Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 30 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Den nächsten Tag schienen Beineberg und Reiting…

Den nächsten Tag schienen Beineberg und Reiting noch als Frist Törleß

gewähren zu wollen.

Mit Basini wurde es jedoch Ernst.

Törleß sah, wie Beineberg und Reiting zu einzelnen hingingen, und wie sich

dort um sie herum Gruppen bildeten, in denen eifrig geflüstert wurde.

Dabei wußte er nicht, ob Basini seinen Zettel gefunden habe, denn ihn zu

sprechen fand sich keine Gelegenheit, da sich Törleß beobachtet fühlte.

Anfangs hatte er überhaupt Angst, daß es sich auch schon um ihn handle.

Aber er war nunmehr im Angesichte der Gefahr von ihrer Widerwärtigkeit so

gelähmt, daß er alles an sich hätte herankommen lassen.

Später erst mischte er sich zaghaft, gefaßt, daß sich augenblicks alle gegen

ihn kehren würden, unter eine der Gruppen.

Aber man bemerkte ihn gar nicht. Es galt vorläufig erst Basini.

Die Aufregung wuchs. Törleß konnte es beobachten. Reiting und Beineberg

mochten wohl noch Lügen hinzugetan haben ...

Erst lächelte man, dann wurden einige ernst, und böse Blicke glitten an

Basini vorbei, endlich brütete es wie ein dunkles, heißes, von finsteren Gelüsten

schwangeres Schweigen über der Klasse.

Zufällig war ein freier Nachmittag.

Alle versammelten sich hinten bei den Kästen; dann wurde Basini

vorgerufen.

Beineberg und Reiting standen wie zwei Bändiger zu seinen Seiten.

Das probate Mittel des Entkleidens machte, nachdem man die Türen

verschlossen und Posten ausgestellt hatte, allgemeinen Spaß.

Reiting hielt ein Päckchen Briefe von Basinis Mutter an diesen in seiner

Hand und begann vorzulesen.

»Mein gutes Kind ...«

Allgemeines Gebrülle.

»Du weißt, daß ich von dem wenigen Gelde, über das ich als Witwe

verfüge ...«

Unflätiges Lachen, zügellose Scherze flattern aus der Masse auf. Reiting will

weiter lesen. Plötzlich stößt einer Basini. Ein anderer, auf den er dabei fällt, stößt

ihn halb im Scherze, halb in Entrüstung zurück. Ein dritter gibt ihn weiter. Und

plötzlich fliegt Basini, nackt, mit von der Angst aufgerissenem Munde, wie ein

wirbelnder Ball, unter Lachen, Jubelrufen, Zugreifen aller im Saale umher – von

einer Seite zur andern – stößt sich Wunden an den scharfen Ecken der Bänke,

fällt in die Knie, die er sich blutig reißt – und stürzt endlich blutig bestaubt, mit

tierischen, verglasten Augen zusammen, während augenblicklich Schweigen

eintritt und alles vordrängt, um ihn am Boden liegen zu sehen.

Törleß schauderte. Er hatte die Macht der fürchterlichen Drohung vor sich

gesehen.

Und immer noch wußte er nicht, was Basini tun werde.

In der nächsten Nacht sollte Basini an ein Bett gebunden werden und man

hatte beschlossen, ihn mit Florettklingen durchzupeitschen.

 

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Aber zur allgemeinen Verwunderung erschien schon am frühen Morgen der

Direktor in der Klasse. In seiner Begleitung der Klassenvorstand und zwei

Lehrer. Basini wurde von der Klasse entfernt und in ein eigenes Zimmer

gebracht.

Der Direktor aber hielt eine zornige Ansprache wegen der zutage getretenen

Roheiten und ordnete eine strenge Untersuchung an.

Basini hatte sich selbst gestellt.

Jemand mußte ihn von dem ihm Bevorstehenden verständigt haben.