Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 62 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Von Samuel fehlt heute jede Spur.

Es herrscht eine seltsame Stimmung auf den Fluren. Einige werfen mir im Vorbeigehen entschuldigende Blicke zu, und ich wette, dass sie alle mitgekriegt haben, was eo Andi vorwir. Schneider und seine Truppe habe ich nur kurz in der Aula gesehen, bin ihnen sonst aber aus dem Weg gegangen.

»Marie?«

So tief in meinen eigenen Gedanken versunken, stolpere ich jetzt fast gegen Frau Fischer, die wie aus dem Nichts vor mir auaucht und mich offen anlächelt.

»Ja?«

Sie wird nach eo fragen, wetten? Dabei haben meine Eltern heute Morgen angerufen und erklärt, dass sie ihn von der Schule nehmen. Zu seiner eigenen Sicherheit.

»Du bist doch mit Samuel Nowak … befreundet, nicht wahr?«

Sie lässt genug Spielraum um das Befreundet, immerhin haben uns die Lehrer auf den Gängen zusammen gesehen.

»Ja.«

»Weißt du denn, wo er heute ist?«

Wer hätte gedacht, dass die ganze Lügerei für eo mir irgendwann eine Zusatzquali kation einträgt? Ich lächele ein bisschen.

»Es ging ihm gestern nicht so gut. Vermutlich hat er etwas Falsches gegessen.«

Fischer glaubt mir kein Wort, und ich habe genau diese Geschichte in der Vergangenheit schon zu o, wenn auch deutlich überzeugender vorgebracht.

»Nun, es wäre schön, wenn er sich im Krankheitsfall abmeldet. Sonst müssen wir davon ausgehen, dass er die Schule schwänzt.«

»Er ist krank.«

Sie nickt, lässt sich von meiner Version aber nicht überzeugen.

»Dürfen Schüler nicht mehr krank sein?«

»Natürlich dürfen sie das. Aber Samuel hat …« Sie mustert mich, will wohl wissen, wie viel von Samuels Story ich kenne. »… Samuel hat eine Vorgeschichte.«

»Ich weiß.«

Das überrascht sie, dennoch überspielt sie es mit einem frostigen Minilächler.

»Dann verstehst du auch, wieso wir ihn genau im Auge behalten müssen. Ärger an der Schule brauchen wir wahrlich nicht.«

»Wir haben schon lange Ärger hier, und das hat absolut nichts mit Samuel zu tun.«

»Ich habe das von deinem Bruder gehört.« Für einen kurzen Moment hellt sich ihr Gesicht auf und ich erkenne Spuren von Mitgefühl. »Vielleicht sollten deine Eltern über professionelle Hilfe für ihn nachdenken?«

Damit lässt sie mich stehen und geht in Richtung Lehrerzimmer davon.

Ich warte, bis sie nicht nur außer Sicht-, sondern auch Hörweite ist und greife nach meinem Handy. Er wird nicht rangehen, und ich weiß nicht, wieso, aber trotzdem versuche ich mein Glück und wähle seine Nummer. Es klingelt nicht mal, die Mailbox springt sofort an.

»Hi, ich kann gerade offensichtlich nicht rangehen, quatscht aufs Band, dann rufe ich beim nächsten unpassenden Moment zurück.«

»Samuel, mich hat die Fischer gerade nach dir gefragt. Du hast dich nicht krankgemeldet … wo steckst du? Melde dich bitte bei mir.«

Schon gestern hatte ich dieses komische Gefühl, als er mir nicht recht sagen konnte, wie er eo gefunden hat. Und seit auch eo mir heute früh ausgewichen ist, wirbelt da eine ganze Menge Staub in meinem Herzen herum. Vielleicht wünsche ich mir deswegen so sehr, dass Samuel einfach auaucht und mich in den Arm nimmt.

Doch gerade läu nichts so, wie es sollte, und statt Samuel taucht Andi vor mir auf.

»Hi.«

Mein Plan, ihn einfach stehen zu lassen, scheitert, weil er mir immer wieder den Weg verbaut.

»Kann ich bitte vorbei?« Mein eisiger Blick düre einige Frostbeulen in seinem Gesicht hervorrufen, aber er denkt nicht daran, auch nur einen Schritt zu weichen.

»Wo ist es?«

»Wo ist was?«

»Mein Zeug. Mein Rucksack, meine Schuhe, mein Handy. Alles.« Er zischt mir seine Antworten zu und wirkt angespannt, wie ich ihn selten erlebt habe. Dabei sollte doch ausgerechnet er vor Freude durch die Schule tanzen, weil alle ihm und nicht uns glauben.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du quatschst.« Und keine Lust, mich noch länger mit ihm zu unterhalten. Er packt grob meinen Arm, als ich an ihm vorbei will.

»Erzähl keinen Scheiß! Wo sind meine Sachen?«

Er tut mir weh, aber das werde ich ihn nicht wissen lassen, stattdessen reiße ich mich von ihm los und funkle ihn wütend an.

»Ich bin nicht eo. Ich habe keine Angst vor dir, also fass mich ja nicht an!« Meine Knie zittern, aber nur, weil es so viel Energie kostet, ihm nicht direkt eine zu knallen.

»Jemand hat mein ganzes Zeug geklaut, und ich weiß, dass es dein scheiß Freund war.«

Samuel. Der Junge, der angeblich für Ärger sorgt.

»Ja, dann sprich doch mit ihm, ich bin nicht seine Sekretärin.«

»Würde ich ja, aber der Wichser knei.«

»Er ist krank.«

Andi lacht auf und gibt sich nicht mal Mühe, es ehrlich klingen zu lassen. Kopfschüttelnd schiebt er die Hände in die Taschen seiner Jeansjacke mit den bunten Aufnähern.

»Der Typ hat wirklich keine Ahnung, mit wem er sich anlegt.«

»Ich glaube nicht, dass Samuel deinetwegen mit den Knien schlottert.«

Andis Grinsen wird eine Spur bösartiger.

»Mein Vater und Herr Köhler sind im gleichen Tennisclub, wusstest du das?«

Herr Köhler unterrichtet Physik und Sport bei den Jungs. Ein Schulterzucken düre als Kommentar zu Andis brandheißer Information reichen.

»Und Köhler hat ihm erzählt, dass dein feiner Freund im Knast war.« Andi kann an meiner Reaktion ablesen, dass mir kurz übel wird. »Wusstest du das etwa nicht?«

Er will mir pseudo-mittfühlend die Hand auf die Schulter legen, aber ich haue sie sofort weg.

»Doch, Andi, es mag dich überraschen, aber ich wusste es. Samuel macht daraus kein Geheimnis.«

Das wiederum überrascht ihn tatsächlich, und ich sehe in seinen Augen, wie er seinen Plan in Sekundenschnelle ändert.

»Hat er dir auch erzählt, was er angestellt hat?«

Nicht so genau. Die Details hat er für sich behalten, aber die groben Eckdaten haben mir gereicht.

»Ja.«

Andi legt den Kopf ein bisschen schief und schürzt die Lippen.

»Ach ja?«

Ich nicke, will Andi nicht zeigen, wie nervös es mich macht, dass er Bescheid weiß.

»Und schämst du dich nicht, mit einem Typen rumzumachen, der einen hil osen alten Mann ausgeraubt und ins Krankenhaus geprügelt hat?«

Er lügt. Typen wie Andi lügen, um zu bekommen, was sie wollen. Ich schlucke.

»Nein.«

»Er hat ihn einfach blutend liegen lassen. Er hätte sterben können. Krass, oder?«

Das ist ein eser Mindfuck von Andi, nicht mehr. Sein Grinsen wächst und wächst, als gäbe es dafür keine natürlichen Grenzen.

»Was meinst du, wie die anderen hier darüber denken, hm?«

Ich trete direkt vor ihn, baue mich auf und würde ihm am liebsten an die Gurgel springen, aber das würde weder Samuel noch mir etwas bringen.

»Irgendwann wirst du so dermaßen auf die Schnauze fallen mit all deiner Gehässigkeit. Und ich werde dann bei deinem Aufschlag einen Logenplatz mit der besten Sicht haben.«

»Dein Loverboy soll mir mein Zeug wiedergeben, sonst erzähle ich es hier und überall sonst.«

»Samuel hat dein Zeug nicht geklaut.«

»Natürlich war er es! Er hat mir neulich auf dem Parkplatz gedroht und meine Jungs haben es gehört. Wer soll es denn sonst gewesen sein?«

»Vielleicht gibt es ja noch mehr Leute hier, die dich nicht leiden können.«

Wieder lacht er und schüttelt den Kopf, arrogant wie immer.

»Okay. Ich hatte dich gewarnt.« Ohne den Blick von mir zu nehmen, hält er den nächstbesten Schüler am Arm fest und dieser erstarrt unter Andis Berührung.

Es ist Lukas, ein schüchterner Typ aus meinem Jahrgang. »Hast du gewusst, dass Samuel Nowak im Knast war? Körperverletzung, fast ein ganzes Jahr saß er ein. Krasser Scheiß, oder?«

Dann lässt er Lukas los und verschränkt zufrieden die Arme vor der Brust. Der Schneeball dieser Information, die niemanden etwas angeht, rollt langsam den Hang hinunter. Lukas wird es seinen Kumpels erzählen, die ihren Freundinnen und die dann ihren, und bevor der Schultag zu Ende ist, werden es alle wissen. Andis Triumph spiegelt sich in seinem Gesicht und ich kann nicht anders. Meine Ohrfeige tri ihn mit voller Wucht, verrückt das ese Lächeln aber keinen Zentimeter.

»Von einem Logenplatz aus werde ich deinen Absturz erleben. Merk dir das, Schneider.«

Wütend spucke ich ihm die Worte ins Gesicht, bevor ich mich abwende und mit zittrigen Knien davonschreite. So weit, bis ich sicher sein kann, dass er mir nicht mehr folgt oder mich hören kann. Meine Atmung ist zu schnell, mein Puls jagt fast durch die Decke, und ich lehne mich gegen den Kopierer, der in der hintersten Ecke der Schule bei der Kartensammlung steht.

So ein verdammter Mist.

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