Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 16 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Aber schon der nächste Tag brachte eine…

Aber schon der nächste Tag brachte eine arge Enttäuschung. Törleß hatte

sich nämlich gleich am Morgen die Reklamausgabe jenes Bandes gekauft, den er

bei seinem Professor gesehen hatte, und benützte die erste Pause, um mit dem

Lesen zu beginnen. Aber vor lauter Klammern und Fußnoten verstand er kein

Wort und wenn er gewissenhaft mit den Augen den Sätzen folgte, war ihm, als

drehe eine alte, knöcherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus

dem Kopfe.

Als er nach etwa einer halben Stunde erschöpft aufhörte, war er nur bis zur

zweiten Seite gelangt und Schweiß stand auf seiner Stirne.

Aber dann biß er die Zähne aufeinander und las nochmals eine Seite weiter,

bis die Pause zu Ende war.

Abends aber mochte er das Buch schon nicht mehr anrühren. Angst? Ekel? –

er wußte nicht recht. Nur das eine quälte ihn brennend deutlich, daß der

Professor, dieser Mensch, der nach so wenig aussah, das Buch ganz offen im

Zimmer liegen hatte, als sei es für ihn eine tägliche Unterhaltung.

In dieser Stimmung traf ihn Beineberg.

»Nun Törleß, wie war's gestern beim Professor?« Sie saßen allein in einer

Fensternische und hatten den breiten Kleiderständer, auf dem die vielen Mäntel

hingen, vorgeschoben, so daß von der Klasse nur ein auf- und abschwellendes

Summen und der Widerschein der Lampen an der Decke zu ihnen drang. Törleß

spielte zerstreut mit einem vor ihm hängenden Mantel.

»Schläfst du denn? Er wird dir doch wohl irgend etwas geantwortet haben?

Ich kann mir's übrigens denken, er wird nicht schlecht in Verlegenheit

gekommen sein, nicht?«

»Warum?«

»Nun auf eine so dumme Frage wird er wohl nicht gefaßt gewesen sein.«

»Die Frage war gar nicht dumm; ich bin sie noch immer nicht los.«

»Ich meine es ja auch nicht so schlimm; nur für ihn wird sie dumm gewesen

sein. Die lernen ihre Sachen gerade so auswendig wie der Pfaffe seinen

Katechismus, und wenn man sie ein wenig außer der Reihe fragt, kommen sie

immer in Verlegenheit.«

»Ach verlegen war der nicht um die Antwort. Er hat mich sogar nicht einmal

ausreden lassen, so schnell hat er sie bei der Hand gehabt.«

»Und wie hat er die Geschichte erklärt?«

»Eigentlich gar nicht. Er hat gesagt, das könne ich jetzt noch nicht einsehen,

das seien Denknotwendigkeiten, die erst demjenigen klar werden, der sich

bereits eingehender mit diesen Dingen befaßt hat.«

»Das ist ja der Schwindel! Einem Menschen, der nichts wie vernünftig ist,

vermögen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzählen. Erst wenn er zehn Jahre

hindurch mürbe gemacht wurde, geht es. Bis dahin hat er nämlich tausende Male

auf diesen Grundlagen gerechnet und große Gebäude aufgeführt, die immer bis

aufs letzte stimmten; er glaubt dann einfach an die Sache, wie der Katholik an

die Offenbarung, sie hat sich immer so schön fest bewährt ... ist es dann eine

Kunst einem solchen Menschen den Beweis aufzureden? Im Gegenteil, niemand

wäre imstande ihm einzureden, daß sein Gebäude zwar steht, der einzelne

Baustein aber zu Luft zerrinnt, wenn man ihn fassen will!«

Törleß fühlte sich durch die Übertreibung Beinebergs unangenehm berührt.

»So arg, wie du's hinstellst, wird es wohl nicht sein. Ich habe nie gezweifelt,

daß die Mathematik recht hat, – schließlich lehrt's doch auch der Erfolg, – mir

war vielmehr nur das sonderbar, daß die Sache mitunter so gegen den Verstand

geht; und möglich wäre es immerhin, daß das nur scheinbar ist.«

»Nun du kannst ja die zehn Jahre abwarten, vielleicht hast du dann den

richtig präparierten Verstand.... Aber ich habe auch darüber nachgedacht, seit wir

letzthin davon sprachen, und ich bin ganz fest davon überzeugt, daß die Sache

einen Haken hat. Übrigens hast du damals auch ganz anders gesprochen als

heute.«

»O nein. Mir ist es ja auch heute noch bedenklich, nur will ich es nicht gleich

so übertreiben wie du. Sonderbar finde ich das Ganze auch. Die Vorstellung des

Irrationalen, des Imaginären, der Linien, die parallel sind und sich im

Unendlichen – also doch irgendwo – schneiden, regt mich auf. Wenn ich darüber

nachdenke, bin ich betäubt, wie vor den Kopf geschlagen.« Törleß lehnte sich

vor, ganz in den Schatten hinein, und seine Stimme umschleierte sich leise beim

Sprechen. »In meinem Kopfe war vordem alles so klar und deutlich geordnet;

nun aber ist mir, als seien meine Gedanken wie Wolken, und wenn ich an die

bestimmten Stellen komme, so ist es wie eine Lücke dazwischen, durch die man

in eine unendliche, unbestimmbare Weite sieht. Die Mathematik wird schon

recht haben; aber was ist es mit meinem Kopfe und was mit all den anderen?

Fühlen die das gar nicht? Wie malt es sich in ihnen ab? Gar nicht?«

»Ich denke, du konntest es an deinem Professor sehen. Du, – wenn du auf so etwas kommst, schaust dich sofort um und fragst, wie stimmt das jetzt zu allem

übrigen in mir? Die haben sich einen Weg in tausend Schneckengängen durch

ihr Gehirn gebohrt und sie sehen bloß bis zur nächsten Ecke zurück, ob der

Faden noch hält, den sie hinter sich herspinnen. Deswegen bringst du sie mit

deiner Art zu fragen in Verlegenheit. Von denen findet keiner den Weg zurück.

Wie kannst du übrigens behaupten, daß ich übertreibe? Diese Erwachsenen und

ganz Gescheiten haben sich da vollständig in ein Netz eingesponnen, eine

Masche stützt die andere, so daß das Ganze Wunder wie natürlich aussieht; wo

aber die erste Masche steckt, durch die alles gehalten wird, weiß kein Mensch.

Wir zwei haben noch nie so ernst darüber gesprochen, schließlich macht man

über solche Dinge nicht gern viel Worte, aber du kannst jetzt sehen, wie schwach

die Ansicht ist, mit der sich die Leute über die Welt begnügen. Täuschung ist sie,

Schwindel ist sie, Schwachköpfigkeit! Blutarmut! Denn ihr Verstand reicht

gerade so weit, um ihre wissenschaftliche Erklärung aus dem Kopf

herauszudenken, draußen erfriert sie aber, verstehst du? Ha ha! Alle diese

Spitzen, diese äußersten, von denen uns die Professoren erzählen, sie seien so

fein, daß wir sie jetzt noch nicht anzurühren vermögen, sind tot – erfroren, –

verstehst du? Nach allen Seiten starren diese bewunderten Eisspitzen und kein

Mensch vermag mit ihnen etwas anzufangen, so leblos sind sie!«

Törleß hatte sich längst wieder zurückgelehnt. Beinebergs heißer Atem fing

sich in den Mänteln und erhitzte den Winkel. Und wie immer in der Erregung,

wirkte Beineberg peinlich auf Törleß. Jetzt gar, wo er sich vorschob, so nahe

heran, daß seine Augen unbeweglich, wie zwei grünliche Steine vor Törleß

standen, während die Hände mit einer eigentümlich häßlichen Behendigkeit im

Helldunkel hin und her zuckten.

»Alles ist unsicher, was sie behaupten. Alles geht natürlich zu, sagen sie; –

wenn ein Stein fällt, so sei das die Schwerkraft, warum soll es aber nicht ein

Wille Gottes sein und warum soll derjenige, der ihm wohlgefällig ist, nicht

einmal davon entbunden sein, das Los des Steines zu teilen? Doch wozu erzähle

ich dir solches?! Du wirst doch immer halb bleiben! Ein wenig Sonderbares

ausfindig machen, ein wenig den Kopf schütteln, ein wenig sich entsetzen – das

liegt dir: darüber traust du dich aber nicht hinaus. Übrigens ist das nicht mein

Schade.«

»Der meine etwa? So sicher sind denn doch wohl auch deine Behauptungen

nicht.«

»Wie kannst du das sagen! Sie sind überhaupt das einzig Sichere. Wozu soll

ich mich übrigens mit dir darüber zanken?! Du wirst es schon noch sehen, mein

lieber Törleß; ich möchte sogar wetten, daß du dich noch einmal ganz verflucht dafür interessieren wirst, was es damit für Bewandtnis hat. Beispielsweise, wenn

es mit Basini so kommt, wie ich ....«

»Laß das, bitte« unterbrach ihn Törleß, »ich möchte das gerade jetzt nicht da

hineinmengen.«

»O, warum nicht?«

»Nun so. Ich will einfach nicht. Es ist mir unangenehm. Basini und dies sind

für mich zweierlei; und zweierlei pflege ich nicht im selben Topf zu kochen.«

Beineberg verzog es bei dieser ungewohnten Entschiedenheit, ja Grobheit

seines jüngeren Kameraden vor Ärger den Mund. Aber Törleß fühlte, daß die

bloße Nennung Basinis seine ganze Sicherheit untergraben hatte, und um dies zu

verbergen, redete er sich in Ärger. »Überhaupt behauptest du Dinge mit einer

Sicherheit, die geradezu verrückt ist. Glaubst du denn nicht, daß deine Theorien

gerade so auf Sand gebaut sein können, wie die anderen? Das sind ja noch viel

verbohrtere Schneckengänge, die noch weit mehr guten Willen voraussetzen.«

Merkwürdigerweise wurde Beineberg nicht böse; er lächelte nur – zwar ein

wenig verzerrt und seine Augen funkelten doppelt so unruhig – und sagte in

einem fort: »Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen ...«

»Was werde ich denn sehen? Und meinetwegen, so werde ich es halt sehen;

aber es interessiert mich blutwenig, Beineberg! Du verstehst mich nicht. Du

weißt gar nicht, was mich interessiert. Wenn mich die Mathematik quält und

wenn mich –« doch er überlegte sich's noch schnell und sagte nichts von Basini,

»wenn mich die Mathematik quält, so suche ich dahinter ganz etwas anderes als

du, gar nichts Übernatürliches, gerade das Natürliche suche ich – verstehst du?

gar nichts außer mir – in mir suche ich etwas: in mir! etwas Natürliches! Das ich

aber trotzdem nicht verstehe! Das empfindest du aber gerade so wenig wie der

von der Mathematik .... ach laß mich mit deiner Spekulation für jetzt in Ruhe!«

Törleß zitterte vor Aufregung, als er aufstand.

Und Beineberg wiederholte in einem fort: »nun wir werden ja sehen, werden

ja sehen ...«