Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 5 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

»Du, ich hab' ihn«, flüsterte Reiting.

»Wen?«

»Den Spielladendieb.«

Törleß war eben mit Beineberg zurückgekommen. Es war knapp vor der Zeit

des Nachtmahls und das diensthabende Aufsichtsorgan schon weggegangen.

Zwischen den grünen Tischen hatten sich plaudernde Gruppen gebildet und ein

warmes Leben summte und surrte durch den Saal.

Es war das gewöhnliche Schulzimmer mit weißgetünchten Wänden, einem

großen schwarzen Kruzifix und den Bildnissen des Herrscherpaares zu seiten der

Tafel. Neben dem großen eisernen Ofen, der noch nicht geheizt war, saßen, teils

auf dem Podium, teils auf umgelegten Stühlen, die jungen Leute, welche

nachmittags das Ehepaar Törleß zur Bahn begleitet hatten. Außer Reiting waren

es der lange Hofmeier und Dschjusch, unter welchem Spitznamen ein kleiner

polnischer Graf verstanden wurde.

Törleß war einigermaßen neugierig.

Die Spielladen standen im Hintergrunde des Zimmers und waren lange

Kästen mit vielen versperrbaren Schubfächern, in denen die Pfleglinge des

Institutes ihre Briefe, Bücher, Geld und allen möglichen kleinen Kram

aufbewahrten.

Und bereits seit geraumer Zeit klagten einzelne, daß ihnen kleinere

Geldbeträge fehlten, ohne daß sie jedoch bestimmte Vermutungen hätten

aussprechen können.

Beineberg war der erste, der mit Gewißheit sagen konnte, daß ihm – in der

Vorwoche – ein größerer Betrag gestohlen worden sei. Aber nur Reiting und

Törleß wußten darum.

Sie hatten die Diener im Verdachte.

»So erzähl doch!« bat Törleß, aber Reiting machte ihm rasch ein Zeichen:

»Pst! Später. Es weiß noch niemand davon.«

»Ein Diener?« flüsterte Törleß.

»Nein.«

»So deute doch wenigstens an, wer?«

Reiting wandte sich von den übrigen ab und sagte leise: »B.« Niemand außer

Törleß hatte etwas von diesem vorsichtig geführten Gespräche verstanden. Aber

auf diesen wirkte die Mitteilung wie ein Überfall. B.? – das konnte nur Basini

sein. Und das war doch nicht möglich! Seine Mutter war eine vermögende

Dame, sein Vormund Exzellenz. Törleß wollte es nicht glauben und dazwischen

schnitt der Gedanke an Boženas Erzählung hindurch.

Er konnte kaum den Augenblick erwarten, da die anderen zum Speisen

gingen. Beineberg und Reiting blieben zurück, indem sie vorgaben, noch vom

Nachmittage her übersättigt zu sein.

Reiting machte den Vorschlag, doch lieber vorerst »hinauf« zu gehen.

Sie traten auf den Gang hinaus, der sich endlos lang vor dem Lehrsaale

dehnte. Die flackernden Gasflammen erhellten ihn nur auf kurze Strecken und

die Schritte hallten von Nische zu Nische, wenn man auch noch so leise

auftrat ....

Vielleicht fünfzig Meter von der Türe entfernt, führte eine Stiege in das

zweite Stockwerk, in welchem sich das Naturalienkabinett, noch andere

Lehrmittelsammlungen und eine Menge leerstehender Zimmer befanden.

Von hier aus wurde die Treppe schmal und stieg in kurzen, rechtwinklig

aneinander stoßenden Absätzen zum Dachboden empor. Und – wie alte Gebäude

oft unlogisch, mit einer Verschwendung von Winkeln und unmotivierten Stufen

gebaut sind – führte sie noch um ein beträchtliches über das Niveau des Bodens

hinaus, so daß es jenseits der schweren, eisernen, versperrten Türe, durch welche

sie abgeschlossen war, eigens einer Holzstiege bedurfte, um zu ihm hinab zu

gelangen.

Diesseits aber entstand auf diese Weise ein mehrere Meter hoher verlorener

Raum, der bis zum Gebälke hinaufreichte. In diesem, der wohl niemals betreten

wurde, hatte man alte Kulissen gelagert, die von unvordenklichen

Theateraufführungen herrührten.

Das Tageslicht erstickte selbst an hellen Mittagen auf dieser Treppe in einer

Dämmerung, die von altem Staube gesättigt war, denn dieser Bodenaufgang, der

gegen den Flügel des mächtigen Gebäudes zu lag, wurde fast nie benützt.

Von dem letzten Absatze der Stiege schwang sich Beineberg über das

Geländer und ließ sich, indem er sich an dessen Gitterstäben festhielt, zwischen

die Kulissen hinunter, welchem Beispiele Reiting und Törleß folgten. Dort

konnten sie auf einer Kiste, welche eigens zu diesem Zwecke hingeschafft

worden war, festen Fuß fassen und gelangten von ihr mit einem Sprunge auf den

Fußboden.

Selbst wenn sich das Auge eines auf der Stiege Stehenden an das Dunkel

gewöhnt gehabt hätte, so wäre es ihm doch unmöglich gewesen, von dort aus

mehr als ein regelloses Durcheinander zackiger, mannigfach ineinander

geschobener Kulissen zu unterscheiden.

Als jedoch Beineberg eine von ihnen ein wenig zur Seite rückte, öffnete sich

den unten Stehenden ein schmaler schlauchartiger Durchgang.

Sie versteckten die Kiste, welche ihnen beim Abstiege gedient hatte, und

drangen zwischen die Kulissen ein.

Hier wurde es vollständig dunkel und es bedurfte einer sehr genauen

Kenntnis des Ortes, um weiterzufinden. Hie und da raschelte eine der großen

leinenen Wände, wenn sie gestreift wurde, es rieselte über den Fußboden wie

von aufgescheuchten Mäusen, und ein modriger alter-Truhen-Geruch stäubte

auf.

Die drei dieses Weges Gewohnten tasteten sich unendlich vorsichtig, Schritt

für Schritt bedacht, nicht an eine der als Fallstrick und Warnsignal über den

Boden gespannten Schnüre zu stoßen, vorwärts.

Es verging geraume Zeit, bis sie zu einer kleinen Türe gelangten, welche

rechter Hand, knapp vor der den Boden abtrennenden Mauer, angebracht war.

Als Beineberg diese öffnete, befanden sie sich in einem schmalen Raume

unterhalb des obersten Stiegenabsatzes, der bei dem Lichte einer kleinen,

flackernden Öllampe, welche Beineberg angezündet hatte, abenteuerlich genug

aussah.

Die Decke war nur in jenem Teile wagrecht, der unmittelbar unter dem

Treppenabsatze lag, und auch hier nur so hoch, daß man knapp aufrecht stehen

konnte. Nach rückwärts zu schrägte sie sich aber, dem Profile der Stiege folgend,

ab und endigte in einem spitzen Winkel. Mit der diesem gegenüberliegenden

Stirnseite stieß der kleine Raum an die dünne Zwischenmauer, welche den

Dachboden von dem Stiegenhause trennte und erhielt eine längsseitige

natürliche Begrenzung durch das Gemäuer, an dem die Stiege hinaufgeführt war.

Bloß die zweite Seitenwand, in welcher die Türe angebracht war, schien erst

eigens hinzugekommen zu sein. Sie verdankte wohl der Absicht ihr Entstehen,

hier eine kleine Kammer für Geräte zu schaffen, vielleicht auch nur einer Laune

des Baumeisters, dem beim Anblicke dieses finsteren Winkels der

mittelalterliche Einfall gekommen sein mochte, ihn zu einem Versteck

vermauern zu lassen.

Jedenfalls gab es außer den Dreien kaum einen Menschen im ganzen

Institute, der von dem Bestehen dieses Raumes wußte, geschweige denn daran

dachte, ihm irgendeine Bestimmung zu geben.

So konnten sie sich denselben ganz nach ihrem abenteuerlichen Sinne

ausstatten.

Die Wände waren vollständig mit einem blutroten Fahnenstoffe ausgekleidet,

den Reiting und Beineberg aus einem der Bodenräume entwendet hatten, und der

Fußboden war mit einer doppelten Lage dicker, wolliger Kotzen bedeckt, wie

solche im Winter in den Schlafsälen als zweite Decken dienten. In dem vorderen

Teile der Kammer standen niedere, mit Stoff überzogene Kistchen, die als Sitze

verwendet wurden; rückwärts, wo Fußboden und Decke in den spitzen Winkel

ausliefen, war eine Schlafstätte hergerichtet. Sie bot ein Lager für drei bis vier

Personen, das sich durch einen Vorhang verdunkeln und von dem vorderen Teile

der Kammer abtrennen ließ.

An der Wand hing neben der Türe ein geladener Revolver.

Törleß liebte diese Kammer nicht. Ihre Enge und dieses Alleinsein gefielen

ihm wohl, man war wie tief in dem Inneren eines Berges, und der Geruch der

alten, verstaubten Kulissen durchzog ihn mit unbestimmten Empfindungen. Aber

die Verstecktheit, diese Alarmschnüre, dieser Revolver, der eine äußerste Illusion

von Trotz und Heimlichkeit geben sollte, kamen ihm lächerlich vor. Es war, als

wollte man sich einreden, ein Räuberleben zu führen.

Törleß tat dabei eigentlich nur mit, weil er hinter den beiden anderen nicht

zurückstehen wollte. Beineberg und Reiting aber nahmen diese Dinge furchtbar

ernst. Das wußte Törleß. Er wußte, daß Beineberg zu allen Keller- und

Bodenräumen des Institutes Nachschlüssel besaß. Wußte, daß dieser oft für

mehrere Stunden von der Klasse verschwand, um irgendwo – hoch oben in den

Sparren des Dachstuhles oder unter der Erde in einem der vielen verzweigten,

verfallenden Gewölbe – zu sitzen und bei dem Scheine einer kleinen Laterne, die

er stets bei sich trug, abenteuerliche Geschichten zu lesen oder sich Gedanken

über die übernatürlichen Dinge eingeben zu lassen.

Ähnliches wußte er auch von Reiting. Dieser hatte gleichfalls seine

versteckten Winkel, in denen er geheime Tagebücher aufbewahrte; nur waren

diese mit verwogenen Plänen für die Zukunft ausgefüllt und mit genauen

Aufzeichnungen über Ursache, Inszenesetzung und Verlauf der zahlreichen

Intriguen, die er unter seinen Kameraden anstiftete. Denn Reiting kannte kein

größeres Vergnügen als Menschen gegeneinander zu hetzen, den einen mit Hilfe

des anderen unterzukriegen und sich an abgezwungenen Gefälligkeiten und

Schmeicheleien zu weiden, hinter deren Hülle er noch das Widerstreben des

Hasses fühlen konnte.

»Ich übe mich dabei«, war die einzige Entschuldigung, und er gab sie mit

liebenswürdigem Lachen. Zur Übung sollte ihm auch gereichen, daß er fast täglich an irgendeinem entlegenen Orte sei es gegen eine Wand, sei es gegen

einen Baum oder einen Tisch boxte, um seine Arme zu stärken und seine Hände

durch Schwielen abzuhärten.

Törleß wußte um all dies, aber er verstand es nur bis zu einem gewissen

Punkte. Er war einige Male sowohl Reiting als Beineberg auf ihren

eigenwilligen Wegen gefolgt. Das Ungewöhnliche daran hatte ihm ja gefallen.

Und auch das liebte er, hernach in die Tageshelle zu treten, unter alle

Kameraden, mitten in die Heiterkeit hinein, während er in sich, in seinen Augen

und Ohren, noch die Erregungen der Einsamkeit und die Halluzinationen der

Dunkelheit zittern fühlte. Wenn ihm aber Beineberg oder Reiting bei solcher

Gelegenheit, um jemanden zu haben, vor dem sie von sich sprechen konnten,

auseinandersetzten, was sie bei all dem bewegte, versagte sein Verständnis. Er

fand Reiting sogar überspannt. Dieser sprach nämlich mit Vorliebe davon, daß

sein Vater eine merkwürdig unstete, später verschollene Person gewesen sei.

Sein Name sollte überhaupt nur ein Inkognito für den eines sehr hohen

Geschlechtes sein. Er dachte, von seiner Mutter noch einmal in weitgehende

Ansprüche eingeweiht zu werden, rechnete mit Staatsstreichen und großer

Politik und wollte demzufolge Offizier werden.

Solche Absichten konnte sich Törleß ernstlich gar nicht vorstellen. Die

Jahrhunderte der Revolutionen schienen ihm ein für alle Male vorbei. Dennoch

verstand Reiting Ernst zu machen. Vorläufig freilich nur im kleinen. Er war ein

Tyrann und unnachsichtig gegen den, der sich ihm widersetzte. Sein Anhang

wechselte von Tag zu Tag, aber immer war die Majorität auf seiner Seite. Darin

bestand sein Talent. – Gegen Beineberg hatte er vor ein oder zwei Jahren einen

großen Krieg geführt, der mit dessen Niederlage endete. Beineberg war zum

Schlusse ziemlich isoliert dagestanden, obwohl er in der Beurteilung der

Personen, an Kaltblütigkeit und dem Vermögen, Antipathien gegen ihm

Mißliebige zu erregen, kaum hinter seinem Gegner zurückstand. Aber ihm fehlte

das Liebenswürdige und Gewinnende desselben. Seine Gelassenheit und seine

philosophische Salbung flößten fast allen Mißtrauen ein. Man vermutete garstige

Exzesse irgendwelcher Art am Grunde seines Wesens. Dennoch hatte er Reiting

große Schwierigkeiten bereitet und dessen Sieg war fast nur ein zufälliger

gewesen. Seit der Zeit hielten sie aus gemeinschaftlichem Interesse zusammen.

Törleß hingegen wurde von diesen Dingen gleichgültig gelassen. Er besaß

daher auch kein Geschick in ihnen. Dennoch war er mit in diese Welt

eingeschlossen und konnte täglich vor Augen sehen, was es bedeute, in einem

Staate – denn jede Klasse ist in einem solchen Institute ein kleiner Staat für sich

– die erste Rolle inne zu haben. Deswegen hatte er einen gewissen scheuen Respekt vor seinen beiden Freunden. Die Anwandlungen, die er manchmal hatte,

es ihnen gleichzutun, blieben in dilettantischen Versuchen stecken. Dadurch

geriet er, der ohnedies jünger war, in das Verhältnis eines Schülers oder

Gehülfen zu ihnen. Er genoß ihren Schutz, sie aber hörten gerne seinen Rat.

Denn Törleß' Geist war der beweglichste. Einmal auf eine Fährte gesetzt, war er

im Ausdenken der winkelzügigsten Kombinationen überaus fruchtbar. Es

vermochte auch keiner so genau wie er die verschiedenen, von dem Verhalten

eines Menschen in einer gegebenen Lage zu erwartenden Möglichkeiten

vorauszusagen. Nur wo es sich darum handelte, einen Entschluß zu fassen, von

den vorhandenen psychologischen Möglichkeiten eine auf eigene Gefahr als

bestimmt anzunehmen und danach zu handeln, versagte er, verlor das Interesse

und hatte keine Energie. Seine Rolle als geheimer Generalstabschef machte ihm

aber Spaß. Um so mehr, als sie so ziemlich das einzige war, das in seine

tiefinnerliche Langweile einige Bewegung brachte.

Manchmal kam ihm aber doch zu Bewußtsein, was er durch diese innerliche

Abhängigkeit einbüßte. Er fühlte, daß ihm alles, was er tat, nur ein Spiel war.

Nur etwas, das ihm half, über die Zeit dieser Larvenexistenz im Institute

hinwegzukommen. Ohne Bezug auf sein eigentliches Wesen, das erst dahinter, in

noch unbestimmter zeitlicher Entfernung kommen werde.

Wenn er nämlich bei gewissen Gelegenheiten sah, wie sehr seine beiden

Freunde diese Dinge ernst nahmen, fühlte er sein Verständnis versagen. Er hätte

sich gerne über sie lustig gemacht, hatte aber doch Angst, daß hinter ihren

Phantastereien mehr Wahres stecken könnte, als er einzusehen vermochte. Er

fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei Welten zerrissen: Einer solid

bürgerlichen, in der schließlich doch alles geregelt und vernünftig zuging, wie er

es von zu Hause her gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit,

Geheimnis, Blut und ungeahnter Überraschungen. Die eine schien dann die

andere auszuschließen. Ein spöttisches Lächeln, das er gerne auf seinen Lippen

festgehalten hätte, und ein Schauer, der ihm über den Rücken fuhr, kreuzten sich.

Ein Flimmern der Gedanken entstand ...

Dann sehnte er sich danach, endlich etwas Bestimmtes in sich zu fühlen;

feste Bedürfnisse, die zwischen Gutem und Schlechtem, Brauchbarem und

Unbrauchbarem schieden; sich wählen zu wissen, wenn auch falsch – besser

doch, als überempfänglich alles in sich aufzunehmen ...

Als er in die Kammer getreten war, hatte sich diese innere Zwiespältigkeit,

wie stets an diesem Orte, wieder seiner bemächtigt.

Reiting hatte unterdessen zu erzählen angefangen:

Basini war ihm Geld schuldig gewesen, hatte ihn von einem Termin zum andern vertröstet; jedesmal unter Ehrenwort. »Ich hatte ja soweit nichts

dagegen,« meinte Reiting, »je länger es so ging, desto mehr wurde er von mir

abhängig. Ein drei- oder vierfach gebrochenes Ehrenwort ist am Ende doch

keine Kleinigkeit? Aber schließlich brauchte ich mein Geld selbst. Ich machte

ihn darauf aufmerksam und er schwor hoch und heilig. Hielt natürlich wieder

nicht Wort. Da erklärte ich ihm, daß ich ihn anzeigen würde. Er bat um zwei

Tage Zeit, weil er eine Sendung von seinem Vormunde erwarte. Ich aber

erkundigte mich einstweilen ein wenig um seine Verhältnisse. Wollte wissen,

von wem er etwa noch abhängig sei; – man muß doch damit rechnen können.

Was ich erfuhr, war mir nicht gerade angenehm. Er hatte bei Dschjusch

Schulden und noch bei einigen anderen. Einen Teil davon hatte er schon gezahlt,

natürlich von dem Gelde, das er mir schuldig blieb. Die anderen brannten ihm

unter den Nägeln. Mich ärgerte das. Hielt er mich für den Gutmütigsten? Das

wäre mir kaum sympathisch gewesen. Aber ich dachte mir: »abwarten. Es wird

sich schon Gelegenheit finden, ihm solche Irrtümer auszutreiben.«

Gesprächsweise hatte er mir einmal die Summe des erwarteten Betrags genannt,

um mich zu beruhigen, daß diese größer sei als mein Guthaben. Ich fragte nun

genau herum und brachte heraus, daß für die Gesamtsumme der Schulden der

Betrag bei weitem nicht ausreiche. »Aha,« dachte ich mir, »jetzt wird er es wohl

noch einmal probieren.«

Und richtig kam er ganz vertraulich zu mir und bat, weil die anderen so sehr

drängten, um ein wenig Nachsicht. Ich blieb aber diesmal ganz kalt. »Bettel die

anderen,« sagte ich ihm, »ich bin nicht gewohnt nach ihnen zu kommen.« »Dich

kenne ich besser, zu dir habe ich mehr Vertrauen«, versuchte er. »Mein letztes

Wort: Du bringst mir morgen das Geld oder ich lege dir meine Bedingungen

auf.« »Was für Bedingungen?« erkundigte er sich. Das hättet ihr hören sollen!

Als ob er bereit wäre, seine Seele zu verkaufen. »Was für Bedingungen? Oho!

Du mußt mir in allem, was ich unternehme, Gefolgschaft leisten.« »Wenn es

weiter nichts ist? Das tue ich gewiß, ich halte von selbst gerne zu dir«. »Oh,

nicht nur, wenn es dir Vergnügen macht; Du mußt ausführen, was immer ich

will, – in blindem Gehorsam!« Jetzt sah er mich so schief, halb grinsend und

halb verlegen an. Er wußte nicht, wieweit er sich einlassen könne, wie weit es

mir Ernst sei. Er hätte mir wahrscheinlich gerne alles versprochen, aber er mußte

wohl fürchten, daß ich ihn nur auf die Probe stelle. Schließlich sagte er daher

und wurde rot: »Ich werde dir das Geld bringen.« Mir machte er Spaß, das war

so ein Mensch, den ich bisher unter den fünfzig anderen gar nicht beachtet hatte.

Er zählte doch nie mit, nicht? Und nun war er mir plötzlich so ganz nahe

getreten, daß ich ihn bis ins kleinste sah. Ich wußte gewiß, daß der bereit sei, sich zu verkaufen; ohne viel Aufhebens, wenn nur niemand darum wußte. Es

war wirklich eine Überraschung, und es gibt gar nichts Schöneres, als wenn

einem ein Mensch plötzlich auf solche Weise offenbar wird, seine bisher

unbeachtete Art zu leben plötzlich vor einem liegt, wie die Gänge eines Wurms,

wenn das Holz entzwei springt....

Am nächsten Tage brachte er mir richtig das Geld. Ja mehr als das, er lud

mich ein, mit ihm im Kasino etwas zu trinken. Er bestellte Wein, Torte,

Zigaretten und bat mich, mir aufwarten zu dürfen – aus »Dankbarkeit,« weil ich

so geduldig gewesen sei. Mir war nur unangenehm, daß er dabei so furchtbar

harmlos tat. So als ob nie zwischen uns ein verletzendes Wort gefallen wäre. Ich

deutete darauf hin; er wurde nur noch herzlicher. Es war so, als ob er sich mir

entwinden, sich mir wieder gleichsetzen wollte. Er machte sich von nichts mehr

wissen, mit jedem zweiten Worte drängte er mir eine Beteuerung seiner

Freundschaft auf; nur in seinen Augen war etwas, das sich an mich klammerte,

als ob er sich fürchte, das künstlich geschaffene Gefühl der Nähe wieder zu

verlieren. Schließlich wurde er mir zuwider. Ich dachte: »glaubt er denn, ich

müsse mir das gefallen lassen?« und sann nach, wie ich ihm eins moralisch vor

den Kopf geben könnte. Nach etwas recht Verletzendem suchte ich. Dabei fiel

mir ein, daß mir Beineberg am Morgen erzählt hatte, ihm sei Geld gestohlen

worden. Ganz nebenbei fiel es mir ein. Aber es kehrte wieder. Und es schnürte

mir förmlich den Hals zusammen. »Es käme doch wunderbar gelegen«, dachte

ich mir und fragte ihn beiläufig, wieviel Geld er denn noch besitze. Die

Rechnung, die ich daraufhin anstellte, stimmte. »Wer war denn so dumm, dir

trotz allem noch Geld zu borgen?« fragte ich lachend. »Hofmeier.«

Ich glaube, ich zitterte vor Freude. Hofmeier war nämlich zwei Stunden

vorher bei mir gewesen, um sich selbst etwas Geld zu entleihen. So war das, was

mir vor ein paar Minuten durch den Kopf gefahren war, plötzlich Wirklichkeit

geworden. Nicht anders, als wenn du zufällig, scherzend denkst: Dieses Haus

sollte jetzt brennen, und im nächsten Augenblick schießt das Feuer schon

meterhoch empor....

Ich überschlug rasch noch einmal alle Möglichkeiten; freilich, Gewißheit

war ja nicht zu gewinnen, aber mein Gefühl genügte mir. So neigte ich mich

denn zu ihm hin und sagte in wirklich liebenswürdigster Weise, so als ob ich ihm

ganz sanft ein schlankes, spitzes Stäbchen ins Gehirn hineintriebe: »Schau doch,

lieber Basini, warum willst du mich anlügen?« Wie ich das sagte, schienen seine

Augen ängstlich im Kopfe zu schwimmen, ich aber fuhr fort: »Du kannst ja

vielleicht bald jemandem etwas vormachen, aber gerade ich bin nicht der

Richtige. Du weißt doch, Beineberg....« Er wurde nicht rot und nicht bleich, es schien, als warte er auf Lösung eines Mißverständnisses. »Na, um es kurz zu

machen«, sagte ich da, »das Geld, wovon du mir deine Schuld bezahltest, hast

du heute nacht aus Beinebergs Schublade genommen!«

Ich lehnte mich wieder zurück, um den Eindruck zu beobachten. Er war

kirschrot geworden; die Worte, an denen er würgte, trieben ihm den Speichel auf

die Lippen; endlich vermochte er zu sprechen. Es war ein ganzer Guß von

Beschuldigungen gegen mich: wie ich mich unterstehen könne, so etwas zu

behaupten; was denn eine solche schimpfliche Vermutung auch nur im

entferntesten rechtfertige; daß ich nur Streit mit ihm suche, weil er der

Schwächere sei; daß ich es nur aus Ärger tue, weil er nach Zahlung seiner

Schulden von mir erlöst sei; daß er aber die Klasse anrufen werde, ... den

Präfekten, ... den Direktor; daß Gott seine Unschuld bezeugen möge, und so

weiter ins Unendliche. Mir wurde wirklich schon bange, daß ich ihm unrecht

getan und ihn unnötig verletzt habe, so hübsch stand ihm die Röte im Gesicht; ..

wie ein gequältes, wehrloses, kleines Tierchen sah er aus. Aber es litt mich doch

nicht, so ohneweiters beizugeben. So hielt ich denn ein spöttisches Lächeln fest

– eigentlich fast nur aus Verlegenheit – mit dem ich alle seine Reden anhörte.

Hie und da nickte ich dazu und sagte ruhig: »Aber ich weiß es doch.«

Nach einer Weile wurde auch er ruhig. Ich lächelte weiter. Ich hatte ein

Gefühl, als ob ich ihn durch dieses Lächeln allein zum Diebe machen könnte,

selbst wenn er es noch nicht gewesen wäre. »Und zum Gutmachen«, dachte ich

mir, »ist auch später immer noch Zeit.«

Wieder nach einer Weile, während deren er mich von Zeit zu Zeit heimlich

angesehen hatte, wurde er plötzlich bleich. Eine merkwürdige Veränderung ging

mit seinem Gesichte vor. Die förmlich unschuldige Anmut, die es vorher

verschönt hatte, schwand; wie es schien, mit der Farbe. Es sah nun grünlich aus,

käsig, verquollen. Ich hatte so etwas vorher nur ein einzigesmal gesehen – als

ich auf der Straße hinzukam, wie man einen Mörder arretierte. Der war auch

unter den anderen Leuten umhergegangen, ohne daß man ihm das geringste hätte

anmerken können. Als ihm aber der Schutzmann die Hand auf die Schulter legte,

war er plötzlich ein anderer Mensch geworden. Sein Gesicht hatte sich

verwandelt und seine Augen starrten erschrocken und nach einem Ausweg

suchend aus einer wahren Galgenphysiognomie.

Daran wurde ich durch den Wechsel in Basinis Ausdruck erinnert; ich wußte

nun alles und wartete nur noch....

Und es kam auch so. Ohne daß ich etwas gesagt hätte, fing Basini – von dem

Schweigen erschöpft – zu weinen an und bat mich um Gnade. Er habe das Geld

ja nur in der Not genommen; wenn ich nicht darauf gekommen wäre, hätte er es so bald wieder zurückgegeben, daß niemand darum gewußt hätte. Ich solle doch

nicht sagen, er habe gestohlen; er habe es sich ja nur heimlich ausgeliehen ...;

weiter kam er nicht vor Tränen.

Danach aber bettelte er mich von neuem. Er wolle mir gehorsam sein, alles

tun, was überhaupt ich wünsche, nur solle ich niemandem davon erzählen. Um

diesen Preis bot er sich mir förmlich zum Sklaven an und die Mischung von List

und gieriger Angst, die sich dabei in seinen Augen krümmte, war widerwärtig.

Ich versprach ihm daher auch nur kurz, mir noch überlegen zu wollen, was mit

ihm geschehen werde, sagte aber, daß dies in erster Linie Beinebergs Sache sei.

Was sollen wir nun eurer Meinung nach mit ihm anfangen?«

Während Reiting erzählte, hatte Törleß wortlos, mit geschlossenen Augen

zugehört. Von Zeit zu Zeit war ihm ein Frösteln bis in die Fingerspitzen gelaufen

und in seinem Kopfe stießen die Gedanken wild und ungeordnet in die Höhe,

wie Blasen in siedendem Wasser. Man sagt, daß es so demjenigen gehe, der zum

ersten Male das Weib sehe, welches bestimmt ist, ihn in eine vernichtende

Leidenschaft zu verwickeln. Man behauptet, daß es einen solchen Augenblick

des Sich bückens, Kräfte heraufholens, Atem anhaltens, einen Augenblick

äußeren Schweigens über gespanntester Innerlichkeit zwischen zwei Menschen

gebe. Keinesfalls ist zu sagen, was in diesem Augenblicke vorgeht. Er ist

gleichsam der Schatten, den die Leidenschaft vorauswirft. Ein organischer

Schatten; eine Lockerung aller bisherigen Spannungen und zugleich ein Zustand

plötzlicher, neuer Gebundenheit, in dem schon die ganze Zukunft enthalten ist;

eine auf die Schärfe eines Nadelstichs konzentrierte Inkubation.... Und er ist

andrerseits ein Nichts, ein dumpfes, unbestimmtes Gefühl, eine Schwäche, eine

Angst....

So fühlte es Törleß. Was Reiting von sich und Basini erzählte, schien ihm,

wenn er sich darüber befragte, ohne Belang zu sein. Ein leichtsinniges Vergehen

und eine feige Schlechtigkeit von seiten Basinis, worauf nun sicher irgendeine

grausame Laune Reitings folgen werde. Andrerseits aber fühlte er wie in einer

bangen Ahnung, daß die Ereignisse nun eine ganz persönliche Wendung gegen

ihn genommen hatten, und in dem Zwischenfalle lag etwas, das ihn wie mit einer

scharfen Spitze bedrohte.

Er mußte sich Basini bei Božena vorstellen und er sah in der Kammer umher.

Ihre Wände schienen ihm zu drohen, sich auf ihn zu senken, wie mit blutigen

Händen nach ihm zu greifen, der Revolver rückte auf seinem Platze hin und

her....

Da war nun etwas zum ersten Male wie ein Stein in die unbestimmte

Einsamkeit seiner Träumereien gefallen; es war da; da ließ sich nichts machen; es war Wirklichkeit. Gestern war Basini noch genau so wie er selbst gewesen;

eine Falltüre hatte sich geöffnet, und Basini war gestürzt. Genau so, wie es

Reiting schilderte: eine plötzliche Veränderung, und der Mensch hat

gewechselt....

Und wieder verknüpfte sich das irgendwie mit Božena. Seine Gedanken

hatten Blasphemie getrieben. Ein fauler, süßer Geruch, der aus ihnen

aufgestiegen war, hatte ihn verwirrt. Und diese tiefe Erniedrigung, diese

Selbstaufgabe, dieses von den schweren, blassen, giftigen Blättern der Schande

Bedecktwerden, das wie ein unkörperliches, fernes Spiegelbild durch seine

Träume gezogen war, war nun plötzlich mit Basini – geschehen.

Es war also etwas, womit man wirklich rechnen muß, vor dem man sich

hüten muß, das plötzlich aus den schweigsamen Spiegeln der Gedanken

hervorspringen kann?...

Dann war aber auch alles andere möglich. Dann waren Reiting und

Beineberg möglich. War diese Kammer möglich ... Dann war es auch möglich,

daß von der hellen, täglichen Welt, die er bisher allein gekannt hatte, ein Tor zu

einer anderen, dumpfen, brandenden, leidenschaftlichen, nackten, vernichtenden

führe. Daß zwischen jenen Menschen, deren Leben sich wie in einem

durchsichtigen und festen Bau von Glas und Eisen geregelt zwischen Bureau

und Familie bewegt, und anderen, Herabgestoßenen, Blutigen, ausschweifend

Schmutzigen, in verwirrten Gängen voll brüllender Stimmen Irrenden, nicht nur

ein Übergang besteht, sondern ihre Grenzen heimlich und nahe und jeden

Augenblick überschreitbar aneinanderstoßen ...

Und die Frage bliebe nur: wie ist es möglich? Was geschieht in solchem

Augenblicke? Was schießt da schreiend in die Höhe und was verlischt

plötzlich?...

Das waren die Fragen, die für Törleß mit diesem Ereignisse heraufstiegen.

Sie stiegen undeutlich herauf, mit verschlossenen Lippen, von einem dumpfen,

unbestimmten Gefühl ... einer Schwäche, einer Angst verhüllt.

Aber doch klang wie von ferne, abgerissen und vereinzelt, manches ihrer

Worte in Törleß auf und erfüllte ihn mit banger Erwartung.

In diesen Augenblick fiel Reitings Anfrage.

Törleß begann sofort zu sprechen. Er gehorchte dabei einem plötzlichen

Antriebe, einer Bestürzung. Es schien ihm, daß irgend etwas Entscheidendes

bevorstehe, und er erschrak vor diesem Heranrückenden, wollte ausweichen,

eine Frist gewinnen ... Er sprach, aber im selben Augenblicke fühlte er, daß er

nur Uneigentliches vorzubringen habe, daß seine Worte ohne inneren Rückhalt

seien und gar nicht seine wirkliche Meinung ...

Er sagte: »Basini ist ein Dieb.« Und der bestimmte, harte Klang dieses

Wortes tat ihm so wohl, daß er es zweimal wiederholte. »... ein Dieb. Und einen

solchen bestraft man – überall, in der ganzen Welt. Er muß angezeigt, aus dem

Institute entfernt werden! Mag er sich draußen bessern, zu uns paßt er nicht

mehr!«

Aber Reiting sagte mit einem Ausdrucke unangenehmen Betroffenseins:

»Nein, wozu es gleich zum Äußersten treiben?«

»Wozu? Ja, findest du denn das nicht selbstverständlich?«

»Durchaus nicht. Du machst ja gerade so, als ob der Schwefelregen schon

vor der Tür stünde, um uns alle zu vernichten, wenn wir Basini noch länger unter

uns behielten. Dabei ist die Sache doch nicht gar so fürchterlich.«

»Wie kannst du das sagen! Du willst also mit einem Menschen, der gestohlen

hat, der sich dir dann zur Magd, zum Sklaven angeboten hat, tagtäglich weiter

zusammen sitzen, zusammen essen, zusammen schlafen?! Ich verstehe das gar

nicht. Wir werden doch gemeinsam erzogen, weil wir gemeinsam zur selben

Gesellschaft gehören. Wird es dir gleich sein, wenn du seinerzeit vielleicht im

selben Regiment mit ihm stehst, oder im selben Ministerium arbeitest, wenn er

in denselben Familien verkehrt wie du – vielleicht deiner eigenen Schwester den

Hof macht ...?«

»Nun seh einer, ob du nicht übertreibst?!« lachte Reiting, »du tust, als ob wir

einer Brüderschaft fürs Leben angehörten! Glaubst du denn, daß wir immer ein

Siegel an uns herumtragen werden: Stammt aus dem Konvikte zu W. Ist mit

besonderen Vorrechten und Verpflichtungen behaftet? Später geht ja doch jeder

von uns seinen eigenen Weg, und jeder wird das, wozu er berechtigt ist, denn es

gibt nicht nur eine Gesellschaft. Ich meine daher, wir brauchen uns nicht über

die Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Und was das Gegenwärtige betrifft, habe

ich ja nicht gesagt, daß wir mit Basini Kameradschaft halten sollen. Es wird sich

schon irgendwie so finden lassen, daß die Distanz gewahrt bleibt. Basini ist in

unserer Hand, wir können mit ihm machen, was wir wollen, meinetwegen kannst

du ihn zweimal täglich anspucken: wo bleibt da, solange er es sich gefallen läßt,

die Gemeinsamkeit? Und lehnt er sich auf, können wir ihm immer noch den

Herrn zeigen ... Du mußt nur die Idee fallen lassen, daß zwischen uns und Basini

irgendeine andere Zusammengehörigkeit bestehe, außer der, daß uns seine

Gemeinheit Vergnügen bereitet!«

Trotzdem Törleß gar nicht von seiner Sache überzeugt war, ereiferte er sich

weiter: »Höre, Reiting, warum nimmst du dich Basinis so warm an?«

»Nehme ich mich seiner an? Das weiß ich gar nicht. Überhaupt habe ich

gewiß keinen besonderen Grund; mir ist die ganze Geschichte grenzenlos gleichgültig. Mich ärgert ja nur, daß du übertreibst. Was steckt dir im Kopfe? So

eine Art Idealismus, meine ich. Heilige Begeisterung für das Institut oder für die

Gerechtigkeit. Du hast keine Ahnung, wie fad und musterhaft das klingt. Oder

hast du am Ende«, und Reiting blinzelte verdächtigend zu Törleß hinüber,

»irgendeinen anderen Grund, weswegen Basini hinausfliegen soll, und willst

bloß nicht Farbe bekennen? Irgendeine alte Rache? Dann sag es doch! Denn,

wenn es dafür steht, können wir ja wirklich die günstige Gelegenheit benützen.«

Törleß wandte sich an Beineberg. Aber dieser grinste nur. Er sog zwischen

dem Sprechen an einem langen Tschibuk, saß mit orientalisch gekreuzten Beinen

und sah mit seinen abstehenden Ohren in der zweifelhaften Beleuchtung wie ein

groteskes Götzenbild aus. »Meinetwegen könnt ihr machen, was ihr wollt; mir

ist es nicht um das Geld zu tun und um die Gerechtigkeit auch nicht. In Indien

würde man ihm einen gespitzten Bambus durch den Darm treiben; das wäre

wenigstens ein Vergnügen. Er ist dumm und feig, da ist weiter nicht schade um

ihn, und es war mir wirklich Zeit meines Lebens höchst egal, was mit solchen

Leuten geschieht. Sie selbst sind nichts, und was aus ihrer Seele noch werden

mag, wissen wir nicht. Allah schenke eurem Urteil seine Gnade!«

Törleß erwiderte nichts. Nachdem ihm Reiting widersprochen und Beineberg

die Entscheidung zwischen ihnen unbeeinflußt gelassen hatte, war er am Ende.

Er vermochte keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen; er fühlte, daß er gar

kein Verlangen mehr habe, das Ungewisse, Kommende aufzuhalten.

Also wurde ein Vorschlag angenommen, den Reiting nun machte. Es wurde

beschlossen, Basini vorderhand unter Aufsicht, gewissermaßen unter Kuratel zu

stellen und ihm so Gelegenheit zu bieten, daß er sich wieder herausarbeiten

könne. Seine Einnahmen und Ausgaben sollten von nun an strenge geprüft

werden und seine Beziehungen zu den übrigen von der Erlaubnis der drei

abhängen.

Dieser Beschluß war scheinbar sehr korrekt und wohlwollend. »Musterhaft

fad«, wie Reiting diesmal nicht sagte. Denn, ohne daß sie es sich eingestanden,

fühlte jeder, daß hier nur eine Art Zwischenzustand geschaffen werden sollte.

Reiting hätte ungerne auf eine Fortsetzung dieser Angelegenheit verzichtet, da

sie ihm Vergnügen bereitete, aber andererseits war er sich noch nicht klar,

welche Wendung er ihr weiter geben sollte. Und Törleß war durch den bloßen

Gedanken, daß er nun täglich mit Basini zu tun haben werde, wie gelähmt.

Als er vorhin das Wort »Dieb« ausgesprochen hatte, war ihm für einen

Augenblick leichter geworden. Es war wie ein Hinausstellen,

Vonsichwegschieben der Dinge gewesen, die in ihm wühlten.

Aber die Fragen, die gleich darauf wieder auftauchten, vermochte dieses einfache Wort nicht zu lösen. Sie waren jetzt deutlicher geworden, wo es nicht

mehr galt ihnen auszuweichen.

Törleß sah von Reiting zu Beineberg, schloß die Augen, wiederholte sich den

gefaßten Beschluß, sah wieder auf ... Er wußte ja selbst nicht mehr, war es nur

seine Phantasie, die sich wie ein riesiges Zerrglas über die Dinge legte, oder war

es wahr, war alles so, wie es unheimlich vor ihm aufdämmerte? Und wußten nur

Beineberg und Reiting nichts von diesen Fragen? Obwohl gerade sie sich von

Anfang an heimisch in dieser Welt bewegt hatten, die ihm nun auf einmal erst so

fremd erschien?

Törleß fürchtete sich vor ihnen. Aber er fürchtete sich nur so, wie man sich

vor einem Riesen fürchtet, den man blind und dumm weiß ...

Eines aber war entschieden: Er war jetzt viel weiter als vor einer

Viertelstunde noch. Die Möglichkeit einer Umkehr war vorüber. Eine leise

Neugierde stieg auf, wie es nun wohl kommen werde, da er gegen seinen Willen

festgehalten sei. Alles, was sich in ihm regte, lag noch im Dunkeln, aber doch

spürte er schon eine Lust, in die Gebilde dieser Finsternis hineinzustarren,

welche die anderen nicht bemerkten. Ein feines Frösteln war in diese Lust

gemengt. Als ob über seinem Leben nun beständig ein grauer, verhängter

Himmel stehen werde – mit großen Wolken, ungeheuren, wechselnden Gestalten

und der immer neuen Frage: Sind es Ungeheuer? Sind es nur Wolken?

Und diese Frage nur für ihn! Als Geheimes, den anderen Fremdes,

Verbotenes ...

So begann Basini sich zum ersten Male jener Bedeutung zu nähern, die er

späterhin in Törleß' Leben einnehmen sollte.