Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
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Samuel
Die eiserne Ausgangstür zum Dach geht mit einem zarten Klick! auf, und Marie beschenkt mich mit einem kleinen, leisen Applaus.
»Es überrascht mich nicht mehr, dass du dafür keinen Schlüssel brauchst.«
Ich verbeuge mich für dieses Kompliment, auch wenn es eher ein zweifelhaes Talent ist, das ich mir da über die Jahre erarbeitet habe, und lasse sie als Erste durch die Tür aufs Dach treten.
»Wenn du kostenlos die Aussicht genießen willst, musst du er nderisch werden.«
Alternativ zum Schlossknacken hätte ich Oli nach dem Schlüssel fragen können, aber dann hätte Tommi zu tausend Prozent hiervon Wind bekommen, und ehrlich gesagt, ist das gerade so ein Moment, den ich nicht mit ihm oder den Jungs teilen will.
Marie sieht sich auf dem Dach um, als wären wir in der Staatsgalerie, wo die tollsten Bilder der großen Künstlern hängen. Die Jungs haben die Gartenstühle nicht weggeräumt, sie stehen verlassen in der Mitte, ebenso das uralte Radio, auf dem wir im Sommer die Hits der Saison gehört und mitgesungen haben.
»Wow.«
»Es ist nicht das Empire State Building.«
»Mit ein bisschen Fantasie …« Sie dreht sich zu mir um, aber ich kann nur die eine Häle ihres Lächelns erkennen, weil der Wind ihr die Haare wie einen Schleier vor das Gesicht weht. »Ich nde es cool.«
Sie grei nach meiner Hand und zieht mich an den Rand, von wo aus man den besten Ausblick hat. Es erfüllt mich mit absurdem Stolz, dass dieses Hochhausdach ihr so ein Strahlen in die Augen zaubert. Gerade kommen mir die Probleme, die unten auf uns warten mögen, noch kleiner vor als sonst. Vorsichtig traut sie sich bis an die eiserne Brüstung, lehnt sich dagegen und wagt einen Blick durch die Gitter nach unten.
»Woho.«
Sofort zuckt sie zurück und prallt gegen mich.
»Das ist hoch.«
Ich verkneife mir ein Grinsen. »Ich hatte angenommen, der Spoiler wäre angekommen.«
»Ja, irgendwann im zwanzigsten Stock dämmerte es mir.«
»Solange du nicht springst, passiert auch nichts.«
Zögernd traut sie sich wieder etwas weiter vor, lässt den Blick aber diesmal sicherheitshalber in die Ferne wandern und entspannt sich langsam. Noch immer stehe ich direkt hinter ihr, und ich glaube, sie genießt diese Nähe.
»Ich muss sagen, beeindruckend.« Sie deutet mit ausgestrecktem Arm irgendwo in Richtung Himmel. »Ich kann bis fast nach Zuffenhausen sehen.«
»Manchmal, wenn ich gar nicht mehr wusste, wohin mit allem, hab ich mir vorgestellt, ich könnte bis über alle Grenzen schauen. Bis dahin, wo mich niemand kennt.« Jetzt spüre ich ganz deutlich, wie sie ihr Gewicht gegen mich verlagert.
»Das klingt gut. Wenn es nach mir ginge, würde ich von hier gerne bis nach Spanien oder so schauen.«
»Dafür schaust du zwar in die falsche Richtung …«
Sie verpasst mir einen sanen Hieb in die Seite.
»Du weißt genau, was ich meine.«
»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?«
Marie dreht den Kopf in meine Richtung und ich spüre ihren Atem auf meiner Wange.
»Hm?«
»Hier oben habe ich gelernt, Gedankenspaziergänge zu unternehmen. Wenn du also bis nach Spanien möchtest …« Ich lege meine Hand über ihre, die das Gerüst vor uns umklammert. »… dann können wir auf die Art gehen, wo immer du hinwillst.«
Marie schließt die Augen und atmet langsam ein, verharrt einen Moment in dieser Position, bevor sie mich ansieht.
»Wenn ich die Schule fertig habe, dann gehe ich weg.« Ihre Stimme klingt entschlossen. »eo wird enttäuscht sein. Meine Eltern wohl auch, aber ich halte es nicht mehr aus. Sie haben so viel kaputt gemacht.«
»Deine Eltern?«
»Nein. Diese Idioten, die eo damals überfallen haben. Sie haben ihn einfach ausgenommen und dann kaputt zurückgelassen. Sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden, ungestra.«
Ihre Stimme klingt so gefasst, aber ich kann das eben Gesagte nur schwer begreifen.
»Wo ist das denn passiert?«
»Haltestelle Staatsgalerie.«
»Und es gab keine Zeugen?«
»Nein. Es war zu spät am Abend, und die Kameras funktionieren da nicht, wegen der blöden Umbauarbeiten. Weißt du, zuerst habe ich gedacht, er würde sich davon erholen.«
Ihr Blick wandert wieder davon, als folge er ihren Gedanken.
»Aber es wurde nur immer schlimmer. erapie hin oder her, es wird einfach nicht besser. Meine Eltern sind ratlos, aber das geben sie nicht zu. Sie arrangieren sich mit dem Ist-Zustand und verlangen das auch von mir.«
Obwohl ihre Stimme langsam wackelt, spricht sie weiter.
»Aber ich kann das nicht. Mein Leben steht seit dem Tag X auf Pause, weil wir uns alle um eo drehen. Und ich will ihm helfen, aber ich weiß einfach nicht mehr, wie.« Wieder schließt sie die Augen. »Er zieht sich immer weiter zurück, lügt uns an, wenn wir fragen, wie es ihm geht, und erwartet von mir, dass ich lächelnd nicke, während er immer weiter verschwindet.« Mit einem Mal reißt sie die Augen auf und ihr Blick ist wütend, fast brennend. »Ich wünschte mir, die Typen würden endlich geschnappt, dann könnte eo vielleicht endlich damit abschließen und noch mal von vorne anfangen.«
Jetzt ergibt alles, was eo mir über Stuttgart als sein Gefängnis erzählt hat, viel mehr Sinn.
»Das tut mir leid.«
»Allen tut es leid. Aber niemand kann helfen.« Marie schüttelt den Kopf und bringt plötzlich Abstand zwischen uns. »Manchmal bin ich so wütend. Auf Andi, auf alle, die wegschauen, auf alle, denen eo egal ist, auf meine Eltern, auf mich …«
»Vielleicht solltest du das mal rauslassen.«
»Rauslassen?«
Ich nicke, stelle mich neben ihr auf und umklammere das Gitter vor uns, so fest, als befürchtete ich, der Wind könne mich wegblasen. Dann denke ich an all die Dinge, die ich vergessen will. An die Schikane in der JVA, die Prügel und alles dazwischen, hole tief Lu und schreie, schicke meine Gefühle über die Hausdächer meines Viertels, bis über die Stadtgrenzen und noch viel weiter hinaus.
Einmal angefangen, kann ich gar nicht mehr auören, nehme nur wahr, dass Marie in mein verletztes Gebrüll mit einfällt. Wir stehen da und schreien so lange, bis wir heiser und leer sind. Dabei weiß ich nicht, ob es der Wind ist, der mir die Tränen in die Augen treibt, oder ob sie doch von ganz woanders herrühren.
Erst, als nichts mehr da ist, hören wir auf und sehen der ausgebrüllten Wut hinterher, die der Wind mit sich nimmt und deren Echo sicher noch irgendwo zu hören ist.
»Das hat sich ganz gut –«
Weiter komme ich nicht, weil Marie den Kragen meiner Jacke schnappt und mich zu sich runterzieht. Ihre Lippen treffen meine, so verzweifelt, dass ich schnell die Arme um sie schlinge, aus Angst, sie könnte das Gleichgewicht verlieren oder ich mich Hals über Kopf in sie verlieben.
Letzteres ist ohnehin schon längst passiert.
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