Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 33 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Theo

 

Mama schließt die Tür leise hinter sich und ich atme erleichtert auf. Natürlich meint sie es nur gut, aber diese Kontrollbesuche alle siebzehn Minuten machen mich wahnsinnig. Was soll sich in einer knappen Viertelstunde schon so Bahnbrechendes in meinem Leben verändert haben?

Der Tee steht unberührt neben meinem Bett, und ich sehe ihm dabei zu, wie er minütlich kälter und der Dampf aus der Tasse immer weniger wird.

Marie ist wieder in der Schule, und ich liege hier wie ein Vollidiot in meinem Bett, weil meine Brust zu eng für ausreichend Sauerstoff ist und ich das Gefühl nicht loswerde, dass mein kompletter Körper kurz davorsteht auseinanderzubrechen. An manchen Tagen, so wie heute, glaube ich, dass ich nur noch von meiner Haut zusammengehalten werde. Langsam strecke ich meine Hand aus und spreize meine Finger, bewege sie zögernd, aber alles sieht total normal aus. Dabei weiß ich genau, dass in mir etwas kaputt ist. Das weiß doch jeder, genau deswegen behandeln sie mich so, wie sie es tun.

Entweder mit Samthandschuhen, damit sie den eo aus Glas nicht gänzlich kaputt machen, oder, so wie Andi, mit offener Aggression, weil ein kaputter Typ wie ich sich niemals wehren würde.

Ich balle die Hand zur Faust und sehe den Sehnen auf meinem Handrücken dabei zu, wie sie zucken. Was, wenn ich diese Faust einfach nutzen würde? Nur ein Schlag, in den ich all die angestaute Wut und Enttäuschung packe und sie gegen jemanden wie Andi richte? Klar, er würde mich danach vermutlich windelweich dreschen, aber vielleicht würde ich mich dann besser fühlen?

Wem mache ich da was vor? Zu hartnäckig haben sich die Erinnerungen an meinen letzten Versuch, mich zu wehren, in meinem Gedächtnis eingenistet. Und doch pumpt mein Herz aufgeregt bei der rein hypothetischen Vorstellung, wie ich Andi die Nase breche.

Es ist die Angst, die mich eigentlich in Schach hält. Die Angst vor einer Wiederholung. Die Angst vor dem, was da draußen noch so auf mich lauern könnte. Die Angst vor der Dunkelheit und vor dem Morgen. Diese Angst, die nicht mehr weggeht und so übermächtig geworden ist, dass es gar keinen Sinn mehr ergibt, es überhaupt mit ihr aufnehmen zu wollen. Schädle will immer, dass ich die Panik auf einer Skala von eins bis zehn einordne, und ich bringe es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass die meistens bei zwölf liegt. Mithilfe von Atemübungen soll ich sie irgendwie auf vier runterdimmen, aber im einstelligen Bereich war ich seit Monaten nicht mehr.

Außer meiner Familie glaubt sowieso niemand so recht, dass ich wieder vollständig gesund werde. Wie auch? In der Schule bin ich zu einem wandelnden Freak geworden, einem, dem man ausweicht oder ein Bein stellt und abwartet, ob er wieder aufsteht. Es würde mich nicht mal wundern, wenn Wetten liefen, ob ich irgendwann liegen bleibe oder mich einfach au öse.

eo, ja, der ist mal hier zur Schule gegangen, aber der wurde eines Tages zu Kompost.

Ich setze mich auf und spüre sofort, wie mein Kopf erst etwas verzögert mitkommt, sich kurz dreht und schließlich doch auf meinen Schultern sitzen bleibt.

Soll es echt so laufen? Ich bin sechzehn, verdammt noch mal! Wieso bin ich nicht da draußen, quäle mich durch eine unfassbar öde Chemiestunde und lache dann mit meinen Kumpels in der Pause über alles Zeug, das eben lustig ist? Wieso verknalle ich mich nicht Hals über Kopf in ein hübsches Mädchen, in deren Nähe mir alles zu eng wird und ich am liebsten vor Glückshormonen platzen möchte?

Nein. Ich sitze hier in meinem Zimmer, meinen vier Sicherheitswänden, weil sie mich hier nicht holen können. Selbst, wenn sie wüssten, wo ich wohne, sie kämen niemals so weit.

Hier bin ich sicher.

Aber eben auch nur hier.

Setze ich einen Fuß durch diese Tür, sind da Mama und ihre Fragen.

»Wie geht es dir, mein Schatz?«

Gut.

»Woran denkst du, mein Schatz?«

An nichts.

»Willst du reden?«

Nein.

»Willst du vielleicht etwas essen?«

Nein.

»Was möchtest du dann?«

Ich möchte, dass es auört.

Ich möchte einfach, dass es auört. Dass mir die Dunkelheit keine Angst mehr macht und ich nicht nur durch mein Leben schleiche wie ein Schatten, der den dazugehörigen Menschen verloren hat.

Dr. Schädle sagt, dass es normal ist, nach einem Psychotrauma erst mal in einer Art Starre zu verharren. Vermutlich könnte ich mir die Haare noch kürzer rasieren, mir einen neuen Namen zulegen und total durchdrehen, sie würde noch immer nachdenklich nicken und mir versichern, dass auch so was eine normale Reaktion auf das Erlebte sei. Weil es kein Patentrezept für den Umgang damit gibt und jeder Betroffene anders reagiert.

Ich will aber ein verdammtes Patentrezept! Ich will hören, was ich tun kann, um es vollständig zu vergessen oder zumindest die Angst im Griff zu behalten. Wie soll ich denn nur damit umgehen, wenn ich doch weiß, dass es mir und jedem anderen, der mir lieb ist, jederzeit passieren kann? Was, wenn sie das nächste Mal nicht mich, sondern Mama oder Marie erwischen? Was dann? Was, wenn sie nicht so viel Glück hätten wie ich?

Was, wenn sie mich noch mal erwischen?

Gerade dann, wenn ich alles wieder zusammengesetzt habe?

Ein Umzug, das klang für uns alle nach der besten Option, aber Marie so kurz vor dem Abschluss aus der Schule zu reißen, das wäre nicht fair gewesen. Und auch meine Eltern haben ein Leben, Jobs, Freunde … wie sollten sie das alles aufgeben, nur weil ich mich nicht zusammenreißen kann.

Reiß dich endlich zusammen, eo!

Ich schlage mir kurz an die Schläfe, aber ich spüre nichts. Gar nichts. Schnell schlage ich mir erneut einige Male mit der achen Hand ins Gesicht, aber auch wenn ich weiß, dass es wehtun sollte, spüre ich nichts, außer der mächtigen Wut, die von Minute zu Minute anwächst.

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