Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Robert Musil · Kapitel 32 von 35

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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Am nächsten Tage, als man die Zöglinge…

Am nächsten Tage, als man die Zöglinge einzeln zum Verhöre rief, war

Törleß verschwunden.

Man hatte ihn zuletzt am Abend, vor einem Hefte sitzend, gesehen,

anscheinend lesend.

Man suchte im ganzen Institute, Beineberg sah heimlich in der Kammer

nach, Törleß war nicht zu finden.

Da wurde klar, daß er aus dem Institute geflohen war, und man verständigte

nach allen Seiten die Behörden, ihn mit Schonung einzubringen.

Die Untersuchung nahm mittlerweile ihren Anfang.

Reiting und Beineberg, welche glaubten, daß Törleß aus Angst vor ihrer

Drohung, ihn hineinzulegen, geflohen sei, fühlten sich verpflichtet, nun jeden

Verdacht von ihm abzulenken und traten kräftig für ihn ein.

Sie wälzten alle Schuld auf Basini und die ganze Klasse bezeugte es Mann

für Mann, daß Basini ein diebischer, nichtswürdiger Kerl sei, der den

wohlmeinendsten Versuchen, ihn zu bessern, nur mit neuen Rückfällen antworte.

Reiting beteuerte, daß sie ja einsähen, gefehlt zu haben, es aber nur deswegen

getan hätten, weil ihnen ihr Mitleid sagte, man solle einen Kameraden nicht eher

der Strafe ausliefern, als man alle Mittel gütlicher Belehrung erschöpft habe, und

wieder schwur die ganze Klasse, daß Basinis Mißhandlung nur ein

Überschäumen war, weil Basini den ihn aus den edelsten Empfindungen

Schonenden mit größtem, gemeinstem Hohne begegnet war.

Kurz es war eine wohlverabredete Komödie, von Reiting glänzend

inszeniert, und alle ethischen Töne wurden zur Entschuldigung angeschlagen,

welche in den Ohren der Erzieher Wert haben.

Basini schwieg stumpfsinnig zu allem. Vom vorgestrigen Tag her lag noch

ein tödlicher Schreck auf ihm und die Einsamkeit seiner Zimmerhaft, der ruhige,

geschäftsmäßige Gang der Untersuchung waren für ihn schon eine Erlösung. Er

wünschte sich nichts als ein rasches Ende. Überdies hatten Reiting und

Beineberg nicht verabsäumt, ihn mit der fürchterlichsten Rache zu bedrohen,

falls er gegen sie aussage.

Da wurde Törleß eingebracht. Todmüde und hungrig hatte man ihn in der nächsten Stadt aufgegriffen.

Seine Flucht schien nun das einzig Rätselhafte in der ganzen Angelegenheit

zu sein. Aber die Situation war ihm günstig. Beineberg und Reiting hatten gut

vorgearbeitet, von der Nervosität gesprochen, die er in der letzten Zeit an den

Tag gelegt haben sollte, von seiner moralischen Feinfühligkeit, die es sich schon

zum Verbrechen anrechne, daß er, der von Anfang an um alles wußte, nicht

gleich die Sache zur Anzeige gebracht habe und auf diese Weise die Katastrophe

mit verschuldete.

Törleß wurde also schon mit einem gewissen gerührten Wohlwollen

empfangen und die Kameraden bereiteten ihn rechtzeitig darauf vor.

Dennoch war er fürchterlich aufgeregt und die Angst, sich nicht verständlich

machen zu können, erschöpfte ihn völlig ....

Die Untersuchung wurde aus Diskretion, da man doch etwaige Enthüllungen

befürchtete, in der Privatwohnung des Direktors geführt. Zugegen waren außer

diesem noch der Klassenvorstand, der Religionslehrer und der

Mathematikprofessor, welchem es als dem Jüngsten des Lehrerkollegiums

zugefallen war, die protokollarischen Notizen zu führen.

Um das Motiv seiner Flucht befragt, schwieg Törleß.

Allseitiges, verständnisvolles Kopfnicken.

»Nun gut,« sagte der Direktor, »wir sind hierüber unterrichtet. Aber sagen

Sie uns, was Sie bewog, das Vergehen des Basini zu verheimlichen.«

Törleß hätte nun lügen können. Aber seine Scheu war gewichen. Es reizte

ihn förmlich, von sich zu sprechen und seine Gedanken an diesen Köpfen zu

versuchen.

»Ich weiß es nicht genau, Herr Direktor. Als ich das erstemal davon hörte,

schien es mir etwas ganz Ungeheuerliches zu sein ... etwas gar nicht

Vorstellbares ...«

Der Religionslehrer nickte Törleß befriedigt und aufmunternd zu.

»Ich ... ich dachte an Basinis Seele ...«

Der Religionslehrer strahlte über das ganze Gesicht, der Mathematiker putzte

seinen Klemmer, rückte ihn zurecht, kniff die Augen zusammen ...

»Ich konnte mir den Augenblick nicht vorstellen, in dem eine solche

Demütigung über Basini hereinbrach, und deswegen trieb es mich immer wieder

in dessen Nähe ...«

»Nun ja – Sie wollen wohl damit sagen, daß Sie einen natürlichen Abscheu

vor dem Fehltritte Ihres Kameraden hatten und daß der Anblick des Lasters Sie

gewissermaßen bannte, so wie man es von dem Blick der Schlangen ihren Opfern gegenüber behauptet.«

Der Klassenvorstand und der Mathematiker beeilten sich, ihre Zustimmung

zu dem Gleichnis durch lebhafte Gesten zu erkennen zu geben.

Aber Törleß sagte: »Nein, es war nicht eigentlich ein Abscheu. Es war so:

einmal sagte ich mir, er habe gefehlt und man müsse ihn denen überantworten,

die ihn zu bestrafen haben ...«

»So hätten Sie auch handeln sollen.«

»... Dann aber erschien er mir wieder so sonderbar, daß ich gar nicht ans

Strafen dachte, mich von einer ganz anderen Seite aus ihm gegenüber befand; es

gab jedesmal in mir einen Sprung, wenn ich so an ihn dachte ...«

»Sie müssen sich deutlicher ausdrücken, mein lieber Törleß.«

»Das kann man nicht anders sagen, Herr Direktor.«

»Doch, doch. Sie sind aufgeregt; wir sehen es ja; verwirrt; – was Sie eben

sagten, war sehr dunkel.«

»Nun ja, ich fühle mich verwirrt; ich hatte einmal schon viel bessere Worte

dafür. Aber es kommt doch immer auf dasselbe hinaus, daß etwas Wunderliches

in mir war ...«

»Gut – aber das ist doch wohl selbstverständlich bei dieser ganzen

Angelegenheit.«

Törleß überlegte einen Augenblick.

»Vielleicht kann man es so sagen: Es gibt gewisse Sachen, die bestimmt

sind, gewissermaßen in doppelter Form in unser Leben einzugreifen. Ich fand als

solche Personen, Ereignisse, dunkle, verstaubte Winkel, eine hohe, kalte,

schweigende, plötzlich lebendig werdende Mauer ...«

»Aber um Himmelswillen, Törleß, wohin verirren Sie sich?«

Aber Törleß bereitete es nun einmal Vergnügen, alles aus sich

herauszureden.

»... imaginäre Zahlen ...«

Alle sahen bald einander, bald Törleß an. Der Mathematiker hüstelte:

»Ich muß da zu besserem Verständnis dieser dunklen Angaben hinzufügen,

daß mich der Zögling Törleß einmal aufgesucht hat, um sich eine Erklärung

gewisser Grundbegriffe der Mathematik – so auch des Imaginären – zu erbitten,

die der ungeschulten Vernunft tatsächlich Schwierigkeiten bereiten können. Ich

muß sogar gestehen, daß er hiebei unleugbaren Scharfsinn entwickelte, jedoch

mit einer wahren Manie nur solche Dinge ausgesucht hatte, welche

gewissermaßen eine Lücke in der Kausalität unseres Denkens – für ihn

wenigstens – zu bedeuten schienen.

Erinnern Sie sich noch Törleß, was Sie damals sagten?«

»Ja. Ich sagte, daß es mir an diesen Stellen scheine, wir könnten mit unserem

Denken allein nicht hinüberkommen, sondern bedürften einer anderen,

innerlicheren Gewißheit, die uns gewissermaßen hinüberträgt. Daß wir mit dem

Denken allein nicht auskommen, fühlte ich auch an Basini.«

Der Direktor wurde bei diesem philosophischen Ausbiegen der

Untersuchung bereits ungeduldig, aber der Katechet war von Törleß' Antwort

sehr befriedigt.

»Sie fühlen sich also«, fragte er, »von der Wissenschaft weg zu religiösen

Gesichtspunkten gezogen? Offenbar war es wirklich auch Basini gegenüber

ähnlich,« wandte er sich an die übrigen, »er scheint ein empfängliches Gemüt für

das feinere, ich möchte sagen göttliche und über uns hinausgehende Wesen der

Moral zu haben.«

Nun fühlte sich der Direktor doch verpflichtet darauf einzugehen.

»Hören Sie, Törleß, ist es so, wie Seine Hochwürden sagt? Haben Sie einen

Hang hinter den Begebenheiten oder Dingen – wie Sie sich ja ziemlich

allgemein ausdrücken – einen religiösen Hintergrund zu suchen?«

Er wäre selbst schon froh gewesen, wenn Törleß endlich bejaht hätte und ein

sicherer Boden zu seiner Beurteilung gegeben gewesen wäre; aber Törleß sagte:

»Nein, auch das war es nicht.«

»Nun, dann sagen Sie uns doch endlich klipp und klar,« platzte jetzt der

Direktor los, »was es gewesen ist. Wir können uns doch unmöglich mit Ihnen

hier in eine philosophische Auseinandersetzung einlassen.«

Doch Törleß war nun trotzig. Er fühlte selbst, daß er schlecht gesprochen

hatte, aber den Widerspruch sowohl, wie die mißverständliche Zustimmung, die

er gefunden hatte, gaben ihm das Gefühl einer hochmütigen Überlegenheit über

diese älteren Leute, die von den Zuständen des menschlichen Inneren so wenig

zu wissen schienen.

»Ich kann nicht dafür, daß es all das nicht ist, was Sie meinten. Ich kann aber

selbst nicht genau schildern, was ich jedes einzelnemal empfand; wenn ich aber

sage, was ich jetzt davon denke, so werden Sie vielleicht auch verstehen, warum

ich so lange nicht davon loskonnte.«

Er hatte sich aufgerichtet, so stolz, als sei er hier Richter, seine Augen gingen

geradeaus an den Menschen vorbei; er mochte diese lächerlichen Figuren nicht

ansehen.

Draußen vor dem Fenster saß eine Krähe auf einem Ast, sonst war nichts als

die weiße, riesige, Fläche.

Törleß fühlte, daß der Augenblick gekommen sei, wo er klar, deutlich, siegesbewußt von dem sprechen werde, das erst undeutlich und quälend, dann

leblos und ohne Kraft in ihm gewesen war.

Nicht als ob ein neuer Gedanke ihm diese Sicherheit und Helle verschafft

hätte, er ganz, wie er hoch aufgerichtet dastand, als sei um ihn nichts als ein

leerer Raum, – er, der ganze Mensch, fühlte es, so wie er es damals gefühlt hatte,

als er die erstaunten Augen unter den schreibenden, lernenden, emsig

schaffenden Kameraden hatte umherwandern lassen.

Denn mit den Gedanken ist es eine eigene Sache. Sie sind oft nicht mehr als

Zufälligkeiten, die wieder vergehen, ohne Spuren hinterlassen zu haben, und die

Gedanken haben ihre toten und ihre lebendigen Zeiten. Man kann eine geniale

Erkenntnis haben und sie verblüht dennoch, langsam, unter unseren Händen, wie

eine Blume. Die Form bleibt, aber die Farben, der Duft fehlen. Das heißt, man

erinnert sich ihrer wohl Wort für Wort und der logische Wert des gefundenen

Satzes bleibt völlig unangetastet, dennoch aber treibt er haltlos nur auf der

Oberfläche unseres Inneren umher und wir fühlen uns seinethalben nicht reicher.

Bis – nach Jahren vielleicht – mit einem Schlage wieder ein Augenblick da ist,

wo wir sehen, daß wir in der Zwischenzeit gar nichts von ihm gewußt haben,

obwohl wir logisch alles wußten.

Ja, es gibt tote und lebendige Gedanken. Das Denken, das sich an der

beschienenen Oberfläche bewegt, das jederzeit an dem Faden der Kausalität

nachgezählt werden kann, braucht noch nicht das lebendige zu sein. Ein

Gedanke, den man auf diesem Wege trifft, bleibt gleichgültig wie ein beliebiger

Mann in der Kolonne marschierender Soldaten. Ein Gedanke, – er mag schon

lange vorher durch unser Hirn gezogen sein, wird erst in dem Momente

lebendig, da etwas, das nicht mehr Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm

hinzutritt, so daß wir seine Wahrheit fühlen, jenseits von aller Rechtfertigung,

wie einen Anker, der von ihm aus ins durchblutete, lebendige Fleisch riß ... Eine

große Erkenntnis vollzieht sich nur zur Hälfte im Lichtkreise des Gehirns, zur

andern Hälfte in dem dunklen Boden des Innersten und sie ist vor allem ein

Seelenzustand, auf dessen äußerster Spitze der Gedanke nur wie eine Blüte sitzt.

Nur einer Erschütterung der Seele hatte es für Törleß noch bedurft, um

diesen letzten Trieb in die Höhe zu treiben.

Ohne sich um die betroffenen Gesichter ringsum zu kümmern, gleichsam nur

für sich, knüpfte er hieran an und sprach, ohne abzusetzen, die Augen geradeaus

gerichtet bis zu Ende:

»... Ich habe vielleicht noch zu wenig gelernt, um mich richtig auszudrücken,

aber ich will es beschreiben. Eben war es wieder in mir. Ich kann es nicht anders

sagen, als daß ich die Dinge in zweierlei Gestalt sehe. Alle Dinge; auch die Gedanken. Heute sind sie dieselben wie gestern, wenn ich mich bemühe einen

Unterschied zu finden, und wie ich die Augen schließe, leben sie unter einem

anderen Lichte auf. Vielleicht habe ich mich mit den irrationalen Zahlen geirrt;

wenn ich sie gewissermaßen der Mathematik entlang denke, sind sie mir

natürlich, wenn ich sie geradeaus in ihrer Sonderbarkeit ansehe, kommen sie mir

unmöglich vor. Doch hier mag ich wohl irren, ich weiß zu wenig von ihnen. Ich

irrte aber nicht bei Basini, ich irrte nicht, als ich mein Ohr nicht von dem leisen

Rieseln in der hohen Mauer, mein Auge nicht von dem schweigenden Leben des

Staubes, das eine Lampe plötzlich erhellte, abwenden konnte. Nein, ich irrte

mich nicht, wenn ich von einem zweiten, geheimen, unbeachteten Leben der

Dinge sprach! Ich – ich meine es nicht wörtlich – nicht diese Dinge leben, nicht

Basini hatte zwei Gesichter – aber in mir war ein zweites, das dies alles nicht mit

den Augen des Verstandes ansah. So wie ich fühle, daß ein Gedanke in mir

Leben bekommt, so fühle ich auch, daß etwas in mir beim Anblicke der Dinge

lebt, wenn die Gedanken schweigen. Es ist etwas Dunkles in mir, unter allen

Gedanken, das ich mit den Gedanken nicht ausmessen kann, ein Leben, das sich

nicht in Worten ausdrückt und das doch mein Leben ist ...

Dieses schweigende Leben hat mich bedrückt, umdrängt, das anzustarren

trieb es mich immer. Ich litt unter der Angst, daß unser ganzes Leben so sei und

ich nur hie und da stückweise darum erfahre ... o ich hatte furchtbare Angst ...

ich war von Sinnen ...«

Diese Worte und Gleichnisse, die weit über Törleß' Alter hinausgingen,

kamen ihm in der riesigen Erregung, in einem Augenblicke beinahe

dichterischer Inspiration leicht und selbstverständlich über die Lippen. Jetzt

senkte er die Stimme, und wie von seinem Leide ergriffen, fügte er hinzu:

»... Jetzt ist das vorüber. Ich weiß, daß ich mich doch geirrt habe. Ich fürchte

nichts mehr. Ich weiß: die Dinge sind die Dinge und werden es wohl immer

bleiben; und ich werde sie wohl immer bald so, bald so ansehen. Bald mit den

Augen des Verstandes, bald mit den anderen ... Und ich werde nicht mehr

versuchen, dies miteinander zu vergleichen ...«

Er schwieg. Er fand es ganz selbstverständlich, daß er nun gehen könne, und

niemand hinderte ihn daran.

 

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Als er draußen war, sahen sich die Zurückgebliebenen verdutzt an.

Der Direktor neigte unschlüssig den Kopf hin und her. Der Klassenvorstand

fand als erster das Wort. »Ei, dieser kleine Prophet wollte uns wohl eine Vorlesung halten. Aber der Kuckuck mag aus ihm klug werden. Diese Erregung!

Und dabei dieses Verwirren ganz einfacher Dinge!«

»Rezeptivität und Spontaneität des Denkens«, sekundierte der Mathematiker.

»Es scheint, daß er zu großes Augenmerk auf den subjektiven Faktor aller

unserer Erlebnisse gelegt hat und daß ihn das verwirrte und zu seinen dunklen

Gleichnissen trieb.«