Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 4 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Aber alle diese Fragen waren nicht das…

Aber alle diese Fragen waren nicht das Eigentliche. Berührten es kaum. Sie

waren etwas Sekundäres; etwas, das Törleß erst nachträglich eingefallen war. Sie

vervielfältigten sich nur, weil keine das Rechte bezeichnete. Sie waren nur

Ausflüchte, Umschreibungen der Tatsache, daß vorbewußt, plötzlich, instinktiv

ein seelischer Zusammenhang gegeben war, der sie vor ihrem Entstehen schon in

bösem Sinne beantwortet hatte. Törleß sättigte sich mit den Augen an Božena

und konnte dabei seiner Mutter nicht vergessen; durch ihn hindurch verkettete

die beiden ein Zusammenhang: Alles andere war nur ein sich Winden unter

dieser Ideenverschlingung. Diese war die einzige Tatsache. Aber durch die

Vergeblichkeit, ihren Zwang abzuschütteln, gewann sie eine fürchterliche,

unklare Bedeutung, die wie ein perfides Lächeln alle Anstrengungen begleitete.

 

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Törleß sah im Zimmer umher, um dies loszuwerden. Aber alles hatte nun

schon diese eine Beziehung angenommen. Der kleine eiserne Ofen mit den

Rostflecken auf der Platte, das Bett mit den wackligen Pfosten und der

gestrichenen Lade, von der die Farbe an vielen Stellen abblätterte, das Bettzeug,

das schmutzig durch die Löcher des abgenützten Lakens sah; Božena, ihr Hemd,

das von der einen Schulter geglitten war, das gemeine, wüste Rot ihres

Unterrockes, ihr breites, schwatzendes Lachen; endlich Beineberg, dessen

Benehmen ihm im Vergleich zu sonst wie das eines unzüchtigen Priesters

vorkam, der toll geworden, zweideutige Worte in die ernsten Formen eines

Gebetes flicht, ... all das stieß nach der einen Richtung, drängte auf ihn ein und

bog seine Gedanken gewaltsam immer wieder zurück.

Nur an einer Stelle fanden seine Blicke, die geschreckt von einem zum

andern flüchteten, Frieden. Das war oberhalb der kleinen Gardine. Dort sahen

die Wolken vom Himmel herein und reglos der Mond.

Das war, als ob er plötzlich in die frische, ruhige Nachtluft hinausgetreten

wäre. Eine Weile wurden alle Gedanken ganz still. Dann kam ihm eine

angenehme Erinnerung. Das Landhaus, das sie letzten Sommer bewohnt hatten.

Nächte im schweigenden Park. Ein sternzitterndes, samtdunkles Firmament. Die

Stimme seiner Mutter aus der Tiefe des Gartens, wo sie mit Papa auf den

schwach schimmernden Kieswegen spazieren ging. Lieder, die sie halblaut vor

sich hinsang. Aber da, ... es fuhr ihm kalt durch den Leib, ... war auch wieder

dieses quälende Vergleichen. Was mochten die beiden dabei gefühlt haben?

Liebe? Nein, der Gedanke kam ihm jetzt zum erstenmal. Überhaupt war das

etwas ganz anderes. Nichts für große und erwachsene Menschen; gar für seine Eltern. Nachts am offenen Fenster sitzen und sich verlassen fühlen, sich anders

fühlen als die Großen, von jedem Lachen und von jedem spöttischen Blicke

mißverstanden, niemandem erklären können, was man schon bedeute, und sich

nach einer sehnen, die das verstünde ... das ist Liebe! Aber dazu muß man jung

und einsam sein. Bei ihnen mußte es etwas anderes gewesen sein; etwas Ruhiges

und Gleichmütiges. Mama sang einfach am Abend in dem dunklen Garten und

war heiter ....

Aber gerade das war es, was Törleß nicht verstand. Die geduldigen Pläne,

welche für den Erwachsenen, ohne daß er es merkt, die Tage zu Monaten und

Jahren zusammenketten, waren ihm noch fremd. Und ebenso jenes

Abgestumpftsein, für das es nicht einmal mehr eine Frage bedeutet, wenn wieder

ein Tag zu Ende geht. Sein Leben war auf jeden Tag gerichtet. Jede Nacht

bedeutete für ihn ein Nichts, ein Grab, ein Ausgelöschtwerden. Das Vermögen,

sich jeden Tag sterben zu legen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, hatte er

noch nicht erlernt.

Deswegen hatte er immer etwas dahinter vermutet, das man ihm verberge.

Die Nächte erschienen ihm wie dunkle Tore zu geheimnisvollen Freuden, die

man ihm verheimlicht hatte, so daß sein Leben leer und unglücklich blieb.

Er erinnerte sich an ein eigentümliches Lachen seiner Mutter und sich wie

scherzhaft fester an den Arm ihres Mannes Drücken, das er an einem jener

Abende beobachtet hatte. Es schien jeden Zweifel auszuschließen. Auch aus der

Welt jener Unantastbaren und Ruhigen mußte eine Pforte herüberführen. Und

nun, da er wußte, konnte er nur mit jenem gewissen Lächeln daran denken,

gegen dessen böses Mißtrauen er sich vergeblich wehrte – – – –

Božena erzählte unterdessen weiter. Törleß hörte mit halber Aufmerksamkeit

hin. Sie sprach von einem, der auch fast jeden Sonntag kam ... »Wie heißt er

nur? Er ist aus deinem Jahrgang«.

»Reiting?«

»Nein.«

»Wie sieht er aus?«

»Er ist beiläufig so groß wie der da«, Božena wies auf Törleß, »nur hat er

einen etwas zu großen Kopf.«

»Ah, Basini?«

»Ja, ja, so nannte er sich. Er ist sehr komisch. Und nobel; er trinkt nur Wein.

Aber dumm ist er. Es kostet ihn eine Menge Geld und er tut nichts als mir

erzählen. Er renommiert mit den Liebschaften, die er zu Hause haben will; was

er nur davon hat? Ich sehe ja doch, daß er zum erstenmal in seinem Leben bei

einem Frauenzimmer ist. Du bist ja auch noch ein Bub, aber du bist frech; er dagegen ist ungeschickt und hat Angst davor, deswegen erzählt er mir lang und

breit, wie man als Genußmensch, – ja, so hat er gesagt, – mit Frauen umgehen

müsse. Er sagt, alle Weiber seien nichts anderes wert; woher wollt ihr denn das

schon wissen?!«

Beineberg grinste sie zur Antwort spöttisch an.

»Ja lach' nur!« herrschte ihn Božena belustigt an, »ich habe ihn einmal

gefragt, ob er sich denn nicht vor seiner Mutter schämen würde. ›Mutter?..

Mutter?‹ sagte er drauf, ›was ist das? Das existiert jetzt nicht. Das habe ich zu

Hause gelassen, bevor ich zu dir ging‹ ... Ja, mach nur deine langen Ohren auf,

so seid ihr! Nette Söhnchen, ihr feinen jungen Herren; eure Mütter könnten mir

beinahe leid tun!.......«

Bei diesen Worten bekam Törleß wieder die frühere Vorstellung von sich

selbst. Wie er alles hinter sich ließ und das Bild seiner Eltern verriet. Und nun

mußte er sehen, daß er damit nicht einmal etwas fürchterlich Einsames, sondern

nur etwas ganz Gewöhnliches tat. Er schämte sich. Aber auch die anderen

Gedanken waren wieder da. Sie tuen es auch! Sie verraten dich! Du hast

geheime Mitspieler! Vielleicht ist es bei ihnen irgendwie anders, aber das muß

bei ihnen das gleiche sein: eine geheime, fürchterliche Freude. Etwas, in dem

man sich mit all seiner Angst vor dem Gleichmaß der Tage ertränken kann....

Vielleicht wissen sie sogar mehr ...?!... Etwas ganz Ungewöhnliches? Denn sie

sind am Tage so beruhigt; .. und dieses Lachen seiner Mutter?.. als ob sie mit

ruhigem Schritte ginge, alle Türen zu schließen. – – – – – – – – – –

In diesem Widerstreite kam ein Augenblick, wo Törleß sich aufgab und sich

mit erwürgtem Herzen dem Sturme überließ.

Und gerade in diesem Augenblicke stand Božena auf und trat zu ihm hin.

»Warum spricht denn der Kleine nichts? Hat er Kummer?«

Beineberg flüsterte etwas und lächelte boshaft.

»Was, Heimweh? Ist wohl die Mama weggefahren? Und der garstige Bub

läuft gleich zu so einer!«

Božena vergrub zärtlich ihre Hand mit gespreizten Fingern in sein Haar.

»Geh, sei nicht dumm. Da gib mir einen Kuß. Die feinen Menschen sind auch

nicht von Zuckerwerk«, und sie bog ihm den Kopf zurück.

Törleß wollte etwas sagen, sich zu einem derben Scherze aufraffen, er fühlte,

daß jetzt alles davon abhänge, ein gleichgültiges, beziehungsloses Wort zu

sagen, aber er brachte keinen Laut heraus. Er starrte mit einem versteinten

Lächeln in das wüste Gesicht über dem seinen, in diese unbestimmten Augen,

dann begann die Außenwelt klein zu werden, ... sich immer weiter

zurückzuziehen.... Für einen Augenblick tauchte das Bild jenes Bauernburschen auf, der den Stein gehoben hatte, und schien ihn zu höhnen.... dann war er ganz

allein. – – – – – – – – – – –