Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 13 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Ist hier noch frei?«

Samuel deutet auf den Stuhl neben mir, der tatsächlich seit dem verfrühten Abgang von Karsten Petzold Anfang des Schuljahres vakant ist, und ich nicke.

»Und darf ich?«

»Kommt darauf an.«

»Worauf?«

»Wie gut bist du in Erdkunde?«

»Ich nde zumindest immer nach Hause.«

»Dann nimm Platz.«

Was er auch tut – und mir damit unbewusst ein Stück Konzentration klaut. Seitdem Samuel aufgetaucht ist, wandern meine Gedanken nämlich immer mal wieder auf eigene Faust, und nicht selten besuchen sie ihn. Dabei sieht mir das nicht ähnlich. Die meiste Zeit denke ich nämlich an eo und wo er sich wohl gerade rumtreibt, wie es ihm geht und ob Andi ihn mal wieder belästigt. Aber jetzt schiebe ich die Sorge um meinen Bruder zur Seite und sehe Samuel dabei zu, wie er das Unterrichtsmaterial ordentlich vor sich auf dem Tisch ausbreitet und als Letztes meinen gelben Kugelschreiber zückt.

»Darf ich die Ausleihe noch um ein paar Tage verlängern?«

So wie er dabei lächelt, fällt es mir schwer, ihm den Kuli nicht einfach zu schenken.

»Darfst du.«

»Danke. Du hast was gut bei mir.«

»Einen Kugelschreiber?«

Er lehnt sich in den Stuhl zurück, mustert mein Gesicht und ich frage mich, ob ihm gefällt, was er sieht. Heute Morgen habe ich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder ein bisschen Lippensti aufgetragen, obwohl davon inzwischen nicht mehr viel übrig sein düre.

»Das oder einen Kaffee.«

Damit habe ich nicht gerechnet, und beim Versuch einen otten Spruch als Antwort abzufeuern, nde ich nur eine einsame Wortwüste in meinem Kopf, leer und völlig ausgetrocknet.

»Äh …«

»Kann auch eine Cola sein, wenn dir das lieber ist.«

Unser Lehrer, Herr Schick, betritt den Klassensaal, aber trotzdem herrscht reichlich Unruhe zwischen den Schülern – und in meinem Brustkorb. Samuels Blick hängt noch immer unverändert an mir, als würde er auf eine Antwort warten.

»Sehr gerne«, ist schließlich alles, was ich über die Lippen bringe, bevor es peinlich werden kann. Womit ich noch viel weniger gerechnet habe, ist das Leuchten in Samuels Augen, die bisher immer ein bisschen dumpf wirkten und jetzt mit zweihundert Watt strahlen. Er berührt meinen Ellenbogen mit seinem und jagt eine Fliegerstaffel an Schmetterlingen durch meinen Körper, die wilde Flugmanöver inklusive Loopings für den Ernstfall proben. Wann ist das denn zum letzten Mal passiert?

Vermutlich bei orsten Schreiner in der 10. Klasse, als ich glaubte, unsterblich verliebt zu sein.

Dann ist das mit eo geschehen, und mein Leben hat ganz andere Prioritäten verlangt. Jungs spielten keine Rolle mehr, und mein Interesse an ihnen beschränkte sie auf ein Minimum an Schwärmerei aus der Ferne. Jetzt sitzt Samuel Nowak neben mir, sein Ellenbogen berührt meinen noch immer, und ich kann nicht behaupten, dass es mich stört.

»Du sagst wann und wo.«

Das klingt zwar eher wie eine Herausforderung zum Duell als zu einem Date, aber ich nicke trotzdem, versuche die Neuver lmung von Top Gun die Schmetterlingsedition in meinem Herzen anzuhalten und widme mich wieder Herrn Schick, der über die Auswirkungen der Klimakrise auf die Fauna und Flora Australiens referiert.

Wie immer mache ich mir eißig Notizen, versuche meine Konzentration auf den Schulstoff zu lenken und kann doch an nichts anderes denken, als daran, dass Samuels Ellenbogen meinen noch immer berührt.

»Sag mal …« Er lehnt sich sogar noch weiter zu mir rüber. »Die letzte Stunde fällt ja aus …«

Dinge, die sich in jeder Klasse am schnellsten rumsprechen sind Krankheiten von Lehrern, die zu mehr Freizeit führen.

»Hm?«

Er dreht den Kopf in meine Richtung, ist mir damit plötzlich so viel näher, als ich erwartet habe.

»Wäre das nicht die Chance für einen Kaffee?«

»Ich dachte, ich sage an, wo und wann.«

Er nickt, den Blick noch immer auf mich gerichtet.

»Schon. Aber ich dachte, wir nutzen die Zeit vernünig.«

»Ach so.«

»Oder hast du schon was Besseres zu tun?«

Besser nicht, aber etwas anderes.

»Das geht leider nicht.«

»Okay.«

Sein kurzes Lächeln erreicht nicht seine Augen, und ich weiß, dass er enttäuscht ist. Zu gerne würde ich ihm erklären, dass und wieso ich nicht einfach so früher wegkann, aber Erdkunde bei Herrn Schick ist dafür nicht der richtige Ort.

»Sorry.«

»Nein. Alles gut. Vielleicht wann anders.«

»Ganz sicher sogar.«

Wir müssen nur einen guten Termin nden, wenn eo schon zu Hause ist oder Mama ihn abholen kann.

Das Räuspern direkt vor unserem Tisch reißt uns aus der kleinen Bubble, in der es für den Moment nur uns beide gegeben hat. Herr Schick steht vor uns.

»Wenn ihr beide schon so wahnsinnig viel zu besprechen habt, könnt ihr ja zusammen das Referat vorbereiten.«

Welches Referat? Was?

Der ganze Kurs sieht zu uns, einige grinsen, andere rollen mit den Augen, aber Samuel behält die Ruhe.

»Gerne.«

»Gut. Dann sucht sich der Rest ebenfalls einen Partner und wählt ein ema aus der Liste, die ich euch am Ende der Stunde austeilen werde.«

Genervtes Ausatmen und Gemurmel beginnt, jeder sucht sich seinen potenziellen Partner, der den Notendurchschnitt etwas in die Höhe schrauben könnte, und Samuel dreht sich ganz zu mir.

»Sieht so aus, als ob wir ab jetzt mehr Zeit miteinander verbringen müssen.«

»So ein Pech aber auch.«

Er zieht das Handy aus der Hosentasche und legt es vor sich auf den Tisch.

»Dann sollten wir unbedingt Nummern austauschen …«

»Unbedingt sogar.«

Keine Ahnung, ob das wirklich Flirten ist, aber was auch immer es ist, ich mag es. Also gebe ich ihm meine Nummer und er speichert sie tatsächlich unter Sternenprinzessin.

»Darf ich dich nur für erdkundebezogene Fragen anrufen?«

»Wegen welcher Fragen willst du mich denn sonst anrufen?«

Er lässt sein Handy wieder in der Hosentasche verschwinden und grinst, ohne mich dabei anzusehen.

»Um nach deinem Tag zu fragen?«

Volltreffer.

Einfach so und ohne zu wissen, was er damit anstellt, macht er aus dem Stand alles richtig, was so lange schie ief. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, dass jemand mal wirklich nach mir gefragt hat. So sehr ich eo liebe, so sehr ich ihn vor all dem Mist beschützen will, so sehr freue ich mich jetzt, dass Samuel nichts davon weiß und stattdessen mich sieht.

Und ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern.

»Ruf einfach an, Samuel.«

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