Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 6 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Samuel

 

Er sieht aus wie immer. Das müde Lächeln, als müsse er sich abmühen, die Mundwinkel nach oben zu bewegen. Dazu passend die Augen, klar und doch irgendwie trüb, die einen permanent mustern, weil er keinem traut.

Keinem außer mir.

»Der Held kehrt nach Hause.«

Ich höre ihn nur gedämp, viel zu laut brüllt mir Casper etwas über 20 qm in die Ohren, aber ich weiß auch so, was er sagt. Nur fühle ich mich nicht gerade wie ein Held.

Er rutscht von der Parkplatzmauer vor meinem Wohnblock und breitet die Arme wie eine Einladung aus. Und weil ein altbekanntes Gesicht nach einem Schultag als der Neue tatsächlich guttut, folge ich seiner Aufforderung und drücke ihn kurz fest an mich, würge dann die Musik ab und lande endgültig wieder in der Realität.

»Servus, Nowak.«

»Hi, Tommi.«

Eigentlich heißt er omas Zecher, hasst es aber, wenn er so genannt wird. Für ihn klingt es zu langweilig, zu gutbürgerlich und zu wenig nach ihm. Tommi ist eine Wunsch-Identität, die er für sich im Laufe der Jahre entwickelt und weitergesponnen hat. Tommi, die Legende aus Stuttgart-Freiberg, der Junge mit dem mürrischen Blick und den coolen Jungs im Schlepptau, einer, von dem man sich fernhalten sollte und den man doch faszinierend ndet.

»Ich dachte, die würden dich gar nicht mehr gehen lassen. Ich sitze schon seit einer Stunde hier und warte.«

»Ein Schultag hat für gewöhnlich sechs Schulstunden.«

Jetzt grinst er frech.

»Wenn du das sagst.«

Tommi ist nicht der Schultyp. War er nie und wird er in diesem Leben auch nicht mehr werden. Der Rest der Welt ist für ihn viel zu verlockend, als dass er seine Zeit in einem Betonbunker zwischen Pythagoras und Mendel verbringen würde. Manchmal verschwindet er für Tage, manchmal sogar für Wochen, und keiner weiß, wo er steckt.

Aber jetzt ist er hier und begrüßt mich nach dem ersten Tag meines neuen Lebens.

»Tut gut, dich zu sehen.«

Er sieht mir dabei in die Augen, üstert es aber, weil es nur mir gilt und nicht den Ohren der Straße um uns herum. Es würde ohnehin nur seinem Ruf schaden, wenn man wüsste, wie er unter der vermeintlich harten Schale wirklich tickt.

»Dito.«

Kurz stehen wir hil os voreinander, wissen nicht so recht, wohin mit unseren Händen oder Worten, und ich will am liebsten weg.

»Und wie lief es an der fancy Schule?«

Komisch, dass ich bei dieser Frage zuerst an Marie denken muss. Dabei ist heute so viel Zeug passiert und auf mich eingeprasselt, aber doch drängt sie sich mit ihrem Lächeln und den neugierigen Blicken direkt in den Vordergrund meiner Gedanken.

»Ganz gut.«

»Bist ja auch ein schlauer Kopf. Du wirst das schon rocken.«

Er grei in die Jackentasche und zieht eine Packung Zigaretten heraus, durchsucht die andere Tasche nach einem Feuerzeug und sieht dabei zu mir.

»Und was machen wir jetzt?«

Wir. Natürlich. Weil für ihn alles ganz normal weitergegangen ist und wir noch immer beste Freunde sind. Ich wünschte, für mich wäre es auch so gelaufen. Dumm nur, dass es das nicht ist.

»Ich esse erst mal was. Dann schaue ich mir den Schulstoff an und vielleicht zocke ich noch eine Runde FIFA.«

Tommis Augen werden schmal, weil er natürlich versteht, was ich mit dieser Antwort eigentlich sagen will. Und weil ich ihn so gut kenne, weiß ich auch, dass er nicht lockerlassen wird.

»Brauchst du dabei vielleicht Gesellscha?«

»Du meinst wohl eher Ablenkung.«

»Du kennst mich eben einfach zu gut.« Er klop mir auf die Schulter und zeigt in Richtung der U-Bahn, die ich gerade erst hinter mir gelassen habe. »Hausaufgaben rennen nicht weg, die Zeit schon. Los, komm.«

»Ich kann nicht.«

»Komm schon, ich lade dich auf einen Döner ein.«

»omas …«

»Fang jetzt nicht mit der omas-Nummer an. Ich lad dich ein! Das kannst du nicht ablehnen. Außerdem warten die anderen auf dich.«

»Die anderen?«

»Deine Freunde.« Ich schüttele den Kopf, aber Tommi hat sich bereits festgebissen. »Okay, dann eben dein Fanclub. Wir müssen es doch feiern.«

»Keine so gute Idee.«

»Nur ein Döner. Mach es für mich.«

eatralisch legt er die Hände so zusammen, als würde er beten, und sieht mich mit einem waschechten Welpenblick an. Immerhin ist er extra hierhergekommen, und das zu einer Uhrzeit, zu der er manchmal noch daheim im Bett liegt und döst. Kurz sehe ich zum Küchenfenster im dritten Stock, wo die Wohnung meiner Mutter liegt, in der jetzt auch ich wohne. Mama hat mir einen Teller mit Maultaschen in den Kühlschrank gestellt, den muss ich mir nur warm machen. Das stand auf dem Zettel, den sie mir neben meine Kaffeetasse geklebt hat und von dem sie wusste, dass ich ihn lese, bevor ich aureche. Sie hat an alles gedacht, will es mir so angenehm wie möglich machen, damit ich nicht merke, dass in ihrem neuen Leben eigentlich kein Platz für mich ist.

Die ausklappbare Couch im winzigen Abstellzimmer ist mein Bett, ein Bücherregal dient vorübergehend als Schrank für meine Klamotten und meine Hausaufgaben werde ich am Küchentisch machen. Für mich ist das okay, aber an der tiefen Falte zwischen ihren Augenbrauen erkenne ich, dass sie mit der Situation nicht glücklich ist.

»Kriegst auch ganz jugendfrei eine Cola dazu.«

Tommi schubst mich freundschalich gegen die Schulter und holt mich damit aus meinen Gedanken zurück auf die Straße. So wie er mich anstrahlt, glaube ich sogar, dass er sich wirklich freut, mich zu sehen, und das ist auf eine merkwürdige Art beruhigend.

In seinem Leben ist also noch immer ein Platz für mich, den er mir freigehalten hat wie früher im Kindergarten, als ich immer neben ihm gesessen habe. Wieso hat mir keiner gesagt, wie schwer es in der Praxis sein wird, Erinnerungen an ein früheres Leben einfach so zu vergessen und ganz neu anzufangen? Sind es nicht genau diese Erinnerungen, die Menschenleben miteinander verweben, der Stoff, aus dem Freundschaen gemacht sind?

»Döner klingt gut.«

Er reckt die Faust in die Lu und hüp kurz auf der Stelle, was eine Art Freudentanz sein soll, und ich muss lachen.

»Du bist so ein Spinner.«

»Lass mich, ich freu mich einfach, dass du wieder da bist. War echt öde ohne dich.«

Ich hatte versprochen, mich von Tommi und den anderen fernzuhalten. So, wie ich auch versprochen habe, nicht mehr zu rauchen.

»Und wie sind die Leute in der neuen Schule so?«

»Ganz in Ordnung.«

Dabei kenne ich noch niemanden so richtig, es war mein erster Tag. Die Informations ut hat mich ziemlich heig überrollt und unter sich begraben.

»Ist immer beschissen, wenn man der Neue ist, oder?«

»Schon.«

»Wenn es einer packt, dann du.«

Tommi ist mein bester Freund. Es gibt kaum eine Episode meiner Kindheit, in der er nicht eine Hauptrolle gespielt hat. Auch wenn ich es nicht wirklich zugeben will, es tut gut, ihn zu sehen. Vor allem nach dem ersten Schultag.

»Hoffen wir es.«

»Nur noch ein Jahr, dann hast du Abi und haust ab.«

»Ach ja?«

Schön zu sehen, dass Tommi schon einen Plan für mich hat, während ich in Bezug auf meine Zukun noch etwas verloren im Kaffeesatz rumstochere.

»Na logo. Du wirst Arzt. Oder Architekt. Oder …« Er bleibt stehen, richtet den müden Blick in die Ferne und sieht dabei reichlich bescheuert aus. »Politiker.«

Ich muss mir das Lachen verkneifen und schüttele den Kopf.

»Dich würden die Leute wählen.«

»Ich verzichte dennoch dankend.«

»Dann gehst du halt für ein Jahr weg. Australien oder USA. Machen doch viele.«

Ganz so weit weg muss es gar nicht sein. Dafür fehlt mir die Kohle und der Abenteuersinn.

»Raus aus Stuttgart würde mir schon reichen.«

»Dann eben raus aus dem Kessel. Berlin?«

Berlin ist zu groß für mich, dort würde ich mich nur wieder verlieren.

»Keine Ahnung.«

»Hamburg? Da bist du am Meer und kannst jederzeit weg!« So wie Tommi jetzt strahlt, glaube ich fast, es ist sein erklärtes Ziel und nicht meines. Er hat offensichtlich große Pläne. »Oder München. Da soll es hübsche Mädchen geben.«

»Dann geh du doch nach München.«

Aber Tommi schüttelt den Kopf, zieht wieder an seiner Kippe und deutet dann auf alles um uns herum.

»Und mein schwäbisches Königreich verlassen? Niemals.«

Wäre da nicht dieser sehnsüchtige Blick, der seine Worte als Lüge entlarvt, hätte ich es ihm fast geglaubt.

»Du bleibst also für immer in Stuttgart?«

»Ich bleibe hier. Jemand muss dich doch begrüßen, wenn du uns ab und an besuchen kommst.«

Er ist so sicher, dass ich weggehen werde. Ich spüre den altbekannten Druck, habe Angst, dass ich wieder jemanden enttäuschen könnte.

»Im Ernst, ich habe keine Ahnung, was ich nach der Schule machen soll.«

Das wollte ich gar nicht laut aussprechen. Nicht vor Tommi oder sonst jemandem, aber jetzt ist es zu spät und die Worte sind in der Welt.

»Das weiß doch keiner. Wir tun alle nur so, als ob wir ’nen Plan hätten, in welche Richtung es geht, und hoffen, in die richtige Bahn eingestiegen zu sein.«

Wir bleiben an der U-Bahnstation stehen und beobachten die Tauben, die den Boden nach Brotresten absuchen und hier und da fündig werden.

»Aber du wirst in der richtigen Bahn landen, da bin ich mir sicher.«

»Ach ja?«

»Klar. Weil du schon immer der mit einer Zukun warst.«

Tommi nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnippt den Stummel dann auf die Gleise vor uns, wo der noch tapfer weiterglimmt, ohne zu wissen, dass die nächste Bahn – und sein Ende – nur drei Minuten entfernt sind.

»Jetzt bin ich der ohne Plan.«

»Stress dich nicht. Bei irgendwas wird dein Herz komplett durchdrehen und sich nicht mehr einkriegen.«

»Und dann weiß ich, was ich machen will?«

»Du nicht, aber dein Herz. Das ist ein guter Anfang.«

Neun Monate haben wir uns nicht gesehen, und obwohl er noch immer so aussieht wie davor – also wie immer –, habe ich den Eindruck, er hat sich ebenso sehr verändert, wie ich es getan habe. Er legt seine Hand auf die Brust und sieht mich ernst an.

»Mein Herz weiß zum Beispiel schon, was es will.«

»Und das wäre?«

Er rückt ein kleines bisschen an mich heran und die Ernsthaigkeit in seinem Gesicht lässt Panik in mir aufsteigen. Wenn selbst Tommi weiß, wohin mit seiner Zukun, bin ich wirklich der Letzte, der keinen Plan hat.

»Einen Döner mit allem und extra Knoblauchsoße.«

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