Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
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Samuel
Abgesehen davon, dass nichts mehr so ist wie noch gestern, deutet alles auf einen ganz normalen Schultag hin. Es verblü mich jedes Mal, wie die Leben all der anderen Menschen, unbeein usst von den Dingen, die meines für Monate haben stehen bleiben lassen, weitergehen können. Dabei ist heute alles anders. Marie weiß mehr über mich, als ich wollte, und ich hoffe trotzdem, dass sie mich noch immer so sieht wie zuvor.
Heute ist nur ein normaler Schultag.
Dabei ist Marie gestern in meinem Bett eingeschlafen und heute Morgen dort auch aufgewacht. Und obwohl ich in einem anderen Zimmer lag, fühlte es sich doch an, als wäre ich ihr gestern Nacht nähergekommen.
Wie um alles in der Welt kann heute also ein normaler Schultag sein?
Hand in Hand betreten wir die Pausenhalle, und offensichtlich sind wir nicht mehr das Tratschthema Nummer eins, die meisten nehmen uns nicht mal wahr, sind viel zu vertie in ihre Gespräche. Am liebsten würde ich alle um Aufmerksamkeit bitten, nur damit sie sehen, wie glücklich ich bin.
Gesprächsfetzen wehen zu uns rüber, während wir uns weiter durch die Aula vorschieben. »Ich habe gehört, dass sogar die Polizei dabei war? Stimmt das?« – »Sie werden ihn sicher heute gleich festnehmen.«
Polizei und Festnahme: Obwohl ich nichts angestellt habe, stellen sich meine Nackenhaare auf.
Doch als wir an der Säule ankommen, die Maries und eos Treffpunkt ist, merke ich, dass es diesmal nicht um mich geht. Maries Familie steht dort und spricht mit einem Mann in einem matschbraunen Anzug, der mir an meinem ersten Schultag als Direktor Arentz vorgestellt wurde.
eo wirkt, als wäre ihm nicht nur die Jacke, sondern seine gesamte Haut zu eng. Den Blick vor sich in den Boden gebohrt und die Schultern so tief hängend, dass er einen bleibenden Haltungsschaden riskiert.
Maries Schritte werden kurz langsamer, bevor sie wieder an Geschwindigkeit zulegt und meine Hand loslässt. Weil es sich nicht um meine Geschichte handelt, halte ich ein bisschen Abstand und beobachte, wie eo sie bemerkt, sein Blick sich ganz kurz auellt. Sie tauschen ein paar Worte, dann nimmt Marie ihren Bruder fest in die Arme, der aber eher leblos in dieser Umarmung hängt. Als sein Blick mich tri, schicke ich ein aufmunterndes Lächeln zu ihm rüber, das er mit einem kurzen Schulterzucken quittiert.
»Ich wette, Schneider iegt von der Schule!«
»Verdient hätte er es.«
Eine Gruppe Jungs schlendert an mir vorbei, und obwohl ich ihre Namen nicht kenne, kommen mir ihre Gesichter vage vertraut vor. Sie sind in eos Jahrgang, und wenn ich mich nicht irre, haben sie nie etwas gegen Arschloch-Andi unternommen.
Allgemein scheint die Stimmung heute eher Anti-Andi zu sein, manche lachen bei der Vorstellung, die Polizei würde ihn nachher mit einem Streifenwagen abholen, aber ich bezweifele, dass so was passieren wird.
»Ich habe gesehen, wie er eo in die Mülltonne gestop hat. Die große hinter der Schule.«
»Ja, krass, ich habe mitgekriegt, wie er ihm in die Schuhe gepisst hat.«
eo, der dank Maries Anwesenheit zumindest ein bisschen mehr Haltung angenommen hat, ist diese ganze neu gewonnene Aufmerksamkeit offensichtlich zu viel.
Nun trabt Arentz den Flur hinunter, die Familie Mulden im Schlepptau. Marie sieht zu mir, und das sane Lächeln auf ihren Lippen lässt mich hoffen, dass sich die Familienwogen glätten werden. Ich bleibe zurück und sehe ihnen nach, so wie die halbe Aula auch.
»Seinen Rucksack haben sie angezündet, beim Fahrradkeller, ich habe das mitgekriegt.«
Es passiert ganz automatisch, ich packe den blonden Jungen am Ärmel seiner Jacke und zwinge ihn stehen zu bleiben.
»Was geht denn mit dir?«
Eine vermutlich berechtigte Frage, aber ich schüttele nur den Kopf.
»Nee, was geht bitte mit dir?«
Ich hasse die Tatsache, dass ich gerade wie Tommi klinge und es auch funktioniert. Blondschopf zieht merklich den Kopf ein.
»Wenn du mitgekriegt hast, wie sie eos Zeug abgefackelt haben, wieso hast du nichts gesagt?« Dann sehe ich zu seinen beiden Kumpels, die jetzt ebenfalls zu Salzsäulen werden. »Wieso habt ihr alle die Klappe gehalten, wenn ihr gewusst habt, was Schneider abzieht?«
Sie können mir kaum in die Augen sehen.
»Na, weil wir Schiss hatten, dass es dann auch uns erwischt.«
Es ist die Ehrlichkeit dieser Antwort, die sich wie ein Magenschwinger anfühlt.
»Klar, voll scheiße für eo, aber na ja …«
Er sieht hilfesuchend zu seinem Kumpel, der den Satz für ihn beendet.
»… lieber er als wir.«
Ich lasse den Ärmel des anderen los. »Wegsehen als Lösung, ja?«
»Nee. Ich habe schon was gesagt, wollte zum Vertrauenslehrer gehen, aber Schneider hat mir das Fahrrad im Neckar versenkt.« Er sieht auf seine Schuhe. »Da hab ich die Klappe gehalten. Ich kenne eo nicht mal richtig.«
Sein Kumpel versucht die Situation aufzulockern: »Ist jetzt auch egal, sie haben ihn ja gekriegt. Wenn wir Glück haben, iegt Andi von der Schule.«
»Und wenn nicht?«
Sie tauschen einen Blick aus.
»Dann geht es halt so weiter.«
Damit traben sie davon, und ich beobachte die anderen, höre Gerüchte und absurde Versionen der Dinge, die angeblich passiert sind.
Aus dem Backstein, der bei eo durchs Fenster ge ogen kam, wird ein Molotowcocktail, der Besuch der Polizei weitet sich je nach Story zu einem Feuerwehreinsatz aus. Die Geschichten verstummen erst, als Andi Schneider auaucht, ankiert von seinen Eltern, die so gar nicht glücklich aussehen. Andi wird irgendwann die hängenden Mundwinkel seiner Mutter und den harten Blick seines Vaters erben, eine reizende Familie. Als er mich erkennt, lässt er sich ein bisschen zurückfallen, aber ich denke nicht daran, wie die anderen wegzusehen. Er zeigt mir den Mittel nger, den ich mit einem Handkuss pariere und ihm zufrieden dabei zusehe, wie er in die gleiche Richtung geführt wird, in der auch die Muldens verschwunden sind.
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