Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 7 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Während der nächsten Tage schien die Angelegenheit beinahe vergessen zu

sein.

Reiting war außer im Unterrichte und beim Speisen kaum zu sehen,

Beineberg war schweigsamer denn je und Törleß schob es immer wieder hinaus,

über die Geschichte nachzudenken.

Basini bewegte sich unter den Kameraden, als wäre niemals etwas

vorgefallen.

 

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Er war etwas größer als Törleß, jedoch sehr schwächlich gebaut, hatte

weiche, träge Bewegungen und weibische Gesichtszüge. Sein Verstand war

gering, im Fechten und Turnen war er einer der letzten, doch war ihm eine

angenehme Art koketter Liebenswürdigkeit eigen.

Zu Božena war er seinerzeit nur gekommen, um den Mann zu spielen. Eine

wirkliche Begierde dürfte ihm bei seiner zurückgebliebenen Entwicklung

durchaus noch fremd gewesen sein. Er empfand es vielmehr bloß als Nötigung,

als Angemessenheit oder Verpflichtung, daß man den Duft galanter Erlebnisse

an ihm nicht vermisse. Sein schönster Augenblick war der, wenn er von Božena

wegging und es hinter sich hatte, denn es war ihm nur um den Besitz der

Erinnerung zu tun.

Mitunter log er auch aus Eitelkeit. So kam er nach jedem Urlaube mit

Andenken an kleine Abenteuer zurück – Bändern, Locken, schmalen Briefchen.

Als er aber einmal ein Strumpfband in seinem Koffer mitgebracht hatte, ein

liebes, kleines, duftendes, himmelblaues, und nachträglich sich herausstellte, daß

es von niemand anderem als seiner eigenen zwölfjährigen Schwester war, wurde

er wegen dieses lächerlichen Großtuns viel verlacht.

Die moralische Minderwertigkeit, die sich an ihm herausstellte, und seine

Dummheit wuchsen auf einem Stamm. Er vermochte keiner Eingebung

Widerstand entgegenzusetzen und wurde von den Folgen stets überrascht. Er war

darin wie jene Frauen mit niedlichen Löckchen über der Stirne, die ihrem Gatten in mahlzeitweisen Dosen Gift beibringen und sich dann voller Schrecken über

die fremden, harten Worte des Staatsanwaltes wundern und über ihr Todesurteil.

 

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Törleß wich ihm aus. Dadurch verlor sich allmählig auch jenes tiefinnerliche

Erschrecken, das ihn im ersten Augenblicke gleichsam unter den Wurzeln seiner

Gedanken gepackt und erschüttert hatte. Es wurde wieder vernünftig um Törleß;

das Befremden wich und wurde Tag um Tag unwirklicher, wie Spuren eines

Traumes, die sich in der realen, festen, sonnenbeschienenen Welt nicht

behaupten können.

Um sich dieses Zustandes noch mehr zu versichern, teilte er alles in einem

Briefe seinen Eltern mit. Nur das, was er selbst dabei empfunden hatte,

verschwieg er.

Er war nun wieder auf den Standpunkt gelangt, daß es doch am besten sei,

bei nächster Gelegenheit Basinis Entfernung aus dem Institute durchzusetzen. Er

vermochte sich gar nicht vorzustellen, daß seine Eltern anders darüber denken

könnten. Er erwartete von ihnen eine strenge, angewiderte Beurteilung Basinis,

eine Art, denselben mit den Fingerspitzen wegzuschnellen wie ein unsauberes

Insekt, das man in der Nähe ihres Sohne nicht dulden dürfe.

Nichts von alledem stand in dem Briefe, den er als Antwort erhielt. Seine

Eltern hatten sich rechtschaffene Mühe gegeben und wie vernünftige Leute alle

Umstände erwogen, soweit sie sich eben nach den abgerissenen, lückenhaften

Mitteilungen jenes hastigen Briefes eine Vorstellung davon machen konnten. Es

folgte daraus, daß sie die nachsichtigste und zurückhaltendste Beurteilung

bevorzugten, um so mehr als sie in der Darstellung ihres Sohnes möglicherweise

mit mancher aus jugendlicher Empörung hervorgegangenen Übertreibung zu

rechnen hatten. Sie billigten also den Entschluß, Basini Gelegenheit zur

Besserung zu geben, und meinten, daß man nicht gleich wegen eines kleinen

Fehltrittes ein Menschenschicksal aus seiner Bahn stoßen dürfe. Um so mehr –

und das betonten sie wie billig ganz besonders – als man es hier noch nicht mit

fertigen Menschen zu tun habe, sondern erst mit weichen, in der Entwicklung

begriffenen Charakteren. Man müsse Basini gegenüber wohl für jeden Fall Ernst

und Strenge herauskehren, stets aber auch ihm mit Wohlwollen entgegentreten

und ihn zu bessern suchen.

Dies erhärteten sie durch eine ganze Reihe von Beispielen, die Törleß

wohlbekannt waren. Denn er erinnerte sich genau, daß viele in den ersten

Jahrgängen, wo es die Direktion noch liebte, drakonische Sitten herauszukehren und dem Taschengelde enge Grenzen zog, sich oft nicht enthalten konnten,

Glücklichere von den gefräßigen Kleinen, die sie alle miteinander nun einmal

waren, um einen Teil ihres Schinkenbrotes oder dergleichen zu betteln. Auch er

selbst war nicht immer frei davon geblieben, wenn er auch seine Scham dahinter

versteckte, daß er auf die boshafte, übelwollende Direktion schimpfte. Und nicht

nur den Jahren, sondern auch den sowohl ernsten als gütigen Ermahnungen

seiner Eltern dankte er es, daß er allmählig gelernt hatte, solche Schwächen mit

Stolz zu vermeiden.

Aber all das verfehlte heute seine Wirkung.

Er mußte ja einsehen, daß seine Eltern in vieler Beziehung recht hatten, auch

wußte er, daß es kaum möglich sei, so von fernher ganz richtig zu urteilen; ihrem

Briefe schien jedoch etwas viel Wichtigeres zu fehlen.

Das war das Verständnis dafür, daß da etwas Unwiderrufliches geschehen

sei, etwas, das unter Menschen eines gewissen Kreises nie geschehen dürfe. Das

Staunen und die Betroffenheit fehlten. Sie sprachen, als ob es eine gewohnte

Sache wäre, die man mit Takt, aber ohne viel Aufhebens erledigen müsse. Ein

Makel, der so wenig schön, aber so unausweichlich ist wie die tägliche Notdurft.

Von einer persönlicheren, beunruhigten Auffassung so wenig eine Spur wie bei

Beineberg und Reiting.

Törleß hätte sich auch dies gesagt sein lassen können. Statt dessen zerriß er

aber den Brief in kleine Stückchen und verbrannte ihn. Es war zum erstenmal in

seinem Leben, daß er sich eine solche Pietätlosigkeit zuschulden kommen ließ.

In ihm war eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung ausgelöst

worden. Im Gegensatze zu der schlichten Auffassung, die man ihm vortrug, war

ihm mit einem Male wieder das Problematische, Fragwürdige von Basinis

Vergehen eingefallen. Er sagte sich kopfschüttelnd, daß man darüber noch

nachdenken müsse, obwohl er sich über das Warum keine genaue Rechenschaft

geben konnte ...

Am merkwürdigsten war es, wenn er mehr mit Träumen als mit

Überlegungen dem nachging. Dann erschien ihm Basini verständlich, alltäglich,

mit klaren Konturen, so wie ihn seine Eltern und seine Freunde sehen mochten:

und im nächsten Augenblicke verschwand er und kam wieder, immer wieder, als

eine kleine, ganz kleine Figur, die zeitweilig vor einem tiefen, sehr tiefen

Hintergrunde aufleuchtete .........