Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 76 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Meine Tür ist zu, das ist so was wie der internationale Code für Ich möchte nicht gestört werden . Es sollte mir irgendwo angerechnet werden, dass ich diesen Schultag überhaupt überstanden habe, mit gebrochenem Herzen Stochastik lernen, das ist sicher eine besondere Erwähnung im Zeugnis wert, oder?

Bis zum Bett schaffe ich es noch, dann lasse ich los und drücke mein Gesicht ins Kissen, in der Hoffnung, dass es irgendwann nicht mehr so wehtut.

Samuel und eo . Zu genau erinnere ich mich an meine erste Begegnung mit den beiden im Doppelpack. Samuel hatte eo geholfen, sich gegen Schneider gestellt, und plötzlich war alles anders. Auf den ersten Blick eine kleine Geste, betrachte ich die Szene jetzt rückblickend aus allen Winkeln, suche nach einem Indiz, einem Beweis, irgendwas, das mich davon überzeugt, dass Samuel uns angelogen haben könnte. Dass er wusste, dass es Tommi gewesen ist. Aber da sind nur ehrliche Augen und ein lächelnder eo.

Nach einem Sicherheitsblick zur Tür ziehe ich dieses andere Handy aus meiner Tasche. In der Schule hatte ich keine Möglichkeit, es in Ruhe zu inspizieren. Ein Geschenk für eo, ein Handy mit deutlichen Gebrauchsspuren und in den Flugmodus versetzt. Noch hat es knapp zwanzig Prozent Akkuleistung, und vom Sperrbildschirm grinst mich Andi Schneider an, mit Sonnenbrille und Basecap, an irgendeinem Strand.

Es ist Andis Handy. Das er so dringend wiederhaben wollte und das Samuel geklaut haben soll. Mit schwirrenden Gedanken und kribbelnden Fingern halte ich es fest, nicht gewillt, es so schnell wieder herzugeben. eo soll an den VfB denken . Das hat Samuel doch gesagt, oder? Einen Versuch wäre es wert, also tippe ich 1893, das Gründungsjahr unseres Heimatvereins ein und habe Glück. Mir stehen alle Apps, Kontakte, WhatsApp-Chats und damit Schneiders ganzes Leben offen. Ich öffne sofort die Fotogalerie und scrolle mich durch die Bilder, die ein überhebliches Grinsen auf jedem Sel e zeigen.

Andi vor dem Spiegel, oben ohne und mit angespanntem Bizeps.

Andi mit Sonnenbrille an einem sonnigen Strand.

Andi im Fitnessstudio, wie er sich an Klimmzügen versucht.

Andi mit einem Joint auf dem heimischen Balkon.

Die Fotos zeigen noch etwas anderes. Eine Leere in seinem Blick, das Fehlen von Freunden außerhalb der Schule. Es gibt keine Fotos von ihm mit Kumpels oder Freundinnen, es fehlen Partyfotos oder Ähnliches. Auch bei Familienfotos herrscht gähnende Leere. Dafür sehr viel Andi, wie er gerne wäre oder sich sehen will.

Seine Videos hingegen zeichnen ein ganz anderes Bild von ihm.

eo, wie er unsicher inmitten einiger Jungs steht, die ihn alle schubsen oder in die Kniekehle treten.

eo, der dabei zusehen muss, wie Andi breit grinsend seinen Rucksack in den Mülleimer ausleert und anzündet.

eo, wie er halb nackt in der Umkleidekabine von den anderen gehänselt wird, während Andi ihm die Klamotten klaut.

eo, wie er mit Tränen in den Augen dasteht und alles über sich ergehen lässt, dazu Andis Gesicht und das hämische Lachen der anderen Jungs.

Wie auch immer Samuel an dieses Handy gekommen ist, die Videos alleine sind Beweis genug, um Andi von der Schule iegen zu lassen.

Das Klopfen höre ich, ignoriere es aber, weil ich nicht reden will. Nicht mit Mama und auch nicht mit Papa, ich will nicht hören, dass sie mich ja gewarnt hätten oder es ihnen leidtut.

»Störe ich?«

eo . Ich bin nicht in der Lage, auch ihn aus meinem Zimmer zu werfen. Nicht eo, also schiebe ich das Handy unter mein Kissen und sehe zur Tür, die er bereits wieder hinter sich geschlossen hat.

»Nein.«

»Ich wollte es dir vorher schon erzählen, aber …«

»Du musst gar nichts erklären, eo. Ganz im Gegenteil, es ist gut, dass du dich erinnert hast.«

Er zieht eine Augenbraue in die Höhe, stößt sich von der Tür ab und kommt auf mein Bett zu.

»Also, ich meine, es ist gut, wenn du irgendwann damit abschließen kannst.«

»Dabei habe ich deine Welt aber auch ziemlich durcheinandergebracht.«

Er nimmt am Fußende Platz, aber ich klopfe auf die Decke neben mich, weil er nicht glauben soll, ich wäre in irgendeiner Weise sauer auf ihn. Zögernd nimmt er meine Einladung an und rutscht neben mich, lehnt sich an das Kissen und sieht bedrückt zu mir.

»Wieso behaupten sie immer, dass alles wieder an den richtigen Platz rutscht, wenn man sich erinnert?«

»Weil es irgendwann so sein wird. Mit der Zeit.«

Wir schweigen eine kleine Weile, hängen unterschiedlichen Gedanken mit den gleichen Protagonisten nach. Schließlich deutet er in Richtung Tür.

»Papa ist sich so sicher, dass es jetzt vorbei ist.«

»Und was denkst du?«

eo drückt sich fester in das Kissen und sieht an die Decke, wo keine Sterne und Smileys kleben.

»Sie wollen alle, dass es vorüber ist. Und ich habe sie schon so lange enttäuscht.«

»Niemanden hast du enttäuscht.«

»Als ich an der U-Bahn stand, als Samuel und Tommi mich gefunden haben, da war alles wieder da. Alles. Die Gürtelschnalle, Tommis Stimme und dann auch noch Samuels AirPods …«

Eine Frage, die mich nicht in Ruhe lassen will, schwirrt seit vorhin wie ein wilder Bienenschwarm durch meinen Kopf, und egal, wie sehr ich sie ignoriere, sie wird nicht leiser. Mit all meinem Mut sehe ich zu eo.

»War Samuel auch dabei?«

»Nein.«

»Wie kannst du dir sicher sein?«

»Ich weiß es einfach. Er hat mir mit Andi geholfen, einfach so. Er …« eo schüttelt abwesend den Kopf. »Er war nicht dabei.«

Schnell fährt er sich über das Gesicht und die Haare, die bereits im Ansatz wieder lang genug für Locken sind, was mir unheimlich gut gefällt, bevor er sich zu mir dreht und meine Hand in seine nimmt, dabei die Finger ausstreckt, als Zeichen, ich solle es ihm nachmachen. Er hat größere Hände als ich und seine Finger sind auch länger.

»Jetzt habe ich bei dir alles durcheinandergebracht. Dabei solltest du doch die sein, die glücklich wird.«

»Mach dir um mich mal keine Sorgen.«

»Hey, ich darf mir ja wohl Sorgen um meine Schwester machen.« Mit einem schiefen Grinsen im Gesicht drückt er seine Hand gegen meine. »Wird Zeit, mal wieder auf dich aufzupassen.« Er löst seine Hand von meiner und malt mir mit dem Zeige nger einen Smiley in die Hand äche.

»Das kann ich ganz gut alleine.«

Genau genommen mache ich mir nur Sorgen um mein Herz, das zwar seinen Tagesjob weiterhin ordentlich erledigt, aber sein Hobby Verliebtsein an den Nagel gehängt hat. Kein Gedanke an Samuel ohne diese Begleiterscheinung. Herzschmerz.

»Es wäre auch zu schön, um wahr zu sein, oder?« eo weiß nicht, was ich meine, und obwohl ich ihm nicht wehtun will, spreche ich es trotzdem aus. »Nach all dem Mist und dem Druck und allem, war Samuel für mich wie ein …« Ich muss an unser Date auf dem Hochhausdach denken, unser Gebrüll, den Kuss und alles dazwischen. »… wie ein Gedankenspaziergang.«

»Wie ein was?«

Und dann erzähle ich eo alles. Von unserem heimlichen Treffen in der Stadt, von den Kaffees, die er mir gekau hat, vom ersten und vom letzten Kuss, von meiner Flucht zu ihm und auch von dem Moment im Badezimmer, als ich einen ganz anderen Samuel kennengelernt habe. eo hört einfach nur zu. Keine Ahnung, wie lange wir auf meinem Bett sitzen und quatschen, aber irgendwann sind alle Worte aufgebraucht und ich bin erst mal leer.

eo streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schenkt mir ein aufmunterndes Augenzwinkern.

»Danke.« Überrascht sieht er zu mir, und ich zucke nur die Schultern. »Es ist schön, einen großen, jüngeren Bruder zu haben, der für mich da ist.«

»War ich viel zu lange nicht mehr.«

»Du hattest deine Gründe.«

Langsam schiebe ich meine Hand unter das Kissen, kontrolliere, ob Andis Handy noch immer dort ist, oder ob es nur eine Fata Morgana war. Es ist an Ort und Stelle, gefüllt mit Informationen, die Andi überführen werden. Als ich wieder zu eo sehe, kann ich erkennen, dass er noch was sagen will, also setze ich mich in den Schneidersitz.

»Was geht in deinem Ex-Lockenkopf vor?«

Er fährt sich re exartig durch die Haare und muss grinsen, bevor er Lu holt und mich direkt ansieht.

»Ich glaube, ich will an die Ostsee.« Es hat ihn Überwindung gekostet, diese Worte auszusprechen, und ein schüchternes Lächeln, das ganz entfernt an meinen Lockenkopruder erinnert, wächst auf seinen Lippen. »Es war die Broschüre, die am wenigsten übertrieben oder Dinge beschönigt hat, die, aus der du mir vorgelesen hast. Die erste erapie ist nicht so gelaufen, wie ich es erho hatte, aber vielleicht braucht man für manche Dinge einfach einen zweiten Anlauf.«

Ostsee, das klingt erst mal so unendlich weit weg, aber die Hoffnung in seinem Blick lässt mich diesen Gedanken runterschlucken und stattdessen einen anderen aussprechen.

»Ostsee klingt okay.«

Er nickt, und ich lege die Arme um seinen Hals, drücke ihn kurz fest, damit ich niemals vergesse, wie es ist, einen großen, jüngeren Bruder zu haben.

»Okay ist vielleicht noch nicht gut, aber okay ist okay. Und vielleicht helfen die mir dort, hier drinnen aufzuräumen.« Er tippt sich an die Brust, nicht an den Kopf, und ich wünsche ihm so sehr, dass er noch mal neu anfangen kann. Nicht bei null, aber von vorne. »Du kommst mich da oben doch besuchen, oder? Bisschen Schiss hab ich nämlich schon.«

»Machst du Witze? Ich würde am liebsten gleich mitkommen.«

Es ist ein Scherz und auch wieder nicht. Er wird mir fehlen, und obwohl ich weiß, dass ich immer mehr Raum für mich und mein Leben wollte, so weiß ich auch, dass es ohne eo viel zu leer sein wird.

»Gewöhn dich nicht zu sehr an den ganzen Platz hier, ja? Ich plane nämlich, wieder zurückzukommen.«

»Versprochen?«

Er sieht mich ganz fest an und nickt. »Versprochen.«

Diesmal glaube ich ihm.

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