Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 80 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Andi Schneider wurde mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres von der Schule verwiesen. Auch wenn ich mir sicher bin, seine Eltern werden sich irgendeine Erklärung für das Auauchen dieser Videos zurechtlegen und ihre Beziehungen spielen lassen. Aber im Moment fühle ich mich einfach unfassbar leicht, auch wenn ich die Blicke der anderen natürlich bemerke. Die Sache mit Andi hat sich rumgesprochen, weil das hier noch immer eine Schule ist und sich Dramen schneller rumsprechen als Geschichten mit Happy End.

Dabei bräuchte ich gerade ein Happy End, stattdessen erwartet mich eine Freistunde, die ich irgendwo versteckt in der Aula verbringen werden, weil ich die Geschichten nicht mehr hören kann. Irgendwo üstert jemand, dass mein Bruder sich alles nur ausgedacht hat, eine andere Stimme behauptet das Gegenteil, und ich will einfach nur meine Ruhe, verstecke mich bei den Tischtennisplatten hinter meinem Geschichtsbuch und setze mir die Kopörer auf die Ohren. Für heute habe ich genug erlebt und warte nur auf den Moment, wenn die Ruhe einsetzt und ich wirklich verstehe, dass ich Andi heute nicht mehr über den Weg laufen muss. Wer hätte gedacht, dass mir der Kalte Krieg mal eine willkommene Ablenkung von meinem Leben bieten würde? Versunken in die damaligen Verstrickungen, bemerke ich nicht, wie jemand einen Kaffeebecher neben meinen Schreibblock auf den Tisch stellt. Noch bevor ich aulicke, weiß ich schon, wessen Gesicht mich erwartet, und ich werde nicht enttäuscht.

Müde Augen und ein geteiltes Lächeln, hoffnungsvoll und traurig, so steht Samuel da, den Rucksack auf dem Rücken, die Hände in den Jackentaschen.

»Mit Milch und Zucker.« Er deutet auf den Bambusbecher vor mir. »Der ist vom Bäcker an der Ecke und nicht aus dem Automaten.«

Kaum zu glauben, dass wir ausgerechnet über Kaffee sprechen, wo wir doch so viele emen zu klären hätten. Er wartet, ob ich etwas sage, aber meine Gedanken sind zu schnell, als dass ich sie erwischen oder gar aussprechen könnte.

»Ich weiß, dass du mich gerade nicht sehen willst …«

Er irrt sich. Er ist der Einzige, den ich gerade sehen will.

»… aber ich habe etwas, das eo gehört. Und vielleicht will er es zurück.«

Erst jetzt fällt mir die Sporttasche auf, die er neben dem Stuhl abgestellt hatte und jetzt auf den Tisch direkt vor mich hievt. Irritiert sehe ich von der Tasche zu ihm, und er versteht wohl, dass ich keine Ahnung habe, was das alles soll. Zögernd öffnet er den Reißverschluss und macht dann einen Schritt zurück, als könnte das, was auch immer sich im Inneren be ndet, rausspringen und ihn angreifen.

Dabei sind es nur irgendwelche Schuhe.

Nein.

Ich beuge mich etwas weiter über die Tasche.

Nike Air Max Bubble Pack.

Wie glücklich eo damals gewesen ist, als er sie ausgepackt hat, wie fest er mich umarmt und wie breit er gelächelt hat. Über nichts anderes hat er gesprochen, nur über diese dämlichen Schuhe, die ihm so wahnsinnig viel bedeutet haben, in denen er immer diesen federleichten Gang hatte, bereit loszurennen und den Tag zu erobern.

Mit zittrigen Händen greife ich nach dem rechten Schuh und hoffe, mein Herz pocht noch ordentlich weiter, während ich ihn so drehe, bis ich die Sohle sehen kann – und da ist er. Frech lächelnd, als wolle er mir sagen, dass er noch immer da ist und sich freut, mich zu sehen. Doch jetzt verschwimmt er vor meinen Augen. Schnell wische ich mir über das Gesicht, aber der Smiley, den ich eo damals auf die Sohle gemalt habe, ist unverändert.

»Wo hast du die her?«

Samuel bemerkt, wie dünn und doch kühl meine Stimme klingt und will mir in die Augen sehen, scha es aber nicht.

»Tommi hatte sie.«

Die Enttäuschung in den Worten ist nicht zu überhören, und er muss schlucken, bevor er in die Jackentasche grei und die weiße AirPod-Box auf den Tisch legt. Befreit von all dem Ballast, den sein bester Freund in sein Leben getragen hat, sieht er endlich zu mir, und ich weiche nicht zurück, versuche mein Kinn gerade zu halten, meinen Rücken durchgedrückt. So mache ich mich größer und verrate nicht, wie sehr mich das alles durcheinanderbringt.

»Ich weiß, dass bei dir gerade sauviel los ist und ihr erst mal ganz andere Sorgen habt, aber du sollst wissen, ich hatte keine Ahnung, dass es Tommi war. Er hat es nie erzählt, mir nur irgendwann die Kopörer geschenkt und …«

»Wird er das auch zugeben?«

Denn erst dann ist der Spuk für uns vorbei, aber Samuel zuckt nur die Schultern.

»Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wo er gerade ist.«

Und ich glaube ihm, habe aber noch eine Frage.

»Hast du Andis Handy geklaut?«

»Nein, das war Tommi beim Fitness, sie gehen wohl ins gleiche Studio.« Samuel beißt sich kurz auf die Unterlippe, weiß, dass sein Freund nicht das beste ema für ein bisschen Small Talk ist, aber ich winke nur ab. Das zwischen uns war noch nie Small Talk. »Ich hoffe auf jeden Fall, dass eo wieder in die Spur ndet.«

Meine Gedanken und Gefühle führen gerade in meinem Inneren eine hitzige Diskussion darüber, was ich von Samuels Auauchen halten soll. Gebe ich zu, wie sehr ich ihn vermisst habe oder halte ich Sicherheitsabstand?

»Tja, dann sollte ich wohl los.« Er schiebt die Hände in die Jackentaschen und zuckt die Schultern, weil uns die Worte ausgehen. Dabei habe ich noch so viel zu sagen. Und er offensichtlich auch, denn er dreht sich zu mir und holt Lu. »Ich wünschte echt, wir könnten noch mal von vorne anfangen. Und es dann richtig machen.«

So nervös habe ich Samuel noch nie erlebt, wieder weiß er nicht, wohin mit seinen Händen und zieht sie erneut aus der Tasche, hält ein kleines bemaltes Stück Papier zwischen den Fingern, das er mir reicht – und ich annehme.

»Vielleicht brauchst du ja irgendwann wieder einen Freund.«

Es ist mein Smiley, den ich ihm gemalt habe und den er mir jetzt zurückgibt.

»Mach’s gut, Sternenprinzessin.«

Er dreht sich weg und geht davon, lässt Turnschuhe, AirPods und Kaffee zusammen mit einem überdrehten Herz bei mir zurück. Es wird dauern, bis ich das hier alles verstanden, sortiert und verarbeitet habe. Aber ich will ihn nicht gehen lassen.

»Hey, Samuel!«

Er ist schon fast an der Doppeltür zum Pausenhof, als er stehen bleibt und sich zu mir dreht.

»Hast du deine Erdkundesachen dabei?«

Er nickt etwas perplex.

»Wir müssen nämlich noch immer dieses blöde Referat machen.«

Einen kurzen Moment weiß er nicht so recht, wie er reagieren soll, aber dann schleicht sich ein schüchternes Lächeln auf sein Gesicht und er kommt langsam wieder näher.

»Sicher?«

Ich nicke, und er nimmt auf dem Stuhl neben mir Platz, kurz berühren sich unsere Knie unter dem Tisch, dann zieht er den Rucksack von den Schultern, kramt seinen Block und das Erdkundebuch hervor. Unsere Knie berühren sich noch immer. Umständlich schlägt er den Block auf, öffnet sein Mäppchen und scht meinen Kugelschreiber heraus, dreht ihn kurz zwischen seinen Fingern und reicht ihn mir.

»Der gehört dir.«

Den gelben Kugelschreiber hatte ich fast vergessen, dabei war er doch der Beginn unserer Geschichte. Samuel sieht zu mir und ich drücke mein Knie einen Herzschlag lang gegen seines, spüre den kleinen Smiley auf dem Papier in meiner Hand. Ich greife nach dem Kugelschreiber, wobei sich unsere Hände ganz üchtig berühren und ich den Mut fasse, unsere kleinen Finger ineinander zu verhaken.

»Ich könnte übrigens einen Freund gerade sehr gut gebrauchen.«

Samuel legt seine Finger um meine und drückt meine Hand.

eo hat recht, manchmal braucht man für manche Dinge einfach einen zweiten Anlauf – und das ist absolut okay.

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