Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Abermals bemächtigte sich eine tiefe Unlust und förmlich körperliche
Übelkeit seiner. So lag er Minuten lang, vom Ekel ganz ausgehöhlt.
Dann aber trat plötzlich wieder die Empfindung in sein Bewußtsein, wie sein
Körper an allen Stellen von der milden, lauwarmen Leinwand des Bettes berührt
wurde. Behutsam, ganz langsam und behutsam drehte Törleß den Kopf. Richtig,
dort lag noch das fahle Viereck auf dem Estrich – mit ein wenig verschobenen
Seiten zwar, aber noch kroch auch jener gewundene Schatten hindurch. Ihm war,
als liege dort eine Gefahr gekettet, die er aus seinem Bette heraus, wie durch
Gitterstäbe geschützt, mit der Ruhe der Sicherheit betrachten könne.
In seiner Haut, rings um den ganzen Körper herum, erwachte dabei ein
Gefühl, das plötzlich zu einem Erinnerungsbilde wurde. Als er ganz klein war –
ja, ja, das war's, – als er noch Kleidchen trug und noch nicht in die Schule ging,
hatte er Zeiten, da in ihm eine ganz unaussprechliche Sehnsucht war, ein Mäderl
zu sein. Und auch diese Sehnsucht saß nicht im Kopfe – o nein – auch nicht im
Herzen – sie kitzelte im ganzen Körper und jagte rings unter der Haut umher. Ja
es gab Augenblicke, wo er sich so lebhaft als kleines Mädchen fühlte, daß er
glaubte, es könne gar nicht anders sein. Denn er wußte damals nichts von der
Bedeutung körperlicher Unterschiede und er verstand es nicht, warum man ihm
von allen Seiten sagte, er müsse nun wohl für immer ein Knabe bleiben. Und
wenn man ihn fragte, warum er denn glaube, lieber ein Mäderl zu sein, so fühlte
er, daß sich das gar nicht sagen lasse ...
Heute spürte er zum ersten Male wieder etwas Ähnliches. Wieder nur so
rings unter der Haut umher.
Etwas, das Körper und Seele zugleich zu sein schien. Ein Jagen und Hasten,
das sich tausendfältig, wie mit samtenen Fühlfäden von Schmetterlingen an
seinem Körper stieß. Und zugleich jenes Trotzen, mit dem kleine Mädchen
flüchten, wenn sie fühlen, daß sie von den Erwachsenen ohnedies nicht
verstanden werden, die Arroganz, mit der sie dann über die Erwachsenen
kichern, diese furchtsame, stets wie zu schnellem Davonlaufen bereite Arroganz,
die fühlt, daß sie sich jeden Augenblick in irgendein furchtbar tiefes Versteck in
dem kleinen Körper zurückziehen könne ...
Törleß lachte leise vor sich hin und abermals dehnte er sich behaglich die
Decke entlang.
Dieses wutzlige kleine Männchen, von dem er geträumt hatte, wie gierig es
die Seiten unter den Fingern jagte! Und das Viereck dort unten? Ha, ha. Ob so
gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben so etwas bemerkt haben? Er kam
sich unendlich gesichert gegen diese gescheiten Menschen vor und zum ersten
Male fühlte er, daß er in seiner Sinnlichkeit – denn daß es diese sei, wußte er nun schon lange – etwas hatte, das ihm keiner zu nehmen vermochte, das auch keiner
nachzumachen vermochte, etwas, das ihn wie eine höchste, versteckteste Mauer
gegen alle fremde Klugheit schützte.
Ob so gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben, spann er dies weiter,
unter einer einsamen Mauer gelegen und bei jedem Rieseln hinter dem Mörtel
erschrocken sind, als ob etwas Totes da Worte suche, um zu ihnen zu sprechen?
Ob sie wohl je so die Musik, die der Wind in den herbstlichen Blättern anfacht,
gefühlt haben, – so durch und durch gefühlt haben, daß dahinter plötzlich ein
Schreck stand, ... der sich langsam, langsam in eine Sinnlichkeit verwandelte?
Aber in eine so merkwürdige Sinnlichkeit, die mehr wie ein Flüchten und dann
wie ein Auslachen ist. O, es ist leicht gescheit zu sein, wenn man alle diese
Fragen nicht kennt ...
Dazwischen aber schien immer wieder das kleine Männchen riesig zu
wachsen, mit einem unerbittlich strengen Gesicht, und jedesmal zuckte es wie
ein elektrischer Schlag schmerzhaft von Törleß' Gehirn durch den Körper. Der
ganze Schmerz darüber, daß er noch immer vor einem verschlossenen Tore
stehen müsse, das eben, was noch im Augenblick vorher die warmen Schläge
seines Blutes weggedrängt hatten, – erwachte dann wieder und eine wortlose
Klage flutete durch Törleß' Seele, wie das Heulen eines Hundes, das über die
weiten, nächtlichen Felder zittert.
So schlief er ein. Noch im Halbschlaf blickte er ein paarmal zu dem Fleck
beim Fenster hinüber, so wie man mechanisch nach einem haltenden Seile greift,
um zu fühlen, ob es noch gespannt sei. Dann tauchte unklar der Vorsatz auf, daß
er morgen nochmals ganz genau über sich nachdenken werde – am besten mit
Feder und Papier – dann, ganz zuletzt, war nur die angenehme, laue Wärme –
wie ein Bad und eine sinnliche Regung – die ihm aber als solche gar nicht mehr
zu Bewußtsein kam, sondern in irgendeiner durchaus unerkennbaren, aber sehr
nachdrücklichen Weise mit Basini verknüpft war.
Dann schlief er fest und traumlos.