Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Endlich lag er in seinem Bett. Er…
Endlich lag er in seinem Bett. Er dachte an gar nichts mehr, denn das Denken
fiel so schwer und war so fruchtlos. Was er über die Heimlichkeiten seiner
Freunde erfahren hatte, zog ihm zwar durch den Sinn, aber so gleichgültig und
leblos wie eine Nachricht, die man in einer fremden Zeitung liest.
Von Basini war nichts mehr zu hoffen. Freilich, sein Problem! – Aber es war
so fraglich und er so müde und so zerschlagen. Eine Täuschung vielleicht – das
Ganze.
Nur der Anblick Basinis, seiner nackten, leuchtenden Haut, duftete wie ein
Fliederstrauch in das Dämmern der Empfindungen, das dem Schlafe vorausging.
Sogar aller moralische Abscheu verlor sich. Schließlich schlief Törleß ein.
— — — — — — — — — — — — —
Kein Traum zog durch seine Ruhe. Aber eine unendlich angenehme Wärme
breitete weiche Teppiche unter seinen Leib. Schließlich wachte er darüber auf.
Und beinahe hätte er einen Schrei ausgestoßen. An seinem Bette saß Basini!
Und mit rasender Behendigkeit löste dieser im nächsten Augenblicke das Hemd
von seinem Leibe, schmiegte sich unter die Decke und preßte seinen nackten,
zitternden Leib an Törleß an.
Kaum hatte sich Törleß in diesem Überfalle zurechtgefunden, als er Basini
von sich stieß.
»Was fällt dir denn ein ...?!«
Doch Basini bettelte. »O, sei nicht wieder so! So wie du ist keiner. Sie
verachten mich nicht so wie du; sie tun dies nur scheinbar, damit sie dann desto
anders sein können. Aber du? Gerade du ...?!... Du bist sogar jünger als ich,
wenn du auch stärker bist; ... wir sind beide jünger als die anderen; ... du bist
nicht so roh und prahlerisch wie sie; ... du bist sanft; ... ich liebe dich ...!«
»Was – was sagst du? Was soll ich mit dir? Geh – so geh doch weg!« Und
Törleß stemmte gequält seinen Arm gegen Basinis Schulter. Aber die heiße Nähe
der weichen, fremden Haut verfolgte ihn und umschloß ihn und erstickte ihn. Und in einem fort flüsterte Basini .. »Doch .. doch .. bitte .. o, es wäre mir ein
Genuß, dir zu dienen.«
— — — — — — — — — — — — —
Törleß fand keine Antwort. Während Basini sprach, während der Sekunden
des Zweifelns und Überlegens, war es wieder wie ein tief grünes Meer über
seine Sinne gesunken. Nur Basinis bewegliche Worte leuchteten darinnen auf
wie das Blinken silberner Fischchen.
Noch immer hielt er seine Arme gegen Basinis Körper gestemmt. Aber auf
ihnen lag es wie eine feuchte, schwere Wärme; ihre Muskeln erschlafften; er
vergaß ihrer ... Nur wenn ihn ein neues der zuckenden Worte traf, wachte er auf,
weil er plötzlich fühlte – wie etwas schrecklich Unfaßbares – daß eben – wie im
Traum – seine Hände Basini näher gezogen hatten.
Dann wollte er sich aufrütteln, sich zuschreien: Basini betrügt dich; er will
dich nur zu sich hinabziehen, damit du ihn nicht mehr verachten kannst. Aber
der Schrei erstickte; kein Laut lebte in dem weiten Hause; in allen Gängen
schienen die dunklen Fluten des Schweigens unbeweglich zu schlafen.
Er wollte zu sich selbst zurückfinden: aber wie schwarze Wächter lagen sie
vor allen Toren.
Da suchte Törleß kein Wort mehr. Die Sinnlichkeit, die sich nach und nach
aus den einzelnen Augenblicken der Verzweiflung in ihn gestohlen hatte, war
jetzt zu ihrer vollen Größe erwacht. Sie lag nackt neben ihm und deckte ihm mit
ihrem weichen schwarzen Mantel das Haupt zu. Und sie raunte ihm süße Worte
der Resignation ins Ohr und schob mit ihren warmen Fingern alle Fragen und
Aufgaben als vergebens weg. Und sie flüsterte: in der Einsamkeit ist alles
erlaubt.
Nur in dem Augenblicke, als es ihn fortriß, wachte er sekundenlang auf und
klammerte sich verzweifelt an den einen Gedanken: Das bin nicht ich!... nicht
ich!... Morgen erst wieder werde ich es sein!... Morgen ...