Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
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Theo
Vorsichtig falte ich die Jogginghose zusammen und lege sie auf mein Bett. Sie sieht jetzt, nach der Runde in der Waschmaschine und einem Boxenstopp im Trockner, nicht mehr ganz so schäbig aus. Und sie riecht auch deutlich besser, ich glaube, das war der Frühlingsfrisch-Weichspüler.
Die Schuhe stehen ordentlich neben dem Bett auf dem Boden, und ich wünschte, ich könnte sie irgendwie gereinigt zurückgeben. Sie sehen uralt aus, als hätte er sie schon sein ganzes Leben.
Die Jacke hängt auf einem Kleiderbügel an meiner Tür, und wenn ich sie jetzt so betrachte, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich sie heute den halben Tag getragen habe.
Überhaupt lief heute einiges irgendwie schräg.
Zum Glück war niemand da, als Marie und ich nach der Schule heimgekommen sind. So haben unsere Eltern davon nichts mitgekriegt. Es ihnen zu erklären, wäre nämlich ziemlich beschissen gewesen. Was für eine Ausrede soll man auischen, wenn man in geliehenen Klamotten nach Hause kommt? Dabei bin ich der Meister aller Ausreden. Es gibt fast keine Situation, die ich nicht verharmlosen kann.
Ich komme ohne Schulsachen nach Hause?
Kein Problem, ich habe sie im Spind in der Schule gelassen.
Mein Fahrrad ist weg?
Das habe ich einem Kumpel geliehen, der nach der Schule noch in die Stadt musste.
Das Veilchen am Auge?
Sportunfall, weil ich besonders beherzt in einen Zweikampf beim Basketball gegangen bin.
Okay, es ist natürlich auch leichter, wenn man Marie hat, die für einen mitlügt und jede noch so blöde Geschichte mit Glaubwürdigkeit würzt. Und es hil auch, dass meine Eltern mir einfach glauben wollen. Wer kann es ihnen verübeln? Sie haben lange genug mit mir in der Dunkelheit gesessen und darauf gewartet, dass es irgendwie wieder besser wird.
Wurde es nur leider nicht.
Statt die erwarteten Schritte nach vorne zu machen, bin ich wie in einer Schockstarre stehen geblieben. Egal, wie o ich zur erapie gehe, all die guten Ratschläge und Tipps haben nicht geholfen. Auch die verschriebenen Tabletten – sie liegen in einer schicken Holzschatulle auf meinem Nachtkästchen – helfen mir nur so lala durch den Tag und die Nacht. Und je länger es dauert, desto angespannter wird die Stimmung zu Hause. Klar, alle wollen helfen, aber wie? Ich habe mittlerweile schon einen riesigen Geduldskredit aufgebraucht. So sind zu der Angst, der Panik und der Schla osigkeit auch noch Schuldgefühle dazugekommen – all das ergibt einen ziemlich toxischen Cocktail, von dem ich mir jeden Tag einen ordentlichen Schluck gönne.
Nein, ich fahre noch immer keine U-Bahn. Nein, ich halte totale Dunkelheit immer noch nicht aus. Nein, ich kann mich noch immer nicht fünfundvierzig Minuten am Stück auf meinen Lernstoff konzentrieren, und nein, es geht mir nicht gut.
Manchmal belüge ich sogar Marie, obwohl ich bei ihr noch am ehrlichsten bin.
Sie verstehen es einfach nicht. Sie waren noch nie in so einer Situation, und ich wünsche es ihnen auch nicht.
Wieder sehe ich auf die Schuhe und muss an Samuel und unser Gespräch auf der Bank denken. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er weiß, was ich meine. Es ist die Art und Weise, wie er geht oder in der Pausenhalle rumsteht, immer den Rücken gegen eine Wand, den Blick misstrauisch in die Menge gerichtet. Er hat mir so selbstverständlich die Klamotten gegeben, und das nicht nur, weil mir kalt war und alle anderen weggesehen haben. Sondern weil er weiß, welche Fragen zu Hause auf mich gewartet hätten. Ich kann mich natürlich auch irren, immerhin kenne ich ihn nicht, aber ich bilde mir ein, solche Erfahrungen verbinden auf eine kosmische Art. Man spürt, wenn das Gegenüber etwas Ähnliches durchgemacht hat, weil man in der gleichen Spirale gefangen ist.
Müde lasse ich mich aufs Bett fallen und starre an die Decke, nicht gewillt, die Augen zu schließen und der Dunkelheit gegenüberzutreten.
Langsam drehe ich mich auf die Seite und ziehe die Beine an, rolle mich in Embryostellung zusammen und schlinge die Arme um die Knie.
Wird das hier jemals vorbeigehen?
Vielleicht kann ich sie nur ganz kurz schließen. Nur einen Moment. Nur um zu sehen, wie es sich anfühlt.
Mein Körper hält von der Idee nicht besonders viel, mein Herz schaltet in Formel-1-Modus und das Blut rauscht in meinen Ohren. Trotzdem versuche ich es, schließe die Lider und taste mich in die Dunkelheit.
Doch schon nach wenigen Sekunden höre ich die Schritte, das Lachen, meine sogar, den Geruch wahrzunehmen und spüre, wie mein Herz aus meiner Brust brechen will. Mir wird schlecht, der Schweiß legt sich kühl auf meine warme Haut, und bevor mein Kopf dank all der Erinnerungen platzt, reiße ich die Augen auf und fahre so schnell hoch, dass mir schwindelig wird.
Scheiße.
Ich hole tief Lu, versuche all das anzuwenden, was mir Dr. Schädle seit Monaten eintrichtert, und komme einfach nicht mehr drauf. Wie geht atmen? Wie sitzen? Und wie geht nicht kotzen? Mein Mageninhalt will sich gerade seinen Rückweg bahnen, als ich vom Bett rutsche und auf wackeligen Beinen den Blick zur Decke richte, als wäre da oben die Rettung zu nden.
Okay, das Essen bleibt drinnen, aber diese verdammten Tränen nicht. Meine Augen laufen einfach über, denn, egal wie sehr ich das verhindern will, es geht nicht.
Ich brauche nur eine schöne Erinnerung, irgendwas, das mich daran glauben lässt, dass es auch für mich Hoffnung gibt.
Und genau da stolpere ich über Samuels Schuhe.
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