Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 18 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Abermals bemächtigte sich eine tiefe Unlust und förmlich körperliche

Übelkeit seiner. So lag er Minuten lang, vom Ekel ganz ausgehöhlt.

Dann aber trat plötzlich wieder die Empfindung in sein Bewußtsein, wie sein

Körper an allen Stellen von der milden, lauwarmen Leinwand des Bettes berührt

wurde. Behutsam, ganz langsam und behutsam drehte Törleß den Kopf. Richtig,

dort lag noch das fahle Viereck auf dem Estrich – mit ein wenig verschobenen

Seiten zwar, aber noch kroch auch jener gewundene Schatten hindurch. Ihm war,

als liege dort eine Gefahr gekettet, die er aus seinem Bette heraus, wie durch

Gitterstäbe geschützt, mit der Ruhe der Sicherheit betrachten könne.

In seiner Haut, rings um den ganzen Körper herum, erwachte dabei ein

Gefühl, das plötzlich zu einem Erinnerungsbilde wurde. Als er ganz klein war –

ja, ja, das war's, – als er noch Kleidchen trug und noch nicht in die Schule ging,

hatte er Zeiten, da in ihm eine ganz unaussprechliche Sehnsucht war, ein Mäderl

zu sein. Und auch diese Sehnsucht saß nicht im Kopfe – o nein – auch nicht im

Herzen – sie kitzelte im ganzen Körper und jagte rings unter der Haut umher. Ja

es gab Augenblicke, wo er sich so lebhaft als kleines Mädchen fühlte, daß er

glaubte, es könne gar nicht anders sein. Denn er wußte damals nichts von der

Bedeutung körperlicher Unterschiede und er verstand es nicht, warum man ihm

von allen Seiten sagte, er müsse nun wohl für immer ein Knabe bleiben. Und

wenn man ihn fragte, warum er denn glaube, lieber ein Mäderl zu sein, so fühlte

er, daß sich das gar nicht sagen lasse ...

Heute spürte er zum ersten Male wieder etwas Ähnliches. Wieder nur so

rings unter der Haut umher.

Etwas, das Körper und Seele zugleich zu sein schien. Ein Jagen und Hasten,

das sich tausendfältig, wie mit samtenen Fühlfäden von Schmetterlingen an

seinem Körper stieß. Und zugleich jenes Trotzen, mit dem kleine Mädchen

flüchten, wenn sie fühlen, daß sie von den Erwachsenen ohnedies nicht

verstanden werden, die Arroganz, mit der sie dann über die Erwachsenen

kichern, diese furchtsame, stets wie zu schnellem Davonlaufen bereite Arroganz,

die fühlt, daß sie sich jeden Augenblick in irgendein furchtbar tiefes Versteck in

dem kleinen Körper zurückziehen könne ...

Törleß lachte leise vor sich hin und abermals dehnte er sich behaglich die

Decke entlang.

Dieses wutzlige kleine Männchen, von dem er geträumt hatte, wie gierig es

die Seiten unter den Fingern jagte! Und das Viereck dort unten? Ha, ha. Ob so

gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben so etwas bemerkt haben? Er kam

sich unendlich gesichert gegen diese gescheiten Menschen vor und zum ersten

Male fühlte er, daß er in seiner Sinnlichkeit – denn daß es diese sei, wußte er nun schon lange – etwas hatte, das ihm keiner zu nehmen vermochte, das auch keiner

nachzumachen vermochte, etwas, das ihn wie eine höchste, versteckteste Mauer

gegen alle fremde Klugheit schützte.

Ob so gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben, spann er dies weiter,

unter einer einsamen Mauer gelegen und bei jedem Rieseln hinter dem Mörtel

erschrocken sind, als ob etwas Totes da Worte suche, um zu ihnen zu sprechen?

Ob sie wohl je so die Musik, die der Wind in den herbstlichen Blättern anfacht,

gefühlt haben, – so durch und durch gefühlt haben, daß dahinter plötzlich ein

Schreck stand, ... der sich langsam, langsam in eine Sinnlichkeit verwandelte?

Aber in eine so merkwürdige Sinnlichkeit, die mehr wie ein Flüchten und dann

wie ein Auslachen ist. O, es ist leicht gescheit zu sein, wenn man alle diese

Fragen nicht kennt ...

Dazwischen aber schien immer wieder das kleine Männchen riesig zu

wachsen, mit einem unerbittlich strengen Gesicht, und jedesmal zuckte es wie

ein elektrischer Schlag schmerzhaft von Törleß' Gehirn durch den Körper. Der

ganze Schmerz darüber, daß er noch immer vor einem verschlossenen Tore

stehen müsse, das eben, was noch im Augenblick vorher die warmen Schläge

seines Blutes weggedrängt hatten, – erwachte dann wieder und eine wortlose

Klage flutete durch Törleß' Seele, wie das Heulen eines Hundes, das über die

weiten, nächtlichen Felder zittert.

So schlief er ein. Noch im Halbschlaf blickte er ein paarmal zu dem Fleck

beim Fenster hinüber, so wie man mechanisch nach einem haltenden Seile greift,

um zu fühlen, ob es noch gespannt sei. Dann tauchte unklar der Vorsatz auf, daß

er morgen nochmals ganz genau über sich nachdenken werde – am besten mit

Feder und Papier – dann, ganz zuletzt, war nur die angenehme, laue Wärme –

wie ein Bad und eine sinnliche Regung – die ihm aber als solche gar nicht mehr

zu Bewußtsein kam, sondern in irgendeiner durchaus unerkennbaren, aber sehr

nachdrücklichen Weise mit Basini verknüpft war.

Dann schlief er fest und traumlos.