Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 78 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Theo schlä noch, und ich beneide ihn eine Sekunde lang – okay, okay, vielleicht auch mehrere Minuten –, weil er sich nicht aus dem Bett und in die Schule quälen muss. Mir steht dort heute einiges bevor. Unter keinen Umständen wird sich Schneider eine Beschwerde wegen meiner Ohrfeige im Sekretariat entgehen lassen, und Samuel … nur nicht daran denken.

Den Kaffee trinke ich im Stehen, weil ich befürchte, sofort einzuschlafen, falls ich mich hinsetze, und das Toastbrot schmeckt heute trotz des leckeren Aufstrichs eher wie Pappe. Die Nacht war viel zu kurz und meine Gedanken viel zu aufgedreht, wie Kids, denen man kurz vorm Schlafengehen noch einen Liter Cola verabreicht hat und die im Zuckerrausch die Welt analysieren wollen.

»Du siehst ziemlich fertig aus.« Mama, ebenfalls mit einer Tasse Kaffee bewaffnet, lehnt sich neben mich und mustert mein Gesicht, wobei ihr bestimmt die tiefen Augenringe auffallen, die ich heute nicht mal unter drei Schichten Concealer verstecken könnte.

»Manchmal passt mein Gesicht eben zu meinem Gemütszustand.«

Zwischen dem nächsten Bissen und dem nächsten Schluck bemerke ich, dass sie nach dem Autoschlüssel grei, obwohl sie heute gar nicht arbeitet.

»Den Roller lässt du heute mal stehen.« Es ist zu spät, um noch den Bus und dann die Bahn zur Schule zu nehmen, das weiß sie genau. »Ich fahre dich.«

Das letzte Mal hat Mama mich zur Schule gefahren, als ich die Weisheitszähne recht frisch entfernt bekommen hatte und der Helm noch nicht über die geschwollenen Wangen passte.

»Wieso denn?«

»Weil ich denke, dass es Zeit wird, dir wieder mehr Platz in dieser Familie einzuräumen.«

Nach meinem Abgang neulich haben wir uns nie so richtig ausgesprochen, auch wenn ich das Gefühl hatte, sie versteht, was ich gemeint habe. Sie jetzt in ihre Jeansjacke schlüpfen zu sehen, irritiert mich dennoch.

»Das musst du nicht, ich kann den Roller nehmen.«

»Ich weiß, dass ich es nicht tun muss, Marie, aber vielleicht möchte ich es ja.« Sie stellt die Tasse neben meine und nickt in Richtung Tür. »Die Jungs kommen auch mal eine Stunde ohne mich aus.«

Und so gehen wir beide zum Auto und fädeln uns in den morgendlichen Verkehr ein. Es dauert bis zur nächsten roten Ampel, dann wendet Mama sich mir zu.

»Schau, Marie, wir wissen, dass es auch für dich nicht leicht ist.«

»Alles gut, Mama.«

Extra schnell ausgesprochen, weil es meine vorprogrammierte Antwort ist, dabei wollte ich diesmal ehrlich sein. Aber sie sollen sich um mich keine Sorgen machen müssen, nicht jetzt, wo es mit eo in kleinen Schritt vorwärtsgeht.

»Du magst diesen Samuel sehr gerne.«

»Er ist nicht dieser Samuel, sondern Samuel. Und ja, ich mag ihn.«

»Auch nachdem, was passiert ist?«

So sehr wünsche ich mir, sie wäre dabei gewesen, als Samuel zum ersten Mal für eo ein- und gegen Andi angetreten ist. Wie verändert eos Miene war und wie wohl ich mich in Samuels Nähe gefühlt habe. Wie o ich über seine Vergangenheit nachgedacht habe. Und wie sehr ich ihn vermisse.

»Er hat eo geholfen, ihn gefunden. Wer weiß, was passiert wäre, wenn er es nicht getan hätte?«

Meine Argumente wischt sie mit einem Kopfschütteln beiseite.

»Der Junge ist kein guter Umgang für dich. Und sein bester Freund …« Sie bricht ab, kann ihre Abneigung gegen Tommi nicht verstecken und versucht es gar nicht erst.

Das kann ich ihr nicht verübeln, denn auch mir dreht sich der Magen auf links, wenn ich daran denke, dass es ausgerechnet Tommi gewesen sein soll. Wieso hat das Schicksal so wenig Humor und muss mein verkorkstes Leben ausgerechnet auf diese Art und Weise verkomplizieren? Wieso wird jemand wie Samuel in mein Herz gespült, wenn ich ihn doch nicht dortbehalten soll?

Mama unterbricht meine Gedanken, indem sie mich ernst ansieht.

»Marie, manchmal sehen wir durch die rosarote Brille etwas unscharf.«

»Mama, ich weiß gar nicht mehr, wie eine rosarote Brille ausschaut. In meiner Realität ist nämlich kein Platz dafür. Und wenn du damit Samuel meinst …«

Die Ampel springt auf Grün, aber Mama fährt nicht los, zu sehr versunken ist sie in diese Unterhaltung, und ich bin überrascht, so lange ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben.

»… ich glaube nicht, dass er mit Tommi in eine Schublade gesteckt werden sollte.«

»Er saß im Gefängnis, Marie.«

»Stimmt, aber das macht ihn nicht automatisch zum ewigen Täter. Vielleicht hat er sich verändert.«

»Marie …«

Das Auto hinter uns hupt, und ich deute auf die Straße vor uns, weil mich ihre Sturheit langsam sauer werden lässt und ich will, dass sie weiterfährt. Fast bereue ich es, nicht doch die Vespa genommen zu haben.

»Dein Bruder hat genug …«

»Mama, ich weiß, was eo hat. Und ich weiß, wie sehr ihr euch wünscht, dass wir diesen ganzen Mist endlich abschließen können.«

»Du bist enttäuscht und das ist verständlich …«

»Ich bin nicht enttäuscht. Ich bin stinkwütend. Auf die ganze Welt. Aber ich weiß auch, dass ich Samuel mag. Noch immer.« Mir fallen eos Worte wieder ein. »Und vielleicht braucht man für manche Dinge im Leben eben einen zweiten Anlauf. Oder eine zweite Chance.«

Mama schweigt, weil sie dagegen nichts sagen kann, fährt langsamer als nötig, und ich befürchte schon, trotz dieses exklusiven Fahrdiensts zu spät zu kommen, doch als wir auf den Parkplatz vor der Schule einbiegen, sind noch gut zehn Minuten bis zum letzten Klingeln.

»Ich wünsche dir einen schönen Tag, mein Schatz.« Mama verlangt und bekommt eine Umarmung, in der sie mich ein bisschen länger hält. »Soll ich dich nachher abholen?«

»Nein, ich nehme die Bahn.«

Sie lässt mich los, und ich kann in ihren Augen sehen, welche Sorge sich dort verbirgt. Seit eos Überfall hat sie es nicht so gerne, wenn einer von uns alleine mit der Bahn fährt.

»Mach dir keinen Kopf, es ist ja noch hell.« Schnell küsse ich ihre Wange und steige aus, bevor ihr noch andere Dinge einfallen, wegen denen sie sich Sorgen machen kann.

Rasch steuere ich an kleinen Gruppen von Schülern vorbei, die mich alle ansehen und zu tuscheln beginnen, sobald ich sie passiert habe. Aber mein Kopf spielt mir sicher nur einen Streich und ich bilde mir das alles nur ein. Schülerdramen wechseln schnell von Tag zu Tag, und was gestern noch peinlich war, ist heute schon längst vergessen, weil die nächste chaotische Episode die virtuellen Titelblätter füllt.

»Frau Mulden …«

Auf dem Weg zum Vertretungsplan werde ich von Frau Fischer abgefangen und bleibe nur sehr widerwillig stehen.

»Lassen Sie mich raten, Herr Arentz möchte mich gerne sprechen.«

Ihr kühles Lächeln und die leeren Augen lassen mich wissen, wie sehr sie diese kleine Szene genießt.

»Sie wurden gestern handgrei ich gegenüber Andreas Schneider.«

»Sagt er das?«

Fischers Mund verzieht sich zu einem dünnen Strich, ihr Blick mustert mich ausgiebig von oben bis unten.

»Ja. Und es gibt Videobeweise für Ihr Fehlverhalten.«

Natürlich gibt es die – weil ich nämlich Andis Spielweise endlich durchschaut habe. Irgendjemand hat also unsere Diskussion ge lmt, weil Andi solche Videos wohl sammelt. Noch weiß er nicht, dass sich all seine Mobbing-Videos jetzt auch auf meinem Handy be nden. Seines habe ich gestern Nacht noch im Mülleimer an der Bushaltestelle entsorgt.

»Stichwort Videobeweis.« Jetzt ist es mein Blick, der kühler wird und sie mustert. »Ich würde Andreas Schneider gerne beim Gespräch dabeihaben.«

»Dass du dich entschuldigen willst, spricht für dich.«

»Eine Entschuldigung wird de nitiv angebracht sein.«

Zufrieden nickt Fischer und geleitet mich in Richtung Lehrerzimmer. Jetzt bilde ich mir die Blicke der anderen Schüler nicht mehr nur ein, denn sie verfolgen jeden meiner Schritte. Ich recke mein Kinn so hoch es geht.

Das hier wird mein persönlicher Triumph über Andi Schneider. Und ich genieße ihn, Samuel sei Dank, von einem Logenplatz aus.

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