Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 23 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Endlich lag er in seinem Bett. Er…

Endlich lag er in seinem Bett. Er dachte an gar nichts mehr, denn das Denken

fiel so schwer und war so fruchtlos. Was er über die Heimlichkeiten seiner

Freunde erfahren hatte, zog ihm zwar durch den Sinn, aber so gleichgültig und

leblos wie eine Nachricht, die man in einer fremden Zeitung liest.

Von Basini war nichts mehr zu hoffen. Freilich, sein Problem! – Aber es war

so fraglich und er so müde und so zerschlagen. Eine Täuschung vielleicht – das

Ganze.

Nur der Anblick Basinis, seiner nackten, leuchtenden Haut, duftete wie ein

Fliederstrauch in das Dämmern der Empfindungen, das dem Schlafe vorausging.

Sogar aller moralische Abscheu verlor sich. Schließlich schlief Törleß ein.

 

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Kein Traum zog durch seine Ruhe. Aber eine unendlich angenehme Wärme

breitete weiche Teppiche unter seinen Leib. Schließlich wachte er darüber auf.

Und beinahe hätte er einen Schrei ausgestoßen. An seinem Bette saß Basini!

Und mit rasender Behendigkeit löste dieser im nächsten Augenblicke das Hemd

von seinem Leibe, schmiegte sich unter die Decke und preßte seinen nackten,

zitternden Leib an Törleß an.

Kaum hatte sich Törleß in diesem Überfalle zurechtgefunden, als er Basini

von sich stieß.

»Was fällt dir denn ein ...?!«

Doch Basini bettelte. »O, sei nicht wieder so! So wie du ist keiner. Sie

verachten mich nicht so wie du; sie tun dies nur scheinbar, damit sie dann desto

anders sein können. Aber du? Gerade du ...?!... Du bist sogar jünger als ich,

wenn du auch stärker bist; ... wir sind beide jünger als die anderen; ... du bist

nicht so roh und prahlerisch wie sie; ... du bist sanft; ... ich liebe dich ...!«

»Was – was sagst du? Was soll ich mit dir? Geh – so geh doch weg!« Und

Törleß stemmte gequält seinen Arm gegen Basinis Schulter. Aber die heiße Nähe

der weichen, fremden Haut verfolgte ihn und umschloß ihn und erstickte ihn. Und in einem fort flüsterte Basini .. »Doch .. doch .. bitte .. o, es wäre mir ein

Genuß, dir zu dienen.«

 

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Törleß fand keine Antwort. Während Basini sprach, während der Sekunden

des Zweifelns und Überlegens, war es wieder wie ein tief grünes Meer über

seine Sinne gesunken. Nur Basinis bewegliche Worte leuchteten darinnen auf

wie das Blinken silberner Fischchen.

Noch immer hielt er seine Arme gegen Basinis Körper gestemmt. Aber auf

ihnen lag es wie eine feuchte, schwere Wärme; ihre Muskeln erschlafften; er

vergaß ihrer ... Nur wenn ihn ein neues der zuckenden Worte traf, wachte er auf,

weil er plötzlich fühlte – wie etwas schrecklich Unfaßbares – daß eben – wie im

Traum – seine Hände Basini näher gezogen hatten.

Dann wollte er sich aufrütteln, sich zuschreien: Basini betrügt dich; er will

dich nur zu sich hinabziehen, damit du ihn nicht mehr verachten kannst. Aber

der Schrei erstickte; kein Laut lebte in dem weiten Hause; in allen Gängen

schienen die dunklen Fluten des Schweigens unbeweglich zu schlafen.

Er wollte zu sich selbst zurückfinden: aber wie schwarze Wächter lagen sie

vor allen Toren.

Da suchte Törleß kein Wort mehr. Die Sinnlichkeit, die sich nach und nach

aus den einzelnen Augenblicken der Verzweiflung in ihn gestohlen hatte, war

jetzt zu ihrer vollen Größe erwacht. Sie lag nackt neben ihm und deckte ihm mit

ihrem weichen schwarzen Mantel das Haupt zu. Und sie raunte ihm süße Worte

der Resignation ins Ohr und schob mit ihren warmen Fingern alle Fragen und

Aufgaben als vergebens weg. Und sie flüsterte: in der Einsamkeit ist alles

erlaubt.

Nur in dem Augenblicke, als es ihn fortriß, wachte er sekundenlang auf und

klammerte sich verzweifelt an den einen Gedanken: Das bin nicht ich!... nicht

ich!... Morgen erst wieder werde ich es sein!... Morgen ...