Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
- 57 -
Theo
Nur die Schuhspitzen.
Nur ein bisschen.
Nur ein kleines bisschen mehr.
Ich kann die Schienen sehen, wie sie unverändert und ahnungslos daliegen, als hätten sie mich vergessen. Dabei zuckt mir in Gedanken sofort wieder der Schmerz des Aufpralls durch den Körper. Ich weiß noch zu genau, wie ich das Gleichgewicht verloren und bei dem Versuch Halt zu
nden ins Nichts gegriffen habe.
Die Durchsagedame brüllt irgendwas in die Station, aber niemand bewegt sich, vor allem ich nicht.
Die Kopfschmerzen wandern von meiner Schläfe weiter in Richtung Stirn, mir wird ein bisschen schwindelig, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das Gleichgewicht halten kann oder ob der Boden unter meinen Füßen überhaupt noch stabil genug ist, mich und all die Fahrgäste, die hier rumstehen, zu tragen. Wer hat denn plötzlich diesen Wellengang eingestellt?
Ich kann den Wind spüren, den muffigen Wind, der an meiner Kleidung ziehen will, an mir und an all den Dingen in meinem Kopf.
Es wäre nur ein Schritt.
Ein Schritt und alles wäre vorbei. Die Kopfschmerzen, das Wegrennen, all die scheiß Gedanken, all das, was das Leben für meine Familie so kompliziert macht.
Ich mache es kompliziert.
Niemand würde mich vermissen, alle würden einfach nur tief durchatmen.
Nur ein Schritt.
Meine Schuhspitze berührt schon den Abgrund.
Nur ein Schritt.
Wieso ist ein scheiß Schritt so verdammt schwer? Wieso will so viel von mir noch immer hier sein? Warum kann ich nicht einfach loslassen?
Ich höre die U-Bahn einfahren, und es wäre so einfach und gleichzeitig so schwer.
Nur ein Schritt.
Die Musik ist wieder da, als wäre sie nie weggewesen. Auch wenn nur ich sie hören kann.
Ich schließe die Augen, lass die Dunkelheit zu, die mich sofort verschlingen wird.
I’ve been sitting here for ages
Ripping out the pages
How’d I get so faded?
Das Piepen der Türen, ich muss mich beeilen, erwische die Bahn noch, schaffe es rein, bevor sich die Türen hinter mir schließen und ich schwer atmend die freie Platzwahl habe. Einen Viersitzer ganz für mich alleine, um die Uhrzeit keine Besonderheit und doch immer wieder schön. Diese U1 ist meine ganz private U-Bahn-Limo, die nur mich durch das undurchschaubare Gleissystem unter der Erde kutschiert. Dazu noch mein liebster Song Bloodstream, der durch die AirPods auf meine Ohren gefeuert wird. Ich bewege meinen Kopf im Takt des Songs, der immer schneller wird. Wenn man mich fragt, der vielleicht beste Song von Ed Sheeran und total unterschätzt. Jedes Mal, wenn er bei der Shufflefunktion loslegt, mache ich lauter, damit auch die Leute um mich rum was davon haben, und bewege meine Lippen stumm zum Liedtext.
is is how it ends. I feel the chemical burn in my bloodstream.
Dann die kurze Verschnaufpause, bevor es richtig losgeht.
Mein Kopf wippt immer heiger, es gibt nur noch Ed und mich, mein Fuß bewegt sich, dann mein Oberkörper, und ich wippe im Sitz, als wäre ich auf dem Konzert. Wer muss schon auf irgendwelche Partys, wenn er das hier haben kann.
So tell me, when it kicks in.
Ich liebe diesen Song.
»Ob wir stören, habe ich gefragt?«
Die Musik ist so laut in meinen Ohren, dass ich die Frage nur gedämp durch den Refrain hören kann und abrupt auöre, mich zu bewegen. Ich habe verpasst, dass wir schon bei der nächsten Station gehalten haben und einige Jungs eingestiegen sind. Langsam ziehe ich einen AirPod aus dem Ohr und der Typ neben mir wiederholt die Frage.
»Stören wir dein Privatkonzert?«
»Nein, gar nicht.«
Er trägt einen schwarzen Kapuzenpullover, den er tief in die Stirn gezogen hat, als er sich mir gegenüber hinsetzt. An den Türen lehnen die andere Jungs, auch alle eher dunkel gekleidet, einer sieht nervös aus. Sie tragen Mützen oder Kapuzen, ich sehe nur kurz in ihre Gesichter, dann auf den AirPod in meiner Hand.
»Was hörst du denn da?«
»Ed Sheeran.«
Er beugt sich ein bisschen vor, ich weiche automatisch zurück, drücke meinen Rücken fest in die Lehne. Er streckt die Hand aus, deutet auf den einsamen AirPod in meiner Hand und ich verstehe nicht so recht, was er will.
»Gib mal her.«
Vielleicht will er nur in den Song reinhören, und so reiche ich ihm den Kopörer, nicht ohne ihn vorher üchtig an meiner Jeans abzuwischen.
»Und den anderen.«
Es heißt, wir Menschen haben dieses Alarmsystem, das uns wissen lässt, wann wir in Gefahr sind. Dann pocht das Herz schneller, die Pupillen vergrößern sich, Adrenalin übernimmt das Kommando und der Schweiß setzt ein. Ursprünglich hatte das alles seinen Sinn, aber gerade fühlt es sich schrecklich unangenehm an. Vielleicht gebe ich ihm deswegen auch den zweiten Kopörer und sehe dabei zu, wie er beide in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
»Hast du auch die Ladebox? Ohne kann ich nichts damit anfangen.«
Mama sagt immer, man soll nicht wegen eines Handys oder so streiten. Lieber alles direkt abgeben, denn das Zeug kann man nachkaufen. Ohne zu diskutieren, reiche ich ihm auch die weiße Box, die mir meine Eltern zu Weihnachten geschenkt haben und die mich seitdem fast bei jedem meiner Schritte mit Musik versorgt hat. Ein letztes Mal fahre ich mit dem Daumen über den Halbmondkratzer auf der Rückseite,
Der Typ steckt sie ein, ich starre nur noch auf seine Füße, will mir sein Gesicht nicht merken, will einfach nur, dass sie wieder gehen. Sie sind zu viert, ich alleine, und älter sind sie auch noch. Mein erster und einziger Faustkampf fand im Sandkasten des Kindergartens statt, weil mir jemand meine Ironman-Figur wegnehmen wollte. Es war auch gar kein Faustkampf, es war Gezerre, Gespucke und viel Geschrei.
Ich habe hier keine Chance.
»Schicke Schuhe hast du da.«
»Danke.« Die vermutlich dümmste Antwort.
»Die würden mir stehen.«
Sie sind ein Geschenk von Marie.
»Aber das sind meine Schuhe.«
So schnell, wie der Schlag mich knapp unterhalb des linken Ohres tri, kann ich nicht reagieren. Ich spüre nur, wie mein Kopf nach hinten iegt, mir die Tränen in die Augen schießen und ein Piepen in meinem Ohr meine Angst eine Sekunde lang übertönt.
»Ja, und jetzt sind es meine.«
Mein Pullover klebt an meinem Rücken, meine Hände zittern und ich bücke mich, um die Schnürsenkel zu lösen, dabei mache ich einen Knoten rein, uche und höre meinen Atem zu schnell und zu heig.
»Bist du blöd? Zieh sie aus!«
Ohne den Knoten aufzubinden, ziehe ich mir zuerst den linken, dann den rechten Schuh vom Fuß und schiebe sie zu ihm rüber. Er hebt sie auf, wir sie locker zu einem seiner Kumpels und ich weiß, dass ich sie nie wiedersehen werde. Noch immer leicht gebückt sitze ich da und bete. Ich bete irgendwas von wegen Steigt einfach wieder aus und Ich will nach Hause und Hilfe, was mir gerade so durch den Kopf geht.
Die anderen Jungs machen es sich auf dem Vierersitz neben uns bequem, und ich senke den Blick tiefer, will keinen weiteren Schlag abbekommen, denn noch immer pfei mein Ohr unangenehm.
»Ein netter Junge wie du, der hat doch sicher auch ein Handy dabei.«
Diesmal wehre ich mich nicht, sche sofort das iPhone aus der Innentasche meiner Jacke und halte es ihm entgegen, dabei zittern meine Hände so sehr, dass ich es fallen lasse.
»Und ein Idiot bist du auch noch.«
Ich widerspreche nicht.
»Aueben!«
Ein brüllender Löwe starrt mich an, weit aufgerissenes Maul, wütende Augen. Ja, das passt. Die silberne Gürtelschnalle ist sicher kein Zufall, die hat der Typ mir gegenüber ganz bewusst ausgesucht. Zitternd halte ich mein Handy fest, kann mich nicht davon trennen. Es ist voll mit meinen liebsten Fotos, allen wichtigen Telefonnummern, Playlisten und Erinnerungen an Urlaube. Nichts davon wird für ihn eine Bedeutung haben. Er weiß nicht, wie schön unser Sommer in Kroatien war, als Marie und ich in dieser kleinen Spielhalle Air Hockey gespielt haben, bis wir vor Lachen Bauchschmerzen hatten. Er weiß nicht, dass der Sperrbildschirm ein von Marie gemalter Smiley ist, oder was er für eine Bedeutung hat. Er wird das Handy – und all meine Erinnerungen – einfach verkaufen.
Wir fahren in die Haltestelle Staatsgalerie ein, die Türen öffnen sich und ich hoffe, dass irgendjemand einsteigt. Vielleicht eine größere Gruppe oder ein Polizist oder ein Superheld, irgendwer. Aber die Haltestelle ist leer und meine Gedanken drehen komplett hohl.
Kurz sehe ich zur Tür, die anderen Jungs sind inzwischen in ein Gespräch vertie, diskutieren über einen Film oder eine Serie. Sie sind abgelenkt. Wenn ich nur schnell genug bin. Wenn ich es rausschaffe, kurz bevor sich die Türen schließen, ist es vorbei.
Das Piepen ertönt, ein Zeichen dafür, dass man sich beeilen muss. Mein Körper besteht inzwischen zu neunzig Prozent aus Adrenalin.
Alles überschlägt sich, als ich losrenne und vergesse, dass ich nur mit Socken an den Füßen keinen echten Grip habe und nicht durchstarten kann. Ich muss nur zur Tür raus.
Nur raus.
Ich rutsche, stolpere und springe durch die Türen, als eine Hand den Kragen meiner Jacke zu fassen kriegt und mich mit einem Ruck nach hinten reißt. Ich rutsche mit den Socken auf dem glatten Bahnsteigboden aus, rudere noch mit den Armen, bevor ich mit dem Hinterkopf aufschlage. Sofort wird es dunkel, dann so hell, dass ich keine Umrisse mehr erkenne.
Ich habe es gescha. Ich bin draußen.
Aber nicht allein, drei von ihnen sind mir nachgekommen. Mich tri ein Tritt in die Seite, ammender Schmerz breitet sich in meinen Rippen aus, von denen mindestens eine nachgegeben hat.
»Wolltest abhauen, du Pisser?«
Der Löwe steht direkt über mir, der nächste Tritt erwischt meine Schulter, und ich versuche mich zusammenzurollen, mich zu schützen, so gut es geht, aber der Tritt in die Nierengegend lässt mich wie ein Klappmesser auseinanderschnellen.
Eine Faust landet wuchtig in meinem Gesicht, das kurze harte Knallen in meinem Schädel kommt erst etwas zeitverzögert an. Einer stellt seinen Fuß auf meine Hand, ich versuche mich zu wehren und klinge doch nur wie ein Kleinkind, das nicht alleine aufstehen kann. Der nächste Schlag landet auf meiner Nase, mein Blick verschwimmt endgültig, Blut läu über meinen Mund und trop auf den Boden und meinen Pullover. Einer grei in meine Haare und zerrt mich auf die Beine, ich torkele, als hätte ich zu viel getrunken. Mein Magen kramp, mein Gesicht fühlt sich an, als wäre es explodiert. Das Blut hinterlässt einen metallischen Geschmack, atmen tut weh, jede Bewegung schmerzt. Alleine stehen kann ich kaum, sie haken sich bei mir unter und ich lasse es geschehen.
»Wolltest abhauen, ja?«
Er presst seine Stirn gegen meine, aber ich erkenne nichts mehr, alles ist aus dem Fokus geraten, die Augen halte ich kaum offen. Ein Magenschwinger knockt mich aus, ich rutsche auf die Knie, verliere den Halt, greife ins Leere.
Sie uchen, ich falle.
Als ich auf den Gleisen aufschlage, explodiert fast mein Kopf.
Ihre Stimmen sind weg, als hätte jemand die Stummschalttaste gedrückt.
Alles ist irgendwie weg.
Sogar ich.
Vor allem ich.
Als wolle ich mich dagegen wehren, schlage ich um mich, will mich befreien, aber sie halten mich fest.
»Komm runter, eo.«
Die Stimme passt nicht zur Erinnerung in meinem Kopf, und ich versuche mich hastig aus dem Klammergriff zu befreien.
Vorsichtig öffne ich die Augen. Die U-Bahn steht noch immer genau vor mir.
»Was war das denn für eine Aktion?«
Die Hände lassen mich los, und ich sollte iehen, aber ich stehe wie angewurzelt einfach da, bin nicht gefallen, nicht auf den Gleisen.
Ich bin noch da.
Langsam stellt sich mein Blick endlich von damals auf jetzt scharf.
»Samuel?«
Er ist es wirklich. Er und ein anderer Typ, der nur ein paar Schritte neben ihm steht und mich aus zusammengekniffenen Augen mustert.
»Marie hat mich angerufen, deine ganze Familie dreht durch vor Sorge!«
Samuel ist wütend. Auf mich. So langsam lässt der höllische Kopfschmerz nach.
»Was sollte der Scheiß eben?«
Gute Frage. Nächste Frage, bitte.
»Du kannst doch nicht so was abziehen!«
»Ich wollte …« Haben meine Knie eben auch schon so gezittert? Zum Glück hält mich Samuel noch immer an der Schulter, ich lehne mich in seinen Griff, weil meine Beine mich nicht mehr tragen, und er reagiert blitzschnell, legt den Arm um mich. »Ich wollte nur …«
Samuel und dieser Typ neben ihm halten ihre Blicke direkt auf mich gerichtet, aber ich kann ihnen nicht standhalten.
»Ich wollte wissen, wie weh es tut.«
Diese eine Nacht lag verbuddelt unter all dem Schutt, der mal mein Leben war, aber ich weiß inzwischen, dass ich mehr als nur diese scheiß Nacht bin.
Das Piep-Stakkato gellt über den Bahnsteig, bohrt sich in mein Ohr, arbeitet sich durch alle Gehörwindungen seinen Weg bis zum Zentrum meines Hirns vor. Dann schließen sich die Türen und ich sehe der U-Bahn dabei zu, wie sie sich in Bewegung setzt und im Tunnel verschwindet. Samuels Blick ruht auf mir und ich kann die Sorge dahinter spüren.
»Tommi hier und ich haben dich gesucht, Mann. Alles okay bei dir?«
Ich starre auf Tommis Gürtelschnalle.
»Ja, alles okay.«
Nichts ist okay.
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