Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 77 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Samuel

 

Er sitzt so, dass die Beine über die Brüstung baumeln, und bemerkt nicht, wie ich das Dach betrete. Als ich ihn nicht in seinem Zimmer gefunden habe, war mir klar, dass er hier oben sein würde. Hier, wo die Probleme da unten so klein wirken. Von den anderen Jungs fehlt jede Spur, als hätten sie geahnt, dass es besser wäre, sich zu verstecken. Die Wolken am Himmel hängen so tief, dass sie direkt über unseren Köpfen schweben.

»Fall nicht runter.« Erst als ich fast hinter ihm stehe, mache ich mich deutlich bemerkbar, aber er dreht sich nicht zu mir um, hält den Blick lieber weiter in die Ferne gerichtet.

»Ich passe schon auf.«

Da er keine Anstalten macht, sich zu mir umzudrehen, klettere ich kurz entschlossen neben ihn und nehme mit etwas Abstand Platz, aber noch immer kann er mich nicht ansehen.

»Mit dir hätte ich hier heute nicht mehr gerechnet.«

»Ich mit mir auch nicht, aber du weißt ja, was man sagt.«

Tommi weiß es offensichtlich nicht, denn er dreht sich zu mir, seine Augen klar und kühl.

»Was sagt man denn?«

»Du kriegst den Jungen aus Freiberg, aber Freiberg nicht aus dem Jungen.«

Ganz kurz lächelt er, aber dann ist es schon vorbei und er ganz weit weg.

»Was für ein beschissener Tag.«

Ich bin geneigt, ihm recht zu geben, stütze meine Hände ab und lehne mich ein bisschen nach hinten, lasse meinen Blick ohne festes Ziel wandern. Wie gerne würde ich einfach für immer hier oben bleiben, die Zeit zurückdrehen und dann alles richtig und besser machen. Direkt beim ersten Mal wissen, wie beschissen es laufen wird und anders reagieren.

»Weißt du, manchmal habe ich den Eindruck, nur hier oben wirklich atmen zu können. Da unten ist zu wenig Sauerstoff und alle wollen immer was von dir. Es fühlt sich an, als säße jemand auf deiner Brust.«

Während er spricht, greife ich in meine Hosentasche, spüre die Ladebox, deren verräterischer Kratzer deutlich unter meinem Daumen zu spüren ist, und schließe schließlich die Finger darum.

»Ich muss was wissen, Tommi.«

»Hm?«

Mit einer schnellen Handbewegung ziehe ich die AirPods aus der Tasche und halte sie so, dass er sie sehen kann.

»Wo hast du die Dinger hier eigentlich her?« Ich beobachte sein Gesicht genau, auch wenn es nicht immer einfach ist, seine Lügen zu durchschauen, so bilde ich mir doch ein, dass ich ihn gut genug kenne.

»Zeig mal her.« Er nimmt mir die Pods ab, dreht sie kurz in seiner Hand, ignoriert den Kratzer, zuckt die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Denk nach.«

Tommi sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren, dabei will ich ihm nur die Chance geben, ehrlich zu sein und damit zu retten, was vielleicht noch da ist.

»Glaubst du, die Typen, die ich abziehe, stellen sich mir mit Name und Geburtsdatum vor?« Statt auf seine lächerliche Lüge einzugehen, starre ich ihn nur abwartend an, und er untersucht die Kopörer etwas genauer, sucht irgendeine Erinnerung daran. »Vielleicht habe ich sie auch von Cem bekommen.«

Er wir sie mir zurück, heiger als nötig. »Wieso willst du das wissen, hm?«

Weil wir beide wissen, wem sie gehören, wo und wann er sie eo abgenommen hat und wieso die Schuhe mit dem Smiley in seiner Wohnung liegen.

»U-Bahnstation Staatsgalerie.«

Tommi schüttelt nachdenklich den Kopf.

»Kann mich nicht erinnern, sorry.«

Wie gerne würde ich ihm das glauben und so tun, als wäre zwischen uns noch immer alles so, wie es immer war und immer bleiben sollte. Klopfschüttelnd stecke ich die Box wieder ein und sehe ihm direkt in die Augen.

»Du hast mich angelogen, Tommi.«

Die Enttäuschung über Tommis Lüge hat meine Nervenenden betäubt, die dumpfe Wut über seinen Verrat an unserer Freundscha liegt irgendwo tiefer und brennt sich wohl durch meine Eingeweide.

»Ich habe dir geglaubt, weil ich dachte, bei all dem Scheiß, den wir abgezogen haben, waren wir doch zumindest immer ehrlich zueinander.«

Er kann mich nicht ansehen.

»Ich habe die Schuhe gefunden. Du hast mich angelogen.«

Es vergeht eine Ewigkeit, in der alles stillsteht, bis Tommi sich zu mir wendet.

»Natürlich habe ich das.« Er zieht die Beine an, legt seine Arme darauf. Wetten, dass er meinen brennenden Blick spüren kann? »Wie hätte ich es dir denn sagen sollen? Hey, übrigens, ich habe deinen Kumpel und Bruder deiner Freundin verdroschen und abgezogen?«

»Genau so, ja.«

»Klar. Weil es so scheiß einfach ist, was?«

Er weiß, dass er diesmal wirklich Bockmist gebaut hat, wieso sonst scha er es nicht, mich länger als drei Sekunden anzusehen?

»Ich hab dich gerade erst zurückgekriegt. Wenn ich es gesagt hätte, wärst du abgehauen.«

»Aber ich hätte mich nicht so verraten gefühlt.«

»Und was hätte es mir gebracht, hm?« Die Wut lässt seine Stimme vibrieren, aber das schüchtert mich nicht im Geringsten ein. »Du hättest mich abgeschossen, Nowak.«

»Ich habe dich gefragt, Tommi. Ich habe dir in die Augen geschaut und dich gefragt. Und du hast mir ins Gesicht gelogen, ausgerechnet du!«

Er schüttelt den Kopf und ich habe die Schnauze voll. Unsere Freundscha war für mich etwas Besonderes, selbst nach all dem Mist war sie das noch immer. Und jetzt kann ich ihn nicht mehr ansehen, ohne zu wissen, dass er mir in den Rücken gefallen ist.

»Vermutlich haust du sowieso ab, oder? Verschwindest dahin, wo man dich nicht ndet, und dann war es das für dich. Fein raus aus der Sache. So wie immer.«

»Ja, gut möglich. Auf Knast hab ich keinen Bock.«

Ich stehe auf, bin wütend und enttäuscht, dass er selbst jetzt nicht versteht, was er getan hat. Meine Beine zittern ein bisschen, und so nah, wie ich am Hochhausrand stehe, ist das keine gute Kombination. Zur Sicherheit greife ich nach dem Geländer, suche einen Halt, den ich hier oben nicht mehr nde.

»Du bist ein Arschloch, Tommi. Du hast eo auf die Gleise geschubst und bist abgehauen. Er hätte dabei draufgehen können, das ist dir klar, oder?«

Er antwortet nicht. Obwohl ich ihm die Worte entgegenschreie, hört er sie nicht, ist viel zu weit weg, schon auf der Flucht. Zu dumm, dass er nie weit und schnell genug rennen kann, um dieser Geschichte zu entkommen.

»Eine ganze Familie hast du kaputt gemacht, und ganz nebenbei auch noch etwas, das mir unheimlich wichtig war.«

Tommi ist zu Stein geworden und mir reicht es. Ich springe von der Brüstung zurück aufs Dach und will in Richtung Ausgang, als er sich doch umdreht.

»Ja, deine Marie, die dich nicht von früher kennt, die ist dir ach so wichtig!«

Bevor er zu Ende gesprochen hat, wirbele ich herum und funkele ihn an.

»Nein, du Idiot! Du warst mir wichtig, aber dir ist ja alles scheißegal!«

»Irrtum! Du bist mir nicht scheißegal, Nowak!« Das Starrduell dauert länger, als uns beiden guttut, und Tommi steht endlich auf, noch immer zu nah am Rande des Daches.

»Du warst doch meine Familie, Mann! Wenn ich es dir gesagt hätte …« Er reißt den Blick von mir los, schielt über das Gitter nach unten, und ich mache sofort wieder einige Schritte auf ihn zu.

»Du hättest mich garantiert abgeschrieben. Und weißt du, was dann noch übrig geblieben wäre?«

Jetzt ist er es, der schreit, und ich höre die Verzwei ung in seiner Stimme, die lauter klingt als alles andere. Er steht mit geballten Fäusten am Rand, immer bereit zum Kampf, und sieht nach unten.

»Nichts! Ich habe nichts mehr! Meinen Eltern war ich immer scheißegal, die warten doch nur darauf, bis sie mich abschieben können, und jetzt bist du auch weg …«

»Komm da runter, Tommi.«

»Wieso? Was geht kaputt, wenn ich springe?«

Er breitet die Arme aus, wie ein Vogel, kurz bevor er los iegt, und meine Kehle wird eng.

»Tommi …«

»Ich wollte es dir ja sagen! Sobald ich gecheckt hatte, dass er es war! Aber ich weiß doch, wie gerne du Marie hast, und wie sollte das mit euch beiden weiterlaufen, wenn ich es erzähle?«

»Das sind Ausreden, Tommi! Das sind scheiß Ausreden, komm da runter!«

Er schüttelt den Kopf und ich kann die Tränen in seinen Augen sehen.

»Ich wollte ihn damals nicht auf die Gleise stoßen. Er ist ausgerutscht und gestürzt, und ich dachte zuerst, er sei tot, weil er sich nicht mehr bewegt hat. Und dann taucht dieser Typ auf der anderen Seite auf und brüllt was von Polizei, da habe ich einfach Schiss gekriegt.«

Während er spricht, komme ich näher und behalte ihn genau im Blick. Nur ein Sprung und er könnte das alles beenden.

»Ich bin nicht wie du! Ich weiß nicht, wie man Sachen richtig macht.« Ich kenne Tommi mein ganzes Leben, aber noch nie habe ich ihn weinen sehen. Die Tränen, die jetzt über seine Wangen laufen, setzen mir zu, und ich strecke langsam die Hand nach ihm aus. »Ich weiß nicht, wie man irgendwas richtig macht, Samuel.«

»Komm da runter.« Weil ich nicht weiß, ob er sich darauf einlässt, komme ich noch etwas näher auf ihn zu und halte ihm meine Hand entgegen. »Und dann klären wir das.«

Noch immer weint er, noch immer warte ich auf seine Hand.

»Und du haust nicht ab, sondern bleibst und machst es richtig.«

Schlagartig sieht er zu mir, sein glasiger Blick fängt meinen und er wackelt gewaltig.

»Das kann ich nicht. Ich kann nicht in den Knast, Samuel. Bitte.«

Sein Flehen tri mich, weil ich genauso geklungen habe, als sie mir damals mein Strafmaß vorgelesen haben. Ich muss dieses Gefühl runterschlucken, bevor Tommi sehen kann, dass seine Angst berechtigt ist.

»Du gibst zu, dass du es warst, und hoffst, dass eo irgendwann wieder ein normales Leben führen kann, ohne Angst zu haben, wenn er die Augen schließt oder eine U-Bahn nehmen muss. Und dass Marie schlafen kann, ohne vor Sorge um ihren Bruder durchzudrehen. Und dass ihre Eltern sich nicht jedes Mal, wenn eo auch nur fünf Minuten zu spät kommt, Gedanken machen müssen, ob er aufgegeben hat.«

Tommi muss das alles hören, weil er nur dann vielleicht versteht, was er wirklich getan hat und wieso er hier nicht einfach einen Schlussstrich ziehen und verschwinden kann.

»Und was ist mit dir? Kannst du mir irgendwann verzeihen?« Die verweinten Augen passen so gar nicht in sein sonst kantiges Gesicht mit dem frechen Grinsen, von dem gerade allerdings jede Spur fehlt. »Ich weiß nicht, wie ich das alles hinkriegen soll, Samuel.«

»Doch, das weißt du.«

Tommi nimmt endlich meine Hand an, und ich ziehe ihn sofort zu mir runter aufs Dach, wo er sicher ist.

»Ich kann das nicht.«

Der große Tommi, die Legende, der Anführer, steht wie ein kleiner Junge vor mir und hat Todesangst. Ich lege ihm meine Hände auf die Schultern und sehe ihn ernst an.

»Doch. Und ich komme dich besuchen. Versprochen.«

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