Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 4 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Theo

 

Vielleicht gehe ich zu schnell, vielleicht bleibe ich irgendwo hängen oder vielleicht war es Andis Tritt, der mich gerade dann in der Hacke tri, als ich Schwung für die nächste Treppenstufe nehme. Ich verliere komplett das Gleichgewicht, will nach dem Geländer greifen und verfehle es um wenige Zentimeter. Zuerst schlage ich mit dem Knie auf, dann bremsen meine Ellenbogen die Wucht des Sturzes und schließlich touchiert mein Kinn die Stufenkante heig genug, um mich kurz Sterne sehen zu lassen.

Man weiß nie genau, was Angst bei einem auslöst, bis es passiert.

Der Sturz, der Aufprall, das alles legt in Sekundenschnelle den Schalter um, und schon spult mein Kopino die schrecklichste Episode meines Lebens ab.

Sofort sind alle Geräusche wieder da, sogar der Geruch, obwohl es nicht sein kann, und mein Körper reagiert genau wie damals. Das durchdringende Fiepen in den Ohren, das aue Gefühl im Magen, die Gänsehaut, die mich einhüllt, alles ist so wie damals. Schnell lege ich mir die Hände über die Ohren, zähle von fünf rückwärts und reiße dann die Augen auf. Ich nehme einen tiefen Atemzug, wie wenn man zu lange unter Wasser geblieben ist und endlich wieder die Wasserober äche durchbricht, um nach rettendem Sauerstoff zu schnappen.

Ich bin nur auf der Treppe im Schulgebäude gestürzt.

Sonst nichts.

»Oh, hoppla. Wie konnte ich dich nur übersehen.«

Andis heuchlerischer Kommentar wird durch das ese Lächeln auf seinem Gesicht Lügen gestra. Ich rappele mich langsam wieder auf, spüre den Schmerz im Knie und am Kinn, will mir aber nichts anmerken lassen. Es wird nur schlimmer, wenn sie merken, dass du Angst hast. Typen wie Andi können meine Angst und Unsicherheit ohnehin fünfzig Meter gegen den Wind riechen.

»Sorry, Mann, ich wollte dir echt kein Bein stellen.«

Umgeben von den Jungs, die ich heimlich seine Schoßhunde nenne, lehnt er sich lässig an das Treppengeländer und grinst auf mich herab.

»Schon okay.«

Es hat ohnehin keinen Sinn, sich mit ihm anzulegen. Die anderen Schüler weichen uns aus, als wären wir nur eine unnötige Schikane auf ihrem Weg. Niemand sieht her, auch wenn ich ahne, dass es einige beobachtet haben müssen. Ich will nach meinem Rucksack greifen, den ich aus der Hand habe fallen lassen, als Andi mit Schwung gegen ihn tritt und er zwei Stufen tiefer poltert. Natürlich begleitet vom Gelächter seiner kleinen Gang.

»Oh nein, wie ungeschickt von mir.«

Sie hoffen auf eine Reaktion, aber das würde doch wieder nur zu einer weiteren Gegenaktion ihrerseits führen, und das möchte ich verhindern. Ebenso wie jeden Blickkontakt. Mit gesenktem Kopf will ich wieder nach dem Rucksack greifen, als Andi sich bückt und ihn auebt. Ich weiß, was als Nächstes passiert, weil er immer die gleiche Nummer abzieht. Manchmal frage ich mich, ob ihn sein eigenes Leben so sehr langweilt, dass er es nur durch solche Schikanen aufpeppen kann.

»Mal sehen, was du heute so dabeihast.«

Er kann mir nicht wehtun. Er kann auch nichts kaputt machen, aber das weiß er nicht, weil er ohnehin nicht wirklich hinschaut. Wie will man etwas kaputt machen, das schon längst in Scherben liegt?

Als Erstes segelt mein Mäppchen über das Treppengeländer nach unten, dann folgt mein Mathebuch und dann …

»Was soll die Scheiße?«

Andi hält in seiner Bewegung inne, die Augenbrauen ziehen sich blitzartig mürrisch zusammen und sein Blick wandert von mir die Treppe nach oben zu der Stimme, die ihn unterbrochen hat.

»Wie bitte?«

Bilde ich mir das nur ein, oder ist es hier gerade um einiges kühler geworden?

»Ich habe gefragt, was die Scheiße soll.«

Die Stimme nähert sich, kommt mir aber auch dann nicht bekannt vor, und so drehe ich den Kopf langsam in die Richtung, in der ich den Sprecher vermute.

Der Typ ist wohl neu hier, denn an der Schule habe ich ihn noch nie gesehen. Offenbar geht es Andi und seiner Gang nicht anders, denn auch in ihrem Blick erkenne ich nur Verwirrung. Andi lässt meinen Rucksack fallen und stößt sich vom Treppengeländer ab.

»Und du bist …?«

Der Typ kommt die letzten Treppenstufen zu uns runter, ignoriert Andi aber gänzlich und sieht zu mir.

»Alles okay da unten?«

Kurz glaube ich, mich verhört zu haben. Seit knapp drei Monaten bin ich Andis Lieblingsopfer, aber noch nie hat jemand etwas gesagt.

Niemand außer Marie, aber die zählt nicht.

Und jetzt steht da der Neue und reicht mir die Hand.

»Komm, wir halten den Verkehr auf.«

Die letzten Schüler, die noch die Schule verlassen, weichen uns allerdings ohne Kommentar oder zweiten Blick aus. Trotzdem nehme ich seine Hand an und lasse mir von ihm zurück auf die Füße helfen.

»Oh, hey, hey, was soll das?«

Andi kriegt richtig miese Laune, seine Stimme klingt viel schriller als sonst, aber der Neue lässt sich davon nicht einschüchtern. Ehrlich gesagt sieht er nicht annähernd so aus, als könne ihn überhaupt etwas einschüchtern.

»Wir holen mal deine Sachen.«

Damit will er auch schon weiter, als Andi sich ihm demonstrativ in den Weg stellt.

»Ist ein bisschen unhö ich, sich nicht vorzustellen, oder?«

Das riecht nach Ärger, und wenn ich etwas nicht gebrauchen kann, dann ist es noch mehr davon. Weder mit Andi noch mit sonst jemandem an dieser Schule.

Oder in diesem Leben.

Wenn es nach mir ginge, könnte die Zeit jetzt einfach einfrieren und ich würde mich davonschleichen, bevor sie es merken. Aber die beiden starren sich einfach wortlos in Grund und Boden, während ich versuche, unsichtbar zu werden. Schließlich setzt der Neue ein breites, aber unglaublich falsches Lächeln auf und reicht Andi die Hand.

»Samuel.«

Andi denkt nicht mal daran, die Vorstellungsrunde aufzunehmen, sondern mustert Samuel erst mal ausgiebig von oben nach unten. Dieser hält die Hand noch immer in Andis Richtung ausgestreckt.

»Verrätst du mir auch deinen Namen oder soll ich dich einfach Arschloch nennen?«

Andi will sich nicht anmerken lassen, dass er es nicht gewohnt ist, so behandelt zu werden, aber ich sehe es trotzdem.

»Wenn wir dann soweit fertig sind, kann ich ja mit meinem Kumpel sein Zeug aufsammeln gehen, wenn du nichts dagegen hast.«

Damit lässt Samuel die Hand sinken und dreht sich zu mir.

»Wollen wir?«

Kumpel . Damit meint er mich, und kurz fühlt es sich so an, als würde mein Kopf sich drehen, aber offenbar nicke ich, denn wir setzen uns zeitgleich in Bewegung, kommen aber nicht weit.

»Moment. Wer hat gesagt, dass wir mit eo fertig sind?«

Andi deutet mit einem Nicken auf meinen Rucksack, den ich nun wie ein Schutzschild halte. Samuel schiebt sich minimal vor mich, und das Lächeln, mit dem er nun Andi xiert, ist auf Eiswürfelniveau runtergekühlt.

»Ich habe das gesagt.«

»Und wer sagt, dass ich darauf höre, was du sagst?«

»Niemand. Aber ich an deiner Stelle würde es mir zumindest überlegen.«

Samuel legt den Arm um meine Schulter und spürt dabei sicher, wie ich unter der Berührung zusammenzucke, was ihn aber nicht davon abhält, mich san die Treppe nach unten zu schieben.

»Samuel, deinen Namen merk ich mir!«

Wir bleiben kurz stehen, und mein neuer Beschützer dreht sich noch mal um, aber ich sehe keine Panik in seinem Gesicht, sondern nur einen entspannten Ausdruck, der eher an den Strand als in diese Situation gehört.

»Sehr gut, sonst hätte ich ihn dir aufgeschrieben.«

Wir setzen uns wieder in Bewegung, ich eher so im Autopilotmodus, Samuel dagegen bei vollem Bewusstsein und vielleicht sogar im Vollbesitz seiner geistigen Kräe. Ich hätte darauf gewettet, dass Andi uns folgt, aber nichts passiert, wir gehen einfach weiter, biegen nach rechts, und ich sehe meine Sachen dort verstreut auf dem Boden liegen. Mein Mathebuch hat im Frei ug eine beliebige Seite aufgeschlagen und einen Bauchklatscher hingelegt, dafür ist mein Mäppchen aber recht unbeschadet einige Meter entfernt gelandet. Kurz bin ich überrascht, dass es so wenige Sachen sind, denn für gewöhnlich nimmt sich Andi die Zeit, den gesamten Inhalt meines Rucksacks auszuleeren. Möglichst unauffällig entziehe ich mich Samuels Halbumarmung, weil mir die plötzliche Nähe und vorgetäuschte Vertrautheit zu viel wird.

»Danke.«

»Kein Ding.«

Hat der eine Ahnung.

»Trotzdem.«

Ich bücke mich und sammele mein Zeug ein, spüre seinen Blick in meinem Rücken und hoffe, er sieht mir nicht an, wie sehr mich die Situation überfordert. Mein Körper weiß, wie er in Andi-Situationen zu reagieren hat, alles passiert total automatisch, doch Samuel hat mit seinem Aureten alles durcheinandergebracht.

»Passiert so was öer?«

Schnell schüttele ich den Kopf, froh darüber, dass er mein Gesicht nicht sehen und die fette Lüge erkennen kann.

»Sicher?«

Der Zweifel in seiner Frage dröhnt in meinen Ohren, und ich versuche meiner Stimme bei der Antwort so viel Kra zu verleihen wie nur möglich.

»Ganz sicher.«

Er macht einen Schritt auf mich zu und meine Nackenhaare stellen sich auf.

»HEY!«

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