Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 66 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Samuel

 

Liebig sitzt in unserer Küche und das gefällt mir nicht, ebenso wenig wie das angespannte Gesicht meiner Mutter. Natürlich weiß ich, wieso er hier ist und lasse den Rucksack, den ich heute nur als blödes Alibi mitgenommen habe, im Flur liegen.

»So hoher Besuch?«

Er schüttelt den Kopf, ist nicht zu Späßen aufgelegt, und ich bleibe in der Tür stehen. Ist heute Tag all der Dinge, die schie aufen können?

»Möchtest du uns vielleicht was erklären?«

Ich habe genug Gespräche mit Liebig geführt, um an der Art, wie er die Frage stellt zu erkennen, dass er richtig sauer ist.

»Sieht eher so aus, als wäre das über üssig.«

»Die Schule hat mich angerufen.«

»Ach was.«

Mama sieht mich an, und es ist die Enttäuschung in ihrem Blick, die wehtut, nicht so sehr der Ärger, der dahinter lauert.

»Samuel, wir hatten doch eine klare Absprache!«

»Ich hatte heute nur was zu klären.«

»Es ist schon der zweite Schultag, den du versäumst.«

»Ja, ich hatte an beiden Tagen was zu klären.«

»Samuel, das ist kein Spiel.« Liebig deutet auf den freien Platz am Tisch ihres Tribunals, aber mir steht gerade nicht der Sinn nach weiteren Anschuldigungen und Erklärungsversuchen.

»Ich bin ziemlich fertig, können wir das Gespräch nicht morgen oder so führen?«

Liebig schüttelt entschlossen den Kopf und deutet diesmal deutlicher auf den Stuhl. »Setz dich. Ich will wissen, wo du warst.«

»Ja, und ich will wissen, wieso so ein Idiot in der Schule mein Geheimnis ausplaudern darf?«

Liebig sieht kurz weg, er weiß natürlich davon, weil sie ihn bestimmt informiert haben. Er hat auch garantiert schon einen seiner zahlreichen Pläne, wie man damit umgehen kann und wie ich daran nur wachsen werde und dieses ganze Blabla.

»Das ist tatsächlich sehr ärgerlich.«

»Sie haben gesagt, dass ich eine zweite Chance bekomme!«

»Das ist auch immer noch so, Samuel. Aber dafür musst du dich an unseren Deal halten. Und der lautet, keinen Kontakt mit deinen alten Kumpels, zur Schule gehen und zwar jeden Tag, nicht nur dann, wenn du Lust dazu hast. Keine krummen Dinger drehen, Abstand zu deinem alten Leben.«

»Ich drehe keine krummen Dinger. Und ich halte mich von den Jungs fern.«

»Indem du den Tag mit ihnen verbringst?«

»Tommi ist mein bester Freund.«

»Er ist kein guter Umgang!«

»Ich kann ihn nicht einfach so aus meinem Leben schneiden. Das geht nicht von heute auf morgen!«

Wieso versteht das keiner? Wieso sieht keiner ein, dass Tommi jahrelang alles war, was ich hatte, und wenn ich ihn jetzt verliere, stehe ich am Ende alleine da. Marie sucht schon das Notausgangsschild raus aus meinem Leben, eo wird ihr folgen, und so wie Mama mich ansieht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie Experiment Samuel für gescheitert erklärt.

»Tommi hat dich nie besucht, Samuel, vergiss das nicht.«

»Ich weiß.« Und dafür war ich lange genug sauer auf ihn, aber es ändert nichts daran, dass er früher immer für mich da war. Und er ist es auch jetzt noch!

»Und er hat dich damals hängen lassen.«

»Sagen Sie das nicht so, als ob Sie wüssten, wie es ist, wir zu sein.«

»Wieso nimmst du ihn jetzt in Schutz?« Liebig steht viel zu dicht vor mir, dabei weiß er doch, dass mich das nervös macht. »Tommi tut dir nicht gut, Samuel. Noch können wir es abwenden …«

»Abwenden? Was denn abwenden?«

»Ich werde mit der Schule sprechen, eine Entschuldigung für dich aufsetzen und …«

»Für mich? Die sollen sich verdammt noch mal bei mir entschuldigen!« Liebig fährt sich durch die Haare, die immer grauer werden, je mehr Zeit wir zusammen verbringen. Vermutlich ist er komplett ergraut, bevor unsere gemeinsame Zeit vorbei ist. »Sie haben es verkackt, und jetzt wollen Sie es mir und Tommi in die Schuhe schieben.«

Liebig legt mir die Hand auf die Schulter und ich schlage sie heiger als nötig weg, versuche ruhig zu atmen und komme doch kein Stück runter.

»Fassen Sie mich nicht an!«

»Samuel …«

»Nein! Sie wollen doch nur gut dastehen und reden sich jetzt raus. Wie es für mich ist, wieder in diese Schule zu spazieren, geht Ihnen doch am Arsch vorbei.«

»Reg dich bitte nicht auf.«

»Ich habe jedes Recht, mich aufzuregen, weil mir verdammt noch mal niemand zuhört!«

Dabei steht er vor mir, ruhig und gefasst, bereit, sich mein Gebrüll um die Ohren iegen zu lassen. So wie früher, als ich ihn gerade kennengelernt hatte und nicht wollte, dass er mir zu nahekommt, weil ich niemandem mehr vertraute. Wozu auch? Fallen mir ja doch alle in den Rücken.

So wie jetzt auch.

»Weil ich für euch doch immer der böse Junge bleibe, der Mist gebaut und einen Rentner ausgeraubt hat! Ich bin ein Dieb, ein Verbrecher, ein Arschloch! So wie Tommi.«

Je lauter ich werde, desto heiger schüttelt Liebig den Kopf, aber zumindest fasst er mich nicht mehr an.

»Das stimmt so nicht und das weißt du.« Er deutet zu meiner Mutter, die in sicherer Entfernung regungslos auf dem Stuhl sitzt und mir nicht ins Gesicht sehen kann. »Deine Mutter hat dich sofort aufgenommen.«

»Weil ich sonst auf der Straße gelandet wäre!«

»Reg dich bitte nicht so auf, Samuel.«

Doch zu spät, alle Sicherungen brennen der Reihe nach durch, schalten die Vernun aus und lassen nichts als den Geruch verbrannter Elektrogeräte zurück.

»Der Einzige, auf den ich mich verlassen kann, ist Tommi!«

Er hat mir geholfen, eo zu nden, er hat mir geholfen, Maries Roller zu reparieren, er war da.

Mama schiebt den Stuhl zurück und erhebt sich, steigt endlich auch in das Gespräch ein, und ich kann es kaum erwarten, ihre Vorwürfe zu hören.

»Ich habe heute mit deinem Vater gesprochen.«

Noch so ein Tiefschlag. Mama und Papa, die reden nicht miteinander, die schreien sich nur an. Unendlich weit weg liegen die Erinnerungen an die glücklichen Tage meiner Kindheit, als meine Eltern noch zusammen und wir eine Familie waren.

»Worüber?« Meine Stimme ist tonlos, die Antwort will ich gar nicht hören.

»Darüber, wie es jetzt weitergehen soll.«

Atmen, Samuel. Atmen!

»Womit?«

»Mit dir.«

Sie gibt auf. Nach knapp zwei Wochen gibt sie auf.

Alles ist sofort wieder da, und ich spüre, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen. So wie damals. Als sie mich aus verweinten Augen angesehen und mit einem traurigen Lächeln gesagt hat, dass ich bei Papa bleibe. Weil es besser so wäre.

Für wen, wollte ich noch fragen, aber da hat sie mich schon umarmt, ihre Koffer genommen und ist gegangen. Umgedreht hat sie sich nicht mehr.

»Du schiebst mich wieder ab?«

Sie schüttelt den Kopf, aber das Lächeln ist so traurig wie an dem Tag damals, und auch ihre Augen füllen sich schon wieder mit Tränen.

»Das war so klar.«

Bevor sie sehen kann, wie tief es mich tri, drehe ich mich zur Tür und will nur raus hier, als Liebig erneut nach meiner Schulter grei und ich seine Hand tränenblind wegschlage und aushole.

Es wäre nur ein Schlag. Nur einer.

Meine Faust donnert gegen den Türrahmen, mein Abschiedsgeschenk.

Umdrehen werde ich mich nicht mehr.

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