Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
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Marie
Die Frage ist aber doch, was Mephisto meint, wenn er …«
Ohne ein Klopfen öffnet sich die Tür und Samuel erscheint auf der Bühne des Deutschkurses – und damit erst zur zweiten Schulstunde –, was zu sofortigem Schweigen führt. Nicht mal Herr Müller sagt mehr etwas, stattdessen beobachten wir alle nur, wie Samuel die Tür wieder schließt und auf den leeren Platz in der Reihe vor mir zugeht, der artig auf ihn gewartet hat. Blickkontakt mit mir vermeidet er, aber das hält mich nicht davon ab, ihn genau zu betrachten.
Seine Kleidung fällt ein bisschen zu groß aus, als wolle sie ihn verschlucken und kleiner machen. Noch immer unter unser aller Blicke packt er sein Schulzeug aus, He, Buch, Block, Sti und fragt seinen Nebenmann nach der Seitenzahl im Buch, auf der wir uns gerade be nden. Mir fällt die Schwellung an den Fingerknöcheln seiner rechten Hand auf.
Samuel lächelt Müller zu, der vor der Tafel steht und so aussieht wie die Spieler von eos Playstation, wenn der Pause drückt.
»Von mir aus könnten wir dann weitermachen.«
»Wie schön, dass Sie es für die letzten …« Müller wir demonstrativ einen Blick auf seine Uhr, obwohl er ebenso wie wir alle ganz genau weiß, wie spät es ist. »… achtzehn Minuten noch einrichten konnten, Herr Nowak.«
»Habe die Bahn verpasst, sorry.«
Müller zögert einen Moment, offensichtlich unsicher, wie er mit dem Zuspätkommer umgehen soll, entscheidet dann, sich wieder der Beziehung zwischen Mephisto und Faust zuzuwenden. Gleich darauf geht das Getuschel los und mein Gefühl sagt mir, dass es weder um Mephisto noch um Faust oder gar Gretchen geht. Ein deutlicher Schmerz, einer von der stechenden Sorte, macht sich in meinem Brustraum bemerkbar, wenn ich daran denke, dass wir von dem, was auch immer wir waren, zu fast Fremden geworden sind.
Das Eck meines halb beschriebenen Blatts muss herhalten, weil die modernen Kommunikationsmöglichkeiten versagen.
Können wir nachher reden? X. M.
Es ist nicht wirklich das, was ich sagen oder schreiben will, aber es ist ein Anfang. Er soll wissen, dass er mir nicht von heute auf morgen egal geworden ist, auch wenn er das wohl annimmt. Nachdem die Tinte getrocknet ist, knülle ich den Zettel zu einer kleinen Papierkugel zusammen und werfe sie, genau dann, als Herr Müller sich der Tafel zuwendet, auf seinen Tisch. Ich halte den Atem an, warte Samuels nächsten Zug ab. Noch liegt die Kugel unbeachtet auf seiner Häle des Tisches und versucht seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber es vergehen gefühlte Stunden, bis er endlich danach grei und sie in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
Wieder warten. Dabei will ich doch nur wissen, wie es ihm geht und wieso er auf meine Nachrichten nicht geantwortet hat. Das nächste Eckchen des Blatts muss daran glauben.
Check den anderen Zettel! PS: Du fehlst mir.
Wieder passe ich den perfekten Moment ab, bevor auch diese Nachricht bei ihm landet. Weil auch diese ungelesen im Spam-Ordner seiner Hosentasche verschwindet, schreibe und werfe ich drei weitere Nachrichten.
Erst dann kippelt Samuel seinen Stuhl zurück und üstert über die Schulter: »Das grenzt an Stalking.«
»Wie geht es dir?«
»Wieso willst du das wissen?«
»Weil ich gestern nicht so reagiert habe, wie ich wollte …«
Er zieht die Augenbrauen zusammen und wartet ab, ob ich noch etwas mehr erklären will, aber ich deute nur auf seine Hosentasche, wo sich meine Botschaen an ihn verstecken, aber er schüttelt den Kopf.
»Ich hab gerade echt andere Sorgen.«
»Was für welche?«
»Was geht es dich an?«
Meine Antwort wird von einem dumpfen Surren unterbrochen, und Samuel löst unseren Blickkontakt, um nach seinem Handy zu greifen. Er lässt den Stuhl wieder in seine normale Position kippen und liest eine eingegangene WhatsApp-Nachricht. Sofort verändert sich seine ganze Körperhaltung, die Schultern spannen sich an, er zögert einen Moment, dann beginnt er alles wild und durcheinander wieder in seinen Rucksack zu stopfen, obwohl er es gerade erst ausgepackt hat. Müller sieht genauso überrascht zu ihm wie der Rest der Klasse, als Samuel unvermittelt aufsteht und den Rucksack schultert.
»Herr Nowak, das war aber ein kurzer Besuch.«
»Sorry, ich muss wieder weg.«
»Ein wichtiger Termin?«
Keine Ahnung, wieso, aber mich beschleicht ein merkwürdiges Gefühl zwischen Übelkeit und Herzrasen.
»Ziemlich. Entschuldigung.«
Ohne auf Müllers Einwand zu warten, geht Samuel mit eiligen Schritten zur Tür und verschwindet so abrupt, wie er eben erst aufgetaucht ist. Etwas perplex sehe ich ihm nach, bis ich kurz entschlossen meinen Stuhl zurückschiebe, ebenfalls aufstehe und dafür einen irritierten Blick von Müller ernte.
»Ja, Frau Mulden?«
»Ich bin gleich wieder da.«
Ohne mich umzudrehen, renne ich los, durch die Tür und den Flur und hole ihn erst auf den Treppen wieder ein, wo er jeweils zwei Stufen auf einmal nimmt.
»Samuel! Warte!«
Obwohl er mich gehört hat, geht er weiter, und mir bleibt nichts anderes übrig, als meine Schritte zu beschleunigen, bis ich seine Schulter zu fassen kriege und er endlich stehen bleibt.
»Marie, ich habe es echt eilig.«
Er grei nach meiner Hand, will sie wegschieben, und mir fällt erneut die Schwellung an seinen Knöcheln auf.
»Was hast du da gemacht?«
»Was denkst du denn? Vielleicht habe ich einen Senioren auf dem Schulweg vermöbelt und ihm seine Rente abgeknöp.«
»Sei kein Arsch, Samuel.«
»Vergiss es einfach, Marie.«
Schon will er weiter, wieder schneide ich ihm den Weg ab.
»Wo willst du denn hin?«
Er grei in seine Jackentasche und zieht mit einem Ruck sein Handy raus.
»Tommi ist in Schwierigkeiten.«
Das wundert mich, ehrlich gesagt, nicht, aber ich nicke schweigend, und Samuel spricht weiter.
»Er wurde von der Polizei abgeholt und sitzt jetzt auf dem Revier fest.«
»Aber du bist doch nicht sein Anwalt.«
Samuel mustert mich, und sein Blick wird ein bisschen kühler, während er das tut und schließlich den Kopf schüttelt.
»Tommi hatte recht. Du und ich, wir sind zu unterschiedlich.«
Wieder macht er Anstalten weiterzugehen, wieder verhindere ich es.
»Das stimmt nicht.«
»Tommi braucht keinen Anwalt, sondern einen Freund. Und da, wo ich herkomme, da hil man sich, wenn jemand mal Mist baut, und haut es einem nicht Monate später um die Ohren.«
Der hat gesessen. Entmutigen lasse ich mich trotzdem nicht.
»Können wir denn danach vielleicht reden? Wenn du Tommi geholfen hast?«
»Wieso?«
»Weil ich vielleicht auch einen Freund brauche.«
Samuel rührt sich nicht, sieht an mir vorbei und sortiert wohl seine Gedanken. Dann zieht er ein weiteres Handy aus der Hosentasche und reicht es mir, wobei sich unsere Hände kurz berühren. Zu kurz.
»Kannst du das eo geben? Sag ihm, wenn er reinwill, soll er an den VfB denken.«
Ich verstehe nicht, was er meint, aber intuitiv weiß ich, dass jetzt nicht der richtige Moment für eine Nachfrage ist, und so nicke ich kurz und lasse das Handy in meiner Jackentasche verschwinden. Samuel setzt sich wieder in Bewegung und geht in Richtung der Aula davon. Erst an der Doppeltür dreht sich Samuel noch mal zu mir und klop sich auf die Hosentasche, wo meine kleinen nichtssagenden Briefchen stecken, und zwinkert mir zu.
»Wir sehen uns, Sternenprinzessin.«
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