Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 67 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Theo

 

Die Hochglanzbroschüren liegen verteilt auf dem Boden neben mir. Ich soll nur mal reinschauen, aber gerade nde ich es spannender, mit dem VfB Stuttgart gegen den FC Barcelona zu gewinnen. Passiert im echten Leben ja nicht mehr, wieso also nicht zumindest auf der Playstation? Dream big und so.

Zu dumm, dass ich immer wieder abgelenkt werde, weil die ansprechenden Fotos, die sie als Deckblatt gewählt haben, mich immer wieder magisch anziehen. Sie buhlen um Patienten, als ginge es darum, mich als Studenten für ihre Elite-Uni zu gewinnen. Nur läu es hier irgendwie andersrum. Nicht die Besten kommen rein, sondern nur diejenigen, die so richtig im Eimer sind. Kurz unterbreche ich meinen Angriff über den rechten Flügel und schnappe mir eines der Hechen, spüre das Gewicht in meinen Händen und betrachte die lächelnden Gesichter der Mitarbeiter, alle weiß gekleidet vor einem modernen Gebäude mit viel Glas.

Im Innenteil zeigen sie Kids und Teens, die auf Sitzsäcken hocken wie früher im Stuhlkreis und zufrieden lächeln. Gruppengespräche. Mir graust es jetzt schon.

Die Zimmer sind alle so schrecklich bunt eingerichtet, jedes Bett hat eine andere Farbe, alle Schubladen und die Stühle. Man könnte meinen, es handelt sich um Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt, nur eben für Freaks wie mich – und ohne Affe und Pferd.

Ich blättere um und muss fast lachen.

Kinder streicheln ein Pferd, während ein anderes mit Helm im Sattel sitzt. Fehlt nur noch der Affe.

Frustriert schleudere ich das He durch mein Zimmer, wo es gegen die Tür knallt und aufgeklappt wie ein Zelt liegen bleibt.

Nicht mal die Tatsache, dass der VfB unrealistische zwei Tore vorne liegt, kann mich begeistern, und so strecke ich mich auf dem Boden vor meinem Bett aus, verschränke die Arme hinter dem Kopf und sehe an die Decke, wo die Sterne und der Smiley darauf warten, ihre Nachtschicht zu starten.

Doch egal wie sehr ich auch versuche mich abzulenken, meine Gedanken kreisen immer wieder um diese silberne Gürtelschnalle. Vielleicht würde ich mich wohler fühlen, wenn mein Gedächtnis keine kratergroßen Lücken in Bezug auf den Abend hätte. Wenn ich mir wirklich sicher sein könnte, dass die Gürtelschnalle nicht nur so ähnlich aussah, sondern wirklich den brüllenden Löwen gezeigt hat.

»Was machst du da?« Marie klop für gewöhnlich, und es hat sicher was zu bedeuten, dass sie es diesmal nicht getan hat.

»Ich denke nach.«

»Störe ich die Gedanken?«

»Nein.«

Ehrlich gesagt, bin ich ganz froh, wenn ich mal pausieren kann und nicht wie ein blinder Sherlock Holmes durch meine Gehirnwindungen tapsen muss, ständig auf der Suche nach einem Hinweis auf Tommi. Oder Samuel.

Sie deutet auf die ganzen Broschüren, die sich als Teppichläufer in meinem Zimmer bewerben.

»Schon entschieden?«

»Nein. Sie klingen alle gleich schlimm.«

Umständlich steigt sie über das Zeug hinweg, lässt sich im Schneidersitz neben mir nieder und grei nach dem Hechen, das ihr am nächsten liegt.

»Schwarzwald. Das ist nicht zu weit weg.«

»Schon. Aber schau dir mal die Infos zum Freizeitangebot an.«

Marie blättert sich interessiert durch die Seiten, betrachtet in aller Ruhe die Bilder und liest den Text, der nur ein Ziel hat: mich davon zu überzeugen, dass dieses Zentrum perfekt für mich ist.

»Das liest sich gruselig.«

Die Broschüre segelt einmal quer durch mein Zimmer, landet in der Nähe der Tür auf dem Boden und ich atme erleichtert auf. Kurz hatte ich befürchtet, sie würde mir erzählen, wie großartig es doch wäre, wenn ich mich für den Schwarzwald entscheide. Jetzt grei sie nach dem nächsten Exemplar, und ich rücke etwas näher an sie heran, werfe ebenfalls einen Blick hinein und muss zugeben, dass es weder so irre bunt ist wie der erste Bewerber noch so gruselig wie der Schwarzwald.

»Sieht zumindest mal nett aus.«

Ich nicke zustimmend und versuche an den Gesichtern der abgebildeten Jugendlichen abzulesen, ob sie für dieses Fotoshooting bezahlt wurden, unter Drogen gesetzt oder eventuell sogar ehrlich lächeln.

»Da kannst du den Segelschein machen.« Marie ist vor allem von diesem Punkt besonders angetan und tippt auf ein Bild, das einige kleine Segelboote zeigt.

»Ja, das ist hier natürlich von wahnsinnigem Vorteil.«

»Spielverderber.«

Jetzt sieht sie statt zu mir auf das eingefrorene Bild des Fernsehers, wo ich zweiundzwanzig Spieler in die Zwangspause geschickt habe.

»Alles okay?«

»Ach, ich habe ein Erdkundeprojekt mit Samuel, aber so wie wir heute auseinandergegangen sind, glaube ich kaum, dass wir es zusammen beenden.«

»Habt ihr euch gestritten?«

Sie nickt und sieht dabei ziemlich niedergeschlagen aus, vorbei die leichte Stimmung, die eben noch zwischen uns geherrscht hat.

»Ich komme nicht darüber weg, was er getan hat.«

Zum Glück bemerkt sie nicht, wie unwohl mir bei dem ema ist, immerhin beschäige ich mich mit Samuel und seiner Vorgeschichte gerade viel zu intensiv. Passt er nun in das neblige Puzzle meines Horrorabends?

»Dabei mag ich ihn so sehr, eo. So, so sehr.«

In meinem Hals wächst ein fetter Kloß.

»Er mag dich auch, das sieht echt jeder.«

»Vielleicht mag ich ja nur die Version von ihm, die er mir gezeigt hat.«

Ihr Blick wandert vom Bildschirm zu mir, und ich kann sehen, wie sehr ihr das alles zusetzt.

»Er hat mir geholfen, Marie. Einfach so. Gegen Andi und gestern …« Will ich damit sie oder mich von Samuels Unschuld überzeugen? »Vielleicht kennst du ja als Einzige die echte Version – weil er bei dir sein kann, wie er eben ist.«

»Glaubst du?«

»Zumindest weiß ich, wie es sich anfühlt, immer eine Maske zu tragen. Gut möglich, dass er die nur bei dir einfach abnimmt.« Selten habe ich so sehr geho, dass meine Worte auch der Wahrheit entsprechen mögen.

Nachdem wir eine Weile beide unseren Gedanken nachgehangen haben, nickt Marie und deutet auf das Spiel, das nach wie vor darauf wartet, dass ich entweder weiterspiele oder aufgebe.

»Wer gewinnt?« Ihre Stimme klingt wieder etwas fröhlicher, wenn auch nur ein bisschen.

»Stuttgart.«

»Gegen?«

»Barca.«

Lächelnd nickt sie und grei nach dem zweiten Controller, der schon lange genug ungenutzt rumgelegen hat.

»Vielleicht kann Barca in der zweiten Häle ja noch auolen.« Eine Ewigkeit haben wir nicht mehr gegeneinander gezockt, dabei war das früher unser Ritual, wenn unsere Eltern bei Freunden oder im eater waren. Jetzt wählt sie sich in das Spiel ein, wechselt auf die Seite der Katalanen und sieht mich auffordernd an. »Bereit für eine Abreibung?«

Sie lässt die Augenbrauen wackeln und sieht mich herausfordernd an. Für die nächsten paar Minuten erwartet niemand von mir, dass ich mich an irgendwas erinnern kann, entscheiden oder reden muss. Das klingt wie das verloren geglaubte Paradies.

»Bereit, wenn du es bist.«

Wer hätte gedacht, dass eine Partie FIFA mir ein bisschen das Gefühl von früher wieder in mein Herz spült? Eine kleine Weile geht es hin und her, bis ich einfach sage, was ich gerade emp nde: »Ich habe das hier vermisst.«

Zwischen Gelber Karte und Freistoß dreht sie sich zu mir und holt sich das verdiente Lächeln ab. Schädle hat vielleicht doch recht, kleine Schritte, auch die winzigen, zählen. Ich nutze die kurze Ablenkung und zirkele den Ball ins obere rechte Eck, springe auf und reiße die Arme in die Höhe!

»WAS FÜR EIN TRAUMTOR!«

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