Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 17 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Samuel

 

Und Pascal hat gefragt, ob du am Wochenende mitkommst, wir wollen ein bisschen durchs Milaneo.«

Tommi spricht mit vollem Mund, gibt mir einen Front-row-Blick auf die halbe Kuh in seinem Mund, und ich gebe mir Mühe, so zu tun, als wüsste ich, wovon er spricht, nur leider habe ich ihm die letzten zehn Minuten schon nicht mehr zugehört. Es geht immer nur um die Jungs. Um dies, das, Ananas. Wer was wo wann mit wem abgezogen hat. Sicher will er mich nur auf den neuesten Stand bringen, aber es interessiert mich nicht mehr, und ich weiß nicht, wie ich ihm das beibringen soll.

»Ob du kommst, habe ich gefragt!«

Er wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht und ich ziehe nur die Schultern hoch, bevor ich sie abrupt runtersanken lasse.

»Keine Ahnung. Mal sehen, hab viel zu tun.«

Er legt den Burger, den wir an einem der Stehtische bei UDO-SNACK essen, auf den Teller zurück und grei nach einer Serviette, die ihn hoffentlich von den Soßenresten um seinen Mund erlöst.

»Was hast du denn so viel zu tun?«

»Für die Schule und so.«

»Wirst du jetzt zum Spießerstreber oder wie?«

Wenn er mich so ansieht, ist er de nitiv Tommi und nicht omas. Der misstrauische Ausdruck in seinen Augen, die zerknüllte Serviette, die er in seiner Faust knetet und der angespannte Kiefer, weil ich nicht so funktioniere, wie er es von mir gewöhnt ist.

»Ich darf es halt nicht vermasseln. Meine Mutter stresst schon rum.«

»Du hättest ja auch wieder zu deinem Vater ziehen können. Dann hätte ich es auch nicht so weit, wenn ich dich besuchen will.«

Klar. Zurück in mein altes Viertel, in den elen Stock eines Hochhauses, am Stadtrand gebaut, weil es dort nicht so auffällt. Dort, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe. Und mit Tommi und den anderen große Träume gesponnen habe über Karrieren in der Musikindustrie, beim VfB-Stuttgart als Pro kicker oder als Kleinkrimineller, zusammen auf dem Hochhausdach, während Stuttgart uns nachts leuchtend zu Füßen lag. Jetzt kommt mir all das vor wie aus einem anderen Leben.

»Du weißt, dass ich keinen Mist bauen kann. Deswegen bin ich weg von den anderen.«

Ich kriege es nicht übers Herz, auch ihn in die Gruppe der alten Freunde zu packen, von denen ich mich verabschieden will. Obwohl ich genau weiß, dass ich das müsste, wenn ich wirklich einen klaren Cut will.

»Ja, aber das sind deine Freunde. Sie haben dich auch vermisst.«

»Besucht hat mich aber keiner.«

Nicht mal Tommi. Briefe, ja, aber das ist auch einfach, man muss seinem Gesprächspartner nicht ins Gesicht schauen, wenn man Lügen aufs Papier bannt.

»War für die auch nicht einfach.«

Er verteidigt sie und sich, wir die Serviette dabei lustlos und provokant auf den Teller. Ich hole Lu, statt zu antworten, weil ich gelernt habe, erst mal bis zehn zu zählen, bevor ich sage, was ich denke oder fühle. Kann so die Worte noch mal überprüfen und im Notfall abschwächen.

»Hätte mich trotzdem gefreut.«

Das ist nicht mal im Ansatz das, was ich sagen wollte, aber es muss reichen. Das ema würde ich ohnehin gerne weiträumig umfahren, wenn möglich. Und so, wie Tommi mich ansieht, will er das auch. Es wird eine Leiche im Keller unserer Freundscha bleiben, über die man nicht spricht, weil man sie dort bereits sechs Fuß tief begraben hat.

»Kannst ja am Wochenende trotzdem mitkommen. Wenn du magst.«

Ich nicke und tunke eine Pommes so wuchtig in den Ketchup, als wolle ich sie ertränken und zähle noch mal bis zehn. Es hat keinen Sinn, mich jetzt mit ihm zu streiten. Die Zeit für Vorwürfe ist vorbei und ich will das Kapitel einfach nur abschließen.

»Du weißt, dass es mir leidtut, oder?« Tommi üstert es so leise, dass die Musik im Hintergrund seine Worte fast verschluckt, und ich lehne mich etwas näher an den Stehtisch.

»Weiß ich das?«

»Du bist mein bester Freund. Ich wollte nicht, dass es so läu. Aber …« Er sieht kurz hilfesuchend zu mir, erwartet, dass ich ihm die Absolution erteile und alles für immer vergebe, aber diesmal lasse ich ihn nicht so leicht davonkommen, bin höchst gespannt, was er auf das Aber folgen lassen will. Er sucht nach den richtigen Worten und liefert doch nur eine weitere Floskel. »Es tut mir einfach leid.«

Vor neun Monaten, da hätte ich mich darüber gefreut und es ihm vielleicht sogar geglaubt, aber jetzt klingt es für mich so lau wie die Cola schmeckt, die ohne Kohlensäure im Glas vor mir steht.

»Schon klar.« Das sage ich kühler als geplant, und doch ist es so genau richtig. Bevor es zu frostig wird, schiebe ich den Teller von mir weg. »Ich muss eh los.«

Meinen Burger habe ich gleich zu Beginn binnen Minuten vernichtet, und jetzt will ich ehrlich gesagt nur noch weg.

»Schon?«

»Ja. Schon.«

So zerknirscht habe ich ihn nur selten erlebt, aber mit diesem Hundeblick kann er mich nicht mehr weichkriegen. Zu viel ist passiert, zu vieles davon hängt zwischen uns wie eine bunte Piñata, die nicht mit Süßkram, sondern mit angestauter Wut gefüllt ist.

»Hausaufgaben machen, ja?« Er klingt enttäuscht, weil wir früher auf so was nichts gegeben haben und ich nicht mehr in die Rolle passe, die andere für mich geschrieben und die ich so lange artig ausgefüllt habe.

»Korrekt.«

»Okay. Falls du es dir anders überlegst, du weißt, wir, also deine Freunde, würden uns freuen, wenn du mitkommst.«

Noch während ich nicke und den Rucksack aufsetze, grummelt mein Magen, und das liegt sicher nicht am Burger, der war wie immer hervorragend.

»Bis irgendwann.«

Ich komme nicht mal bis zur Tür, da klebt mir Tommi schon an den Fersen.

»Soll ich dich morgen wieder an der Schule abholen?«

»Lieber nicht.«

Wir schieben uns zusammen durch die Tür, Schulter an Schulter, und mir ist diese Nähe plötzlich zu viel. Mir ist alles zu viel. Die Essenseinladungen, seine ständigen Besuche, die Erinnerung an früher und der Drahtseilakt zwischen damals und jetzt.

»Bin ich dir jetzt peinlich oder was?«

Er merkt nicht, dass ich nicht reden will, läu mir durch die Calwer Straße in Richtung Rotebühlplatz hinterher und ich schüttele nur den Kopf, in der Hoffnung ihn damit vielleicht abwimmeln zu können.

»Wir sind beste Freunde, Samuel.«

Wir waren beste Freunde.

»Ich weiß.«

»Es tut mir leid, Mann.«

So abrupt, wie ich stehen bleibe, kann er mir nicht mehr ausweichen und prallt gegen mich.

»Hör zu …« Ich sehe ihm direkt ins Gesicht, will bis zehn zählen und komme doch nur bis acht, da schießen mir die Worte über die Lippen, auch wenn einige davon bitter schmecken. »Ich muss mein Leben auf die Kette kriegen, sonst wird das nichts. Du kannst ja von mir aus den ganzen Tag mit den Jungs im Milaneo rumhängen und Mist bauen. Aber euch haben sie auch nicht erwischt!«

Jedes Mal, wenn Mama mich fragt, wie es mir geht, lächele ich und nicke, tue so, als hätte ich keine genauen Erinnerungen an die letzten Monate. An das Gebrüll, die Streite, den Stress, die Einsamkeit und alles dazwischen. Aber so wie Tommi jetzt vor mir steht, als hätte sich nichts verändert, da brennen alle Sicherungen durch. Wie können sie es wagen, so zu tun, als wäre die Zeit einfach stehen geblieben? Wieso fragt mich niemand, wie es war und was es mit mir gemacht hat?

»Sie haben dich nur erwischt, weil du nicht schnell genug warst.«

Das schiefe Grinsen kann er sich gleich vom Gesicht wischen.

»Weil ihr vergessen habt, mich zu warnen.«

»Die kamen mit Blaulicht, wie viel mehr Warnung brauchst du denn?«

Für Tommi ist das alles noch immer ein riesiger Spaß, das Spiel mit dem Feuer, bei dem er sich maximal die Finger verbrennt, aber nie eine Hand verliert.

»Weißt du, was eine Lebendkontrolle ist, Zecher?«

Er zuckt nur ahnungslos die Schultern, weil bei ihm morgens höchstens mal seine Mutter ins Zimmer schielt, um zu checken, ob ihr fauler Sohnemann noch pennt.

»Das ist der morgendliche Kontrollrundgang, bei dem die Beamten die körperliche Unversehrtheit aller Inhaierten checken.«

Tommi wird blasser, kaut auf der Innenseite seiner Wange und versucht meinen Blick zu halten, knickt aber immer wieder ein und starrt in die Ferne, dahin, wo keine Vorwürfe am Horizont stehen.

»Weil es Leute gibt, die nicht so gut damit klarkommen und sich was antun.« Es ist nicht Tommis Schuld, das weiß ich, das ist irgendwo in meinem Kopf abgespeichert – aber der hat gerade Sendepause. Gerade spricht nur die Wut, und die hat offenbar einiges zu sagen. »Und so hat jeder beschissene Tag angefangen. Für neun noch beschissenere Monate. Und das war nicht mal das Schlimmste.«

Er packt es nicht mehr, muss ganz wegsehen, schiebt sich die Hände in die Jackentaschen und nickt, als wüsste er, wovon ich rede. Dabei hat Tommi in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal Hausarrest von seinen Eltern aufgebrummt bekommen.

»Viele der Jungs sind da drinnen kaputtgegangen.«

Der Flurfunk funktioniert schließlich überall, und manchmal wollten die Beamten sicher auch, dass man die alten Schauergeschichten zu hören kriegt, eingeschüchtert wird und keine Dummheiten macht. Manchmal hat es sogar funktioniert, und genau diese Taktik wende ich jetzt bei Tommi an, der mich nun wieder ansieht.

»Ja, aber du nicht.«

Mein Lachen klingt falsch und aufgesetzt.

»Woher willst du das wissen?« Gefragt hat er nie. Mit einem Mal fühle ich mich platt, müde und ausgelaugt, als hätte der Tag schon einige Ehrenrunden gedreht. »Ich muss los.«

Habe ohnehin schon viel zu viel gesagt, dabei wollte ich über die Zeit gar nicht reden. Nicht mit Papa, nicht mit Mama und auch nicht mit Tommi.

Es gibt Dinge, die muss man mit sich selbst ausmachen, weil es nicht besser wird, wenn man immer und immer wieder darüber spricht. Je weniger ich darüber rede, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ereignisse irgendwann zu Erinnerungen werden, die ich eines Tages nicht mal mehr als meine erkennen werde.

Das zumindest ist meine große Hoffnung.

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