Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 25 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Und wie allen dermaßen auf die Steigerung ausschließlich ihrer Geistigkeit

konzentrierten Menschen bedeutete auch ihm das bloße Vorhandensein schwüler

und exzessiver Regungen noch wenig. Er liebte es damit zu rechnen, daß die

Fähigkeit zu genießen, die künstlerischen Talente, das ganze verfeinerte

Seelenleben ein Zierat sei, an dem man sich leicht verletze. Er betrachtete es als

etwas Unumgängliches, daß ein Mensch von reichem und beweglichem

Innenleben Augenblicke habe, um die andere nicht wissen dürfen, und

Erinnerungen, die er in geheimen Fächern verwahrt. Und er verlangte von ihm

nur, daß er nachträglich sich ihrer mit Feinheit zu bedienen verstehe.

So daß, als er einmal von jemandem, dem er die Geschichte seiner Jugend

erzählt hatte, gefragt wurde, ob diese Erinnerung nicht doch manchmal

beschämend sei, er lächelnd folgende Antwort gab: »Ich leugne ganz gewiß

nicht, daß es sich hier um eine Erniedrigung handelte. Warum auch nicht? Sie

verging. Aber etwas von ihr blieb für immer zurück: jene kleine Menge Giftes,

die nötig ist, um der Seele die allzu sichere und beruhigte Gesundheit zu nehmen

und ihr dafür eine feinere, zugeschärfte, verstehende zu geben.

Wollten Sie übrigens die Stunden der Erniedrigung zählen, die überhaupt von

jeder großen Leidenschaft der Seele eingebrannt werden? Denken Sie nur an die

Stunden der absichtlichen Demütigung in der Liebe! Diese entrückten Stunden,

zu denen sich Liebende über gewisse tiefe Brunnen neigen oder einander das

Ohr ans Herz legen, ob sie nicht drinnen die Krallen der großen, unruhigen

Katzen ungeduldig an den Kerkerwänden hören? Nur um sich zittern zu fühlen!

Nur um über ihr Alleinsein oberhalb dieser dunklen, brandmarkenden Tiefen zu

erschrecken! Nur um jäh – in der Angst der Einsamkeit mit diesen düsteren

Kräften – sich ganz ineinander zu flüchten!

Sehen Sie doch nur jungen Ehepaaren in die Augen. Du glaubst ...? steht

darin, aber du ahnst ja gar nicht, wie tief wir versinken können! – In diesen

Augen liegt ein heiterer Spott gegen den, der von so vielem nichts weiß, und der

zärtliche Stolz derer, die miteinander durch alle Höllen gegangen sind.

Und wie diese Liebenden miteinander, so bin ich damals mit mir selbst durch

all dies hindurchgegangen.«

 

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Dennoch, wenn Törleß auch später so urteilte, damals, als er sich in dem

Sturme einsamer, begehrlicher Empfindungen befand, war diese des guten Endes

überzeugte Zuversicht durchaus nicht immer in ihm. Von den Rätseln, die ihn

erst vor kurzem gequält hatten, war noch eine unbestimmte Nachwirkung geblieben, die wie ein dunkler ferner Ton am Grunde seiner Erlebnisse klang.

Gerade daran mochte er jetzt nicht denken.

Aber zeitweilig mußte er es. Und dann befiel ihn tiefste Hoffnungslosigkeit,

und eine ganz andere, eine müde, zukunftslose Beschämung konnte ihn bei

diesen Erinnerungen ergreifen.

Trotzdem vermochte er aber auch über diese nicht sich Rechenschaft zu

geben.

Dies bewirkten die besonderen Verhältnisse im Institute. Dort, wo die jungen

aufdrängenden Kräfte hinter grauen Mauern festgehalten wurden, stauten sie die

Phantasie voll wahllos wohllüstiger Bilder, die manchem die Besinnung raubten.

Ein gewisser Grad von Ausschweifung galt sogar als männlich, als

verwegen, als kühnes Inbesitznehmen vorenthaltener Vergnügungen. Zumal

wenn man sich mit der ehrbar verkümmerten Erscheinung der meisten Lehrer

verglich. Denn dann gewann das Mahnwort Moral einen lächerlichen

Zusammenhang mit schmalen Schultern, mit spitzen Bäuchen auf dünnen

Beinen und Augen, die hinter ihren Brillen harmlos wie Schäfchen weideten, als

sei das Leben nichts als ein Feld voll Blumen ernster Erbaulichkeit.

Im Institute endlich hatte man noch keine Kenntnis vom Leben und keine

Ahnung von allen jenen Abstufungen von Gemeinheit und Wüstheit bis zu

Krankheit und Lächerlichkeit, die den Erwachsenen in erster Linie mit

Widerwillen erfüllen, wenn er von solchen Dingen hört.

Alle diese Hemmnisse, deren Wirksamkeit wir gar nicht abzuschätzen

vermögen, fehlten ihm. Er war förmlich naiv in seine Vergehen hineingeraten.

Denn auch die ethische Widerstandskraft, dieses empfindliche Fühlvermögen

des Geistes, das er später so hoch schätzte, fehlte damals noch. Aber doch

kündigte es sich schon an. Törleß irrte, er sah erst die Schatten, die etwas noch

Unerkanntes in ihm in sein Bewußtsein warf, und er hielt sie fälschlich für

Wirklichkeit: aber er hatte eine Aufgabe an sich selbst zu erfüllen, eine Aufgabe

der Seele – wenn er ihr auch noch nicht gewachsen war.

Er wußte nur, daß er etwas noch Undeutlichem auf einem Wege gefolgt war,

der tief in sein Inneres führte; und er war dabei ermüdet. Er hatte sich gewöhnt,

auf außerordentliche, verborgene Entdeckungen zu hoffen, und war dabei in die

engen, winkligen Gemächer der Sinnlichkeit gelangt. Nicht aus Perversität,

sondern infolge einer augenblicklich ziellosen geistigen Situation.

Und gerade diese Untreue gegen etwas Ernstes, Erstrebtes in sich erfüllte ihn

mit einem unklaren Bewußtsein von Schuld; ein unbestimmter, versteckter Ekel

verließ ihn niemals ganz und eine ungewisse Angst verfolgte ihn, wie einen, der

im Dunkel nicht mehr weiß, ob er noch seinen Weg unter den Füßen hat oder wo er ihn verlor.

Er bemühte sich dann überhaupt nichts zu denken. Stumm und betäubt und

aller früheren Fragen vergessend, lebte er dahin. Der feine Genuß an seinen

Demütigungen wurde immer seltener.

Noch ließ er ihn nicht, aber doch setzte Törleß am Ende dieser Zeit keinen

Widerstand mehr entgegen, als über Basinis Schicksal weiter beschlossen wurde.