Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 27 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Törleß ließ sie widerstandslos an sich herankommen. In dieser

neuentstandenen Situation war auch sein Gefühl für Basini völlig erkaltet. Das

war sogar eine ganz glückliche Lösung, weil sie wenigstens mit einem Schlage

von dem Schwanken zwischen Beschämung und Begierde befreite, aus dem

Törleß durch eigene Kraft nicht herauskam. Jetzt hatte er wenigstens einen

geraden, klaren Widerwillen gegen Basini, als ob die diesem zugedachten

Demütigungen auch ihn beschmutzen könnten.

Im übrigen war er zerstreut und mochte an nichts ernst denken; am

allerwenigsten an das, was ihn einst so beschäftigte.

Erst als er mit Reiting die Treppe zum Boden hinaufstieg, während

Beineberg mit Basini schon vorausgegangen war, wurde die Erinnerung an das

einst in ihm Gewesene lebhafter. Die selbstbewußten Worte wollten ihm nicht

aus dem Kopfe, die er in dieser Angelegenheit Beineberg vorgeworfen hatte, und

er sehnte sich diese Zuversicht wieder zu gewinnen. Zögernd hielt er auf jeder

Stufe den Fuß zurück. Aber die alte Gewißheit kehrte nicht wieder. Er erinnerte

sich zwar aller Gedanken, die er damals gehabt hatte, aber sie schienen ferne an

ihm vorüberzugehen, als seien sie nur die Schattenbilder des einst Gedachten.

Schließlich, da er in sich nichts fand, richtete sich seine Neugierde wieder

auf die Ereignisse, die von außen kommen sollten, und trieb ihn vorwärts.

Mit raschen Schritten eilte er hinter Reiting die übrigen Stufen hinauf.

Während sich die eiserne Tür knarrend hinter ihnen schloß, fühlte er

seufzend, daß Beinebergs Vorhaben zwar auch nur ein lächerlicher Hokuspokus

sei, aber doch wenigstens etwas Festes und Überlegtes, während in ihm alles in

undurchsichtiger Verwirrung lag.

Auf einem querlaufenden Balken nahmen sie Platz – in erwartungsvoller

Spannung wie in einem Theater.

Beineberg war mit Basini schon da.

Die Situation schien seinem Vorhaben günstig. Das Dunkel, die

abgestandene Luft, der faule, süßliche Geruch, der den Wasserbottichen

entströmte, schufen ein Gefühl des Einschlafens, Nichtmehraufwachenkönnens,

eine müde, lässige Trägheit.

Beineberg hieß Basini sich zu entkleiden. Die Nacktheit hatte jetzt in dem

Dunkel einen bläulichen, faulen Schimmer und wirkte durchaus nicht erregend.

Plötzlich zog Beineberg den Revolver aus der Tasche und hielt ihn gegen

Basini.

Selbst Reiting neigte sich da vor, um jeden Augenblick dazwischen springen

zu können.

Aber Beineberg lächelte. Eigentümlich verzerrt; so als ob er es gar nicht

wollte, sondern nur das Heraufdrängen irgendwelcher fanatischer Worte seine

Lippen zur Seite geschoben hätte.

Basini war wie gelähmt in die Knie gesunken und starrte mit angstvoll

aufgerissenen Augen die Waffe an.

»Steh auf«, sagte Beineberg, »wenn du alles genau befolgst, was ich dir sage,

soll dir kein Leid geschehen, wie du mich aber durch den geringsten

Widerspruch störst, schieße ich dich nieder. Merk dir das!

Ich werde dich allerdings auch so töten, aber du wirst wieder zum Leben

zurückkommen. Das Sterben ist uns nicht so fremd, wie du meinst; wir sterben

täglich – im tiefen, traumlosen Schlafe.«

Wieder verzog das wirre Lächeln Beinebergs Mund.

»Knie dich jetzt da oben hin,« – in halber Höhe lief ein breiter, wagrechter

Balken, – »so – ganz aufrecht – halte dich völlig gerade – das Kreuz mußt du

einziehen. Und jetzt schau fort da drauf; aber ohne zu blinzeln, die Augen mußt

du so weit öffnen, als du nur kannst!«

Beineberg stellte eine kleine Spiritusflamme so vor ihn hin, daß er den Kopf

ein wenig zurückbeugen mußte, um voll hineinzusehen.

Man konnte nicht viel wahrnehmen, aber nach einiger Zeit schien Basinis

Körper zu beginnen, wie ein Pendel hin und her zu schwingen. Die bläulichen

Reflexe bewegten sich auf seiner Haut auf und ab. Hie und da glaubte Törleß

Basinis Gesicht mit einem ängstlich verzerrten Ausdrucke wahrzunehmen.

Nach einiger Zeit fragte Beineberg: »Bist du müde?«

Diese Frage war in der gewöhnlichen Weise der Hypnotiseure gestellt.

Dann begann er mit leiser, verschleierter Stimme zu erklären.

»Das Sterben ist nur eine Folge unserer Art zu leben. Wir leben von einem

Gedanken zum andern, von einem Gefühl zum nächsten. Denn unsere Gedanken

und Gefühle fließen nicht ruhig wie ein Strom, sondern sie ›fallen uns ein‹,

fallen in uns hinein wie Steine. Wenn du dich genau beobachtest, fühlst du es,

daß die Seele nicht etwas ist, das in allmähligen Übergängen seine Farben

wechselt, sondern daß die Gedanken wie Ziffern aus einem schwarzen Loch daraus hervorspringen. Jetzt hast du einen Gedanken oder ein Gefühl und mit

einem Male steht ein anderes da, wie aus dem Nichts gesprungen. Wenn du

aufmerkst, kannst du sogar zwischen zwei Gedanken den Augenblick spüren, wo

alles schwarz ist. Dieser Augenblick ist, – einmal erfaßt, für uns geradezu der

Tod.

Denn unser Leben ist nichts anderes als Marksteine setzen und von einem

zum anderen hüpfen, täglich über tausend Sterbesekunden hinweg. Wir leben nur

gewissermaßen in den Ruhepunkten. Deswegen haben wir auch eine so

lächerliche Furcht vor dem unwiderruflichen Sterben, denn es ist das schlechthin

Marksteinlose, der unermeßliche Abgrund, in den wir hineinfallen. Für diese Art

zu leben ist es wirklich die völlige Verneinung.

Aber auch nur unter der Perspektive dieses Lebens, nur für den, der nicht

anders gelernt hat sich zu fühlen, als von Augenblick zu Augenblick.

Ich nenne dies das hüpfende Übel, und das Geheimnis besteht darin es zu

überwinden. Man muß das Gefühl seines Lebens als eines ruhig Gleitenden in

sich erwecken. In dem Momente, wo dies gelingt, ist man dem Tode ebenso nah

als dem Leben. Man lebt nicht mehr – nach unseren irdischen Begriffen –, aber

man kann auch nicht mehr sterben, denn mit dem Leben hat man auch den Tod

aufgehoben. Es ist der Augenblick der Unsterblichkeit, der Augenblick, wo die

Seele aus unserem engen Gehirn in die wunderbaren Gärten ihres Lebens tritt.

Folge mir also jetzt genau.

Schläfere alle Gedanken ein, starre in diese kleine Flamme; ... denke nicht

von einem zum andern ... Konzentriere alle Aufmerksamkeit nach innen ...

Starre die Flamme an ... dein Denken wird wie eine Maschine, die immer

langsamer geht ... immer ... langsamer ... geht ... Starre nach innen ... so lange,

bis du den Punkt findest, wo du dich fühlst, ohne einen Gedanken oder eine

Empfindung zu fühlen ...

Dein Schweigen wird mir die Antwort sein. Wende den Blick nicht von

innen weg ...« Minuten verstrichen ...

»Fühlst du den Punkt ...?«

Keine Antwort.

»Höre, Basini, ist es dir gelungen?«

Schweigen.

Beineberg stand auf, und sein hagerer Schatten richtete sich neben dem

Balken in die Höhe. Oben schwang Basinis Körper, von der Dunkelheit trunken,

merkbar hin und her.

»Dreh dich zur Seite«, befahl Beineberg. »Was jetzt gehorcht, ist nur mehr

das Gehirn,« murmelte er, »das mechanisch noch eine Weile funktioniert, bis die letzten Spuren verzehrt sind, die ihm die Seele aufdrückte. Sie selbst ist

irgendwo – in ihrem nächsten Dasein. Sie trägt nicht mehr die Fesseln der

Naturgesetze ...,« er wandte sich jetzt an Törleß, »sie ist nicht mehr zur Strafe

verurteilt, einen Körper schwer zu machen, zusammenzuhalten. Neige dich vor,

Basini – so – ganz allmählich ... immer weiter mit dem Körper hinaus ... Sowie

die letzte Spur im Gehirn erloschen sein wird, werden die Muskeln nachlassen

und der leere Körper in sich zusammenbrechen. Oder er wird schweben bleiben;

ich weiß es nicht; die Seele hat eigenmächtig den Körper verlassen, es ist nicht

der gewöhnliche Tod, vielleicht bleibt der Körper in der Luft schweben, weil

nichts, keine Kraft des Lebens noch des Todes mehr, sich seiner annimmt ...

Neige dich vor ... mehr noch.«

 

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In diesem Augenblick polterte Basinis Körper, der aus Angst allen Befehlen

gefolgt war, schwer aufschlagend Beineberg zu Füßen.

Vor Schmerz schrie Basini auf. Reiting begann laut zu lachen. Beineberg

aber, der einen Schritt zurückgewichen war, stieß einen gurgelnden Wutschrei

aus, als er den Betrug erfaßt hatte. Mit einer blitzschnellen Bewegung riß er

seinen Ledergurt vom Leibe, faßte Basini bei den Haaren und peitschte wie

rasend auf ihn ein. Die ganze ungeheure Spannung, unter der er gestanden war,

strömte in diesen wütenden Schlägen aus. Und Basini heulte unter ihnen vor

Schmerz, daß es wie die Klage eines Hundes in allen Winkeln zitterte.

 

— — — — — — — — — — — — —

 

Törleß war während des ganzen vorangegangenen Auftrittes ruhig geblieben.

Er hatte im stillen gehofft, daß sich vielleicht doch etwas ereignen werde, das ihn

wieder mitten in seinen verlorenen Empfindungskreis versetzen würde. Es war

eine törichte Hoffnung, dessen blieb er sich stets bewußt, aber sie hatte ihn doch

festgehalten. Nun schien ihm jedoch, daß alles vorbei sei. Die Szene widerte ihn

an. Ganz gedankenlos; stummer, toter Widerwille.

Er erhob sich leise und ging ohne ein Wort zu sagen fort. Ganz mechanisch.

Beineberg schlug sich noch immer an Basini müde.