen psychologischen Möglichkeiten eine auf eigene Gefahr als
bestimmt anzunehmen und danach zu handeln, versagte er, verlor das Interesse
und hatte keine Energie. Seine Rolle als geheimer Generalstabschef machte ihm
aber Spaß. Um so mehr, als sie so ziemlich das einzige war, das in seine
tiefinnerliche Langweile einige Bewegung brachte.
Manchmal kam ihm aber doch zu Bewußtsein, was er durch diese innerliche
Abhängigkeit einbüßte. Er fühlte, daß ihm alles, was er tat, nur ein Spiel war.
Nur etwas, das ihm half, über die Zeit dieser Larvenexistenz im Institute
hinwegzukommen. Ohne Bezug auf sein eigentliches Wesen, das erst dahinter, in
noch unbestimmter zeitlicher Entfernung kommen werde.
Wenn er nämlich bei gewissen Gelegenheiten sah, wie sehr seine beiden
Freunde diese Dinge ernst nahmen, fühlte er sein Verständnis versagen. Er hätte
sich gerne über sie lustig gemacht, hatte aber doch Angst, daß hinter ihren
Phantastereien mehr Wahres stecken könnte, als er einzusehen vermochte. Er
fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei Welten zerrissen: Einer solid
bürgerlichen, in der schließlich doch alles geregelt und vernünftig zuging, wie er
es von zu Hause her gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit,
Geheimnis, Blut und ungeahnter Überraschungen. Die eine schien dann die
andere auszuschließen. Ein spöttisches Lächeln, das er gerne auf seinen Lippen
festgehalten hätte, und ein Schauer, der ihm über den Rücken fuhr, kreuzten sich.
Ein Flimmern der Gedanken entstand ...
Dann sehnte er sich danach, endlich etwas Bestimmtes in sich zu fühlen;
feste Bedürfnisse, die zwischen Gutem und Schlechtem, Brauchbarem und
Unbrauchbarem schieden; sich wählen zu wissen, wenn auch falsch – besser
doch, als überempfänglich alles in sich aufzunehmen ...
Als er in die Kammer getreten war, hatte sich diese innere Zwiespältigkeit,
wie stets an diesem Orte, wieder seiner bemächtigt.
Reiting hatte unterdessen zu erzählen angefangen:
Basini war ihm Geld schuldig gewesen, hatte ihn von einem Termin zum andern vertröstet; jedesmal unter Ehrenwort. »Ich hatte ja soweit nichts
dagegen,« meinte Reiting, »je länger es so ging, desto mehr wurde er von mir
abhängig. Ein drei- oder vierfach gebrochenes Ehrenwort ist am Ende doch
keine Kleinigkeit? Aber schließlich brauchte ich mein Geld selbst. Ich machte
ihn darauf aufmerksam und er schwor hoch und heilig. Hielt natürlich wieder
nicht Wort. Da erklärte ich ihm, daß ich ihn anzeigen würde. Er bat um zwei
Tage Zeit, weil er eine Sendung von seinem Vormunde erwarte. Ich aber
erkundigte mich einstweilen ein wenig um seine Verhältnisse. Wollte wissen,
von wem er etwa noch abhängig sei; – man muß doch damit rechnen können.
Was ich erfuhr, war mir nicht gerade angenehm. Er hatte bei Dschjusch
Schulden und noch bei einigen anderen. Einen Teil davon hatte er schon gezahlt,
natürlich von dem Gelde, das er mir schuldig blieb. Die anderen brannten ihm
unter den Nägeln. Mich ärgerte das. Hielt er mich für den Gutmütigsten? Das
wäre mir kaum sympathisch gewesen. Aber ich dachte mir: »abwarten. Es wird
sich schon Gelegenheit finden, ihm solche Irrtümer auszutreiben.«
Gesprächsweise hatte er mir einmal die Summe des erwarteten Betrags genannt,
um mich zu beruhigen, daß diese größer sei als mein Guthaben. Ich fragte nun
genau herum und brachte heraus, daß für die Gesamtsumme der Schulden der
Betrag bei weitem nicht ausreiche. »Aha,« dachte ich mir, »jetzt wird er es wohl
noch einmal probieren.«
Und richtig kam er ganz vertraulich zu mir und bat, weil die anderen so sehr
drängten, um ein wenig Nachsicht. Ich blieb aber diesmal ganz kalt. »Bettel die
anderen,« sagte ich ihm, »ich bin nicht gewohnt nach ihnen zu kommen.« »Dich
kenne ich besser, zu dir habe ich mehr Vertrauen«, versuchte er. »Mein letztes
Wort: Du bringst mir morgen das Geld oder ich lege dir meine Bedingungen
auf.« »Was für Bedingungen?« erkundigte er sich. Das hättet ihr hören sollen!
Als ob er bereit wäre, seine Seele zu verkaufen. »Was für Bedingungen? Oho!
Du mußt mir in allem, was ich unternehme, Gefolgschaft leisten.« »Wenn es
weiter nichts ist? Das tue ich gewiß, ich halte von selbst gerne zu dir«. »Oh,
nicht nur, wenn es dir Vergnügen macht; Du mußt ausführen, was immer ich
will, – in blindem Gehorsam!« Jetzt sah er mich so schief, halb grinsend und
halb verlegen an. Er wußte nicht, wieweit er sich einlassen könne, wie weit es
mir Ernst sei. Er hätte mir wahrscheinlich gerne alles versprochen, aber er mußte
wohl fürchten, daß ich ihn nur auf die Probe stelle. Schließlich sagte er daher
und wurde rot: »Ich werde dir das Geld bringen.« Mir machte er Spaß, das war
so ein Mensch, den ich bisher unter den fünfzig anderen gar nicht beachtet hatte.
Er zählte doch nie mit, nicht? Und nun war er mir plötzlich so ganz nahe
getreten, daß ich ihn bis ins kleinste sah. Ich wußte gewiß, daß der bereit sei, sich zu verkaufen; ohne viel Aufhebens, wenn nur niemand darum wußte. Es
war wirklich eine Überraschung, und es gibt gar nichts Schöneres, als wenn
einem ein Mensch plötzlich auf solche Weise offenbar wird, seine bisher
unbeachtete Art zu leben plötzlich vor einem liegt, wie die Gänge eines Wurms,
wenn das Holz entzwei springt....
Am nächsten Tage brachte er mir richtig das Geld. Ja mehr als das, er lud
mich ein, mit ihm im Kasino etwas zu trinken. Er bestellte Wein, Torte,
Zigaretten und bat mich, mir aufwarten zu dürfen – aus »Dankbarkeit,« weil ich
so geduldig gewesen sei. Mir war nur unangenehm, daß er dabei so furchtbar
harmlos tat. So als ob nie zwischen uns ein verletzendes Wort gefallen wäre. Ich
deutete darauf hin; er wurde nur noch herzlicher. Es war so, als ob er sich mir
entwinden, sich mir wieder gleichsetzen wollte. Er machte sich von nichts mehr
wissen, mit jedem zweiten Worte drängte er mir eine Beteuerung seiner
Freundschaft auf; nur in seinen Augen war etwas, das sich an mich klammerte,
als ob er sich fürchte, das künstlich geschaffene Gefühl der Nähe wieder zu
verlieren. Schließlich wurde er mir zuwider. Ich dachte: »glaubt er denn, ich
müsse mir das gefallen lassen?« und sann nach, wie ich ihm eins moralisch vor
den Kopf geben könnte. Nach etwas recht Verletzendem suchte ich. Dabei fiel
mir ein, daß mir Beineberg am Morgen erzählt hatte, ihm sei Geld gestohlen
worden. Ganz nebenbei fiel es mir ein. Aber es kehrte wieder. Und es schnürte
mir förmlich den Hals zusammen. »Es käme doch wunderbar gelegen«, dachte
ich mir und fragte ihn beiläufig, wieviel Geld er denn noch besitze. Die
Rechnung, die ich daraufhin anstellte, stimmte. »Wer war denn so dumm, dir
trotz allem noch Geld zu borgen?« fragte ich lachend. »Hofmeier.«
Ich glaube, ich zitterte vor Freude. Hofmeier war nämlich zwei Stunden
vorher bei mir gewesen, um sich selbst etwas Geld zu entleihen. So war das, was
mir vor ein paar Minuten durch den Kopf gefahren war, plötzlich Wirklichkeit
geworden. Nicht anders, als wenn du zufällig, scherzend denkst: Dieses Haus
sollte jetzt brennen, und im nächsten Augenblick schießt das Feuer schon
meterhoch empor....
Ich überschlug rasch noch einmal alle Möglichkeiten; freilich, Gewißheit
war ja nicht zu gewinnen, aber mein Gefühl genügte mir. So neigte ich mich
denn zu ihm hin und sagte in wirklich liebenswürdigster Weise, so als ob ich ihm
ganz sanft ein schlankes, spitzes Stäbchen ins Gehirn hineintriebe: »Schau doch,
lieber Basini, warum willst du mich anlügen?« Wie ich das sagte, schienen seine
Augen ängstlich im Kopfe zu schwimmen, ich aber fuhr fort: »Du kannst ja
vielleicht bald jemandem etwas vormachen, aber gerade ich bin nicht der
Richtige. Du weißt doch, Beineberg....« Er wurde nicht rot und nicht bleich, es schien, als warte er auf Lösung eines Mißverständnisses. »Na, um es kurz zu
machen«, sagte ich da, »das Geld, wovon du mir deine Schuld bezahltest, hast
du heute nacht aus Beinebergs Schublade genommen!«
Ich lehnte mich wieder zurück, um den Eindruck zu beobachten. Er war
kirschrot geworden; die Worte, an denen er würgte, trieben ihm den Speichel auf
die Lippen; endlich vermochte er zu sprechen. Es war ein ganzer Guß von
Beschuldigungen gegen mich: wie ich mich unterstehen könne, so etwas zu
behaupten; was denn eine solche schimpfliche Vermutung auch nur im
entferntesten rechtfertige; daß ich nur Streit mit ihm suche, weil er der
Schwächere sei; daß ich es nur aus Ärger tue, weil er nach Zahlung seiner
Schulden von mir erlöst sei; daß er aber die Klasse anrufen werde, ... den
Präfekten, ... den Direktor; daß Gott seine Unschuld bezeugen möge, und so
weiter ins Unendliche. Mir wurde wirklich schon bange, daß ich ihm unrecht
getan und ihn unnötig verletzt habe, so hübsch stand ihm die Röte im Gesicht; ..
wie ein gequältes, wehrloses, kleines Tierchen sah er aus. Aber es litt mich doch
nicht, so ohneweiters beizugeben. So hielt ich denn ein spöttisches Lächeln fest
– eigentlich fast nur aus Verlegenheit – mit dem ich alle seine Reden anhörte.
Hie und da nickte ich dazu und sagte ruhig: »Aber ich weiß es doch.«
Nach einer Weile wurde auch er ruhig. Ich lächelte weiter. Ich hatte ein
Gefühl, als ob ich ihn durch dieses Lächeln allein zum Diebe machen könnte,
selbst wenn er es noch nicht gewesen wäre. »Und zum Gutmachen«, dachte ich
mir, »ist auch später immer noch Zeit.«
Wieder nach einer Weile, während deren er mich von Zeit zu Zeit heimlich
angesehen hatte, wurde er plötzlich bleich. Eine merkwürdige Veränderung ging
mit seinem Gesichte vor. Die förmlich unschuldige Anmut, die es vorher
verschönt hatte, schwand; wie es schien, mit der Farbe. Es sah nun grünlich aus,
käsig, verquollen. Ich hatte so etwas vorher nur ein einzigesmal gesehen – als
ich auf der Straße hinzukam, wie man einen Mörder arretierte. Der war auch
unter den anderen Leuten umhergegangen, ohne daß man ihm das geringste hätte
anmerken können. Als ihm aber der Schutzmann die Hand auf die Schulter legte,
war er plötzlich ein anderer Mensch geworden. Sein Gesicht hatte sich
verwandelt und seine Augen starrten erschrocken und nach einem Ausweg
suchend aus einer wahren Galgenphysiognomie.
Daran wurde ich durch den Wechsel in Basinis Ausdruck erinnert; ich wußte
nun alles und wartete nur noch....
Und es kam auch so. Ohne daß ich etwas gesagt hätte, fing Basini – von dem
Schweigen erschöpft – zu weinen an und bat mich um Gnade. Er habe das Geld
ja nur in der Not genommen; wenn ich nicht darauf gekommen wäre, hätte er es so bald wieder zurückgegeben, daß niemand darum gewußt hätte. Ich solle doch
nicht sagen, er habe gestohlen; er habe es sich ja nur heimlich ausgeliehen ...;
weiter kam er nicht vor Tränen.
Danach aber bettelte er mich von neuem. Er wolle mir gehorsam sein, alles
tun, was überhaupt ich wünsche, nur solle ich niemandem davon erzählen. Um
diesen Preis bot er sich mir förmlich zum Sklaven an und die Mischung von List
und gieriger Angst, die sich dabei in seinen Augen krümmte, war widerwärtig.
Ich versprach ihm daher auch nur kurz, mir noch überlegen zu wollen, was mit
ihm geschehen werde, sagte aber, daß dies in erster Linie Beinebergs Sache sei.
Was sollen wir nun eurer Meinung nach mit ihm anfangen?«
Während Reiting erzählte, hatte Törleß wortlos, mit geschlossenen Augen
zugehört. Von Zeit zu Zeit war ihm ein Frösteln bis in die Fingerspitzen gelaufen
und in seinem Kopfe stießen die Gedanken wild und ungeordnet in die Höhe,
wie Blasen in siedendem Wasser. Man sagt, daß es so demjenigen gehe, der zum
ersten Male das Weib sehe, welches bestimmt ist, ihn in eine vernichtende
Leidenschaft zu verwickeln. Man behauptet, daß es einen solchen Augenblick
des Sich bückens, Kräfte heraufholens, Atem anhaltens, einen Augenblick
äußeren Schweigens über gespanntester Innerlichkeit zwischen zwei Menschen
gebe. Keinesfalls ist zu sagen, was in diesem Augenblicke vorgeht. Er ist
gleichsam der Schatten, den die Leidenschaft vorauswirft. Ein organischer
Schatten; eine Lockerung aller bisherigen Spannungen und zugleich ein Zustand
plötzlicher, neuer Gebundenheit, in dem schon die ganze Zukunft enthalten ist;
eine auf die Schärfe eines Nadelstichs konzentrierte Inkubation.... Und er ist
andrerseits ein Nichts, ein dumpfes, unbestimmtes Gefühl, eine Schwäche, eine
Angst....
So fühlte es Törleß. Was Reiting von sich und Basini erzählte, schien ihm,
wenn er sich darüber befragte, ohne Belang zu sein. Ein leichtsinniges Vergehen
und eine feige Schlechtigkeit von seiten Basinis, worauf nun sicher irgendeine
grausame Laune Reitings folgen werde. Andrerseits aber fühlte er wie in einer
bangen Ahnung, daß die Ereignisse nun eine ganz persönliche Wendung gegen
ihn genommen hatten, und in dem Zwischenfalle lag etwas, das ihn wie mit einer
scharfen Spitze bedrohte.
Er mußte sich Basini bei Božena vorstellen und er sah in der Kammer umher.
Ihre Wände schienen ihm zu drohen, sich auf ihn zu senken, wie mit blutigen
Händen nach ihm zu greifen, der Revolver rückte auf seinem Platze hin und
her....
Da war nun etwas zum ersten Male wie ein Stein in die unbestimmte
Einsamkeit seiner Träumereien gefallen; es war da; da ließ sich nichts machen; es war Wirklichkeit. Gestern war Basini noch genau so wie er selbst gewesen;
eine Falltüre hatte sich geöffnet, und Basini war gestürzt. Genau so, wie es
Reiting schilderte: eine plötzliche Veränderung, und der Mensch hat
gewechselt....
Und wieder verknüpfte sich das irgendwie mit Božena. Seine Gedanken
hatten Blasphemie getrieben. Ein fauler, süßer Geruch, der aus ihnen
aufgestiegen war, hatte ihn verwirrt. Und diese tiefe Erniedrigung, diese
Selbstaufgabe, dieses von den schweren, blassen, giftigen Blättern der Schande
Bedecktwerden, das wie ein unkörperliches, fernes Spiegelbild durch seine
Träume gezogen war, war nun plötzlich mit Basini – geschehen.
Es war also etwas, womit man wirklich rechnen muß, vor dem man sich
hüten muß, das plötzlich aus den schweigsamen Spiegeln der Gedanken
hervorspringen kann?...
Dann war aber auch alles andere möglich. Dann waren Reiting und
Beineberg möglich. War diese Kammer möglich ... Dann war es auch möglich,
daß von der hellen, täglichen Welt, die er bisher allein gekannt hatte, ein Tor zu
einer anderen, dumpfen, brandenden, leidenschaftlichen, nackten, vernichtenden
führe. Daß zwischen jenen Menschen, deren Leben sich wie in einem
durchsichtigen und festen Bau von Glas und Eisen geregelt zwischen Bureau
und Familie bewegt, und anderen, Herabgestoßenen, Blutigen, ausschweifend
Schmutzigen, in verwirrten Gängen voll brüllender Stimmen Irrenden, nicht nur
ein Übergang besteht, sondern ihre Grenzen heimlich und nahe und jeden
Augenblick überschreitbar aneinanderstoßen ...
Und die Frage bliebe nur: wie ist es möglich? Was geschieht in solchem
Augenblicke? Was schießt da schreiend in die Höhe und was verlischt
plötzlich?...
Das waren die Fragen, die für Törleß mit diesem Ereignisse heraufstiegen.
Sie stiegen undeutlich herauf, mit verschlossenen Lippen, von einem dumpfen,
unbestimmten Gefühl ... einer Schwäche, einer Angst verhüllt.
Aber doch klang wie von ferne, abgerissen und vereinzelt, manches ihrer
Worte in Törleß auf und erfüllte ihn mit banger Erwartung.
In diesen Augenblick fiel Reitings Anfrage.
Törleß begann sofort zu sprechen. Er gehorchte dabei einem plötzlichen
Antriebe, einer Bestürzung. Es schien ihm, daß irgend etwas Entscheidendes
bevorstehe, und er erschrak vor diesem Heranrückenden, wollte ausweichen,
eine Frist gewinnen ... Er sprach, aber im selben Augenblicke fühlte er, daß er
nur Uneigentliches vorzubringen habe, daß seine Worte ohne inneren Rückhalt
seien und gar nicht seine wirkliche Meinung ...
Er sagte: »Basini ist ein Dieb.« Und der bestimmte, harte Klang dieses
Wortes tat ihm so wohl, daß er es zweimal wiederholte. »... ein Dieb. Und einen
solchen bestraft man – überall, in der ganzen Welt. Er muß angezeigt, aus dem
Institute entfernt werden! Mag er sich draußen bessern, zu uns paßt er nicht
mehr!«
Aber Reiting sagte mit einem Ausdrucke unangenehmen Betroffenseins:
»Nein, wozu es gleich zum Äußersten treiben?«
»Wozu? Ja, findest du denn das nicht selbstverständlich?«
»Durchaus nicht. Du machst ja gerade so, als ob der Schwefelregen schon
vor der Tür stünde, um uns alle zu vernichten, wenn wir Basini noch länger unter
uns behielten. Dabei ist die Sache doch nicht gar so fürchterlich.«
»Wie kannst du das sagen! Du willst also mit einem Menschen, der gestohlen
hat, der sich dir dann zur Magd, zum Sklaven angeboten hat, tagtäglich weiter
zusammen sitzen, zusammen essen, zusammen schlafen?! Ich verstehe das gar
nicht. Wir werden doch gemeinsam erzogen, weil wir gemeinsam zur selben
Gesellschaft gehören. Wird es dir gleich sein, wenn du seinerzeit vielleicht im
selben Regiment mit ihm stehst, oder im selben Ministerium arbeitest, wenn er
in denselben Familien verkehrt wie du – vielleicht deiner eigenen Schwester den
Hof macht ...?«
»Nun seh einer, ob du nicht übertreibst?!« lachte Reiting, »du tust, als ob wir
einer Brüderschaft fürs Leben angehörten! Glaubst du denn, daß wir immer ein
Siegel an uns herumtragen werden: Stammt aus dem Konvikte zu W. Ist mit
besonderen Vorrechten und Verpflichtungen behaftet? Später geht ja doch jeder
von uns seinen eigenen Weg, und jeder wird das, wozu er berechtigt ist, denn es
gibt nicht nur eine Gesellschaft. Ich meine daher, wir brauchen uns nicht über
die Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Und was das Gegenwärtige betrifft, habe
ich ja nicht gesagt, daß wir mit Basini Kameradschaft halten sollen. Es wird sich
schon irgendwie so finden lassen, daß die Distanz gewahrt bleibt. Basini ist in
unserer Hand, wir können mit ihm machen, was wir wollen, meinetwegen kannst
du ihn zweimal täglich anspucken: wo bleibt da, solange er es sich gefallen läßt,
die Gemeinsamkeit? Und lehnt er sich auf, können wir ihm immer noch den
Herrn zeigen ... Du mußt nur die Idee fallen lassen, daß zwischen uns und Basini
irgendeine andere Zusammengehörigkeit bestehe, außer der, daß uns seine
Gemeinheit Vergnügen bereitet!«
Trotzdem Törleß gar nicht von seiner Sache überzeugt war, ereiferte er sich
weiter: »Höre, Reiting, warum nimmst du dich Basinis so warm an?«
»Nehme ich mich seiner an? Das weiß ich gar nicht. Überhaupt habe ich
gewiß keinen besonderen Grund; mir ist die ganze Geschichte grenzenlos gleichgültig. Mich ärgert ja nur, daß du übertreibst. Was steckt dir im Kopfe? So
eine Art Idealismus, meine ich. Heilige Begeisterung für das Institut oder für die
Gerechtigkeit. Du hast keine Ahnung, wie fad und musterhaft das klingt. Oder
hast du am Ende«, und Reiting blinzelte verdächtigend zu Törleß hinüber,
»irgendeinen anderen Grund, weswegen Basini hinausfliegen soll, und willst
bloß nicht Farbe bekennen? Irgendeine alte Rache? Dann sag es doch! Denn,
wenn es dafür steht, können wir ja wirklich die günstige Gelegenheit benützen.«
Törleß wandte sich an Beineberg. Aber dieser grinste nur. Er sog zwischen
dem Sprechen an einem langen Tschibuk, saß mit orientalisch gekreuzten Beinen
und sah mit seinen abstehenden Ohren in der zweifelhaften Beleuchtung wie ein
groteskes Götzenbild aus. »Meinetwegen könnt ihr machen, was ihr wollt; mir
ist es nicht um das Geld zu tun und um die Gerechtigkeit auch nicht. In Indien
würde man ihm einen gespitzten Bambus durch den Darm treiben; das wäre
wenigstens ein Vergnügen. Er ist dumm und feig, da ist weiter nicht schade um
ihn, und es war mir wirklich Zeit meines Lebens höchst egal, was mit solchen
Leuten geschieht. Sie selbst sind nichts, und was aus ihrer Seele noch werden
mag, wissen wir nicht. Allah schenke eurem Urteil seine Gnade!«
Törleß erwiderte nichts. Nachdem ihm Reiting widersprochen und Beineberg
die Entscheidung zwischen ihnen unbeeinflußt gelassen hatte, war er am Ende.
Er vermochte keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen; er fühlte, daß er gar
kein Verlangen mehr habe, das Ungewisse, Kommende aufzuhalten.
Also wurde ein Vorschlag angenommen, den Reiting nun machte. Es wurde
beschlossen, Basini vorderhand unter Aufsicht, gewissermaßen unter Kuratel zu
stellen und ihm so Gelegenheit zu bieten, daß er sich wieder herausarbeiten
könne. Seine Einnahmen und Ausgaben sollten von nun an strenge geprüft
werden und seine Beziehungen zu den übrigen von der Erlaubnis der drei
abhängen.
Dieser Beschluß war scheinbar sehr korrekt und wohlwollend. »Musterhaft
fad«, wie Reiting diesmal nicht sagte. Denn, ohne daß sie es sich eingestanden,
fühlte jeder, daß hier nur eine Art Zwischenzustand geschaffen werden sollte.
Reiting hätte ungerne auf eine Fortsetzung dieser Angelegenheit verzichtet, da
sie ihm Vergnügen bereitete, aber andererseits war er sich noch nicht klar,
welche Wendung er ihr weiter geben sollte. Und Törleß war durch den bloßen
Gedanken, daß er nun täglich mit Basini zu tun haben werde, wie gelähmt.
Als er vorhin das Wort »Dieb« ausgesprochen hatte, war ihm für einen
Augenblick leichter geworden. Es war wie ein Hinausstellen,
Vonsichwegschieben der Dinge gewesen, die in ihm wühlten.
Aber die Fragen, die gleich darauf wieder auftauchten, vermochte dieses einfache Wort nicht zu lösen. Sie waren jetzt deutlicher geworden, wo es nicht
mehr galt ihnen auszuweichen.
Törleß sah von Reiting zu Beineberg, schloß die Augen, wiederholte sich den
gefaßten Beschluß, sah wieder auf ... Er wußte ja selbst nicht mehr, war es nur
seine Phantasie, die sich wie ein riesiges Zerrglas über die Dinge legte, oder war
es wahr, war alles so, wie es unheimlich vor ihm aufdämmerte? Und wußten nur
Beineberg und Reiting nichts von diesen Fragen? Obwohl gerade sie sich von
Anfang an heimisch in dieser Welt bewegt hatten, die ihm nun auf einmal erst so
fremd erschien?
Törleß fürchtete sich vor ihnen. Aber er fürchtete sich nur so, wie man sich
vor einem Riesen fürchtet, den man blind und dumm weiß ...
Eines aber war entschieden: Er war jetzt viel weiter als vor einer
Viertelstunde noch. Die Möglichkeit einer Umkehr war vorüber. Eine leise
Neugierde stieg auf, wie es nun wohl kommen werde, da er gegen seinen Willen
festgehalten sei. Alles, was sich in ihm regte, lag noch im Dunkeln, aber doch
spürte er schon eine Lust, in die Gebilde dieser Finsternis hineinzustarren,
welche die anderen nicht bemerkten. Ein feines Frösteln war in diese Lust
gemengt. Als ob über seinem Leben nun beständig ein grauer, verhängter
Himmel stehen werde – mit großen Wolken, ungeheuren, wechselnden Gestalten
und der immer neuen Frage: Sind es Ungeheuer? Sind es nur Wolken?
Und diese Frage nur für ihn! Als Geheimes, den anderen Fremdes,
Verbotenes ...
So begann Basini sich zum ersten Male jener Bedeutung zu nähern, die er
späterhin in Törleß' Leben einnehmen sollte.