Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 5 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Mit voller Wucht schubse ich ihn von eo weg, baue mich so breit und groß, wie meine knapp ein Meter siebzig es zulassen, vor ihm auf und starre ihn wütend an.

»Lass ihn in Ruhe!«

Samuel torkelt etwas überrascht ein paar Schritte zurück, hebt die Hände und will etwas sagen, aber ich habe genug gesehen. eo, der seine Sachen aufsammelt, die ein Idiot von der Treppe geschmissen hat. Zu schade, dass dieser Idiot ausgerechnet Samuel sein muss.

»Oh, hey, hey …«

»Spar dir dein Oh, hey, hey! Glaubst du, du kannst einfach so hier reinmarschieren und dir ein Opfer aussuchen?«

Meine Stimme zittert und meine Hände sind zu Fäusten geballt, aber eos sane Berührung an meiner Schulter sorgt dafür, dass ich nicht sofort auf Samuel losgehe.

»Hör auf, er hat gar nichts gemacht.«

Zu o habe ich von eo diese Ausrede gehört, und es macht mich wahnsinnig, dass ich einfach wegschauen soll.

»Ja, sicher. Dein Mathebuch hat nur eine freiwillige Flugstunde genommen, oder was?«

»Nein. Das war Andi …«

eo deutet auf Samuel, der seinen Sicherheitsabstand zwar beibehält, aber zumindest schon wieder ein bisschen lächelt. Langsam hebt er die Hände bis auf Brusthöhe, als wolle er sich ergeben, während eo sein Plädoyer fortsetzt.

»Samuel kam dazu und hat Andi die Meinung gegeigt.«

Ich lasse Samuel nur deswegen aus den Augen, weil ich an eos Gesicht ablesen will, ob es sich wieder mal um eine seiner Notlügen handelt oder ob es die Wahrheit ist. Seine klaren Augen sehen mich direkt an, kein nervöses Blinzeln, kein Ausweichen, nur pure Erleichterung. Langsam entspanne ich mich und löse auch meine Fäuste.

»Sorry. Ich habe ihn nur so stehen sehen und dich auf dem Boden …«

Ich greife vorsichtig nach eos Gesicht, wo sich am Kinn eine rote Schramme abzeichnet.

»Wie ist das denn passiert?«

eo entzieht sich sofort meiner Berührung und schultert lieber den inzwischen wieder gefüllten Rucksack.

»Keine Ahnung.«

Samuel, der offenbar bemerkt hat, dass die Gefahr und meine Wutwolke sich verzogen haben, kommt wieder ein bisschen näher.

»Er hat auf der Treppe mit dem Kinn gebremst, nachdem dieses Arschloch ihm von hinten ein Bein gestellt hat.«

Ich sehe zu Samuel, der sich jetzt die Hände in die Jackentaschen schiebt und mit den Schultern zuckt, bevor er weiterspricht.

»Also dachte ich, wird es Zeit für ein kurzes Gespräch.«

Er schießt ein Halblächeln hinterher und tri dabei blöderweise ins Ziel, was ich mir aber nicht anmerken lassen will.

»Aha.«

eo nickt begeistert. Und zwar so begeistert, wie ich es schon lange nicht mehr an ihm gesehen habe.

»Er war richtig krass. Niemand spricht so mit Andi. Also, außer dir.« Er zwinkert mir schnell zu und deutet dann auf Samuel. »Das ist übrigens Samuel.«

»Ich weiß.«

»Ach, ihr kennt euch schon?«

Jetzt mustert eo zur Abwechslung mal mein Gesicht und ich nicke so unschuldig wie möglich.

»Deutsch und Bio.«

»Ach so.«

Samuel versucht derweil uns zu folgen, ist von den Infos aber dezent überfordert, also klärt eo ihn auf.

»Marie ist meine Schwester.«

»Ach, so ist das. Verstehe.« Höre ich da etwa Erleichterung aus seinen Worten? »Nun, ich will die Familienidylle auch nicht länger stören. Muss los. Bis morgen.«

Er winkt uns kurz zu, was bei ihm nicht ganz so peinlich aussieht, wie man meinen könnte, stop sich seine AirPods in die Ohren, schaltet die Musik ein – und zwar so laut, dass wir alle was davon haben –, und geht dann einfach davon, als hätte er nicht gerade für meinen Bruder den Kopf in das Löwenmaul der Schule gesteckt.

»Cooler Typ, was?«

Wir sehen ihm beide dabei zu, wie er durch die Glastür nach draußen verschwindet, den Kragen seiner Jacke höher zieht und über den Pausenhof marschiert.

»Oder lebensmüde, wie man es nimmt. Wer legt sich schon freiwillig mit Andi und seinen Spinnern an?«

Als Samuel aus unserem Blickfeld verschwunden ist, drehe ich mich wieder zu eo und ernte ein Augenrollen, als ich die Schramme am Kinn genauer unter die Lupe nehme.

»Hör auf, dir Sorgen zu machen, Marie. Mir geht es gut.«

Wenn er wüsste, wie gerne ich ihm das glauben würde und wie schlecht er lügt. Wie o ich ihn nachts hören kann und wie sehr es mir das Herz zerreißt, so hil os auf der anderen Seite der Tür zu stehen.

»Komm, lass uns nach Hause fahren.«

Jeden Tag fahren wir zusammen mit meinem Roller zur Schule und wieder nach Hause. Vorbei die Zeiten, als wir gemeinsam die letzte Stufe zur U-Bahn übersprungen haben, weil wir zu spät waren und gerade noch so durch die sich schon schließende Tür in die Bahn gehüp sind. Auch deshalb habe ich den Rollerführerschein gemacht und nie lasse ich ihn alleine den Heimweg antreten – und nie würde ich zugeben, wie anstrengend das o ist. Also tue ich das, was ich immer tue: Ich lege den Arm um ihn, setze ein Lächeln auf und führe ihn sicher durch die Pausenhalle zum Ausgang.

Die Frage, was aus ihm wird, wenn ich am Ende des Schuljahres den Abschluss habe, verdränge ich für den Moment. Sie wird mich früher oder später ohnehin einholen. Aber nicht heute. Für heute nistet sich ein ganz anderer Gedanke in meinem Gehirn ein.

Mögen wir diesen Samuel?

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