Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
- 80 -
Theo
4 Wochen später
Papa lädt die letzte Tasche in den Kofferraum, und ich befürchte, ein bisschen zu viel eingepackt zu haben. Aber noch weiß ich nicht, wie lange ich dort oben bleibe. Vier Wochen sind mal angedacht, mit Option auf Verlängerung, aber das wissen wir erst, wenn ich mit der erapie angefangen habe.
Mama wird eine Woche auf Rügen bleiben, in einem netten Hostel, für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich alles abblasen will. Papa fährt wieder nach Hause und kommt dann die Woche drauf mit Marie zum ersten Besuchertag zurück auf die Insel. Ich bin nervös und habe den Eindruck, vor Aufregung an ungünstigsten Stellen zu schwitzen. Die letzte Nacht haben Marie und ich in einem Zimmer geschlafen, sie hat ihre Matratze mit rübergebracht, und obwohl wir beide hundemüde waren, haben wir bis in die frühen Morgenstunden gequatscht. Jetzt steht sie neben mir und versucht richtig tough zu wirken, damit ich nicht merke, wie nervös auch sie ist.
Mama und Papa fahren mit dem Auto bis an den Charlottenplatz, dort sammeln sie mich dann ein, weil ich eine Sache gerne noch mit Marie machen will. Wir laufen nebeneinander her, haben es nicht eilig, und ich versuche mir ein paar Ecken hier einzuprägen, falls ich an der Ostsee Heimweh bekomme.
»Sie haben Andi übrigens tatsächlich suspendiert. Kann sogar sein, dass er komplett von der Schule iegt.«
Das weiß ich alles schon durch Instagram, wo sich die halbe Schule seit Wochen über Andi und die Videos auslässt. Nachdem Marie mir davon erzählt hat, wollte ich vor Scham im Erdboden versinken, aber sie hat mir versprochen, dass niemand außer den Verantwortlichen sie zu sehen kriegt. Mama und Papa sind regelrecht ausgerastet und haben sofort ein Gespräch mit der Schulleitung verlangt. Angeblich haben Andis Eltern Andi dann richtig rundgemacht, aber mein Mitleid für ihn hält sich in sehr überschaubaren Grenzen.
»Von mir aus kann er von diesem Planeten iegen.« Ihm nie mehr begegnen zu müssen, klingt nach dem Paradies. »Und du und Samuel?«
Marie erzählt nichts mehr von ihm, obwohl ich weiß, dass sie sich täglich in der Schule sehen. Sie hakt sich bei mir unter und lächelt ein kleines bisschen.
»Wir wollen einen langsamen zweiten Anlauf wagen.«
Und jetzt lächele ich ein bisschen. Unsere Eltern trauen Samuel immer noch nicht so ganz, aber Marie hat sich davon wohl nicht aualten lassen. Als sie mir meine Nike Air gebracht hat, war klar, dass ich mich nicht geirrt habe und sie Tommi und die anderen drankriegen werden.
»Das klingt so, als würde endlich jemand von uns beiden glücklich werden.«
Marie hakt sich bei mir unter. »Wer weiß, Bruderherz, vielleicht werden wir am Ende irgendwann sogar beide glücklich.«
»Irgendwann?«
Sie nickt. »Irgendwann.«
Obwohl es eine Zeit gab, in der ich nicht weiter als bis zur nächsten Biostunde planen wollte, gefällt mir die Idee, dass dieses Irgendwann auch für mich gilt.
»Nächste Woche kommen Papa und ich dich besuchen.«
Ich nicke und bemerke, dass der Marienplatz heute recht gut besucht ist, obwohl es hier außer einem Basketballkä g, den Tischtennisplatten und einem Eiscafé gar nicht so viel zu sehen gibt. Aber die Sonne lockt die Menschen aus ihren Wohnungen und man gönnt sich ein Eis oder einen Kaffee im Freien.
»Die Gerichtsverhandlung fängt nächste Woche an.«
»Mach dir darum keine Sorgen, du kümmerst dich erst mal um dich. Papa wird dich auf dem Laufenden halten. Wenn Tommi sich schuldig bekennt, geht alles schnell.«
Schnell. Fast anderthalb Jahre, und sie sprechen von schnell, nur weil sich jetzt alles überschlagen hat.
Wir stehen auf den Treppen, die nach unten führen, Marie dicht neben mir.
Irgendwann, das hat Schädle zumindest vorgeschlagen, sollte ich mich der U-Bahn nähern, am besten mit jemandem, dem ich vertraue. Die Panik auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen und versuchen, sie auf eine solide 4 runterzuhandeln. Atmen, immer weiteratmen, durch die Panik durch. Wie bescheuert mir das alles vorkam, habe ich ihr nicht gesagt.
»Sicher, dass du das hier machen willst? Du musst nicht.«
Ich muss nicht. Aber ich will.
So mutig wie möglich gehe ich Stufe für Stufe nach unten, Marie noch immer direkt neben mir. Uns kommen Menschen entgegen, andere überholen uns eilig, weil sie eine bestimmte Bahn erwischen müssen. Nur wir lassen uns Zeit.
Und ich atme.
»Wo liegt sie gerade?«
»8,5.«
Sie nickt, sagt nichts weiter, und ich stelle meinen Fuß auf die Rolltreppe, spüre das Vibrieren unter meinem Schuh und lege meine Hand auf den schwarzen Handlauf, der mich immer an das Kassenband im Supermarkt erinnert. Marie steht hinter mir, die Panik zerrt in Richtung 9, aber ich atme weiter.
Die Station ist ganz gut besucht, unsere Bahn kommt in drei Minuten, und ich muss nicht einsteigen, wenn ich merke, dass es nicht klappt. Niemand verlangt oder erwartet irgendwas von mir, niemand außer mir selbst.
»Und jetzt?«
Mit viel Mühe habe ich die Panik auf 7 gedrückt, atme tief und sehe nicht direkt auf die Gleise, sondern zur anderen Seite der Station. Es ist heller als in meinen Erinnerungen, das Stimmengewirr verunsichert mich ein bisschen.
»Das ist noch nicht mein Lieblingsmoment des Jahres.«
Marie nickt und lässt mich wissen, sie ist da. Gegenüber fährt eine Bahn ein, und ich spüre, wie mein Körper sich anspannt. Mein erster Impuls ist, einen Schritt zurück zu machen, aber ich bleibe stehen und atme. Niemand würde mich auslachen, wenn ich jetzt sofort wieder nach oben renne.
Und doch bleibe ich, weil da auch das andere Gefühl ist. Der Wunsch, mir ein Stück von meinem alten Leben zurückzuholen.
»Achtung. U1 Richtung Fellbach fährt ein.«
Ich greife nach Maries Hand und sie ist sofort da, einfach so.
Die Bahn kommt, wird langsamer, bleibt stehen, und wie immer drängeln sich alle nach vorne, als hätten sie Angst, sonst nicht mehr einsteigen zu dürfen.
»Sollen wir?«
Das Piepen setzt ein, Zeichen dafür, dass ich mich entscheiden muss. Es war dieses Piepen, das seit damals vieles übertönt hat. Jetzt greife ich in meine Jackentasche und lasse meinen Daumen über die halbmondförmige Schramme fahren. Schritt für Schritt hole ich mir mein Leben zurück.
Es ist nur ein Schritt.
Nur ein verdammter Schritt.
Und diesmal mache ich ihn.
Nach vorne.
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