Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 28 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Als Törleß im Bette lag, fühlte er:…

Als Törleß im Bette lag, fühlte er: ein Abschluß. Etwas ist vorbei.

Während der nächsten Tage oblag er ruhig seinen Arbeiten in der Schule; er

kümmerte sich um nichts; Reiting und Beineberg mochten wohl einstweilen ihr

Programm Punkt für Punkt in Szene setzen, Törleß ging ihnen aus dem Wege.

Da trat am vierten Tage, als gerade niemand zugegen war, Basini auf ihn zu.

Er sah elend aus, sein Gesicht war bleich und abgemagert, in seinen Augen

flackerte das Fieber einer beständigen Angst. Mit scheuen Seitenblicken, in

hastigen Worten stieß er hervor: »Du mußt mir helfen! Nur du kannst es tun! Ich

halte es nicht mehr länger aus, wie sie mich quälen. Alles Frühere habe ich

ertragen, .. jetzt aber werden sie mich noch totschlagen!«

Törleß war es unangenehm, hierauf eine Antwort zu geben. Endlich sagte er:

»Ich kann dir nicht helfen; du selbst bist an allem schuld, was mit dir geschieht.«

»Aber du warst doch vor kurzem noch so lieb zu mir.«

»Niemals.«

»Aber ...«

»Schweig davon. Das war nicht ich ... Ein Traum ... Eine Laune ... Es ist mir

sogar recht, daß deine neue Schande dich von mir fortgerissen hat.... Es ist gut so

für mich...«

Basini ließ den Kopf sinken. Er fühlte, daß ein Meer von grauer, nüchterner

Enttäuschung sich zwischen ihn und Törleß geschoben hatte... Törleß war kalt,

ein anderer.

Da warf er sich vor ihm in die Knie, schlug mit dem Kopf auf den Boden

und schrie: »Hilf mir! Hilf mir!.. Um Gottes willen hilf mir!«

Törleß zauderte einen Augenblick. In ihm war weder der Wunsch, Basini zu

helfen, noch genügend Empörung, um ihn von sich zu stoßen. So folgte er dem

erstbesten Gedanken. »Komm heute Nacht auf den Boden, ich will noch einmal

mit dir darüber sprechen.« Im nächsten Augenblick bereute er aber schon.

»Wozu nochmals daran rühren?« fiel ihm ein und er sagte überlegend: »Doch

sie würden dich ja sehen; es geht nicht.«

»O nein, sie blieben die letzte Nacht bis zum Morgen mit mir auf – sie

werden heute schlafen.«

»Also meinetwegen. Aber erwarte nicht, daß ich dir helfen werde.«

 

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Törleß hatte Basini die Zusammenkunft entgegen seiner eigentlichen

Überzeugung bestimmt. Denn die war, daß alles innerlich vorbei sei und nichts

mehr zu holen. Nur mehr eine Art Pedanterie, eine von vorneherein

hoffnungslose, eigensinnige Gewissenhaftigkeit hatte ihm eingeblasen, nochmals

an den Ereignissen herumzutasten.

Er hatte das Bedürfnis, es kurz zu machen.

Basini wußte nicht, wie er sich benehmen sollte. Er war so verprügelt, daß er

sich kaum zu rühren getraute. Alles Persönliche schien aus ihm gewichen zu

sein; nur in den Augen hatte sich ein Rest davon zusammengedrängt und schien

sich angstvoll, flehend an Törleß zu klammern.

Er wartete, was dieser tun werde.

Endlich brach Törleß das Schweigen. Er sprach rasch, gelangweilt, so wie

wenn man eine längst abgetane Sache der Form halber nochmals erledigen muß.

»Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte allerdings eine Zeitlang ein Interesse an

dir, aber das ist jetzt vorbei. Du bist wirklich nichts als ein schlechter, feiger

Kerl. Gewiß nichts anderes. Was soll mich da noch an dich halten! Früher

glaubte ich immer, daß ich für dich ein Wort, eine Empfindung finden müßte, die

dich anders bezeichnete; aber es gibt wirklich nichts Bezeichnenderes, als zu

sagen, daß du schlecht und feig bist. Das ist so einfach, so nichtssagend und

doch alles, was man vermag. Was ich früher anderes von dir wollte, habe ich

vergessen, seit du dich mit deinen geilen Bitten dazwischen gedrängt hast. Ich

wollte einen Punkt finden, fern von dir, um dich von dort anzusehen ... das war

mein Interesse an dir; du selbst hast es zerstört ... doch genug; ich bin dir ja

keine Erklärung schuldig. Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?«

»Wie soll mir zumute sein? Ich kann es nicht länger ertragen.«

»Sie machen jetzt wohl sehr Arges mit dir, und es schmerzt dich?«

»Ja.«

»Aber so ganz einfach ein Schmerz? Du fühlst, daß du leidest, und du willst

dem entgehen? Ganz einfach und ohne Komplikation?«

Basini fand keine Antwort.

»Nun ja, ich frage nur so nebenher, nicht genau genug. Aber das ist ja

gleichgültig. Ich habe nichts mehr mit dir zu tun; ich sagte es schon. Ich vermag

in deiner Gesellschaft nicht das geringste mehr zu fühlen. Mach, was du willst ...«

Törleß wollte gehen.

Da riß sich Basini die Kleider vom Leibe und drängte sich an Törleß heran.

Sein Körper war von Striemen überzogen – widerwärtig. Seine Bewegung elend

wie die eines ungeschickten Freudenmädchens. Ekelnd wandte sich Törleß ab.

Er hatte aber kaum die ersten Schritte in das Dunkel hineingetan, als er auf

Reiting stieß.

»Was ist das, du hast geheime Zusammenkünfte mit Basini?«

Törleß folgte dem Blicke Reitings und sah auf Basini zurück. Gerade an der

Stelle, wo dieser stand, fiel von einer Dachlucke her ein breiter Balken

Mondlicht ein. Die bläulich überhauchte Haut mit den wunden Malen sah darin

aus wie die eines Aussätzigen. Unwillkürlich suchte sich Törleß für diesen

Anblick zu entschuldigen.

»Er hat mich darum gebeten.«

»Was will er?«

»Ich soll ihn beschützen.«

»Na, da ist er ja an den Richtigen gekommen.«

»Vielleicht würde ich es doch tun, aber mir ist die ganze Geschichte

langweilig.«

Reiting sah unangenehm betroffen auf, dann fuhr er zornig Basini an.

»Wir werden dich schon lehren, Heimlichkeiten gegen uns anzustiften! Dein

Schutzengel Törleß wird selbst zusehen und sein Vergnügen daran haben.«

Törleß hatte sich bereits abgewandt gehabt, aber diese offenbar an seine

Adresse gerichtete Bosheit hielt ihn, ohne daß er überlegte, zurück.

»Höre, Reiting, das werde ich nicht tun. Ich will nichts mehr damit zu

schaffen haben; mir ist das Ganze zuwider.«

»Auf einmal?«

»Ja, auf einmal. Denn früher suchte ich hinter all dem etwas ...« Warum nur

drängte sich ihm dies jetzt wieder beständig auf ...

»Aha, das zweite Gesicht.«

»Jawohl; jetzt aber sehe ich nur, daß du und Beineberg abgeschmackt roh

seid.«

»O, du sollst sehen, wie Basini Kot frißt«, witzelte Reiting.

»Das interessiert mich jetzt nicht mehr.«

»Hat dich aber doch ...!«

»Ich sagte dir schon, nur solange mir Basinis Zustand dabei ein Rätsel war.«

»Und jetzt?«

»Ich weiß jetzt nichts von Rätseln. Alles geschieht: Das ist die ganze

Weisheit.« Törleß wunderte sich, daß ihm auf einmal wieder Gleichnisse

einfielen, die sich jenem verloren gegangenen Empfindungskreise näherten. Als

Reiting spöttisch erwiderte, »nun diese Weisheit braucht man wohl nicht erst

weit her zu holen,« schoß daher in ihm ein zorniges Gefühl der Überlegenheit

empor und legte ihm harte Worte in den Mund. Für einen Augenblick verachtete

er Reiting so sehr, daß er ihn am liebsten mit Füßen getreten hätte.

»Spotten magst du; was aber ihr jetzt treibt, ist nichts als eine gedankenlose,

öde, ekelhafte Quälerei!«

Reiting warf einen Seitenblick auf den aufhorchenden Basini.

»Halte dich zurück, Törleß!«

»Ekelhaft, schmutzig – du hast es gehört!«

Jetzt brauste auch Reiting auf.

»Ich verbiete dir, uns hier vor Basini zu beschimpfen!«

»Ach was. Du hast nichts zu verbieten! Die Zeit ist vorbei. Ich hatte einmal

vor dir und Beineberg Respekt, jetzt sehe ich aber, was ihr gegen mich seid.

Stumpfsinnige, widerwärtige, tierische Narren!«

»Halt deinen Mund, oder ...!!« Reiting schien auf Törleß zuspringen zu

wollen. Törleß wich einen Schritt zurück und schrie ihn an: »Glaubst du, ich

werde mich mit dir prügeln?! Dafür steht mir Basini nicht. Mach mit ihm, was

du willst, aber laß mich jetzt vorbei!!«

Reiting schien sich eines besseren als seines Dreinschlagens besonnen zu

haben und trat zur Seite. Nicht einmal Basini rührte er an. Aber Törleß, der ihn

kannte, wußte nun, daß hinter seinem Rücken eine bösartige Gefahr drohe.