Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
- 64 -
Theo
Und du bist dir ganz sicher?«
Nein. Ja. Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich gestern die ganze scheiß Nacht noch einmal erlebt habe.
»Ich schätze schon.«
Papa reibt sich über das Kinn und schüttelt den Kopf.
»eo, wir müssen zur Polizei.«
»Ich kann nicht.«
Wie soll ich es erklären? Nur weil ich glaube, eine Gürtelschnalle erkannt zu haben? Sie werden fragen, und ich muss es dann NOCH mal erleben.
»Aber …«
So lange habe ich von diesem Moment geträumt. Diese Hoffnung zwischen den ganzen Albträumen, dass ich irgendwann wieder weiß, wer es war und sie anzeigen kann. Dass die Täter erwischt und weggesperrt werden.
Doch jetzt würde ich am liebsten mich in meinem Zimmer einsperren.
Papa tigert in der Küche noch immer auf und ab, als wolle er einen Kilometerrekord brechen.
»Du sagtest, es waren damals mehrere Jungs?« Ich nicke und massiere mir die Schläfen. Es war ein Fehler, ihm davon zu erzählen. »Vielleicht seine Freunde? Was ist mit Samuel? Kannst du dich an ihn erinnern?«
»Was?«
Papa stützt sich auf die Arbeits äche und sieht mich ernst an.
»Ob du glaubst, dass Samuel auch dabei war?«
Seit gestern versuche ich genau darüber nicht nachzudenken.
»Nein!«
»Bist du sicher? Du hast gesagt, nicht alle haben mit dir gesprochen. Was, wenn du deshalb seine Stimme nicht gehört hast? Dann kann er trotzdem dabei gewesen sein.«
Er will, dass ich mich erinnere, und ich will ihm gerne den Gefallen tun, aber meine Amnesie hält die Tür zu manchen Details des Abends noch immer gut verschlossen. Schädle predigt immer, dass ich mich deswegen nicht stressen soll, aber das muss ich auch gar nicht, es machen ja schon alle anderen für mich.
»Denk nach, eo, das ist wichtig.«
»Ich erinnere mich nicht.«
Nur der blöde Löwenkopf, Tommis tiefe Stimme und sein Lachen, das alles kommt mir so verdammt bekannt vor. Und selbst da könnte ich mich irren.
»Die Größe? Passt er von der Größe her denn dazu?«
»Papa …«
»eo, das ist ernst. Ich weiß, du magst ihn, aber wenn ich ehrlich bin, irgendwas an ihm ist verdächtig.«
Das sah gestern aber ganz anders aus, als meine Eltern ihn fast minutenlang umarmt hielten, meinen Retter, der mich entgegen aller Widrigkeiten gefunden hat.
Woher wusste er so genau, wo er suchen sollte …?
Papa scheint seine Verdächtigen gefunden zu haben, hartnäckig erstellt er seine Version meiner Geschichte.
»Ist es nicht sehr merkwürdig, dass er plötzlich auaucht, dir in der Schule hil, um Marie herumschleicht und sich mit euch gutstellen will …?«
»Er mag Marie eben. Und sie ihn auch.«
Papa zieht eine Augenbraue hoch, will mich damit wissen lassen, dass er der Sache nicht traut, aber ich schüttele den Kopf. So o ich auch versuche das Puzzle zusammenzusetzen, Samuel passt nicht so recht als das fehlende Stück.
»Ich denke nicht, dass Samuel dabei war.« Das hoffe ich zumindest.
Nur Papa ist nicht überzeugt, Sorge spiegelt sich in seinem Gesicht.
»Du denkst es? Oder du weißt es?«
Meine Kopfschmerzen sind schon seit ein paar Stunden wieder zurück, ihr Kurzurlaub ist vorbei, auch wenn ich mir wünschte, sie hätten gleich hinterher eine Weltreise gebucht.
»Denk nach, eo.«
Wütend schlage ich mit der achen Hand auf die Arbeitsplatte vor mir und funkele Papa an.
»Ich weiß es nicht, okay? Ich kann mich nicht auf Knopfdruck wieder an alles erinnern, und es hil nicht, wenn du mich unter Druck setzt!«
»Wir wollen doch nur, dass es für dich vorbei ist, mein Schatz.«
Bis Papa angefangen hat, diese ganzen Fragen zu stellen, hätte ich zu hundert Prozent gesagt, dass Samuel keiner von ihnen war.
Aber wieso sind seine AirPods dann meine?
Meine AirPods, die sie mir an dem Abend abgenommen haben und die jetzt in Samuels Besitz sind. Das ist sicher, daran besteht kein Zweifel. Ich weiß noch ganz genau, woher die Schramme an der Rückseite der Ladebox stammt und wie unangenehm es Marie war, sie reingehauen zu haben. Vor allem aber weiß ich noch, wie sich die halbmondförmige Schramme unter meinem Daumen angefühlt hat, jedes Mal, wenn ich darübergestrichen habe, beim Warten auf die Bahn oder wenn ich sonstwo unterwegs war. Sie ist zu meiner Schramme geworden.
Meine Schramme, meine AirPods, nicht seine. Da bin ich mir seit gestern sicher.
»eo, ich weiß, dass ihr beide Samuel mögt, aber es geht hier nicht um Maries Liebesleben. Es geht hier um die Typen, die dich auf die Gleise gestoßen haben!«
»Nein. Es geht um mich, Papa. Und ich will zuerst mit Marie reden.«
Und wie aufs Stichwort öffnet sich hinter uns die Tür und Marie betritt, ihren Helm unter dem Arm, die Küche.
»Hi, ihr beiden.«
Sie gibt sich Mühe, gut gelaunt zu wirken, aber etwas sagt mir, dass ihr ganz anders zumute ist. Ihr Blick wandert von mir zu Papa, dann wieder zu mir.
»Ist alles okay?«
»Den Umständen entsprechend, ja.«
Papa räuspert sich, aber ich bringe ihn mit einem Blick zum Schweigen und er lässt uns allein.
Marie rutscht auf den Hocker neben mich. »Wie geht es dir wirklich?«
Natürlich macht sie sich Sorgen um mich, aber ich bin noch nicht so weit, ihr die Wahrheit zu sagen.
»Es geht. Bisschen neblig hier oben.« Ich tippe mir kurz an die Stirn, und sie nickt, als wüsste sie genau, was ich meine. Bilde ich mir das ein, oder sehen ihre Augen verweint aus?
»Und bei dir?«
»Okay so weit.«
Meine Schwester ist eine überzeugende Lügnerin, das muss ich ihr lassen, aber heute ist ihre Performance nicht gerade Spitzenklasse.
»Ich bin weder Mama noch Papa, du kannst ruhig ehrlich sein.«
Etwas zu lange für meinen Geschmack zögert sie, lässt ihren Blick durch die Küche wandern, bis er wieder mich ndet.
»Andi weiß etwas über Samuel, das er nicht wissen sollte …«
»Fuck.«
Es rutscht mir nur so raus, und Marie lehnt sich etwas in meine Richtung, ahnt wohl etwas und fragt nach: »Sag bloß, du weißt es auch schon?«
»Samuel hat es mir erzählt, das mit dem Knast.« Eigentlich habe ich es nur belauscht, aber das tut jetzt auch nichts zur Sache, und Marie ist ohnehin schon verwirrt genug.
»Ja, wegen Körperverletzung. Samuel hat einen Rentner verprügelt.«
»Krass.« So weit ist Samuel damals nicht ins Detail gegangen. Mein bereits angespannter Magen verknotet sich noch ein bisschen mehr, kein Problem, nur her mit den Doppelknoten, habe ja noch Platz.
»Ich kann mir das bei Samuel gar nicht wirklich vorstellen …«
Ich will Marie recht geben, muss dann aber an gestern denken, als ich ihn mit Tommi gesehen habe. Der wohl so was wie sein bester Freund ist.
»Zeig mir deine Freunde, und ich sag dir, wer du bist.« Eigentlich murmele ich es nur so vor mich hin, weil ich nicht an Tommi denken will, aber ich kann grade gar nicht anders.
»Da sagst du was. Ich dure diesen Tommi jetzt auch kennenlernen …«
Sofort gefrieren meine Gedanken, und ich lasse meinen Blick über ihr Gesicht wandern, fast erwarte ich eine Schramme oder Ähnliches. Aber sie sieht nur auf die Tischplatte vor sich.
»Und wie fandest du ihn?«
Marie muss nicht besonders lange über meine Frage nachdenken und sieht etwas verunsichert zu mir. »So ganz anders als Samuel. Irgendwie einschüchternd.«
Wie perfekt sie ihn mit diesem Wort beschreibt und wie deutlich ich den Löwenkopf wieder vor mir sehe, bei dessen Anblick ich sofort erwartet habe, einen Schlag abzukriegen. Selbst jetzt, wo er nicht mal in der Nähe ist, spüre ich die Gänsehaut an meinem Rücken und unterdrücke nur mit Mühe ein Schütteln. Ich will es Marie erzählen, das, was ich glaube, und das, was wieder zurückgekommen ist, aber ich bringe es nicht übers Herz, nicht jetzt, wo sie so verloren in der Küche neben mir sitzt.
»Wolltest du das gestern wirklich tun?«
Maries Frage rüttelt nur noch mehr an dem instabilen Gerüst meines Gemütszustandes.
Für diesen emenwechsel muss ich erst mal meine Gedankenschienen neu verlegen.
»Weiß nicht.« Ich weiß im Moment gar nichts mehr, und gleichzeitig droht mein Gehirn vor Überlastung beinahe zu explodieren.
»eo.«
In letzter Zeit habe ich meinen Namen auf so viele verschiedene Arten gehört, und langsam aber sicher habe ich mich sattgehört. Ich wünschte mir, sie würden alle vergessen, wie ich heiße und mir einen neuen Namen geben. Einen, der an eine andere Geschichte geknüp ist.
»Ich weiß es nicht, Marie. Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht.«
Jetzt wird sie mir gleich erzählen, wie egoistisch es von mir ist, wie sehr sie mich vermissen würde und wie unfair es meinen Eltern gegenüber wäre.
»Ich wünschte, ich könnte was tun. Irgendwas, damit du lieber hier bei uns bist als … woanders.«
»Es ist ja nicht so, als ob ich nicht gerne hier bei euch wäre.«
Sie zuckt nur die Schultern und stützt ihr Kinn in die Hände.
»Du würdest mir so schrecklich fehlen.«
»Aber dann hättest du mehr Platz für dich.«
Sie sieht zu mir.
»Ich will mir lieber den engsten Wandschrank der Welt mit dir teilen, als in der schönsten Villa ohne dich leben, eo.« Tränen sammeln sich in ihren Augen und ich greife nach ihrer Hand.
»Ich bin ja hier.«
»Aber bleibst du auch?«
»Ja.«
Das ist keine Lüge, aber auch kein Versprechen.
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