Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 20 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

... Aber die Episode mit Kant war…

... Aber die Episode mit Kant war nahezu gänzlich überwunden. Bei Tage

dachte Törleß überhaupt nicht mehr daran; die Überzeugung, daß er selbst schon

nahe der Lösung seiner Rätsel stehe, war viel zu lebhaft in ihm, als daß er sich

noch um die Wege eines anderen bekümmert hätte. Seit dem letzten Abend war

ihm, er habe den Griff zu der Türe, die hinüberführe, schon in der Hand gefühlt,

nur sei er ihm wieder entglitten. Da er aber eingesehen hatte, daß er auf die

Hülfe philosophischer Bücher verzichten müsse, und auch kein rechtes Vertrauen

zu ihnen hatte, stand er ziemlich ratlos da, wie er ihn wiedergewinnen wolle. Er

machte einige Male Versuche in seinen Aufzeichnungen fortzufahren, allein die

geschriebenen Worte blieben tot, eine Reihe von grämlichen, längst bekannten

Fragezeichen, ohne daß jener Augenblick wieder erwacht wäre, in dem er

zwischen ihnen hindurch wie in ein von zitternden Kerzenflammen erhelltes

Gewölbe geblickt hatte.

Daher beschloß er, so oft als möglich, immer und immer wieder die

Situationen zu suchen, welche jenen für ihn so eigentümlichen Gehalt in sich

trugen; und besonders häufig ruhte sein Blick auf Basini, wenn dieser, sich

unbeobachtet glaubend, harmlos unter den anderen sich bewegte. »Einmal«,

dachte sich Törleß, »wird es schon wieder lebendig werden und dann vielleicht

lebhafter und klarer als bisher.« Und er wurde ganz beruhigt durch diesen

Gedanken, daß man sich solchen Dingen gegenüber einfach in einem finsteren

Raume befinde und einem nichts übrig bleibe, als, wenn man die richtige Stelle

wieder unter den Fingern verloren hat, nochmals und nochmals aufs Geratewohl

die dunklen Wände abzutasten.

In den Nächten jedoch verfärbte sich dieser Gedanke ein wenig. Es überkam

ihn da doch eine gewisse Beschämung darüber, daß er sich an seinem

ursprünglichen Vorsatze, aus dem Buche, das ihm sein Lehrer gezeigt hatte, sich

die vielleicht doch darin enthaltene Erklärung zu holen, so vorbeigedrückt hatte.

Er lag dann ruhig und horchte zu Basini hinüber, dessen geschändeter Körper

friedlich wie die aller anderen atmete. Er lag ruhig, wie ein Jäger auf dem

Anstande, mit dem Gefühle, daß die also verwartete Zeit ihren Lohn schon noch

bringen werde. Sowie aber der Gedanke an das Buch auftauchte, nagte ein feinzahniger Zweifel an dieser Ruhe, eine Ahnung, daß er Unnützes tue, ein

zögerndes Geständnis einer erlittenen Niederlage.

Sobald dieses unklare Gefühl sich geltend machte, verlor seine

Aufmerksamkeit das Behagliche, mit dem man der Entwicklung eines

wissenschaftlichen Experimentes zusieht. Ein körperlicher Einfluß schien dann

von Basini auszugehen, ein Reiz, wie wenn man in der Nähe eines Weibes

schläft, von dem man jeden Augenblick die Decke wegziehen kann. Ein Kitzel

im Gehirn, der von dem Bewußtsein ausgeht, daß man nur die Hand

auszustrecken brauche. Das, was junge Paare häufig zu Ausschweifungen treibt,

die weit über ihr sinnliches Bedürfnis hinausgehen.

 

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Je nach der Lebhaftigkeit, mit der ihm einfiel, daß sein Unterfangen ihm

vielleicht lächerlich erscheinen müßte, wenn er das alles wüßte, was Kant, was

sein Professor, was alle die wissen, welche mit ihren Studien fertig sind, je nach

der Stärke dieser Erschütterung waren die sinnlichen Antriebe schwächer oder

stärker, welche trotz der Stille des allgemeinen Schlafes seine Augen heiß und

offen hielten. Ja zeitweilig loderten sie so mächtig in ihm empor, daß sie jeden

anderen Gedanken erstickten. Wenn er sich in diesen Augenblicken halb willig,

halb verzweifelt ihren Einflüsterungen hingab, so ging es ihm nur, wie es allen

Menschen geht, die ja auch nie so sehr zu einer tollen, ausschweifenden, so sehr

die Seele zerreißenden, mit wollüstiger Absicht zerreißenden, Sinnlichkeit

neigen, als dann, wenn sie einen Mißerfolg erlitten haben, der das Gleichgewicht

ihres Selbstbewußtseins erschüttert. – – – – – – – – – –

Wenn er dann nach Mitternacht endlich in unruhigem Schlummer lag, schien

ihm einige Male, daß jemand aus der Gegend um Reitings oder Beinebergs Bett

aufstand, seinen Mantel nahm und zu Basini hintrat. Dann verließen sie den

Saal.... ... Aber es konnte auch eine Einbildung gewesen sein. – – – – – –