Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 17 von 35

PDF-Seiten

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Als Törleß abends im Bette lag, fand…

Als Törleß abends im Bette lag, fand er keinen Schlaf. Die Viertelstunden

schlichen wie Krankenschwestern von seinem Lager, seine Füße waren eiskalt,

und die Decke drückte ihn anstatt ihn zu wärmen.

In dem Schlafsaale hörte man nur das ruhige und gleichmäßige Atmen der

Zöglinge, die nach der Arbeit des Unterrichtes, des Turnens und des Laufens im

Freien ihren gesunden, tierischen Schlaf gefunden hatten.

Törleß horchte auf die Atemzüge der Schlafenden. Das war Beinebergs, das

Reitings, das Basinis Atem; welcher? Er wußte es nicht; aber einer von den

vielen, gleichmäßigen, gleichruhigen, gleichsicheren, die wie ein mechanisches

Werk sich hoben und senkten.

Einer der leinenen Vorhänge hatte sich nur bis zur halben Höhe

herunterrollen lassen; darunter leuchtete die helle Nacht herein und zeichnete ein

fahles, unbewegliches Viereck auf den Fußboden. Die Schnur hatte sich oben

gespießt oder war ausgesprungen und hing in häßlichen Windungen herunter,

während ihr Schatten auf dem Boden wie ein Wurm durch das helle Viereck

kroch.

Dies alles war von einer beängstigenden, grotesken Häßlichkeit.

Törleß versuchte an etwas Angenehmes zu denken. Beineberg fiel ihm ein.

Hatte er ihn nicht heute übertrumpft? Seiner Überlegenheit einen Stoß versetzt?

War es ihm nicht heute zum erstenmal gelungen, seine Besonderheit gegen den

anderen zu wahren? So hervorzuheben, daß dieser den unendlichen Unterschied

an Feinheit der Empfindlichkeit fühlen konnte, der ihrer beiden Auffassungen

voneinander trennte? Hat er denn noch etwas zu erwidern gewußt? Ja oder

nein?..

Aber dieses: ja oder nein? schwoll in seinem Kopfe an wie aufsteigende

Blasen und zerplatzte, und ja oder nein?... ja oder nein? schwoll es immer und

immer wieder an, unaufhörlich, in einem stampfenden Rhythmus, wie das

Rollen eines Eisenbahnzuges, wie das Nicken von Blumen an zu hohen

Stengeln, wie das Klopfen eines Hammers, das man durch viele dünne Wände

hindurch in einem stillen Hause hört ... Dieses aufdringliche, selbstgefällige ja

oder nein? widerte Törleß an. Seine Freude war unecht, es hopste so lächerlich.

Und schließlich, als er auffuhr, schien es sein eigener Kopf zu sein, der da

nickte, auf den Schultern rollte, oder im Takte auf und niederschlug ...

Endlich schwieg alles in Törleß. Vor seinen Augen war nur eine weite,

schwarze Fläche, die sich kreisrund nach allen Seiten hin ausdehnte.

Da kamen ... weit vom Rande her ... zwei kleine, wackelnde Figürchen –

quer über den Tisch. Das waren offenbar seine Eltern. Aber so klein, daß er für

sie nichts empfinden konnte.

Auf der anderen Seite verschwanden sie wieder.

Dann kamen wieder zwei; – doch halt, da lief einer von rückwärts an ihnen

vorbei – mit Schritten, die doppelt so lang waren als sein Körper – und schon

war er hinter die Kante getaucht; war es nicht Beineberg gewesen? – Nun die

zwei, der eine von ihnen war ja doch der Mathematikprofessor? Törleß erkannte

ihn an dem Sacktüchlein, das kokett aus der Tasche schaute. Aber der andere?

Der mit dem sehr, sehr dicken Buch unter dem Arm, das halb so hoch war als er

selbst? Der sich kaum damit schleppen konnte?... Bei jedem dritten Schritte

blieben sie stehen und legten das Buch auf die Erde. Und Törleß hörte die

piepsige Stimme seines Lehrers sagen: Wenn dem so sein soll, finden wir das

richtige auf Seite zwölf, Seite zwölf verweist uns weiter an Seite

zweiundfünfzig, dann gilt aber auch das, was auf Seite einunddreißig bemerkt

wurde, und unter dieser Voraussetzung ... Dabei standen sie über das Buch

gebückt und griffen mit den Händen hinein, daß die Blätter stoben. Nach einer

Weile richteten sie sich wieder auf, und der andere streichelte fünf- oder

sechsmal die Wangen des Professors. Dann kamen abermals ein paar Schritte

nach vorwärts und Törleß hörte von neuem die Stimme, genau so, wie wenn sie

im Mathematikunterricht einen Bandwurm von Beweis abfingerte. Solange, bis

der andere wieder den Professor streichelte.

Dieser andere ...? Törleß zog die Brauen zusammen, um besser zu sehen.

Trug er nicht einen Zopf? Und etwas altertümliche Kleidung? Sehr

altertümliche? Seidene Kniehosen sogar? War das nicht ...? O! Und Törleß

wachte mit einem Schrei auf: Kant!

Im nächsten Augenblicke lächelte er; es war ganz still umher, die Atemzüge

der Schlafenden waren leise geworden. Auch er hatte geschlafen. Und in seinem

Bette war es einstweilen warm geworden. Er dehnte sich behaglich unter der

Decke entlang.

»Ich habe also von Kant geträumt,« dachte er, »warum nicht länger?

Vielleicht hätte er mir doch etwas ausgeplaudert.« Er erinnerte sich nämlich, wie

er einstens, in Geschichte nicht vorbereitet, während der ganzen Nacht so lebhaft

von den betreffenden Personen und Ereignissen geträumt hatte, daß er am nächsten Tag davon erzählen konnte, als wäre er selbst mit dabei gewesen, und

die Prüfung mit Auszeichnung bestand. Und nun fiel ihm auch Beineberg wieder

ein, Beineberg und Kant – das gestrige Gespräch.

Langsam zog sich der Traum von Törleß zurück – langsam, wie eine seidene

Decke, die über die Haut eines nackten Körpers hinuntergleitet, ohne ein Ende

zu nehmen.

Aber doch wich sein Lächeln bald wieder einer sonderbaren Unruhe. War er

denn in seinen Gedanken auch nur um einen Schritt wirklich weiter gekommen?

Konnte er denn auch nur etwas aus diesem Buche ersehen, das die Lösung aller

Rätsel enthalten sollte? Und sein Sieg? Gewiß, es war nur seine unerwartete

Lebhaftigkeit gewesen, die Beineberg zum Schweigen gebracht hatte ...