Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 10 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Die nächsten Tage brachten keine Entscheidung. Es…

Die nächsten Tage brachten keine Entscheidung. Es gab in der Schule viel zu

tun, Reiting wich vorsichtig jedem Alleinsein aus und auch Beineberg ging einer

erneuten Aussprache aus dem Wege.

So geschah es, daß sich während dieser Tage, wie ein in seinem Lauf

gehemmter Strom, das Geschehene tiefer in Törleß eingrub und seinen

Gedanken eine unwiderrufliche Richtung gab.

Mit der Absicht, Basini zu entfernen, war es dadurch endgültig vorüber.

Törleß fühlte sich jetzt zum ersten Male voll auf sich selbst konzentriert und

vermochte an gar nichts anderes mehr zu denken. Auch Božena war ihm

gleichgültig geworden; was er gelegentlich ihrer empfunden hatte, wurde ihm zu

einer phantastischen Erinnerung, an deren Stelle nun der Ernst getreten war.

Freilich schien dieser Ernst nicht weniger phantastisch zu sein.

 

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Von seinen Gedanken beschäftigt, war Törleß allein im Parke spazieren

gegangen. Es war um die Mittagszeit und die Spätherbstsonne legte blasse

Erinnerungen über Wiesen und Wege. Da Törleß in seiner Unruhe keine Lust zu

weiterem Spaziergange hatte, umschritt er bloß das Gebäude und warf sich am

Fuße der fast fensterlosen Seitenmauer in das fahle, raschelnde Gras. Über ihm

spannte sich der Himmel, ganz in jenem verblichenen, leidenden Blau, das dem

Herbste eigen ist, und kleine, weiße, geballte Wölkchen hasteten darüber hin.

Törleß lag lang ausgestreckt am Rücken und blinzelte unbestimmt träumend

zwischen den sich entblätternden Kronen zweier vor ihm stehenden Bäume

hindurch.

Er dachte an Beineberg; wie sonderbar doch dieser Mensch war! Seine Worte

würden zu einem zerbröckelnden indischen Tempel gehören, in die Gesellschaft

unheimlicher Götzenbilder und zauberkundiger Schlangen in tiefen Verstecken;

was sollten sie aber am Tage, im Konvikte, im modernen Europa? Und doch

schienen diese Worte, nachdem sie sich ewig lange, wie ein Weg ohne Ende und

Übersicht in tausend Windungen hingezogen hatten, plötzlich vor einem greifbaren Ziele gestanden zu sein ...

Und plötzlich bemerkte er – und es war ihm, als geschähe dies zum ersten

Male – wie hoch eigentlich der Himmel sei.

Es war wie ein Erschrecken. Gerade über ihm leuchtete ein kleines, blaues,

unsagbar tiefes Loch zwischen den Wolken.

Ihm war, als müßte man da mit einer langen, langen Leiter hineinsteigen

können. Aber je weiter er hineindrang und sich mit den Augen hob, desto tiefer

zog sich der blaue, leuchtende Grund zurück. Und es war doch, als müßte man

ihn einmal erreichen und mit den Blicken ihn aufhalten können. Dieser Wunsch

wurde quälend heftig.

Es war, als ob die aufs äußerste gespannte Sehkraft Blicke wie Pfeile

zwischen die Wolken hineinschleuderte und als ob sie, je weiter sie auch zielte,

immer um ein weniges zu kurz träfe.

Darüber dachte nun Törleß nach; er bemühte sich möglichst ruhig und

vernünftig zu bleiben. »Freilich gibt es kein Ende,« sagte er sich, »es geht immer

weiter, fortwährend weiter, ins Unendliche.« Er hielt die Augen auf den Himmel

gerichtet und sagte sich dies vor, als gälte es die Kraft einer

Beschwörungsformel zu erproben. Aber erfolglos; die Worte sagten nichts, oder

vielmehr sie sagten etwas ganz anderes, so als ob sie zwar von dem gleichen

Gegenstande, aber von einer anderen, fremden, gleichgültigen Seite desselben

redeten.

»Das Unendliche!« Törleß kannte das Wort aus dem Mathematikunterrichte.

Er hatte sich nie etwas Besonderes darunter vorgestellt. Es kehrte immer wieder;

irgend jemand hatte es einst erfunden und seither war es möglich, so sicher

damit zu rechnen, wie nur mit irgend etwas Festem. Es war, was es gerade in der

Rechnung galt; darüber hinaus hatte Törleß nie etwas gesucht.

Und nun durchzuckte es ihn wie mit einem Schlage, daß an diesem Worte

etwas furchtbar Beunruhigendes hafte. Es kam ihm vor wie ein gezähmter

Begriff, mit dem er täglich seine kleinen Kunststückchen gemacht hatte, und der

nun plötzlich entfesselt worden war. Etwas über den Verstand Gehendes, Wildes,

Vernichtendes schien durch die Arbeit irgendwelcher Erfinder hineingeschläfert

worden zu sein und war nun plötzlich aufgewacht und wieder furchtbar

geworden. Da, in diesem Himmel, stand es nun lebendig über ihm und drohte

und höhnte.

Endlich schloß er die Augen, weil ihn dieser Anblick so sehr quälte.

 

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Als er bald darauf durch einen Windstoß, der durch das welke Gras raschelte,

wieder geweckt wurde, spürte er seinen Körper kaum und von den Füßen herauf

strömte eine angenehme Kühle, die seine Glieder in einem Zustand süßer

Trägheit festhielt. In sein früheres Erschrecken hatte sich nun etwas Mildes und

Müdes gemischt. Noch immer fühlte er den Himmel riesig und schweigend auf

sich herunterstarren, aber er erinnerte sich nun, wie oft er schon vordem einen

solchen Eindruck empfangen hatte, und wie zwischen Wachen und Träumen

ging er alle diese Erinnerungen durch und fühlte sich in ihre Beziehungen

eingesponnen.

Da war zunächst jene Kindheitserinnerung, in der die Bäume so ernst und

schweigend standen wie verzauberte Menschen. Schon damals mußte er es

empfunden haben, was später immer wieder kam. Selbst jene Gedanken bei

Božena hatten etwas davon an sich gehabt, etwas Besonderes, etwas

Ahnungsvolles, das mehr war als sie besagten. Und jener Augenblick der Stille

im Garten, vor den Fenstern der Konditorei, bevor sich die dunklen Schleier der

Sinnlichkeit niedersenkten, war so gewesen. Und Beineberg und Reiting waren

oft während des Bruchteiles eines Gedankens zu etwas Fremdem, Unwirklichem

geworden; und endlich Basini? Die Vorstellung dessen, was mit ihm geschah,

hatte Törleß völlig entzweigerissen; sie war bald vernünftig und alltäglich, bald

von jenem bilderdurchzuckten Schweigen, das allen diesen Eindrücken

gemeinsam war, das nach und nach in Törleß' Wahrnehmung gesickert war und

nun mit einem Male beanspruchte, als etwas Wirkliches, Lebendiges behandelt

zu werden; genau so wie vorhin die Vorstellung der Unendlichkeit.

Törleß fühlte nun, daß es ihn von allen Seiten umschloß. Wie ferne, dunkle

Kräfte hatte es wohl schon seit jeher gedroht, aber er war instinktiv davor

zurückgewichen und hatte es nur zeitweilig mit einem scheuen Blick gestreift.

Nun aber hatte ein Zufall, ein Ereignis seine Aufmerksamkeit verschärft und

darauf gerichtet, und wie auf ein Zeichen brach es nun von allen Seiten herein;

eine ungeheure Verwirrung mit sich reißend, die jeder Augenblick aufs neue

weiter breitete.

Es kam wie eine Tollheit über Törleß, Dinge, Vorgänge und Menschen als

etwas Doppelsinniges zu empfinden. Als etwas, das durch die Kraft

irgendwelcher Erfinder an ein harmloses, erklärendes Wort gefesselt war, und als

etwas ganz Fremdes, das jeden Augenblick sich davon loszureißen drohte.

Gewiß: es gibt für alles eine einfache, natürliche Erklärung, und auch Törleß

wußte sie, aber zu seinem furchtsamen Erstaunen schien sie nur eine ganz äußere

Hülle fortzureißen, ohne das Innere bloßzulegen, das Törleß wie mit unnatürlich

gewordenen Augen stets noch als zweites dahinter schimmern sah.

So lag Törleß und war ganz eingesponnen von Erinnerungen, aus denen wie

fremde Blüten seltsame Gedanken wuchsen. Jene Augenblicke, die keiner

vergißt, Situationen, wo der Zusammenhang versagt, der sonst unser Leben sich

lückenlos in unserem Verstande abspiegeln läßt, als liefen sie parallel und mit

gleicher Geschwindigkeit nebeneinander her – schlossen sich verwirrend eng

aneinander.

Die Erinnerung an das so furchtbar stille, farbentraurige Schweigen mancher

Abende wechselte unvermittelt mit der heißen zitternden Unruhe eines

Sommermittags, die einmal seine Seele glühend, wie mit den zuckenden Füßen

eines huschenden Schwarms schillernder Eidechsen überlaufen hatte.

Dann fiel ihm plötzlich ein Lächeln jenes kleinen Fürsten ein – ein Blick –

eine Bewegung – damals, als sie innerlich miteinander fertig wurden – durch die

jener Mensch sich mit einem – sanften – Mal aus allen Beziehungen löste, die

Törleß um ihn gesponnen hatte, und in eine neue, fremde Weite hineinschritt, die

sich – gleichsam in das Leben einer unbeschreiblichen Sekunde konzentriert –

unversehens aufgetan hatte. Dann kamen wieder Erinnerungen aus dem Walde –

zwischen den Feldern. Dann ein schweigsames Bild in einem dunkelnden

Zimmer zu Hause, das ihn später an seinen verlorenen Freund plötzlich erinnert

hatte. Worte eines Gedichtes fielen ihm ein ...

Und es gibt auch sonst Dinge, wo zwischen Erleben und Erfassen diese

Unvergleichlichkeit herrscht. Immer aber ist es so, daß das, was wir in einem

Augenblick ungeteilt und ohne Fragen erleben, unverständlich und verwirrt

wird, wenn wir es mit den Ketten der Gedanken zu unserem bleibenden Besitze

fesseln wollen. Und was groß und menschenfremd aussieht, solange unsere

Worte von ferne danach langen, wird einfach und verliert das Beunruhigende,

sobald es in den Tatkreis unseres Lebens eintritt.

 

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Und so hatten alle diese Erinnerungen auf einmal dasselbe Geheimnis

gemeinsam. Als ob sie zusammengehörten, standen sie alle zum Greifen deutlich

vor ihm.

Sie waren einstens von einem dunklen Gefühl begleitet gewesen, das er

wenig beachtet hatte.

Gerade um dieses bemühte er sich jetzt. Ihm fiel ein, daß er einstens, als er

mit seinem Vater vor einer jener Landschaften stand, unvermittelt gerufen hatte:

o es ist schön – und verlegen wurde, als sich sein Vater freute. Denn er hätte

ebensogut sagen mögen: es ist schrecklich traurig. Es war ein Versagen der Worte, das ihn da quälte, ein halbes Bewußtsein, daß die Worte nur zufällige

Ausflüchte für das Empfundene waren.

Und heute erinnerte er sich des Bildes, erinnerte sich der Worte und deutlich

jenes Gefühles zu lügen, ohne zu wissen, wieso. Sein Auge ging in der

Erinnerung von neuem alles durch. Aber immer wieder kehrte es ohne Erlösung

zurück. Ein Lächeln des Entzückens über den Reichtum der Einfälle, das er noch

immer wie zerstreut festhielt, bekam langsam einen kaum merklichen

schmerzhaften Zug ...

Er hatte das Bedürfnis, rastlos nach einer Brücke, einem Zusammenhange,

einem Vergleich zu suchen – zwischen sich und dem, was wortlos vor seinem

Geiste stand.

Aber so oft er sich bei einem Gedanken beruhigt hatte, war wieder dieser

unverständliche Einspruch da: Du lügst. Es war, als ob er eine unaufhörliche

Division durchführen müßte, bei der immer wieder ein hartnäckiger Rest

heraussprang, oder als ob er sich fiebernde Finger wundbemühte, um einen

endlosen Knoten zu lösen.

Und endlich ließ er nach. Es schloß sich eng um ihn und die Erinnerungen

wuchsen in unnatürlicher Verzerrung.

Er hatte die Augen wieder auf den Himmel gerichtet. Als könnte er ihm

vielleicht noch durch einen Zufall sein Geheimnis entreißen und an ihm erraten,

was ihn allerorten verwirrte. Aber er wurde müde, und das Gefühl einer tiefen

Einsamkeit schloß sich langsam über ihm zusammen. Der Himmel schwieg. Und

Törleß fühlte, daß er unter diesem unbewegten, stummen Gewölbe ganz allein

sei, er fühlte sich wie ein kleines lebendes Pünktchen unter dieser riesigen,

durchsichtigen Leiche.

Aber es schreckte ihn kaum mehr. Wie ein alter, längst vertrauter Schmerz

hatte es nun auch das letzte Glied ergriffen.

Ihm war, als ob das Licht einen milchigen Schimmer angenommen hätte und

wie ein bleicher kalter Nebel vor seinen Augen tanzte.

Langsam und vorsichtig wandte er den Kopf und sah umher, ob sich denn

wirklich alles verändert habe. Da streifte sein Blick von ungefähr die graue,

fensterlose Mauer, die hinter seinem Haupte stand. Sie schien sich über ihn

gebeugt zu haben und ihn schweigend anzusehen. Von Zeit zu Zeit kam ein

Rieseln herunter, und ein unheimliches Leben erwachte in der Wand.

So hatte er es oft in dem Versteck belauscht, wenn Beineberg und Reiting

ihre phantastische Welt entrollten, und er hatte sich darüber gefreut wie über die

seltsame Begleitmusik zu einem grotesken Schauspiel.

Nun aber schien der helle Tag selbst zu einem unergründlichen Versteck geworden zu sein und das lebendige Schweigen umstand Törleß von allen

Seiten.

Er vermochte nicht den Kopf abzuwenden. Neben ihm, in einem feuchten,

düsteren Winkel wucherte Huflattich und spreitete seine breiten Blätter zu

phantastischen Verstecken den Schnecken und Würmern.

Törleß hörte das Schlagen seines Herzens. Dann kam wieder ein leises,

flüsterndes, versickerndes Rieseln ... Und diese Geräusche waren das einzig

Lebendige in einer zeitlosen schweigenden Welt ................